einestages

Leipziger Montagsdemo

Der Zeuge aus dem dritten Stock

Als er die Berichte zum 40. Jahrestag der DDR im Fernsehen sah, hielt es Wolfgang Rupprecht nicht länger zu Hause. Er packte seine Videokamera ein und fuhr über die deutsch-deutsche Grenze in seine alte Heimat Leipzig. Heimlich filmte er, was dort vor sich ging.

Das Bundesarchiv/ Friedrich Gahlbeck

Mehr als 100.000 Bürger gingen am 23. Oktober 1989 zur Montagsdemo in Leipzig auf die Straße.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1989-1023-022

Dienstag, 10.11.2009   16:58 Uhr

Leipzig ist meine Heimat. Hier wurde ich 1951 geboren. Hier verbrachte ich die ersten neun Jahre meines Lebens - bis meine Eltern mit mir am 16. November 1960 in einer Nacht- und Nebelaktion über Westberlin in die Bundesrepublik flohen, wo wir uns im September 1961 endgültig in Siegen niederließen. Trotzdem riss der Kontakt in die DDR nie wirklich ab. Zweimal im Jahr besuchte ich meinen Stiefbruder, der nach wie vor in Markkleeberg am südlichen Rand von Leipzig wohnte, und bekam so hautnah mit, wie die DDR langsam aber sicher zerfiel.

Natürlich ging es mir bei den Besuchen hauptsächlich um die menschlichen Begegnungen. Trotzdem war ich immer an der politischen Entwicklung in der DDR interessiert und nutzte jede Gelegenheit, um auch politische Fragen zu besprechen. Gut erinnere ich mich an eine Diskussion in der Küche meines Bruders im Jahr 1985. Wir Männer kochten für die Familie und redeten über die politische Lage. Da warf ich ein, dass es mit der DDR nicht ewig so weitergehen könne. Die Erosionen seien doch nicht zu übersehen. Ich erntete damals aber nur ungläubige Blicke.

Lebhaft ist mir auch noch unser Pfingstbesuch 1989 vor Augen. Leipzig schien bei meiner Ankunft wie gelähmt. Über der Stadt lag etwas Gespenstisches. Eine allgemeine Niedergeschlagenheit habe sich breit gemacht, erzählte mein Bruder und bestätigte damit meinen Eindruck. Offensichtlich war etwas in Bewegung geraten. Bei dieser Gelegenheit hörte ich zum ersten Mal von den Friedensgebeten, die seit 1982 jeden Montag in der Leipziger Nicolai-Kirche stattfanden und über die Jahre immer politischer geworden waren. Spontan äußerte ich damals, dass ich der DDR keine fünf Jahre mehr geben würde.

Mit der Kamera zum Friedensgebet

Am Pfingstmontag 1989 fuhr ich nachmittags zur Nicolai-Kirche, weil ich ein solches Friedensgebet unbedingt einmal miterleben wollte. Ich nahm meine Video-Kamera mit, in der Hoffnung ein paar Bilder in den Westen schmuggeln zu können. Doch ich wurde enttäuscht. Das Friedensgebet war abgesagt worden. Das einzige, was ich zu Gesicht bekam, war das riesige Aufgebot an Sicherheitskräften. Es schüchterte mich derart ein, dass ich mich nicht mehr traute, meine Kamera herauszuholen und die wenigen Demonstranten, die sich hier zusammengefunden hatten, zu filmen.

Zur Leipziger Messe im Herbst wollte ich - wie jedes Jahr - wieder nach Leipzig fahren. Ich hatte bereits die Einreisegenehmigung für meine gesamte Familie. Alles war geplant. Dann stellte sich heraus, dass mein Stiefbruder zur gleichen Zeit zu einem Lehreraustausch nach Ungarn musste und nicht in Leipzig sein würde. Also beschlossen wir, die Reise abzusagen. Als ich aber am 6. und 7. Oktober die Berichte über den 40. Jahrestag der DDR im Fernsehen verfolgte, wurde ich unruhig. Ich hatte das Gefühl, dass in diesen Tagen Geschichte geschrieben wird. Das durfte ich mir nicht entgehen lassen. Ich musste nach Leipzig. Meine Frau war für eine so spontane Aktion nicht zu gewinnen. Aber mein damals zehnjähriger Sohn wollte unbedingt mit. Also fuhren wir los - wieder mit der Videokamera im Gepäck, um zu dokumentieren, was da in Leipzig passierte. Öffentlichkeit ist wichtig, dachte ich mir.

Ohne Probleme reisten wir über den Grenzübergang Herleshausen ein. Ich musste nicht einmal das Gepäck ausladen. Niemand fragte nach Aufzeichnungsgeräten. Als wir aber in Leipzig ankamen, war die Nachrichtenlage beängstigend. In der "Leipziger Volkszeitung" äußerte ein Kommandeur der Betriebskampfgruppen sinngemäß, dass man konterrevolutionäre Bestrebungen mit Waffengewalt im Keim ersticken werde. Aus den Uni-Kliniken und anderen Krankenhäusern hörte man, dass zusätzliche Blutkonserven angefordert worden waren. An der Uni und in den Schulen wurde davor gewarnt, an der Montagsdemonstration teilzunehmen. Es schien, als rüste sich die Stadt zu einem großen Kampf.

Heimliche Aufnahmen

Trotz allem stand mein Entschluss fest. Ich wollte die Montags-Demonstration am 9. Oktober filmen, weil ich mir sicher war, dass dieser Tag Geschichte schreiben würde. Die Mutter meines Stiefbruders hatte eine Wohnung gleich gegenüber vom Hauptbahnhof. Von hier aus plante ich, den Demonstrationszug aufzunehmen. Da ich Sorge hatte, die Sicherheitsbeamten könnten mir die Kamera abnehmen, fuhr ich schon am Vormittag kurz in die Stadt, deponierte die Kamera in der Wohnung und kehrte nach Markkleeberg zurück. Nachmittags fuhr ich mit dem Taxi wieder in die Stadt. Der Fahrer erzählte mir, dass alle Zufahrtsstraßen nach Leipzig massiv kontrolliert würden. Die Spannung war überall zu spüren.

Im Laufe des Nachmittags sammelten sich die Demonstranten und zogen dann ab 18 Uhr durch die Stadt. Es war die erste Montagsdemonstration, an der sich tatsächlich Volksmassen beteiligten. Die Sprechchöre "Keine Gewalt! Wir sind das Volk! Wir sind keine Rowdys! Schließt Euch an! Neues Forum zulassen!" waren schon von Ferne zu hören. Ich richtete meine Kamera auf den Hauptbahnhof. Hier sollte - glaubte man der brodelnden Gerüchteküche - laut Einsatzbefehl der Demonstrationszug mit staatlicher Gewalt gestoppt werden. Ich filmte aus dem dritten Stock. Auf dem Parkplatz vor dem Haus stand ein Auto mit vier jungen Männern. Ich vermutete, dass es sich um die Stasi handelte, und klebte deshalb das Rotlicht der Kamera ab, um nicht entdeckt zu werden.

Eine halbe Stunde habe ich die Demonstration aufgenommen. Danach ging ich ohne Kamera zum Karl-Marx-Platz und schloss mich den Demonstranten an. Gegen 22.30 Uhr erwischte ich dann in der Nähe des Neuen Rathauses eine Schwarztaxe, die mich zurück nach Markkleeberg ins Haus meines Stiefbruders brachte. Wir haben dann noch die ganze Nacht diskutiert und gefeiert. Für uns war klar, dass dies das Ende der DDR bedeutete. Aus und vorbei!

Am darauf folgenden Tag habe ich die Kamera mit den Aufnahmen des historischen Demonstrationszuges aus der Wohnung in der Innenstadt geholt. Aus Sicherheitsgründen bin ich dann erst am 11. Oktober 1989 nach Siegen zurückgefahren. Für die Grenzkontrollen bestückte ich die Kamera mit unverfänglichem Material. Zu Hause angekommen nahm ich sofort Kontakt mit dem WDR in Köln auf. Die Journalisten Christine Westermann und Frank Plasberg luden mich daraufhin am 12. Oktober 1989 in ihre Sendung "Die aktuelle Stunde" ein. Ich hatte mein Ziel erreicht: Die Öffentlichkeit wusste nun, was wirklich an diesem Montag in Leipzig passiert war.

insgesamt 1 Beitrag
Wilhelm Böhning 06.12.2010
1.
Aufgrund der turbulenten Tage war ich mir gar nicht sicher ob ich den Besuch in die DDR machen sollte, aber nach einem Telefonat mit dem Nds. Innenministerium habe ich mich getraut und fuhr einige Tage nach dem 40. Jahrestag nach [...]
Aufgrund der turbulenten Tage war ich mir gar nicht sicher ob ich den Besuch in die DDR machen sollte, aber nach einem Telefonat mit dem Nds. Innenministerium habe ich mich getraut und fuhr einige Tage nach dem 40. Jahrestag nach Blankenburg, zu einem freundschaftlichen Besuch. Dort hörte erstmals abends um 18 Uhr die Glocken läuten. Der dortige ev. Pastor erklärte mir, dass sich dieses wiederholen wird, bis sich die Zustände "hier" verändern.Seine Frau war Lehrerin und teilnehme an der Demo in Halberstadt gewesen. Daurauf hin wurde sie vorübergehend beurlaubt Es gab überall nur ein Gesprächsthema - es muss sich was verändern - umgehend. Bei der Rückreise wurde ich sehr locker kontrolliert und der "Grenzer" scherzte mit mir und sagte, beim nächsten Besuch sieht hier alles anders aus. Wie stimmte!

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