einestages

Leipzig, 9. Oktober 1989

"Heute wird sich die Welt verändern"

Einen Monat vor dem Mauerfall leitete die Leipziger Montagsdemo das Ende der DDR ein. Siegbert Schefke filmte von einem Kirchturm aus. Hier erzählt er, wie er die Stasi austrickste und seine Bilder um die Welt gingen.

Aram Radomski/ Robert-Havemann-Gesellschaft
Mittwoch, 09.10.2019   16:07 Uhr

Am Montag, 9. Oktober, wollten Aram und ich wieder nach Leipzig. Die Stasi stand wie immer im Hof und glotzte hoch zu mir in den vierten Stock. Ich ging zum Bäcker, die Genossen hinterher, ich wieder in meine Wohnung. Wir hatten einen Plan ausgeheckt: Ich hatte Zeitschaltuhren im Wohn- und im Schlafzimmer installiert, Licht an - Licht aus. Ein letzter Kontrollblick aus dem Fenster. Die Genossen im Hof gönnten sich im Stehen eine Bockwurst.

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Ich stieg durch die Luke aufs Dach, lief die Hausdächer entlang der Bornholmer Straße bis zur Schönhauser Allee, stieg dort durch eine Dachluke ins Treppenhaus. Aram wartete bereits.

Als wir das Gefühl hatten, verfolgt zu werden, stellten wir Arams Trabant in der Oderberger Straße ab, gingen durch einige Höfe und kamen an der Kastanienallee wieder raus. Die Schlapphüte rannten uns hinterher. Mit Mühe erreichten wir die Straßenbahn Richtung Friedrichshain. Die Verfolger nicht. Wir fuhren zu Stephan Bickhardt, der bei der evangelischen Kirche arbeitete und uns seinen Dienst-Trabi gab.

Auf der Autobahn nach Leipzig war vor uns eine lange Kolonne mit vielleicht 30 Lkw, auf den Ladeflächen Soldaten oder Polizisten. Aram sagte: "Siggi, die fahren nicht zum Spaß nach Leipzig. Die haben da was vor." Wir schwiegen. Im Stau auf der Landstraße winkte die Volkspolizei einige Autos raus. Uns ging die Muffe. Wir saßen in einem unauffälligen Trabant, sie winkten uns durch.

Fotostrecke

Leipzig im Oktober 1989: "Fotografiere das hier doch mal"

Auf der Suche nach einem guten Drehort liefen wir durch die Stadt, in den Seitenstraßen Militärfahrzeuge. Heute wollten wir nicht demonstrieren, wir wollten von oben filmen. 200 Meter vom Hauptbahnhof entfernt stand das höchste Wohnhaus der DDR, mit Blick auf den Innenstadtring und in Richtung Nikolaikirche. Im zehnten Stockwerk stand eine Balkontür offen. Wir legten uns hin. Der Blick war ideal, noch vier Stunden Zeit bis 18 Uhr.

"Natürlich geht das", sagte der Pfarrer

Doch dann öffnete ein bulliger, älterer Mann im Blaumann die Balkontür. Wir guckten uns verdutzt an. Er fauchte: "Ich bin der Hausmeister, was macht ihr denn hier?" Ich stammelte: "Wir sind Studenten von der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg und haben den Auftrag, hier zu filmen." Mir fiel nichts anderes ein. Der Blaumann: "Also, nun hört mal zu. Ihr wisst, dass das Blödsinn ist. Das ganze Hochhaus ist voller Genossen der Staatssicherheit. In ein paar Minuten sind die hier, die werden euch eure Geschichte nicht abnehmen. Was ich glaube, ist egal. Ich rate euch, haut einfach ab und filmt von woanders für eure Hochschule."

Preisabfragezeitpunkt:
02.10.2019, 11:42 Uhr
Ohne Gewähr

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Siegbert Schefke
Als die Angst die Seite wechselte: Die Macht der verbotenen Bilder

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EUR 16,00

Nun standen wir wieder auf der Straße. Unweit der Stasi-Zentrale, Ecke Tröndlinring/Goerdelerring, befand sich ein Wohnhaus, die Giebelfenster boten einen sehr guten Blick auf die zu erwartenden Demonstranten. Die Haustür war offen. In der dritten Etage klebten an der Tür Aufkleber: "Atomkraft? Nein danke", "Kirche von unten", "Frieden schaffen ohne Waffen". Das sollte doch Hinweis genug sein, dass hier ein Sympathisant unserer Sache wohnte.

Wir klingelten, wurden eingelassen, ersparten uns und der Familie die Filmstudentenlegende und sagten die Wahrheit. Die Augen unseres Gastgebers leuchteten auf. Aber unsere Blicke blieben auf den kleinen Kindern hängen. Es war klar, die Stasi würde den Drehort herausfinden. Und dann stünden nicht die beiden Berliner Videodesperados vor der Tür, sondern die Stasi und würde den Familienvater verhaften.

Aram und ich waren uns einig, dass wir diese Verantwortung nicht übernehmen konnten - zurück auf die Straße. Um halb vier trafen wir Uwe Schwabe und zwei, drei andere Leipziger. Einer schlug vor, es in der Reformierten Kirche zu probieren.

Die Original-Aufnahmen von Aram Radonski und Siegbert Schefke

Die Straßen waren voller Menschen. Heute sollten Friedensgebete in der Nikolaikircheund zeitgleich in vier anderen Kirchen stattfinden. Einer der Leipziger rechnete mit 100.000 Menschen. Ich fand das zu hoch gegriffen. Ein anderer warf die Zahl 50.000 in die Runde. Das war mir entschieden zu wenig. Wir einigten uns auf 70.000 Demonstranten, die am Abend auf dem Innenstadtring unterwegs sein würden.

Uns lief die Zeit davon. Wir klingelten am Gemeindebüro der Reformierten Kirche und sagten Pfarrer Hans-Jürgen Sievers, was wir vorhatten. Was, wenn er NEIN sagen würde? Es dauerte zehn Sekunden. Dann sagte er: "Natürlich geht das."

Und es fiel kein Schuss

Der Hausmeister führte uns über eine eiserne "Hühnerleiter" nach oben und schob eine schwere Dachluke zur Seite. Auf der obersten Plattform des Kirchturms legten wir uns auf den von Taubendreck übersäten Boden. Unten war alles noch menschenleer und dunkel. Keine Autos, keine Straßenbahn, keine leuchtende Straßenlampe, kaum Menschen. Würde geschossen werden? Die Staatszeitungen hatten den Bürgern geraten, zu Hause zu bleiben.

Wir warteten, hörten erste Sprechchöre, dann kamen sie: Eine unbeschreiblich große Menschenmenge bewegte sich direkt unter uns. Wir waren total aufgeregt, hatten keinen Monitor, nur den kleinen Sucher. Später hörten wir uns auf dem Band flüstern: "Ist da überhaupt was zu erkennen?" Einfach weiterdrehen, laufen lassen. Aram fotografierte. Unten die Sprechchöre: "Wir sind das Volk", "Neues Forum zulassen", "Gorbi, Gorbi", "Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht".

Mauerfall: Die wahren Revoluzzer

Die SED-Genossen hatten immer wieder behauptet, dass in Leipzig einige wenige besoffene Randalierer und Rowdys durch die Straßen ziehen und Unruhe verbreiten wollten. Darauf reagierten die Sprechchöre: "Wir sind keine Rowdys".

Wir waren überwältigt. Aram raunte: "Siggi, heute wird sich die Welt verändern. Wenn die Bilder morgen im Westfernsehen zu sehen sind, dann wird das nicht nur die DDR, nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa und die Welt verändern!"

500 Meter vom Kirchturm entfernt verlief die Route der Demonstranten an der Runden Ecke vorbei. Der neuralgische Punkt, dort befand sich die Leipziger Stasi-Zentrale. Alle wussten: Wenn von da nicht geschossen wurde, würde es friedlich bleiben. Drüben auf den Hochhausdächern standen Geheimpolizisten und beobachteten, was sich unten auf der Straße abspielte. Ich dachte, wenn wir sie sehen, sehen sie uns auch. Bestimmt fangen sie uns später am Kircheneingang ab.

Aber erst einmal atmeten wir auf, dass kein Schuss gefallen war. Bevor wir gingen, bewirteten uns Pfarrer Sievers und seine Frau mit Schnittchen. Der Sohn, 16, musste auskundschaften, ob auffällige Personen vor der Tür ständen. Die Luft war rein, wir verabschiedeten uns.

Wir waren mit SPIEGEL-Korrespondent Ulrich Schwarz verabredet. Ulli durfte sich eigentlich gar nicht in Leipzig aufhalten. Reisen außerhalb der DDR-Hauptstadt mussten sich Westjournalisten vom DDR-Außenministerium genehmigen lassen. Und Reisen nach Leipzig wurden im Herbst '89 generell nicht genehmigt. Ulli war mit seinem Mercedes nach Berlin-Schönefeld gefahren, weiter mit der Bahn und war in Leipzig wohl an diesem Tag der einzige Westjournalist. Noch heute wundert er sich über seine Kollegen und deren Feigheit.

Die Sache mit den Italienern

In der Drehtür eines großen Hotels steckte ich ihm die Videokassette mit circa 20 Minuten Drehmaterial zu. Er ließ sie unter seinem Mantel verschwinden. In der Lobby überlegten wir: Zurück nach Berlin fuhr kein Zug mehr. Kurz entschlossen packten wir Ulli in unseren Wagen - irgendwie musste er ja zu seinem Benz nach Berlin kommen. Kurz vor Köckern begann der Trabant zu stottern und fuhr nur noch 50. An der Autobahnraststätte riet der Tankwart: "Jungs, euer Trabi läuft nur noch auf einem Topp, einfach weiterfahren und beobachten."

Zwei Stunden später fuhr Ulli mit der Kassette im Mercedes von Schönefeld Richtung Westen. Ich tuckerte zur Schönhauser Allee, stieg rauf, lief im Dunkeln bis zur Dachluke Gotlandstraße 4 und schaute aus meiner Wohnung in den Hof: In einer Ecke standen die Stasileute und rauchten. Mein Plan war aufgegangen.

Am nächsten Tag begleiteten sie mich wieder zum Bäcker, zogen dann überraschend ab. Am Abend kam Aram. Um 20 Uhr die "Tagesschau" - keine Bilder von uns aus Leipzig. Um 21 Uhr das ARD-Politmagazin "Report" mit Franz Alt, ohne große Anmoderation wurden zwei Minuten lang unsere Aufnahmen gezeigt.

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Dann die "Tagesthemen". Moderator Hanns Joachim Friedrichs begann: "Guten Abend, meine Damen und Herren, Sie werden gleich unglaubliche Bilder aus Leipzig zu sehen bekommen. Einem italienischen Kamerateam ist es gelungen, gestern Abend in Leipzig folgende Bilder zu drehen." Enttäuschung bei uns. Ja, ja, die Italiener mal wieder! Aber auch Freude, dass es bessere Bilder gab als unsere Wackelaufnahmen.

Sekunden später trauten wir unseren Augen nicht. Es waren unsere Bilder. Welch ein Jubel, eine Genugtuung! Jahre später habe ich Hajo Friedrichs in Hamburg einmal besucht und gefragt, wie er auf Italiener gekommen sei. Er antwortete: "Es musste alles ganz schnell gehen. Letztendlich wollte ich euch schützen."

insgesamt 11 Beiträge
Jochen Hoffstätter 09.10.2019
1. ....
DAS war das Volk. Es ist eine Frechheit von den jetzigen rechten Krakeelern diesen Slogan für sich zu reklamieren!
DAS war das Volk. Es ist eine Frechheit von den jetzigen rechten Krakeelern diesen Slogan für sich zu reklamieren!
Axel Schudak 09.10.2019
2.
Danke!
Danke!
Ulrike Döring 09.10.2019
3.
Beitrag Dank an alle, die den Mut hatten, friedlich für Veränderungen zu demonstrieren. Es ist ein unschätzbares Glück, dass wir in einem freien Deutschland leben dürfen und unsere Kinder und Enkel sich ihre eigenen Schul- [...]
Beitrag Dank an alle, die den Mut hatten, friedlich für Veränderungen zu demonstrieren. Es ist ein unschätzbares Glück, dass wir in einem freien Deutschland leben dürfen und unsere Kinder und Enkel sich ihre eigenen Schul- und Berufswege suchen können ohne Reglementierung durch politische Willkür.
Jürgen Blumenthal 09.10.2019
4. Wahres Volk, wahre Helden!
Viel zu wenig Beachtung haben die Demonstranten von Leipzig in den nachfolgenden Jahrzehnten gefunden! Der 9. Oktober 1989 ist der eigentliche Tag des Volkes! Dessen muss man sich bewusst bleiben und die braun getünchten [...]
Viel zu wenig Beachtung haben die Demonstranten von Leipzig in den nachfolgenden Jahrzehnten gefunden! Der 9. Oktober 1989 ist der eigentliche Tag des Volkes! Dessen muss man sich bewusst bleiben und die braun getünchten Schwadronierer mit ihrer eigenen Peinlichkeit konfrontieren.
Uwe Schmidt 09.10.2019
5. Topp? Pott!
Der Tankwart hat bestimmt nicht "Topp", sondern "Pott" gesagt. Buchstabendreher? "Pott" ist ein Synonym für "Topf" und damit für "Zylinder".
Der Tankwart hat bestimmt nicht "Topp", sondern "Pott" gesagt. Buchstabendreher? "Pott" ist ein Synonym für "Topf" und damit für "Zylinder".
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