einestages

Musiker Little Steven

"Mode kommt und geht. Rock bleibt"

Als Little Steven ist er Bruce Springsteens Gitarrist und spielte einen Mafioso in "Die Sopranos". Hier spricht Steven Van Zandt über den Boss, einen deutschen Freund und seinen Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.

Fin Costello/ Redferns/ Getty Images
Ein Interview von
Montag, 27.05.2019   11:33 Uhr

Zur Person

einestages: Mister Van Zandt, werden Sie auf der Straße noch oft als Silvio Dante angesprochen - obwohl Sie heute ganz anders aussehen als Ihre "Sopranos"-Figur?

Van Zandt: Passiert immer wieder, klar. Oft wollen Fans meine Al-Pacino-Parodie aus "Der Pate 3" hören: "Just when I thought I was out - they pull me back in." Aber das nervt mich überhaupt nicht, es ist eine Form der Anerkennung. Ohne die Fans wäre ich nicht hier.

einestages: Gerade sind Sie mit Ihrem Soloalbum "Summer of Sorcery" unterwegs, das erste mit komplett neuen Songs seit 20 Jahren. Warum war es musikalisch so lange still um Sie?

Van Zandt: Die Schauspielerei ließ mich nicht zu neuen Songs kommen. Ab 1999 spielte ich bei den "Sopranos", später in "Lilyhammer", zwischendurch war ich mit Bruce und der E Street Band unterwegs. Jetzt habe ich erstmals in meiner Karriere zwei Alben mit derselben Band aufgenommen.

einestages: Ihr neues Werk ist überraschend unpolitisch.

Van Zandt: In diesen schweren Zeiten braucht der Mensch etwas, das ihn aufbaut. Optimismus, Hoffnung, das sind urmenschliche Instinkte. Ich versuche, mit meiner Musik ein paar Sorgen wegzuzaubern und gute Vibes zu verbreiten. In den letzten Jahren habe ich mich aus der Politik rausgehalten und weder Obama unterstützt noch Trump kritisiert - obwohl beides angebracht gewesen wäre. Bis vor Kurzem haben wir Mauern eingerissen, sind Handelspartnerschaften eingegangen, haben für Toleranz und Respekt gekämpft. Nun entwickeln wir uns zurück: Man will wieder Mauern bauen, der Brexit steht vor der Tür, Faschismus kocht wieder hoch, Rassismus nimmt zu.

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Little Steven: "Wenn der Boss ruft, bin ich da"

einestages: Was steckt hinter Ihrem Bildungsprogramm der "Rock And Roll Forever"-Organisation?

Van Zandt: Mit "TeachRock" wollen wir Kids Geschichte, Kunst, Geographie, Sprachen nahebringen - in Verbindung mit Musik. Ich habe Springsteen, Bono, Martin Scorsese und andere namhafte Künstler dafür gewinnen können. Es gibt online bereits 200 Themen-Dossiers, 25.000 Lehrer sind registriert, alle helfen mit.

einestages: Sie sind aktiv als Musiker, Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, Radio-DJ, Menschenrechtler. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Van Zandt: Manchmal frage ich mich das auch. You gotta stay busy, right? Oft ergab sich eine Sache aus einer anderen. Langweilig wird mir nie.

einestages: In Deutschland genießen Sie unter Musikkennern großen Respekt. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt?

Van Zandt: Klar, 1982 beim "Rockpalast"-Festival. Mein erster Trip nach Europa. Mit dem "Rockpalast" verbinde ich schöne Erinnerungen an den Macher Peter Rüchel. Er hat mir und meiner Band The Disciples of Soul ermöglicht, in Germany aufzutreten, und wurde mit der Zeit zum Freund. Leider ist er kürzlich verstorben, ein großer Verlust.

einestages: Auch Paul McCartney soll zu Ihrem Freundeskreis zählen.

Van Zandt: Mit Paul auf der Bühne zu stehen, gehört zu den großartigsten Momenten meines Lebens. Eine große Ehre, es gibt kein größeres Kompliment. Vor zwei Jahren im Londoner Roundhouse hat er mich überrascht, wir haben zusammen "I Saw Her Standing There" gespielt. Er kam früher auch mal bei einem Gig von Bruce und der E Street Band auf die Bühne. Die Beatles haben mein Leben verändert und nicht nur meines. Sie waren wie eine Gang. Ihretwegen wollte damals jeder eine eigene Band gründen. Mein Lieblings-Beatle war George Harrison, sensationeller Gitarrist.

einestages: Wie wurden Sie in New Jersey zum Mitbegründer des "Sound of Asbury Park"?

Van Zandt: Das hat viel mit Freundschaft und Liebe zur Musik zu tun. Die Freunde, das sind bis heute Bruce Springsteen und Southside Johnny. Aus unserem Stammclub, dem "Stone Pony" in Asbury Park direkt am Atlantikstrand, ist die Szene entstanden. Wir haben einfach die musikalische Vergangenheit in Ehren gehalten, immer mit einem klaren Blick, wo wir hinwollten.

einestages: Und wo wollten Sie hin?

Van Zandt: Na, auf die Bühne! Das war uns wichtiger als Platten, TV-Shows oder Videoclips. Unseren Working-Class-Wurzeln sind wir stets treu geblieben, haben den traditionellen Rock'n'Roll weitergeführt, uns nie an Trends orientiert. Mode kommt und geht. Rock bleibt. Er muss auf der Bühne gelebt und erlebt werden.

einestages: Wann lernten Sie Springsteen kennen?

Van Zandt: Mitte der Sechzigerjahre. Als Teenager spielten wir in Garagenbands und freundeten uns schnell an. Ich sang bei The Shadows, Bruce bei The Castiles. Wir alle dachten, wir seien die nächsten Beatles (lacht). Die meisten Gruppen schafften es aber nie aus der Garage raus. Erst vier, fünf Jahre später spielten Bruce und ich in gemeinsamen Bands. Er bekam in den frühen Siebzigern seinen ersten Plattenvertrag. Eine große Sache, er war plötzlich im Business und hat die Tür für uns aufgestoßen. Dann bekam ich mit Southside Johnny einen Vertrag, stieg um 1974 als Gitarrist in die E Street Band ein, und wir nahmen das Album "Born to Run" auf, sein großer Durchbruch.

einestages: Haben Sie noch regelmäßig Kontakt?

Van Zandt: Klar. Bruce hat gerade 15 Monate am Broadway hinter sich, mit ausverkauften Shows fünf Tage die Woche. Im Spaß habe ich zu ihm gesagt, dies sei der erste regelmäßige, konstante Job seines Lebens. 2020 geht die E Street Band wieder an den Start. Wenn der Boss ruft, bin ich da. Er hat bei mir oberste Priorität.

einestages: Sind Sie in der frühen Clubszene in New Jersey Mafiosi begegnet?

Van Zandt: Sie haben nicht jeden Club kontrolliert, hingen da aber rum. Bei manchen war man sich nicht sicher - da waren auch Poser, wir nannten sie Wannabe-Gangster. Ärger gab es nie. Die Clubs, in denen wir auftraten, waren wohl zu klein, nicht lukrativ genug.

einestages: In der TV-Serie "Die Sopranos" spielten Sie selbst einen Mafioso, den Stripclub-Besitzer Silvio Dante. Wie kamen Sie als Musiker an die Rolle?

Van Zandt: 1997 hielt ich eine Laudatio auf die Rock'n'Roll-Kapelle The Rascals. David Chase, Autor und Produzent der "Sopranos", sah ein humoristisches Talent und bot mir eine Rolle an. Ich lehnte ab, mit Schauspielerei hatte ich nie was am Hut und wollte auch niemandem den Job wegnehmen. Aber Chase meinte, ich sei ein Schauspieler, ich wüsste es nur noch nicht. Allen Ernstes sah er mich als Tony Soprano, die Hauptrolle. Der TV-Sender HBO erhob Einspruch - die fragten David, ob er noch bei Sinnen sei. Schließlich bekam James Gandolfini den Part. Er ist wie gemacht dafür. James kann furchteinflößend sein, aber genauso charmant.

einestages: Wieviel Silvio Dante steckt in Steven Van Zandt?

Van Zandt: Ich wünschte mehr! Mein Leben wäre so viel einfacher.

einestages: Wie das?

Van Zandt: Na, ich würde dann mehr auf die Reihe kriegen. Silvio bekommt immer, was er will. Ich dagegen muss täglich für meine Sache kämpfen. Die Figur habe ich damals übrigens zusammen mit David Chase entwickelt. Meine Beziehung zu Springsteen war Vorlage für die von Silvio zu Tony Soprano. Ich bin in beiden Fällen bester Freund und Berater, Consigliere. Man wuchs zusammen auf, ging durch dick und dünn. Ich bin der einzige, der ihm schlechte News überbringen kann. Bei den "Sopranos" war ich der, der nie Boss sein wollte. Wie im echten Leben. Auch da fühle ich mich in der zweiten Reihe wohl.

einestages: Bei den "Sopranos" spielte Ihre Frisur eine wichtige Rolle.

Van Zandt: Ja, mein opulentes Haarteil - das machte schon die Hälfte meiner Schauspielerei aus (lacht).

einestages: Als Musiker wurde ein Bandana zu Ihrem Markenzeichen. Was hat es mit dem Kopftuch auf sich?

Van Zandt: Mit 17 hatte ich einen schweren Autounfall. Spätabends wollte ich von einem Gig nach Hause, als jemand mir die Vorfahrt nahm. Beim Frontal-Crash schlug ich mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe, zog mir tiefe Schnittwunden zu und musste mehrfach operiert werden. Die Wunde kaschiere ich seither per Bandana. Bruce brachte mich auf die Idee. Ein Toupet zu tragen, war mir zu blöd.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Summer of Sorcery (Ltd. Edt.)

Label:
Universal (Universal Music)
Preis:
EUR 13,64

einestages: Mit Ihrer Frau Maureen, die auch bei den "Sopranos" Ihre Gattin spielt, sind Sie seit bald 37 Jahren verheiratet. Die Party damals soll spektakulär gewesen sein.

Van Zandt: Das war eine richtige Rock'n'Roll-Hochzeit am 31. Dezember 1982. Wir feierten in einem Ballettstudio in Manhattan, weil meine Frau auch Balletttänzerin ist. Bruce Springsteen war mein Trauzeuge, Little Richard der Priester, der uns traute. Die Hochzeitsband war die Originalkapelle aus "Der Pate", und Percy Sledge sang für uns "When A Man Loves A Woman". So was vergisst man nie.

einestages: Mitte der Achtziger waren Sie politisch stark engagiert mit "Artists United Against Apartheid" und haben einiges bewegt.

Van Zandt: Ja, unsere Aktion mit dem Song "Ain't Gonna Play Sun City" und Unterstützern wie Bruce Springsteen, Miles Davis, Bob Dylan, Bono, Peter Gabriel, Lou Reed und Run DMC hat viel bewirkt. Sun City war ein Vergnügungskomplex für reiche Weiße in Südafrika. Ich war vorher zweimal hingereist und schockiert, echte Sklaverei. Die Welt hat sich damals nicht um Afrika geschert. Uns wollte man weismachen, dass Sun City ein eigener Staat in Südafrika sei und sie deshalb das Resort betreiben dürften. Wir haben die Missstände aufgedeckt, der Komplex musste schließen, obwohl Ronald Reagan ein Veto eingelegt hatte. Letztlich musste Südafrikas Regierung abdanken.

einestages: Hatten Sie danach Ärger?

Van Zandt: Diese hochbrisante Nummer brachte mir nicht nur Freunde ein. In der US-Entertainment-Industrie war ich plötzlich Persona non grata. Ist halt ein Unterschied, ob man dort Hunger bekämpft oder eine ganze Regierung zu Fall bringt. Ich habe danach einige Jahre keine Jobs bekommen. Die Aktion war dennoch ein großer Erfolg.

einestages: Über 30 Jahre später ist Rassismus noch immer weitverbreitet...

Van Zandt: ...wir leben wirklich in düsteren Zeiten. Aber im digitalen Zeitalter kriegt jeder alles mit via Internet. Da muss nichts mehr groß aufgedeckt werden. Ich fürchte, ein weiterer Protestsong würde an der Situation nichts ändern. Daher lasse ich es sein.

insgesamt 7 Beiträge
PXL HH 27.05.2019
1. Little Big One!
Die Welt bräuchte mehr vom Schlag eines Little Steven.
Die Welt bräuchte mehr vom Schlag eines Little Steven.
Johannes Lützenkirchen 27.05.2019
2. princess of little italy
war mein favorit. aber auch die fetzigeren wie undefeated. schade, dass er nicht ein paar liedchen für trump macht. das internet liefert zwar alles, aber leider muss man filtern. da könnten ein paar sprüche von little steven [...]
war mein favorit. aber auch die fetzigeren wie undefeated. schade, dass er nicht ein paar liedchen für trump macht. das internet liefert zwar alles, aber leider muss man filtern. da könnten ein paar sprüche von little steven vielleicht schon was bewirken. finde bemerkenswert, dass er jemand ist, der mit der zweiten reihe zufrieden ist. toll. letztes jahr war er beim zeltival, aber die tickets waren mir dann zu teuer. wie dieses jahr mit midnight oil, obwohl aktueller denn je, aber 70 euro für ein ticket ist dann eben doch ein wenig übertrieben.
john sellhorn 27.05.2019
3. habe selten
ein so unstrukturiertes interview gelesen. springsteen, sopranos, wieder springsteen, sopranos, ein bisschen mc cartney................gute guete - hier merkt man, dass jemand keine journalistische ausbildung hatte..............
ein so unstrukturiertes interview gelesen. springsteen, sopranos, wieder springsteen, sopranos, ein bisschen mc cartney................gute guete - hier merkt man, dass jemand keine journalistische ausbildung hatte..............
Stefan XX 27.05.2019
4. Es lebe der Boss!
Ich kenne Steve van Zandt vor allem als Bandmitglid der E-Street-Band. Für mich ist Bruce Springsteen (mit dieser Band) einer der großartigsten Musiker überhaupt. Und wer einmal auf einem Konzert von Ihm war und miterlebt hat, [...]
Ich kenne Steve van Zandt vor allem als Bandmitglid der E-Street-Band. Für mich ist Bruce Springsteen (mit dieser Band) einer der großartigsten Musiker überhaupt. Und wer einmal auf einem Konzert von Ihm war und miterlebt hat, mit welcher Hingabe und Leidenschaft dieser Mann auch in hohem Alter noch sein Publikum unterhält, der weiß, dass The Boss das macht weil es sein Leben ist und nicht weil er Geld verdienen oder berühmt werden will. In keinster Weise zu vergleichen mit so manchen durchgecasteten Bands von heute. Schade dass Musiker von diesem Schlag immer weniger werden.
Dirk Schluckebier 27.05.2019
5. 1982 Rockpalast...
Ich kann mich noch sehr gut an das Konzert erinnern - Rockpalastnächte waren immer musikalische Höhepunkte - und vor allem Dank der parallelen Übertragung im Radio konnte man tolle Livetapes aufnehmen. Das Tape von damals [...]
Ich kann mich noch sehr gut an das Konzert erinnern - Rockpalastnächte waren immer musikalische Höhepunkte - und vor allem Dank der parallelen Übertragung im Radio konnte man tolle Livetapes aufnehmen. Das Tape von damals gehört immer noch zu meiner kleinen, aber feinen Sammlung.

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