einestages

Liselotte Pulver wird 90

"Ich wollte immer eine Sexbombe sein"

Rühmann nannte sie "Lachwurzen", Fassbinder schmähte sie als "Knattermimin": Niemand versprühte im Nachkriegskino so zuverlässig Frohsinn wie Lilo Pulver. Jetzt wird die Schauspielerin 90. Und hat ihr Privatarchiv geöffnet.

Bavaria Film/ Capital Pictures/ ddp images
Von
Freitag, 11.10.2019   15:26 Uhr

Als der Kalte Krieg auf seinen Gefrierpunkt zusteuert, schnappt sich Lilo Pulver zwei brennende Fackeln, springt auf einen Tisch - und wackelt so lasziv mit dem Hintern, dass den im Raum versammelten Agenten die Luft wegbleibt. "Eins, zwei, drei" hieß die furiose Screwball-Komödie, gedreht von Regisseur Billy Wilder im Sommer 1961. Mitten in Berlin.

Der Film war noch nicht im Kasten, als die Realität ihn einholte: Am frühen Morgen des 13. August rissen Tausende Vopos das Berliner Straßenpflaster auf, errichteten Barrikaden, rammten Betonpfähle ein. SED-Chef Walter Ulbricht ließ eine Mauer bauen. Und Wilder stand vor einem Problem: Wie sollte er im geteilten Berlin seinen Film zu Ende drehen?

"Für Billy Wilders Film bedeutete der Mauerbau eigentlich das Aus, denn für die Handlung war das Passieren der Sektorengrenze ein zentrales Element", erinnert sich die Schauspielerin. Wilder gab nicht auf: "Unser Team fuhr nach München, wo Billy auf dem Gelände der Bavaria in Windeseile das Brandenburger Tor und Teile des Flughafens Tempelhof nachbauen ließ", so Pulver.

So konnte "Eins, zwei, drei" doch noch fertiggedreht werden. Der Film floppte zwar, 1961 mochte kaum jemand über eine Ost-West-Satire lachen. Liselotte Pulver jedoch verschaffte er eine grandiose Chance: Endlich durfte auch sie, die ewige Koboldin, mal die Monroe geben. "Ich wollte immer eine Sexbombe sein, aber dazu fehlten mir die Kurven", so Pulver zu einestages. Also stopfte Wilder ihren BH aus, warf ihr ein hautenges Punktekleid über - und die Schweizerin tanzte los, sinnenfroh wie nie zuvor.

Unvergessenes Donnerlachen

Am 11. Oktober wird die Frau mit dem Punktekleid 90 Jahre alt. Lilo Pulver lebt zurückgezogen in einer Seniorenresidenz am Stadtrand von Bern, nah an Wald und Feldern, ein persönliches Treffen war ihr zu anstrengend. Dafür plauderte die Grande Dame des Nachkriegskinos per Mail.

Es gehe ihr gut, schreibt Pulver, obwohl es mal hier, mal da zwicke. Dass sie täglich spazieren gehe, egal wie das Wetter sei. Dass sie auf keinen Fall mehr vor der Kamera stehen wolle, sondern jetzt endlich den jahrzehntelang verpassten Schlaf nachhole. Und dass sie immer noch so gern lache wie früher.

Fotostrecke

Liselotte Pulver: "Ich habe alles gehabt, und alles hat seine Zeit"

Viele ihrer rund 60 Filme mögen dem heutigen Publikum nichts mehr sagen. Aber dieses ansteckende Donnerlachen aus tiefster Kehle, Kopf im Nacken, Mund weit geöffnet, bleibt für immer unvergessen. Ob als "Gulasch-Girlie" (so die "Welt") in "Ich denke oft an Piroschka", als Komtess Franziska im "Wirtshaus im Spessart" oder als Schreiberin Julchen in der "Zürcher Verlobung": Niemand sorgte im Wirtschaftswunder-Deutschland so zuverlässig für Frohsinn wie Lilo Pulver.

"Das damals bis ins Innerste erschütterte deutsche Volk", so beschrieb es Pulvers Schwester Corinne einmal, "ließ sich nur zu gerne von einer Schweizer Träumerin trösten, die dem Ernst der Stunde nichts anderes entgegenzusetzen hatte als ein hartnäckiges Lachen."

Ein Leben zwischen Leitz-Ordnern

Wie gern Pulver auch privat herumalberte, zeigt ein Spitzname, den ihr Heinz Rühmann verpasste: Als "Lachwurzen" titulierte er die Kollegin in einer Grußkarte. O.W. Fischer nannte sie "Mamma Lisa", Will Quadflieg "Lieselottchen": So steht es in Briefen aus ihrem Privatarchiv, die Pulver in ihrem neuen Buch "Was vergeht, ist nicht verloren" veröffentlicht hat.

In Dutzenden Leitz-Ordnern heftete Pulver ihr Leben ab, jeden Fetzen Papier, jede Rechnung, jeden Schnappschuss hob sie auf. Ob ihr erstes Flugticket nach Amerika, Piroschkas Pantöffelchen oder ein Telegramm von Curd Jürgens. "Vielleicht mag es ein bisschen meine Schweizer Akribie sein, aber ich habe die Dinge gerne geordnet. Ich habe auch immer Listen geführt, sie vereinfachen das Leben", so Pulver.

Preisabfragezeitpunkt:
12.12.2019, 10:02 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Pulver, Liselotte, Käfferlein, Peter, Köhne, Olaf
Was vergeht, ist nicht verloren: Drehbuch meines Lebens. Lilo Pulver öffnet ihr Privatarchiv

Verlag:
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Seiten:
232
Preis:
24,00 €

Ihr Archiv offenbart zudem, wie penibel sie sich auf ihre Rollen vorbereitete: Für jede malte Pulver eine detaillierte Kurve, mit Blitzen (für Verliebtsein) und Herzen (für große Liebe), Ausschlägen nach oben und unten, gekringelten Linien für Krisen. Wie wohl die Kurve ihres eigenen Lebens aussähe? Die Linie würde sich erst schlängeln und dann stetig ansteigen, unterbrochen von vielen kleinen Blitzen - und einem dicken, roten Herz.

Denn in ihre Filmpartner - ob Hardy Krüger, Bernhard Wicki oder Paul Hubschmid - verliebte Pulver sich regelmäßig. Und das seit ihrem allerersten Film "Swiss Tour", der von liebestollen US-Soldaten vor Schweizer Bergkulisse handelt.

Beim Dreh 1949 war Pulver erst 19 - und entflammt für Hollywoodstar Cornel Wilde: Sie bequatschte den Regisseur, das Skript so umzuschreiben, dass sie Wilde trotz ihrer Minirolle küssen durfte. Wirklich ernst war es Pulver jedoch nie, "diese Schwärmereien endeten, sobald ein Film abgedreht war", schreibt sie.

"Du bist komisch, du musst Buben spielen"

Nur ein einziges Mal sei sie "richtig verknallt" gewesen: Bei den Dreharbeiten zu "Gustav Adolfs Page" verlor sie ihr Herz an Schauspieler Helmut Schmid, ihren späteren Ehemann - "diese Liebe hielt ein Leben lang und über den Tod hinaus".

Pulver, 1929 in Bern geboren, hätte eigentlich gar nicht Filmstar, sondern Bürokraft werden sollen. Schon mit acht Jahren entdeckte sie als "Rumpelstilzchen" in einer Schülervorführung ihre Liebe zur Bühne. Auf Papas Wunsch jedoch besuchte sie zunächst die Töchterhandelsschule und ließ sich zur viersprachigen Sekretärin ausbilden, bevor sie Schauspielunterricht nahm.

Liselotte Pulver in "Die Zürcher Verlobung" (1957)

"Du bist komisch, du musst Buben spielen", sagte ihre Lehrerin Margarete Schell-von Noé. Was auch ihr Entdecker, Regisseur Kurt Hoffmann, erkannte. Also gab Pulver mit ihrer knabenhaften Statur neben dem munteren Mädel vor allem den Buben: burschikos, zupackend, clownesk. "Und wenn ich es mal übertrieben hatte", erinnert sich Pulver, habe Hoffmann dem Cutter zugeflüstert: "Das schneiden wir dann raus."

Die glamourösen Diven, die verzweifelten Dramaqueens, das waren stets die anderen. Obwohl Lilo Pulver, gerade zu Beginn ihrer Karriere, so gern ernstere Rollen gespielt hätte: "Ich wollte eine große Tragödin werden und das Publikum zum Weinen bringen."

Das wollte im Nachkriegsdeutschland aber keiner, sie war auf die vergnügte Lustspiel-Lilo abonniert. Landsmännin Maria Schell durfte vor der Kamera literweise Tränen vergießen - Pulver lieber nicht. Erst anderswo war es der Schweizerin vergönnt, Ausflüge in tiefgründigere Gefilde zu unternehmen und zu zeigen, was noch in ihr steckt.

Hosenrolle statt Hollywood

So drehte sie in Frankreich mit Nouvelle-Vague-Regisseur Jaques Rivette den zeitweise verbotenen Skandalfilm "Die Nonne". Und tröstete als Krankenschwester Elisabeth im Kriegsmelodram "Zeit zu leben und Zeit zu sterben" von US-Regisseur Douglas Sirk einen todgeweihten Wehrmachtssoldaten.

"Liselotte Pulver filmt für Hollywood!", staunten die deutschen Medien, als sie kurz davor war, in den USA durchzustarten. Doch stand die eigene Korrektheit einer großen Hollywoodkarriere im Weg: Ein Rollenangebot in "Ben Hur" sagte Pulver ab, da sie bereits für einen französischen Film gebucht war.

Lieslotte Pulver in "Ich denke oft an Piroschka" (1955)

Und als sie 1960 nach hartnäckigem Werben die Chance gehabt hätte, die weibliche Hauptrolle neben Charlton Heston im Historienfilm "El Cid" zu übernehmen, musste Pulver abermals passen. Als Dienerin "Gustl" war sie fix für "Gustav Adolfs Page" eingeplant.

Hosenrolle statt Hollywood: Nicht Pulver, sondern Sophia Loren brillierte als Edelfrau Jimena und machte Karriere in Übersee. "Es hat mich damals maßlos geärgert", so Pulver, "aber ich konnte und wollte einen bestehenden Vertrag nicht brechen, nur um einen anderen Film, der mich international weitergebracht hätte, drehen zu können."

Comeback mit Samson

Also blieb Pulver in Europa, drehte mit Jean Gabin in Frankreich, gab weiter die "Knallcharge des deutschen Films", wie sie sich selbst einmal augenzwinkernd bezeichnete. Bis junge Filmemacher in den Sechzigerjahren mit "Opas Kino" abrechneten - und auch sie vom Thron fegten. Als "Knattermimin" schmähte Regisseur Rainer Werner Fassbinder sie.

Pulver zog sich zurück, spielte Theater, war mehr im Fernsehen zu sehen. Und eroberte an der Seite von Samson und Tiffy eine zweite Fan-Generation: die Sesamstraße-Gucker der Siebziger- und Achtzigerjahre. Dann wurde es stiller um sie. Für Schlagzeilen sorgten weniger ihre Filme denn private Schicksalsschläge: 1989 stürzte sich die drogenabhängige Tochter Mélisande unter ungeklärten Umständen vom Berner Münster, drei Jahre später starb Ehemann Helmut.

"Ich bin damals in ein Loch gefallen und habe versucht, so gut es geht weiterzuleben, weiterzumachen, nicht aufzugeben", verrät Pulver. Geholfen hätten Freunde, Familie, Arbeit, Routine. "Aber natürlich, der Verlust bleibt", schreibt sie. Und dass kein Tag vergehe, an dem sie nicht an Tochter und Mann denke.

Geblieben ist ihr Sohn Marc-Tell. Mit ihm und seiner Familie sowie Schwester Corinne wird sie ihren Geburtstag feiern. Und keinerlei Gedanken an den Tod verschwenden: "Ich habe nie mit dem Vergangenen gehadert und auch nicht darüber nachgedacht, was einmal sein wird. Und daran ändert sich auch mit fast 90 nichts."

Glückwunsch, legendäre Lilo!

insgesamt 9 Beiträge
Michael Schmidt 11.10.2019
1. Komödien drehen,
Frohsinn verbreiten erfordert genausoviel Arbeit und Anstrengung wie das angeblich "ernste" Kino. Und dass sie ernste und tiefgründigere Rollen darstellen konnte, hat sie oft genug bewiesen. Und während viele Filme der [...]
Frohsinn verbreiten erfordert genausoviel Arbeit und Anstrengung wie das angeblich "ernste" Kino. Und dass sie ernste und tiefgründigere Rollen darstellen konnte, hat sie oft genug bewiesen. Und während viele Filme der so ernsten, avantgardistischen, "jungen" Regisseure vergessen sind, schaut man Pulvers Filme immer nochmal gerne und lacht erneut. Alles Gute zum Geburtstag!
Markus bollig 11.10.2019
2. Ich liebe sie.
...
...
Dieter Haller 11.10.2019
3. Alle Gute zum ...
... Geburtstag, liebe Frau Pulver. Sie haben mir immer imponiert und Sie sind eine ganz Große!
... Geburtstag, liebe Frau Pulver. Sie haben mir immer imponiert und Sie sind eine ganz Große!
schwelle 11.10.2019
4.
Als Kinder sind wir mit der Sesamstrasse aufgewachsen und natürlich mit Lilo!!! Alles Gute zum Geburtstag, Frau Pulver...
Als Kinder sind wir mit der Sesamstrasse aufgewachsen und natürlich mit Lilo!!! Alles Gute zum Geburtstag, Frau Pulver...
derjoey 11.10.2019
5.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Lilo! Bleib noch lange gesund und munter!
Herzlichen Glückwunsch, liebe Lilo! Bleib noch lange gesund und munter!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP