einestages

Musik zum Vietnam-Feldzug

Der Soundtrack zum Krieg

Knatternde Gewehre, wummernde Beats: Mit Rockmusik vertrieben GIs im Vietnamkrieg ihre Todesangst. In den USA lieferten sich Kriegsgegner und -befürworter musikalische Gefechte. Hören Sie hier in besonders bewegende Songs hinein.

Bear Family

Von
Dienstag, 28.04.2015   14:39 Uhr

Vergeblich hatte der Mann auf der Bühne versucht, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Statt Country Joe McDonalds Gesang zuzuhören, unterhielten sich die Besucher des legendären Woodstock-Festivals am 15. August 1969. Plötzlich erschallte ein Befehl aus den Lautsprechern. "Gebt mir ein F!", schrie Country Joe in die Menge. "F", tönte es aus Tausenden Kehlen zurück. "Gebt mir ein U!", ging es weiter. "U", lautete die Antwort. Zum Schluss forderte der Sänger noch ein "C" und ein "K".

"Was ergibt das?", fragte Country Joe. Der Schweiß lief ihm mittlerweile trotz seines aufgeknöpften Uniformhemds in Strömen herunter. "Fuck!", kam es zurück. "Was ergibt das?", rief Joe lauter. "FUCK!", schrien die rund 300.000 Besucher.

Jetzt setzte Country Joe zu seinem Lied an - dem "I-Feel-Like-I'm-Fixin'-to-Die Rag", zu Deutsch: "Mir-kommt's-vor-als-würd'-ich-bald-sterben-Ragtime". Im Song fordert er - ironisch - jedermann in den USA auf, den Krieg in Vietnam zu unterstützen: all die "starken Kerle", die Finanzjongleure an der Wall Street und die Generäle. Und nicht zuletzt die amerikanischen Mütter und Väter - schließlich könnten sie die ersten sein, die ihren "Sohn in einer Kiste nach Hause kriegen".

Where Have All The Flowers Gone? - The Kingston Trio, 1961

Ja, wo sind sie hin, die vielen Blumen? Und mit ihnen die jungen Männer? Diese Fragen stellten neben dem Kingston Trio zahllose Künstler wie Marlene Dietrich, Roy Orbison oder Harry Belafonte in etlichen Sprachen. Die amerikanische Folk-Legende Joan Baez sang das Lied 1965 sogar auf Deutsch. Mitte der Fünfzigerjahre hatte Peter "Pete" Seeger die ersten Strophen verfasst. Inspirieren ließ er sich von einigen Zeilen in Michail Scholochows Roman "Der stille Don". Anleihen scheint Seeger auch beim alten deutschen Anti-Kriegs-Lied "Zogen einst fünf wilde Schwäne" genommen zu haben. Mit seiner sanften Melodie avancierte "Where Have All the Flowers Gone?" bald zu einer musikalischen Ikone gegen alle Kriege. Mit der alles entscheidenden Frage: "When will they ever learn?"

Kategorie: Rührstück

Masters Of War - Bob Dylan, 1963

Mit seinem zweiten Album "The Freewheelin' Bob Dylan" gelang Bob Dylan 1963 der endgültige Durchbruch. Verantwortlich dafür war unter anderem der erste Titel auf der Platte - der Anti-Kriegs-Song "Blowin' in the Wind". Doch auch das dritte Lied war eine eindringliche Anklage gegen Kampf und Gewalt. In "Masters of War" verurteilt Dylan all diejenigen, die mit dem Bau von Waffen ihr Geld verdienen. Und wünscht ihnen das Schlimmste: "And I hope that you die / And your death'll come soon". Später erklärte Dylan, dass er eigentlich keine Lieder singe, in denen er Menschen den Tod wünschte. "Aber in diesem Fall konnte ich nicht anders", gestand der Musiker.

Kategorie: Todesdrohung

Universal Soldier - Buffy Sainte-Marie, 1965

Der Legende nach schrieb Buffy Sainte-Marie den Song, nachdem sie 1963 in Vietnam verwundete US-Soldaten bei der Heimkehr gesehen hatte. Die Musikerin, die sich selbst das Gitarren- und Klavierspiel beigebracht hatte, wollte mit ihrem "Universal Soldier" ein Zeichen gegen den Krieg setzen. Vor allem betrachtete sie es aber als "Lied über die persönliche Verantwortung". Populär wurde der Titel allerdings erst, als ihn der britische Musiker Donovan coverte. Donovan war endgültig zum Kriegsgegner geworden, nachdem er eine Rekrutierungsanzeige neben Bildern von verstümmelten Kindern in Vietnam gesehen hatte. "This is not the way we put an end to war", heißt es im Text.

Kategorie: Moralischer Zeigefinger

The Universal Coward - Jan Berry, 1965

Großen Unmut erregte der "Universal Soldier" von Buffy Sainte-Marie anscheinend bei Jan Berry, Teil des populären Surfmusik-Duos "Jan & Dean". Im "Universal Coward" veralberte Berry zusammen mit Jill Gibson das Anti-Kriegslied. "He's a pacifist, an extremist, a communist or just a yank", dichtete Berry den Text um. "And he doesn't know he's digging his own grave", Kriegsgegner würden sich ihr eigenes Grab schaufeln. Warum der Surfer, der keinerlei militärische Erfahrung hatte, den "Universal Soldier" aufs Korn nahm, ist bis heute unbekannt.

Kategorie: Anti-Anti-Kriegslied

Eve Of Destruction - Barry McGuire, 1965

Bei seinem Erscheinen 1965 wurde der Song als unamerikanisch gebrandmarkt - und von vielen Radiostationen nicht gespielt. Dabei handelt nur eine einzige Zeile vom Konflikt in Vietnam: "The eastern world, it is explodin'". Daneben arbeitet sich Barry McGuire an anderen Themen ab, die zu diesem Zeitpunkt die USA in Aufruhr hielten, wie die atomare Bedrohung oder der Kampf um Bürgerrechte für die Schwarzen. Jüngere Hörer begeisterten sich für den eingängigen Song und kauften die Platte zu Tausenden. "Eve of Destruction" war der erste Anti-Kriegs-Song, der es auf Platz eins der US-Charts schaffte. Selten zuvor war so melodisch vor dem Beginn der Apokalypse gewarnt worden: "You don't believe we're on the eve of destruction".

Kategorie: Generalabrechnung

The Ballad Of The Green Berets - SSgT Barry Sadler, 1966

Das Loblied auf militärische Tugenden hielt sich fünf Wochen auf Platz Eins der US-Charts. Der Sänger war selbst Mitglied der United States Army Special Forces, kurz Green Berets genannt. Mit viel Pathos besang er die Elitetruppe: "Fearless men who jump and die / Men who mean just what they say". 1964 hatte Sadler die erste Version in einem speziell gesicherten Haus in Saigon aufgenommen, aber erst nachdem er nach einer Verwundung mit Unterstützung des Autoren Robin Moore eine verbesserte Version schuf, erhielt die Ballade Hit-Qualität. In zahllosen Parodien verballhornten kriegskritische Bands das Stück. Sadler selbst endete tragisch. 1978 erschoss er im Streit einen Songschreiber. Später ging er als Militärausbilder nach Guatemala, wo er einen Kopfschuss erlitt.

Kategorie: Heldenepos

The Son Of A Green Beret (A Child's Ballad of the Green Beret) - Craig Arthur, 1966

Zahllose Nachahmer wollten am Erfolg von Barry Sadlers "Ballad of the Green Berets" teilhaben. Der erfolgreichste Titel war der "Son of a Green Beret". "I'll be a man and fight some day / Like my daddy with the Green Berets" beginnt Craig Arthur sein mit fiepsiger Kleinjungenstimme vorgetragenes Lied. Der Erfolg des Songs war allerdings nicht vergleichbar mit dem seines Vorbilds, sodass Arthur anschließend wieder von der Bildfläche verschwand.

Kategorie: Nachwuchswerbung

Danny Fernandez - Eddy Harrison, 1966

Am 18. Februar 1966 starb Danny Fernandez in Vietnam den Heldentod. Der Soldat hatte sich auf eine Granate geworfen, um das Leben seiner Kameraden zu retten. Posthum erhielt er mit der "Medal of Honor" die höchste Tapferkeitsauszeichnung der USA. Eddy Harrison schrieb ein Lied für den toten Helden: "But Danny fell upon the bomb / And saved his 19 friends". Harrison hatte aus den Nachrichten von Fernandez' Schicksal erfahren und spontan am nächsten Tag den Text verfasst. Amerikanische Zivilisten ignorierten das Lied allerdings, es wurde fast nur im Armeeradio gespielt. 25 Jahre sollte Harrison aus Enttäuschung keinen Song mehr schreiben.

Kategorie: Heldenverehrung

Kill For Peace - The Fugs, 1966

Einen radikalen Lösungsvorschlag für den Vietnamkrieg empfahlen 1966 "The Fugs": "Kill, kill, kill for peace / Kill, kill, kill for peace". Selbstverständlich meinte die Formation um den Songschreiber Tuli Kupferberg den Ratschlag ironisch. Bereits ihr Name war pure Provokation. In Norman Mailers Buch "Die Nackten und die Toten" waren die Bandmitglieder auf den Begriff gestoßen. Mailer umschrieb damit das verpönte "Fuck". Entsprechend legten sich die Fugs bei ihrer ironischen Kritik am Vietnamkrieg keinerlei Zurückhaltung auf. "Kill it will give / You a mental ease / Kill it will give / You a big release", stimmen die Fugs fröhlich an: Töten befreit. Auch ansonsten war die Band für ihre Aktionen bekannt. Feierlich hielten sie Teufelsaustreibungen vor dem Pentagon ab.

Kategorie: Ausgestreckter Mittelfinger

I Feel Like I'm Fixin' To Die Rag - Country Joe & The Fish, 1967

"Whoopee! We're all gonna die", schallte es ab 1969 an den US-Universitäten. Auf dem legendären Musik-Festival in Woodstock hatte Country Joe das Lied vor gut 300.000 Besuchern gesungen. Auch die GIs in Vietnam summten die Zeile aus dem Song. Vor allem der Refrain war beliebt: "What are we fighting for? Don't ask me, I don't give a damn" - Mehr und mehr Amerikaner fragten sich, wofür sie kämpften. Und es interessierte sie immer mehr einen "Scheiß". Country Joe, der eigentlich Joseph McDonald hieß, war nicht immer ein Kritiker des Militärs gewesen. Drei Jahre lang hatte er in der US-Navy gedient, bis er nach seiner ehrenhaften Entlassung mit "I-Feel-Like-I'm-Fixin'-to-Die Rag" einen der populärsten Protestsongs dieser Zeit schrieb.

Kategorie: Woodstock-Legende

Weil nicht genug Leute mitsangen, wandte sich Country Joe erneut an das Publikum: "Hört mal Leute, ich weiß nicht, wie ihr erwarten könnt, dass wir jemals diesen Krieg beenden, wenn ihr nicht besser singt. Es sind mehr als 300.000 von euch Arschlöchern da draußen, ich will, dass ihr anfangt zu singen! Los geht's!" Jetzt kam Bewegung in die Menge, klatschend erhoben sich die Menschen und sangen den Refrain des spöttischen Anti-Kriegs-Songs: "Eins, zwei, drei, wofür kämpfen wir? Frag' mich nicht, es ist mir scheißegal, der nächste Stopp ist Vietnam."

"Ich wäre verrückt geworden"

Nicht nur die in Bethel versammelte Hippie-Gemeinde begeisterte sich für Country Joes Lied. "Wir kicherten auf den Dschungelpfaden, wenn wir einen Kameraden summen hörten: 'Auf geht's, all ihr starken Kerle, Uncle Sam braucht schon wieder eure Hilfe'", erinnert sich Vietnamveteran James Gritz. "Zwischen den Kämpfen liebten wir es, die angesagten Songs zu hören und zu singen."

Aus Kassettenrekordern, tragbaren Plattenspielern und den Radiogeräten erklangen in Dschungelcamps und Kasernen die Lieblingssongs der GIs. Mit Gitarren, Mundharmonikas und anderen Instrumenten machten die Männer auch selbst Musik - unter ständiger Lebensgefahr, in tropischer Hitze, von Stechmücken umschwirrt. Dort, wo jede Detonation bedeuten konnte, dass gerade ein Kamerad auf eine Mine getreten war.

Waist Deep In The Big Muddy - Pete Seeger, 1967

Eigentlich ist Pete Seegers Song politisch unverdächtig. Seeger beschreibt ein Ereignis aus seiner Zeit als Soldat im Jahr 1942: Entgegen dem Rat eines erfahrenen Sergeants will ein Offizier die Männer an einer gefährlichen Stelle über einen Fluss zwingen. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf – der Captain ertrinkt. 25 Jahre später erkannten die Amerikanerin in der Geschichte eine bittere Kritik an der Vietnam-Politik von Präsident Lyndon B. Johnson. Als Seeger das Lied in einer beliebten TV-Comedy-Show sang, schritten die Zensoren des Senders CBS ein. Nach massiven Protesten durfte Seeger erneut auftreten. Und ausdrücken, was viele Amerikaner empfanden: "We were knee deep in the Big Muddy / The big fool says to push on". Wir stehen knietief im Schlamm, und der große Narr sagt, macht weiter so...

Kategorie: Wolf im Schafspelz

People Let's Stop The War - Grand Funk Railroad, 1971

Unter Kritikern war Grand Funk Railroad verschrien, Fans der Gruppe füllten bei Konzerten trotzdem ganze Stadien. 1971 kreierten die Musiker einen rockigen Protest gegen den Vietnamkrieg. Vor allem Präsident Richard Nixon stand in der Kritik. "If we had a president / That did just what he said", schmetterte es aus den Boxen. Wenn wir einen Präsidenten hätten, der das tun würde, was er sagt, klagte das Lied. Trotz seines eingängigen Refrains "People Let's Stop the War" hat es der Song niemals in die Charts geschafft.

Kategorie: Funk-Protest

There Won't Be Any Snow - Derrick Roberts, 1965

Über die Tatsache, dass Schnee im Dschungel Vietnams eher selten fällt, klärte Derrick Roberts 1965 seine Landsleute auf. Und rührte die Amerikaner zu Tränen. Eine Werbeanzeige für den Song zeigt einen US-Soldaten, der mit einer Bazooka in Deckung rennt. Im Hintergrund ist ein Weihnachtsbaum zu sehen. "I never thought Christmas could be so lonely", erklingen die Worte von Roberts im Lied, der weit entfernt von seiner Familie in Vietnam Weihnachten verbringen musste.

Kategorie: Geografiestunde

Keep The Flag Flying - Johnnie Wright, 1965

Die musikalische Durchhalteparole sollte den Amerikanern theatralisch den Rücken stärken. "Keep the flag flying / Keep the young children smiling / Tell them how lucky they are to be free", heißt es mit viel Pathos im Lied. Der Country-Sänger Wright hatte zuvor bereits mit seinem Song "Hello Vietnam" einen Nummer-eins-Hit gelandet. Im Gegensatz zur sich formierenden Anti-Kriegsbewegung unterstützte Wright den Krieg: "Wir müssen unsere Freiheit jetzt um jeden Preis schützen".

Kategorie: Durchhalteparole

Ballad Of My Lai - Matt McKinney, 1970

Am 16. März 1968 ermordeten US-Soldaten mehr als 500 wehrlose Zivilisten in dem südvietnamesischen Dorf My Lai - darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Leutnant William Calley, Jr. trug als befehlshabender Offizier die Verantwortung für das Massaker. 1970 stand der Offizier vor dem Kriegsgericht. In seiner Ballade hinterfragt Matt McKinney die Verantwortung der amerikanischen Gesellschaft für das Kriegsverbrechen: "We placed a gun in his hand / And sent him to that foreign land", trägt der Sänger in dem Countrysong vor. Tatsächlich berichteten Veteranen, dass My Lai keineswegs ein Einzelfall in diesem Krieg gewesen ist. "Now who will stand in the judgment? And say this is duty or sin?", fragt McKinney mit trauriger Stimme. Wer will Richter sein, wenn jeder eine Mitschuld trägt?

Kategorie: Generalanklage

Battle Hymn Of LT. Calley - C Company featuring Terry Nelson, 1971

Im März 1971 wurde Leutnant William Calley, Jr. wegen des Mordes an 22 Zivilisten in My Lai schuldig gesprochen. Er hatte sich auf einen Befehlsnotstand berufen. Sofort erhob sich ein musikalischer Proteststurm gegen das Urteil. Zur Melodie des patriotischen Liedes "The Battle Hymn of the Republic" aus dem amerikanischen Bürgerkrieg sang Terry Nelson zu Calleys Verteidigung: "My name is William Calley / I'm a soldier of this land / I've tried to do my duty and to gain the upper hand" - Calley habe nur versucht, seine Pflicht zu tun. Mehr als eine Million Exemplare wurden verkauft, allerdings weigerten sich einige Radiostationen, das Lied zu spielen. Bereits 1974 wurde Calley von Präsident Richard Nixon begnadigt.

Kategorie: Musikalische Mittäterschaft

The Unknown Soldier - The Doors, 1968

Während einer Kneipentour in New York schrieb Jim Morrison den Song - am Ende war der Sänger sturzbetrunken. Zu sehr hatte der Inhalt des Liedes Morrison mitgenommen. Morrison beschäftigte vor allem die Art, wie der Krieg in den heimischen Wohnzimmern konsumiert wurde: "Breakfast where the news is read / Television children fed / Unborn living, living dead / Bullet strikes the helmet's head" - beim Frühstück konsumierte die amerikanische Familie die ersten Nachrichten aus dem fernen Krieg. Ein provokantes Video zum Song sollte die mediale Wirkung unterstreichen. Passend zur im Lied vorkommenden Erschießungsszene drehten die Doors ein Video, in dem Morrison am Ende am Strand hingerichtet wird. US-Fernsehsender weigerten sich, trotz einer entschärften Version, das Schockvideo auszustrahlen.

Kategorie: Schockerlebnis der musikalischen Art

Saigon Girls - The Merrymen, 1993

Dieser Song raubte neu ankommenden GIs alle Illusionen. Die besungene Dame namens Chu Yen will nur eins von ihrem amerikanischen Freund: "When I awoke next morning, I had an aching head / My pocketbook was empty and my lady friend had fled". Tatsächlich war "Chu Yen" der chinesische Ausdruck für Prostituierte. In Wirklichkeit handelt es sich bei "Saigon Girls" um einen Tugendsong. Die vier US-Hubschrauberpiloten, die während des Vietnamkrieges als "The Merrymen" in Offiziersklubs auftraten, warnten die GIs vor dem Kontakt mit einheimischen Frauen. Stattdessen sollten die Männer brav zu Rot-Kreuz-Stationen gehen. Dort warteten mit den sogenannten "Donut Dollies" junge amerikanische Frauen. Alles verlief natürlich ganz sittsam: "Well the moral of this story, don't be a sinner!" Hüte dich vor der Sünde...

Kategorie Tugend-Song

We Gotta Get Out Of This Place - The Animals, 1965

Endlich von diesem Ort abhauen - das war der Traum eines jedes GIs. 1965 veröffentlichten die Animals aus England den Nummer-eins-Hit der amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg. Auch wenn das Lied mit dem Konflikt gar nichts zu tun hatte. Eigentlich geht es im Text um einen jungen Mann, der mit seiner Geliebten aus seinem Armutsviertel entkommen will. Das eher Ähnlichkeit mit einer britischen Industriestadt wie Newcastle oder Birmingham als mit dem Dschungel Südostasiens hat. Diese Geschichte interessierte die Soldaten allerdings weniger. "We Gotta Get Out of this Place", war die Zeile, wegen der sie das Lied immer wieder spielten.

Kategorie: Realitätsflucht

Singing In Viet Nam Talking Blues - Johnny Cash, 1971

1969 befand sich Johnny Cash zusammen mit seiner Frau June in Vietnam. Der Countrystar unterhielt die Truppen dort mit seinem Gesang. Unterhaltsam fand Cash seinen Aufenthalt dort allerdings keineswegs. Als "Little trip into livin' hell" bezeichnete er im Song diese Reise. Nachts wackelte sein Bett vom Einschlag der feindlichen Granaten, Hubschrauber brachten in einer endlosen Abfolge Tote und Verwundete, die Cash im Hospital besuchte: "Night after night, day after day. Comin' and a goin'". Nach seiner Heimkehr in die Staaten erklärte sich Cash zum Kriegsgegner und wünschte den Soldaten das Beste: "And they all come back home. To stay. In peace".

Kategorie: Höllentrip

"Hätte es keine Musik gegeben, wäre ich verrückt geworden", erklärt der US-Marine Maurice Bell, der zwei Jahre in Vietnam gedient hat. Gespielt wurden Lieder zur patriotischen Selbstbestätigung, harte Songs, um die Todesangst zu überwinden, Melodien, die an Zuhause erinnerten oder Rhythmen, die einfach der Entspannung dienten: in den letzten Kriegsjahren immer häufiger mit einem Joint oder einer Spritze.

Neben Drogen half Musik den GIs, mit dem Schrecken des Krieges fertig zu werden. "We Gotta Get Out of this Place" von den Animals wurde der Nummer-eins-Hit der Soldaten. Wie der im Text besungene Arbeitersohn träumten die Männer davon, an einen fernen, besseren Ort zu verschwinden. Die sogenannten Tunnelratten, deren Aufgabe es war, die getarnten Ausgänge der unterirdischen Gänge der Vietcong aufzuspüren, begeisterten sich für "Purple Haze" von Jimi Hendrix. "Say It Loud (I'm Black and I'm Proud)" von James Brown hämmerte aus den Boxen afroamerikanischer Soldaten. Auf kilometerlangen Patrouillen dachten die GIs an "These Boots Are Made for Walkin" von Nancy Sinatra. Und natürlich spielten die Männer "Fortunate Son" der Band Creedence Clearwater Revival.

"Ein Haufen Schwachsinn"

Mehr als 330 Songs über den Vietnamkrieg aus den Jahren zwischen 1961 und 2008 hat das deutsche Musiklabel "Bear Family Records" auf 13 CDs zusammengetragen - zusammen mit einem schwergewichtigen Begleitbuch. Die Vielzahl an Songs in dieser Sammlung zeigt vor allem eines: Der Krieg wurde nicht nur mit Maschinengewehren und Napalm geführt. Über die Lautsprecher der Musikanlagen lieferten sich Kriegsgegner und -befürworter in der US-Gesellschaft einen Schlagabtausch.

Boonie Rat Song - Chuck Rosenberg, 1991

"Boonie Rat" war der Slang-Ausdruck der GIs für einen erfahrenen Kämpfer im Vietnamkrieg. Ganz im Gegenteil zu einem "FNG": "Fucking New Guy". Chuck Rosenberg verarbeitete musikalisch seinen traumatischen Weg vom "FNG" zur "Boonie Rat": "I landed in this country / One year of life to give / My only friend a weapon / My only prayer, to live". Während seiner Dienstzeit wünscht er sich nichts sehnlicher als nach Hause zurückzukehren. Und nie wieder einen Krieg erleben zu müssen: "They say there'll always be a war / I hope they're very wrong". Seine Hoffnung sollte enttäuscht werden. Ab den Neunzigerjahren arbeitete Rosenberg als ziviler Mitarbeiter der UNO in den Krisengebieten Mosambik, Haiti und dem Kosovo.

Kategorie: Brutales Coming of Age

I've Been Everywhere - Chip Dockery & Dick Jonas, 2010

Eine Karte Südostasiens ist beim Anhören dieses Songs dringend empfohlen - kaum ein Ort, den die beiden Kampfpiloten Chip Dockery & Dick Jonas während des Vietnamkrieges nicht angegriffen haben. Kein Titel wäre daher passender, als das 1959 von dem Australier Lucky Starr gesungene "I've Been Everywhere". Endlos listen Dockery und Jonas ihre todbringenden Missionen auf: "Like Day Strike, Night Strike, Interdiction, Truck Kill, Road Rip, Storage Area, Close Support, Tree Park, Sky Spot, Nail Run, MIG Cap". Und so weiter, und so weiter.

Kategorie: Flug in die Hölle

Prisoner of War (Welcome Back Home) - Billy Holeman, 1973

Den amerikanischen Kriegsgefangenen in Vietnam setzt dieser Song ein Denkmal. Beschrieben wird, was ein Soldat nach langer Gefangenschaft bei seiner Rückkehr empfindet: "The lights of my hometown they sure look pretty / Like diamonds someone's thrown upon the ground". Kriegsgefangener in diesem Konflikt zu sein bedeutete für Angehörige beider Konfliktparteien oftmals Demütigung und Misshandlung. Im berüchtigten nordvietnamesischen Lager "Hanoi Hilton" wurden gefangene Amerikaner wie der einstige US-Präsidentschaftskandidat John McCain gefoltert, um Informationen zu erhalten.

Kategorie: Würdigung

19 - Paul Hardcastle, 1985

1985 brachte dieser Song den Vietnamkrieg auf den Dancefloor. Beeindruckt von einer Dokumentation des Senders ABC komponierte Paul Hardcastle das Lied. Besonders eine Tatsache hatte den Briten schockiert: "In World War II the average age of the combat soldier was 26... / In Vietnam he was 19" - im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg war das Alter der Frontsoldaten in Vietnam von 26 auf 19 Jahre gesunken. In seinem Studio mixte Hardcastle den Lärm von Waffen, Hubschraubern und Fahrzeugen mit Auszügen aus der besagten Dokumentation zusammen. Unterlegt mit dem melodischen "Nineteen" einer Frauenstimme, war der Vietnamkrieg nun tanzbar. Und stürmte in zahlreichen Ländern die Charts. Dabei basiert der ganze Song auf einem Irrtum. Das Durchschnittsalter der US-Soldaten in Vietnam war 22.

Kategorie: Krieg zum Tanzen

Orange Crush - R.E.M., 1988

Rund 50 Millionen Liter des gefährlichen Entlaubungsmittels "Agent Orange" sollen US-Truppen während des Vietnamkriegs über dem Land versprüht haben. Auf diese Weise sollte dem Gegner die Deckung im Dschungel genommen werden. Bis heute leidet die vietnamesische Bevölkerung darunter. Genau wie zahlreiche US-Soldaten, die dem Mittel ausgesetzt waren. Einer dieser GIs war der Vater von Michael Stipes, dem Frontmann von R.E.M. Musikalisch übte er Kritik am rücksichtslosen Einsatz von "Agent Orange". Bei einem Konzert leitete Stipes den Song mit dem Absingen des Werbeliedes der Armee ein: "Be all you can be... in the Army." Das konnten viele Veteranen eben nicht. In Vietnam hatten sie eine tödliche Dosis bekommen. "I've got my orange crush", heißt es im Text.

Kategorie: Musikalische Rache

Beach Party Vietnam - The Dead Milkmen, 1986

Munter-fröhlich sang die Punk-Combo aus Philadelphia von einer tragisch verlaufenen Liebesgeschichte: "Hey Frankie, aren't you gonna give me your class ring? - Oh I'm afraid I can't do that, Annette - Why not? - 'Cause I don't have any arms!" - Frankie kann seiner geliebten Annette nicht den gewünschten Ring geben. In Vietnam hat er seine Arme verloren. Auf diese Weise karikierten die vier Musiker eine beliebte Filmserie: Annette (Funicello) und Frankie (Avalon) waren ein in ganz Amerika beliebtes Schauspielerpaar - bekannt durch die Reihe "Beach". Bei den "Dead Milkmen" ist es dagegen eine "Beach Party Vietnam!"

Kategorie: Geistreiche Verspottung

Riding With Private Malone - David Ball, 2001

Gruselig geht es in diesem Song zu. Nach dem Kauf einer gebrauchten Corvette findet ein Vietnamveteran einen Zettel aus dem Jahr 1966 darin. Darauf steht: "My name is Private Andrew Malone / And if you're reading this / Then I didn't make it home". Gespenstischerweise begleitet der Geist des in Vietnam gefallenen Vorbesitzers den neuen Eigentümer auf seinen Fahrten und rettet ihm bei einem Unfall das Leben. Mit diesem Dreh wählte David Ball die wahrscheinlich ungewöhnlichste Weise, an den Krieg zu erinnern.

Kategorie: Gespenstische Begegnung

Johnny Rambo - Rick Duvall, 1986

Mit Musik versuchen manche Vietnamveteranen ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Rick Duvall ist einer von ihnen. In diesem Song, geschrieben von Country Joe McDonald, macht sich der Ex-Soldat über den Action-Film "Rambo", in dem der ungediente Sylvester Stallone einen Veteranen spielt, lustig: "He's America's wet dream". Vor allem kritisiert Duvall aber die Einstellung der amerikanischen Gesellschaft gegenüber den echten Veteranen: "Loving Johnny Rambo is so easy / Because he's only a fantasy". Im wahren Leben wurden die Leiden der Veteranen anders als auf der Kinoleinwand oft ignoriert. Sie litten am Posttraumatischen Stressyndrom, Depressionen, Drogensucht und den Folgen von Verwundungen.

Kategorie: Filmkritik

Borderline - Larry Barkemeyer, 1997

Von 1970 bis 1971 diente Larry Barkemeyer in Vietnam. Wie Rick Duvall versucht er seine Erlebnisse musikalisch zu verarbeiten. "Twenty Years of Tears" nannte er die selbst veröffentlichte Kassette, auf der auch dieser Song enthalten ist. Barkemeyer wurde in der Nähe der Stadt Qu¿ng Tr¿ eingesetzt, wo vor dem Krieg eine Demilitarisierte Zone (DMZ) zwischen den beiden Staaten bestand. Später fanden dort heftigste Kämpfe statt: "Out there on the DMZ there were men like you and me / Forgotten names in history decorate a granite wall". Barkemeyer meint das "Vietnam Veterans Memorial" in Washington D.C., auf dem die Namen aller dort gefallenen US-Soldaten eingraviert sind.

Kategorie: Kriegsverarbeitung

Thanks, Secret Agent - Jimmy Logston, 1999

Erlebnisse aus Vietnam verfolgen den Veteranen bis heute im Schlaf. Allerdings brachte Jimmy Logston aus dem Kriegsgebiet einen weiteren Albtraum mit. Der Berufssoldat war dem Herbizid "Agent Orange" ausgesetzt und damit dem hochgiftigen Dioxin "TCDD". Er nennt es "Secret Agent". Bis heute verursacht das Gift schwerste Fehlbildungen bei Neugeborenen. Auch seine Tochter ist ein Opfer: "Pain in my body doesn't hurt me as much / As watching my daughter with the seizures and such". Sie leidet unter Anfällen. Damit vererbt die Kriegsgeneration das Trauma Vietnam an ihre Kinder. Die Regierung schere sich nicht darum, kritisiert Logston: "If the agent don't kill you / we'll keep killing time".

Kategorie: Anklage

Die musikalische Allzweckwaffe der Kriegsgegner war der Evergreen "Where Have All the Flowers Gone?", in dem der Songschreiber Peter "Pete" Seeger die Frage stellt: Wo sind all die jungen Männer hin? Die Antwort folgt prompt: Sie wurden Soldaten - und liegen nun in ihren Gräbern. Kriegsbegeisterte berauschten sich dagegen an der Schnulze "The Ballad of the Green Berets" des Elitesoldaten Barry Sadler. Aber natürlich endet das Lied traurig. Ein Green Beret stirbt den Heldentod - selbstverständlich bei der Verteidigung der Schwachen.

Captain Jim Kurtz, der das sinnlose Bluten und Sterben in Vietnam mit eigenen Augen gesehen hatte, bezeichnete den Song kurzerhand als "einen Haufen Schwachsinn".

Diese Meinung teilten im Laufe des Krieges und mit steigenden Verlustzahlen immer mehr Amerikaner. Friedensdemos erhielten mehr Zulauf, Musiker wie Bob Dylan, Pete Seeger, Country Joe McDonald oder auch Jimi Hendrix lieferten den Soundtrack der Anti-Kriegsbewegung.

"Ich lernte, den Horror zu ertragen"

Zwei Tage nach Country Joes legendärem Auftritt in Bethel betrat Hendrix die Bühne - und spielte in einem Solo "The Star-Spangled Banner". Gnadenlos vergriff er sich mit den Effekten seiner E-Gitarre an der amerikanischen Nationalhymne. Jaulend, kreischend ließ er sie im Geheul von Sirenen, explodierenden Geschossen und dem Feuer von Maschinengewehren untergehen. Und zeigte Amerika, dass es in diesem Krieg längst seine Unschuld verloren hatte.

Der Kriegsgegner Hendrix sollte das Ende des Krieges nicht mehr erleben. Er starb im September 1970 in einem Londoner Hotelzimmer. Der letzte US-Soldat verließ Süd-Vietnam am 29. März 1973 - knapp acht Jahre, nachdem die ersten US-Marines zum Bodenkampf angetreten waren. Der Krieg zwischen Nord- und Südvietnam endete erst mehr als zwei Jahre später am 30. April 1975 mit der Kapitulation Saigons.

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Für die Überlebenden war er damit noch lange nicht vorbei. Viele litten unter dem Posttraumatischen Stresssyndrom, andere an Depressionen, Drogensucht oder Alkoholismus. Mithilfe der Musik versuchten einige, sich seelisch selbst zu heilen. "Ich lernte den Horror zu ertragen, wenn ich Kalaschnikowfeuer hörte", sang der Veteran Chuck Rosenberg in seinem "Boonie Rat Song" von 1991.

Verdammung und Rechtfertigung erfuhr der Vietnamkrieg vor allem von Folk-, Country-, Punk- und Rockbands. 2006 ergänzte der amerikanische Musiker R. A. The Rugged Man, bürgerlich Richard Andrew Thorburn, einen Rap. Thorburns Vater war Soldat in Vietnam - und dort dem hochgiftigen Entlaubungsmittel "Agent Orange" ausgesetzt, das die US-Truppen exzessiv versprühten. Rugged Mans Geschwister kamen deshalb mit schweren Behinderungen zur Welt. "Spastik, Tetraplegie, Mikrozephalie, Infantile Zerebralparese, Cortikale Blindheit, nenn es - sie haben es!", heißt es in "Uncommon Valor: A Vietnam Story". Am Schluss zieht der Musiker Bilanz: "Gott gibt, Gott nimmt!" Den Opfern des Vietnamkriegs hat er alles genommen.

insgesamt 18 Beiträge
Florian Bargfeld 28.04.2015
1.
Nettes Advertorial für ein zugegebenermaßen tolles Sammler-Produkt – wie fast alles aus dem Hause Bear Family.
Nettes Advertorial für ein zugegebenermaßen tolles Sammler-Produkt – wie fast alles aus dem Hause Bear Family.
Gerd Weiter 28.04.2015
2.
CCR - Fortunate Son?
CCR - Fortunate Son?
Martin Hafner 28.04.2015
3. CCR - Fortunate Son?
seconded
seconded
Till Neumann 28.04.2015
4. Weshalb JETZT dieser Artikel?
40. Jahrestag des Kriegsendes? Die Box gibt es nämlich schon seit 2010.
40. Jahrestag des Kriegsendes? Die Box gibt es nämlich schon seit 2010.
Heinz Beyer 28.04.2015
5.
Die beliebtesten waren wohl nicht rechtlich zu bekommen - Paint it Black von den Rolling Stones, Fortunate Son von CCR und einige mehr...
Die beliebtesten waren wohl nicht rechtlich zu bekommen - Paint it Black von den Rolling Stones, Fortunate Son von CCR und einige mehr...

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