einestages

"Russisches Woodstock"

Friede, Freude, Dope und Perestroika

Im Sommer 1989 lief in Moskau ein gigantisches Rockfestival nach Woodstock-Vorbild. Für die Scorpions, Ozzy Osbourne und Bon Jovi kam in der zerbröselnden Sowjetunion vieles anders, als sie dachten.

Igor Mikhalev/ Sputnik/ STF/ ullstein bild
Von Edgar Klüsener
Montag, 12.08.2019   08:20 Uhr

Im Dezember 1988 war ich Chefredakteur des "Metal Hammer" und flog mit Herausgeber Jürgen Wigginghaus nach Moskau, um dort den Unternehmer Stas Namin zu treffen, unseren Wunschpartner für eine künftige sowjetische Ausgabe des Musikmagazins. Wir waren nicht seine einzigen Besucher an diesem Tag: Am Moskauer Flughafen trafen wir auf die Band Bon Jovi und ihren Manager Doc McGhee. Zusammen mit ihnen verfrachtete man uns in Limousinen und chauffierte uns, begleitet von einer Polizeieskorte, zum Stas Namin Center im Gorki Park.

Damit der Konvoi zügig durchkam, hatte die Moskauer Polizei auf Anweisung des sowjetischen Friedenskomitees kurzerhand die gesamte Strecke für den restlichen Verkehr gesperrt. Schnell fanden wir heraus, warum McGhee mit Bon Jovi in die bitterkalte sowjetische Hauptstadt gereist war: Dort plante er mit Stas Namin und dem Friedenskomitee für den August 1989 ein gigantisches Rockfestival - genau 20 Jahre nach Woodstock. Und auch das sowjetische Pendant im Moskauer Luschniki-Stadion sollte ein pophistorischer Meilenstein werden.

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Festival in Moskau 1989: "Die Scorpions rockten wie die Hölle"

Als ich acht Monate darauf erneut an der Moskwa eintraf, hatte der später von den Scorpions besungene "Wind of Change" fühlbar an Kraft gewonnen. Die Vorhut des real existierenden Kapitalismus hatte endgültig stabile Brückenköpfe in der Hauptstadt des sowjetischen Riesenreiches etabliert. Der erste McDonald's-Klopsbrater war einen Sommer lang die größte Attraktion Moskaus, und Coca-Cola stand bereit, um den Kommunismus endgültig in brauner Brause zu ersäufen.

Auch wenn Woodstock das Vorbild war: Die offizielle Kernbotschaft des Moscow Music Peace Festivals war eine ganz andere. Waren 1969 Drogen noch als Mittel zur Selbstbefreiung propagiert worden, stand das Moscow Music Peace Festival für eine strikte Antidrogenbotschaft. Rockmusiker, die aus ihrer Vorliebe für berauschende Substanzen nie ein Geheimnis gemacht hatten, sollten in Moskau plötzlich vor den Gefahren von Alkohol- und Drogenmissbrauch warnen.

Hochkonjunktur für Dealer

Manager Doc McGhee war 1988 wegen Drogenschmuggels von Kolumbien in die USA zu einer Geld- und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden, erhielt aber Bewährung statt Gefängnis. Daraufhin gründete er eine Stiftung und organisierte das Moskauer Festival inklusive Antidrogenkampagne - McGhee selbst bestritt später den Zusammenhang zu seiner Verurteilung.

Wie ernst die Veranstalter die Abstinenz-Kampagne nahmen, wurde einigen Musikern erst klar, als sie den "Magic Bus" getauften Charterflieger nach Moskau bestiegen und an Bord kein Tropfen Alkohol zu finden war. "Für den einen oder anderen Kollegen", kommentierte Scorpions-Bassist Francis Buchholz nach der Landung, sei das "ein ganz harter Schlag" gewesen.

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Gorbatschows Feldzug gegen die Trunksucht: Keinen Schluck weiter

Wirtschaftlich war das Festival für Moskau kaum ein Gewinn. Die gesamte Licht- und Beschallungstechnik wurde aus dem Westen herangeschafft. Von dort kam auch die Security: Verantwortlich war Mick Upton, Chef der britischen Firma Showsec. Selbst die örtlichen Polizisten, die im Bühnenbereich stationiert waren, unterstanden den Showsec-Spezialisten. Das Catering war ebenfalls komplett einer westlichen Firma übertragen worden, die auch das Gros der Nahrungsmittel mitgebracht hatte.

Nur die örtlichen Dealer profitierten prächtig: Weil die Sowjetarmee immer noch tief im afghanischen Schlamassel steckte, war die Versorgungslage Moskaus mit afghanischem Haschisch und Opiaten in diesem Sommer 1989 hervorragend. Und Bedarf gab es reichlich.

Dass das Festival ein globales Ereignis war, wurde schnell klar. Fernsehcrews von der "Tagesschau" bis zu "ABC-News" waren vor Ort, alle großen Nachrichtenagenturen hatten ihre Moskauer Korrespondenten auf das Thema angesetzt, die alten und neuen sowjetischen Medien waren ebenfalls allgegenwärtig.

Prügelnde Soldaten im Publikum

Am ersten Tag füllte sich das Stadion schon Stunden vor dem offiziellen Start schnell. Westlichen Künstlern bot sich ein ungewohntes Bild: Das Innenoval der Arena war von einer Barrikade auf voller Länge vom Haupteingang bis zum Bühnenrand in zwei gleiche Hälften geteilt. Die Barrikade allerdings bestand nicht etwa aus Holz oder Metall, sondern aus Polizisten in Doppelreihe, die Gesichter der Menge zugewandt. Wer von einer Hälfte des Stadions in die andere wechseln wollte, musste eine Berechtigung vorweisen. Und auch vor der Bühne ersetzten Polizisten die Barrieren.

Die offizielle Eröffnung des Festivals geschah mit allem Bombast, den der Anlass erforderte: Auf der Bühne drängelten sich westliche und sowjetische Offizielle um die Mikrofone. Sie hielten kurze Reden, Händeschütteln, Schulterklopfen, immer wieder die Blicke auf die Menschenmassen vor der Bühne und das Schielen auf die Kameras.

Dann ging es endlich los. Den Auftakt machten drei sowjetische Bands: Nuance und Brigada S passten nicht recht ins musikalische Konzept, ihr avantgardistischer Jazzrock fiel zudem dem miserablen Sound zum Opfer. Darunter hatten anschließend auch Gorky Park zu leiden.

Derweil kam es immer wieder zu fiesen Prügeleien zwischen Gruppen im Publikum - darunter etliche dienstfreie Soldaten - und den sowjetischen Sicherheitskräften. Schließlich eskalierte die Situation so, dass Mick Upton die Einsatzleiter der sowjetischen Sicherheitskräfte zum Gespräch bat. Polizisten, die besonders aggressiv aufgetreten waren, wurden aus dem Stadion abgezogen.

Mäkelnde Superstars

Die Scorpions hatten im Vorjahr zehn ausverkaufte Konzerte in Leningrad gespielt und genossen seitdem Superstar-Status in der gesamten UdSSR. Dagegen mussten die amerikanischen Musiker feststellen, dass sie in der Sowjetunion weit weniger bekannt waren als im Rest der Welt. Viele, die zu Mötley Crüe oder Skid Row vor der Bühne abrockten, hatten vorher nie von den Bands gehört.

Dennoch wurde das Festival mit einer Viertelmillion Zuschauern seinem Anspruch gerecht: Am Ende war fast alles Love, Peace, Sonnenschein und Völkerverständigung im Gitarrengewitter. Hinter der Bühne sah die Sache anders aus, da rangelten die Musiker vor allem um die Auftrittsreihenfolge.

Ozzy Osbourne wollte unbedingt als Letzter auf die Bühne und legte filmreife Wutanfälle hin. Mötley Crüe fühlten sich von Bon Jovis Manager Doc McGhee - der nebenbei auch ihr eigener war - von vorn bis hinten verschaukelt, weil Bon Jovi ihrer Meinung nach bevorzugt wurden. Wodka floss der lautstarken Antidrogenkampagne zum Trotz mittlerweile reichlich.

Sauer waren auch die Scorpions. Als einzige hatten sie bereits einen großen Namen und viele Fans im Lande, dennoch mussten sie Bon Jovi den Vortritt lassen. Was den Amis allerdings eher zum Nachteil gereichte, denn die Zuschauer riefen immer noch nach den Scorpions, als sie bereits den zweiten Song anstimmten. "They kicked our asses!", räumte Jon Bon Jovi später im einestages-Interview ein, "die Scorpions rockten wie die Hölle, sie haben uns musikalisch eine Lektion erteilt."

Zum großen Finale kamen alle Musiker auf die Bühne, und mit Yoko Onos und John Lennons Klassiker "Give Peace A Chance" beendeten die zerstrittenen Helden zweier Tage in seltener Eintracht das Festival. Egomanische Metaller, Love, Peace und Wodka in der zerbröselnden Weltmacht, das Ende des Kommunismus und des Kalten Krieges - das alles waren die Zutaten eines chaotischen Festivals, das auf eine seltsame Art Geschichte geschrieben hat. Weil es zum perfekten Zeitpunkt kam.

insgesamt 5 Beiträge
Peter Malik 12.08.2019
1.
fun fact: zum anlass des Konzerts wurde damals eine lp der "make a difference foundation" veröffentlicht: https://en.wikipedia.org/wiki/Stairway_to_Heaven/Highway_to_Hell auf dieser befanden sich coverversionen der [...]
fun fact: zum anlass des Konzerts wurde damals eine lp der "make a difference foundation" veröffentlicht: https://en.wikipedia.org/wiki/Stairway_to_Heaven/Highway_to_Hell auf dieser befanden sich coverversionen der teilnehmenden bands, gecovert wurden Acts von Musikern, die drogenopfer geworden waren, wie the who/Keith moon, janis Joplin, Jimi Hendrix etc. in Anbetracht der drogenprobleme, die viele bands/-Mitglieder zu dieser zeit noch hatten, etwas befremdlich.
Jjan Poersckhe 12.08.2019
2. me tall ica
Die Skorpions .. die haben max. 10 wirklich gute Songs, der Rest naja.. ich hab die ganze zeit nach der text stelle mit Metallica gesucht. hihihi ;-) Die waren allerdings erst 2 jahre spaerter da, beim monsters of rock mit [...]
Die Skorpions .. die haben max. 10 wirklich gute Songs, der Rest naja.. ich hab die ganze zeit nach der text stelle mit Metallica gesucht. hihihi ;-) Die waren allerdings erst 2 jahre spaerter da, beim monsters of rock mit AC/DC Pantera Black Crows..
Volker Podworny 12.08.2019
3. @Jjan Poersckhe
Vom ersten Studioalbum 1972 "Lonesome Crow" bis zum 84er "Love At First Sting", waren aber meiner Meinung nach mehr als 10 Stücke hörbar. Erst nach dem 85 Live Akbum sind die Scorpions zur unerträglichen [...]
Vom ersten Studioalbum 1972 "Lonesome Crow" bis zum 84er "Love At First Sting", waren aber meiner Meinung nach mehr als 10 Stücke hörbar. Erst nach dem 85 Live Akbum sind die Scorpions zur unerträglichen Hausfrauenband mutiert und zum Running Gag geworden.
Karsten Granow 12.08.2019
4. 10 gute Songs?
Von 1974-84 haben die Scorpions acht großartige Alben in Folge gemacht. Die späteren Scorpions mal weniger, meist eher zu recht bespöttelt worden. Aber acht Knaller in Reihenfolge in zehn Jahren, das haben weder Maiden noch [...]
Von 1974-84 haben die Scorpions acht großartige Alben in Folge gemacht. Die späteren Scorpions mal weniger, meist eher zu recht bespöttelt worden. Aber acht Knaller in Reihenfolge in zehn Jahren, das haben weder Maiden noch Priest oder Sabbath geschafft. Metallica schon gar nicht. So viel Ehre muß sein.
Verena Schön 12.08.2019
5. Die Zeitenwende und das Ende der UdSSR kam erst 1991
Am 28. September fand auf dem Tuschino Flugfeld in Moskau "Monsters of Rock" statt. Gerade mal wenige Wochen nach dem Putsch läutete AC DC der Sowietunion die Grabesglocken. Mit im Line Up Pantera und Metallica. Im Publikum (je [...]
Am 28. September fand auf dem Tuschino Flugfeld in Moskau "Monsters of Rock" statt. Gerade mal wenige Wochen nach dem Putsch läutete AC DC der Sowietunion die Grabesglocken. Mit im Line Up Pantera und Metallica. Im Publikum (je nach Quelle zwischen 500 Tausend und 1,6 Mio Zuschauer) war damals ich. Ein Konzert, das wie Woodstock eine Zeitenwende markierte. https://youtu.be/3Mtilj2gKz0

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