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Absurder Brückendeal

"Psst! Wollen Sie die London Bridge kaufen?"

Geld spielte keine Rolle: 1968 kaufte ein US-Millionär die ehrwürdige London Bridge und ließ sie demontieren. Drei Jahre später stand sie wieder - mitten in der Wüste.

imago/ United Archives
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Mittwoch, 16.09.2015   14:16 Uhr

"Psst! Wollen Sie die London Bridge kaufen?", fragte der "Guardian" am 12. Juli 1967 seine Leser. Die meisten Briten glaubten an einen Scherz. Immerhin verband die 1831 errichtete Brücke als eine der Hauptverkehrsadern den Süden und Norden der britischen Hauptstadt. Und wog bei einer Länge von 283 Metern immerhin knapp 130.000 Tonnen.

Das Angebot war allerdings ernst gemeint. Seit Monaten überlegte Ivan "Frankie" Luckin als Mitglied der Stadtverwaltung, wie er das einst aus bestem Granit aus Dartmoor errichtete Schwergewicht loswerden könnte. Die London Bridge war dem Verkehr der Hauptstadt nicht mehr gewachsen. Jedes Jahr versank sie mehr im Flussbett der Themse, eine neue Verbindung war längst geplant.

"Warum nicht die alte London Bridge verkaufen", schlug Luckin vor. Wie viel er denn dafür haben wolle, erkundigten sich die Mitglieder des zuständigen Ausschusses. "Nicht weniger als eine Million Pfund!", antwortete Luckin. "Glauben Sie ernsthaft, dass irgendjemand diese Summe für einen Haufen Steine bezahlen wird?", fragte ihn der stellvertretende Vorsitzende.

Luckin glaubte es.

Das gewisse Etwas

Der geplante Ausverkauf eines Symbols britischer Ingenieurskunst weckte allerdings sogleich Widerstand. Der konservative Unterhausabgeordnete John Jennings forderte die Regierung auf, "Schritte einzuleiten, um den Verkauf der London Bridge an Interessenten aus einem fremden Land zu verhindern."

Inzwischen gingen erste Angebote ein. Ein Siebenjähriger aus Kanada schickte zwei Dollar und einen Brief: "Meine Mama sagt, dass ihr sie verkauft. Kann ich etwas von ihr haben?" Der Junge bekam sein Geld zurückgeschickt - zusammen mit einem Stein der Brücke.

Auch die Amerikaner waren mittlerweile auf das Verkaufsobjekt aufmerksam geworden. "Ich dachte, Wood wäre besoffen", erinnerte sich Robert P. McCulloch an den Moment, als ihm sein Mitarbeiter Cornelius Vanderbilt Wood den Kauf der Brücke vorschlug. Als Chefentwickler hatte Wood zuvor das kalifornische Disneyland für den Zeichentrickmogul Walt Disney entworfen. Die berühmte London Bridge sollte nun Menschen in das neueste Projekt des Millionärs McCulloch locken: das Wüstennest Lake Havasu City an der Grenze zwischen Arizona und Kalifornien.

Die 1831 fertig gestellte London Bridge in der britischen Hauptstadt

Mitten im Niemandsland hatte der Industrielle, der sein Vermögen mit der Herstellung von Motoren und Kettensägen begründet hatte, 1963 Hunderte Quadratkilometer Wüste zum Spottpreis erworben. Die Lage war traumhaft. Die Sonne Arizonas glitzerte fast das ganze Jahr im aufgestauten Colorado River. Bereits der indianische Name des Sees ließ sich vermarkten. Übersetzt bedeutet "Havasu": "klares blaues Wasser". Allerdings fehlte noch das gewisse Etwas.

Die historische London Bridge sollte McCulloch zu einem noch reicheren Mann machen.

"An die Apachen"

In einem Hotelzimmer in New York machten Wood und Luckin das Geschäft am 23. März 1968 per Handschlag fest. "Die London Bridge fällt an die Apachen", titelte der "Daily Express" schockiert. Entgegen späteren Legenden waren sich die Amerikaner bewusst, dass sie die London Bridge erwarben. Und nicht die noch berühmtere Tower Bridge. Als "größte jemals verkaufte Antiquität" nahm das Guinnessbuch der Rekorde den Brückendeal auf.

"2D37", 2D38", 2DE39": Stück für Stück nahmen Bauarbeiter bald die alte London Bridge vorsichtig auseinander und beschrifteten jeden einzelnen Stein mit einer Nummer, um ihn später auf der anderen Seite des Atlantiks wieder an der richtigen Position anbringen zu können. Per Schiff wurden die 10.264 Quader durch den Panama-Kanal nach Kalifornien verfrachtet. Von dort ging es per Laster weiter zum Lake Havasu.

Eigentlich war der Brückenkauf kompletter Unsinn. Es gab gar keinen Fluss, den es zu überwinden galt. Also mussten Bauarbeiter eine Halbinsel durch den Bau eines Kanals in eine Insel verwandeln. Zudem sollte die London Bridge nicht komplett wieder aufgebaut werden. Die historischen Steine aus England wurden auf einer modernen Stahlbetonkonstruktion angebracht. Dadurch verlor das Gebäude erheblich an Gewicht. Am Ende waren es noch knapp 30.000 Tonnen.

"Jedem einen Hot Dog verkaufen"

Rund 50.000 Gäste wurden am 10. Oktober 1971 Zeugen einer pompösen Wiedereröffnung der Brücke. In einem historischen Durcheinander ließ McCulloch Ritter in Rüstungen, Indianer in Stammestracht, schwerbewaffnete Lanzenträger und auch einige Cowboys aufmarschieren. Ein Miniatur-Schaufelraddampfer brachte derweil den Ehrengast herbei. Schwitzend hatte sich der Bürgermeister der City of London in seine Amtstracht gezwängt - ein roter, fellbesetzter Mantel, ein Dreispitz auf dem Kopf und eine schwere goldene Kette um den Hals.

AP

Die London Bridge in Arizona

Nach einem Salut aus 19 Kanonen erklangen die Nationalhymnen "God Save the Queen" und "The Star-Spangled Banner". Begleitet von 3000 weißen Tauben stieg anschließend ein Heißluftballon in den Farben des Union Jack in die Luft. Regelmäßig ertönten die Glocken des berühmten Uhrturms des Westminster-Palastes in London - per Tonbandaufnahme und Lautsprecher - während sich eine bunt gemischte Parade in Bewegung setzte und die London Bridge überquerte. Wo sie bald wieder stoppte - die gewaltige Brücke verband lediglich ein karges Eiland mit dem Festland.

Das sich bald mithilfe der London Bridge bevölkern sollte. Insgesamt 7,5 Millionen Dollar hatte sich McCulloch die Brücke kosten lassen.

Und die Entscheidung niemals bereut. "Die London Bridge wird bald fünf Millionen Touristen im Jahr nach Lake Havasu City locken", prognostizierte der Millionär 1972. "Wenn wir jedem von ihnen nur einen Hot Dog verkaufen, wird sie sich bezahlt machen." Das tut sie in der Tat - bis heute.

insgesamt 4 Beiträge
Adrian Monk 16.09.2015
1. Big Ben
Liebe SPON, vielen Dank für den interessanten Artikel. Nur eine ganz kleine Berichtigung...."ertönten die Glocken von Big Ben"....tatsächlich is dies der Name der einzigen und grossen Glocke des Turmes - Big Ben [...]
Liebe SPON, vielen Dank für den interessanten Artikel. Nur eine ganz kleine Berichtigung...."ertönten die Glocken von Big Ben"....tatsächlich is dies der Name der einzigen und grossen Glocke des Turmes - Big Ben genannt.
Jürgen Paulus 16.09.2015
2. Bild 20 - Sicher?
Hallo Redaktion mir scheint bei Bild 20 "Hier ist er, l., bei der Suche nach einem Standort für die Konstruktion zu sehen" eher in der Mitte zu stehen.
Hallo Redaktion mir scheint bei Bild 20 "Hier ist er, l., bei der Suche nach einem Standort für die Konstruktion zu sehen" eher in der Mitte zu stehen.
Wolfgang Mechler 17.09.2015
3. bei Mark Twain lief es nicht ganz so gut
(soweit ich mich noch erinnern kann).
(soweit ich mich noch erinnern kann).
Rainer Braun 17.09.2015
4. Hallo, Herr Paulus.
Da steht "z.v.l.", das heißt "zweiter von links" und das ist der in der Mitte.
Da steht "z.v.l.", das heißt "zweiter von links" und das ist der in der Mitte.

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