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Lawinenkatastrophe in Tirol

"Hier Galtür. Es ist ein Mords-Unglück!"

Es schneite und schneite und schneite. Dann donnerte vor 20 Jahren eine gewaltige Lawine ins Bergdorf Galtür, zermalmte Häuser und begrub 31 Menschen unter den Schneemassen - eine der größten alpinen Tragödien.

DPA
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Freitag, 22.02.2019   15:44 Uhr

Schnee. "Zierlichst genaue kleine Kostbarkeiten", staunte Thomas Mann im "Zauberberg" - "Kleinodien, Ordenssterne, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier sie nicht reicher und minuziöser hätte darstellen können". Wunderschön, findet auch der Galtürer Hotelier Franz Lorenz an diesem Ostertag. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Berge sind weiß. Lorenz ist gerade mit zwei Enkelinnen auf dem Heimweg von der Kirche.

Wenige Wochen zuvor, am 23. Februar, haben sich Kleinodien, Ordenssterne und Brillantagraffen zu einer 300.000 Tonnen schweren Masse vereint und sind als gigantische Lawine in das kleine Galtür gedonnert, ganz im Tiroler Westen. 31 Menschen wurden erstickt, zerdrückt, erschlagen oder lebendig begraben. Auch Lorenz' Frau und seine schwangere Schwiegertochter Edith. "Gell, Opa", sagt eines der Mädchen, "da wo Oma und Edith jetzt sind, da scheint auch die Sonne."

"Wenn da oben auch die Sonne scheint", hat Franz Lorenz in einer Fernseh-Dokumentation des ORF gesagt, "dann ist das schon ein echter Trost."

Wochen vor dem verhängnisvollen 23. Februar 1999 hatte sich im fernen Island das Unheil zusammengebraut, das schließlich auch die Familie Lorenz so hart treffen sollte. Das Tief "Petra" wanderte Richtung Baltikum und wirbelte gewaltige polare Luftmassen auf. Ende Januar erreichte es die Alpen, wo sich die über den Meeren aufgesogene Feuchtigkeit in heftigen Schneefällen entlud. Eigentlich ein Segen für die schneehungrigen Skiregionen, doch die Niederschläge wollten kein Ende nehmen.

Die Westseite schien kein Risiko zu bergen

Auch im laufenden Winter, 20 Jahre später, gab es außergewöhnlich viel Schnee - aber bei Weitem nicht so viel wie 1999, als es vom 26. Januar an fast durchgehend schneite. Allein in Galtür, dem auf 1600 Meter Höhe im hinteren Paznaun zwischen den Gebirgsgruppen Silvretta und Verwallgruppe eingeklemmten Wintersportdorf, fiel in einem Monat sechsmal so viel Schnee wie sonst.

Normalerweise halten die Schneedecken so viel Niederschlag nicht aus und entladen sich in kleineren, weitgehend ungefährlichen Lawinen. Doch "Petra" brachte ungünstige Bedingungen; in den kurzen Ruhephasen zwischen den heftigen Niederschlägen ließ die mitgebrachte arktische Kälte die Schichten an der Oberfläche zufrieren. So entstand eine mächtige, auf Dauer höchst instabile Schneedecke mit der Gefahr monströser Lawinen.

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Lawinenkatastrophe in Galtür: Schneewalze mit Tempo 300

Den fast 4000 Touristen in Galtür machten die Schneemassen zunächst nicht viel aus. Bürgermeister Anton Mattle erzählt von einer recht entspannten Stimmung: "Es hat nie irgendeine Art von Lagerkoller gegeben." Erst als ab dem 6. Februar die einzige Zufahrtstraße gesperrt wurde und der Lawinenwarndienst zugleich die höchste Warnstufe 5 ausgab, breitete sich so etwas wie Beklemmung im Ort aus. Wie vielerorts in den Alpen waren Winterurlauber auch in Galtür eingeschlossen, Hubschrauber versorgten sie mit Nahrung, Medikamenten und neuen Brettspielen.

"Petra" ließ die Alpen zuschneien, wie man es noch nie erlebt hatte. In Kitzbühel maß man in diesem Februar auf 1750 Meter Höhe drei Meter Schnee - so viel wie nie zuvor. Im Schweizer Skigebiet Davos Klosters zahlten genervte Urlauber mehrere Tausend Franken an private Hubschrauberpiloten, um sich ausfliegen zu lassen. Im Kanton Wallis gab es bis zu 50 Lawinen pro Tag, manchmal eine alle 20 Minuten. "Von einem Jahrhundertereignis zu sprechen, ist sogar noch untertrieben", erklärte Charly Wouilloud, Chef der Abteilung für Naturgefahren im Kanton Wallis.

Galtür verzeichnete bis dahin bei 13 Lawinen 57 Tote - und zwar insgesamt in den vergangenen 500 Jahren. Sämtliche Abgänge ins Tal waren den Osthang hinunter gesaust, den die Gemeinde schließlich für viel Geld sichern ließ. "Gefahrenzonenpläne orientieren sich an der Lawinenchronik", sagt Rudi Mair, Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes. Und die Westseite, heute durch massive Steinwälle geschützt, schien bis 1999 ohne Risiko. Dort war noch nie eine Lawine heruntergekommen.

Erst die Druckwelle, dann die Walze

Dienstag, 23. Februar 1999: Auf dem Dorfplatz in Galtür läuft ein nachmittägliches Fassdaubenrennen, Touristen und Einheimische gleiten auf gebogenen Fassbrettern über die Straßen. Unterhaltung gegen die lähmende Langeweile. Um kurz vor vier ist das Rennen beendet, die Menschen machen sich auf den Heimweg.

Im Haus "Winkl" verlassen Hildegard und Edith Lorenz das Wohnzimmer und gehen in die Küche.

Um 15.58 Uhr kommt die Lawine auf der Westseite. Vom Grieskogel auf 2700 Metern Höhe reißt die Schneemasse auseinander und rauscht über die Hänge Weiß Riefi und Wasserlatara zunächst als Staublawine ins Tal. Der noch pulvrige Schnee wird zu einem Gemisch aus Luft und Kristallen aufgewirbelt und schiebt auf dem Weg nach unten eine Druckwelle vor sich her. Ihr folgt eine riesige Fließlawine.

"Es wurde dunkel, an den Fenstern klebte plötzlich der Schnee", erinnert sich Galtürs Bürgermeister Mattle, heute 55, der an seinem Schreibtisch im Gemeindeamt saß. Die schiere Naturgewalt zermalmt im Nu Häuser und Höfe. Die Schneewalze ist fast 400 Meter breit, 100 Meter hoch, 300 Stundenkilometer schnell und so schwer wie "3000 bis 4000 mit Schnee beladene Lastwagen", wie Lawinenexperte Mair es veranschaulicht. Sonja Salner, Wirtin im "Galtürerhof", hat einen lauten Knall gehört und sieht jetzt durchs Fenster, wie auf dem Parkplatz vor dem Gasthof die Autos durch die Luft gewirbelt werden. Einem deutschen Ehepaar reißt die Druckwelle beide Kinder förmlich aus den Händen. Später wird man sie nur tot bergen können.

Das Wohnzimmer der Gastwirte im Haus "Winkl" ist lawinensicher. Aber nicht die Küche.

Wenige Meter zwischen Leben und Tod

In wenigen Sekunden zerlegt die Lawine das halbe Dorf, zerstört Häuser, Autos, ganze Straßenzüge. Menschen werden von Trümmerteilen verletzt oder getötet, dann von den Schneemassen zum Teil metertief begraben. Der Schnee drängt durch die kaputten Türen, Fenster und Wände.

Hildegard und Edith Lorenz werden am Herd stehend verschüttet, der Schnee verstopft ihnen die Atemwege, sie haben keine Chance. Auch den Skilehrer Werner Jehle erwischt die Lawine in seinem Haus. Dorfpolizist Alfons Walser funkt laut ORF-Doku seinen Kollegen in der Rettungszentrale von Landeck: "Hier Galtür. Es ist ein Mords-Unglück!"

Doch die Menschen in Galtür sind jetzt auf sich allein gestellt. Noch immer wütet der Schneesturm, sind die Straßen nicht passierbar, können Hubschrauber nicht fliegen. Die Lawine hat Laternen umgeknickt und Stromverbindungen gekappt, erste Hilferufe und umherzuckende Taschenlampen sorgen für eine unheimliche Szenerie. Inmitten dieser Katastrophe erwachen die Überlebenden aus ihrer Schockstarre. Bergführer, Feuerwehrleute und Pistenchefs übernehmen die Einsatzleitung, formieren Sondierungsketten und beginnen zu suchen.

Die ersten Toten findet man in der Küche vom Haus "Winkl". Wiederbelebungsversuche scheitern, Hildegard und Edith Lorenz sind tot. Im unbeschädigten Wohnzimmer brennen noch die Kerzen. In der Garage des Hauses richtet Gemeindearzt Friedrich Treidl ein Notlazarett ein. Ihm assistieren ein Arzt und zwei Krankenschwestern, die sich unter den Touristen befinden.

Schaufeln im betonharten Schnee

Draußen graben Galtürer und Touristen mit Schaufeln und bloßen Händen, doch an vielen Stellen ist der Schnee hart wie Beton. Einige wenige Verschüttete können sich selbst befreien. Der Skilehrer Werner Jehle, drei Stunden lang verschüttet, wird mit Quetschungen und Knochenbrüchen geborgen - der Letzte, den die Helfer lebend aus dem Schnee befreien.

Um 23 Uhr werden noch immer viele Menschen vermisst und die ganze Nacht über gesucht. Erst am frühen Morgen klart es etwas auf, um 6.45 Uhr landet endlich der erste Hubschrauber mit Helfern und Lawinenhunden. Rettungshubschrauber Christophorus 5 fliegt um 7.15 Uhr, also 15 Stunden nach der Lawine, die ersten Schwerstverletzten ins Krankenhaus von Zams.

Während die Suche in Galtür andauert, tötet am Nachmittag eine weitere Lawine sieben Menschen im benachbarten Valzur. Zum Helden wird ein Hubschrauberpilot, der trotz erneuter Unwetterwarnung und Flugverbot 150 Helfer ein-, und ein verletztes Kind ausfliegt; es wird im nun in die Galtürer Tennishalle verlegten Notlazarett versorgt und überlebt.

Bei den Rettungsarbeiten wurden 22 Verschüttete in den ersten Stunden lebendig gefunden; ein kleines Mädchen, vom meterhohen Schnee verschluckt, barg man als letzte Vermisste tot. 38 Menschen starben in Galtür und Valzur, darunter zwölf Kinder. 37 Hubschrauber aus fünf Ländern brachten 18.000 Menschen aus der Region in Sicherheit.

Am Sonntag, dem 28. Februar 1999, musste sich Franz Lorenz in der 100 Kilometer entfernten Stiftskirche von Wilten von seiner Frau und seiner Schwiegertochter verabschieden. 2001, zwei Jahre nach dem Lawinenunglück, heiratete Skilehrer Werner Jehlen, der letzte lebend Geborgene von Galtür, die Krankenschwester Karin. Er hatte sie im Krankenhaus kennengelernt. Heute haben die beiden zwei Kinder.

insgesamt 1 Beitrag
S Menge 23.02.2019
1. Eine großartige Leistung
... die die Einheimischen und helfende Gäste da trotz eigener massiver Betroffenheit vollbracht haben. Galtür ist ein Paradebeispiel dafür, wie Gemeinschaft (im Ort) und Übung (der ortsansässigen Bergretter) die [...]
... die die Einheimischen und helfende Gäste da trotz eigener massiver Betroffenheit vollbracht haben. Galtür ist ein Paradebeispiel dafür, wie Gemeinschaft (im Ort) und Übung (der ortsansässigen Bergretter) die Handlungsfähigkeit auch in Krisen ermöglichen und schließlich die Resilienz stärken, mit dem Erlebten weiterzuleben.

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