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Nachkriegsdeutschland

Der amerikanische Frühling

Weite Teile Ost- und Mitteldeutschlands waren am 7. Mai 1945 von Briten und Amerikanern besetzt. Die US-Armee stand in Jena, Weimar und Leipzig. Dieses hunderttägige Sonderkapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde später in Ost und West verdrängt - eine Spurensuche.

DPA
Von Ronald Heinemann
Montag, 24.09.2007   16:33 Uhr

Je näher Amerikaner und Briten kamen, desto besser verstand Klaus Kaschlik die Wortfetzen der britischen BBC. Nachts presste er heimlich sein Ohr an das selbst gebastelte Radio des Vaters. Eine schnarrende englische Stimme berichtete vom rasanten Bodengewinn der Invasionstruppen. Der elfjährige Kaschlik hörte, wie die Deutschen an Rhein und Ruhr reihenweise kapitulierten. Auch in Jena würde das "Tausendjährige Reich" nun bald zu Ende gehen.

Der junge Kaschlik sah die verzweifelten Versuche der Flak-Helfer, herannahende Truppen der Westalliierten mit Flugabwehrkanonen aufzuhalten. Er flüchtete vor der umgehenden Antwort der amerikanischen Artillerie, an deren Mündungsfeuer er sich heute noch erinnert. Auf dem Schulheimweg beobachtete der Schüler, wie Landser Fliegerbomben an den Enden der Saale-Brücken vergruben. Und er spürte die gewaltige Sprengung der Flussübergänge am Abend des 12. April, durch deren Druckwellen die Gläser aus den Schränken fielen und die Wände des Elternhauses zitterten.

Am 13. April, einem sonnigen Frühlingstag, standen die amerikanischen Truppen vor den Toren Jenas. Sie kamen über die Hochebene von Weimar und rollten am frühen Nachmittag ins Saaletal herab. "Es war eine schier endlose Kolonne von Panzern und Lastwagen, die sich die Abhänge hinunterschlängelte", erinnert sich der heute 71-jährige Kaschlik. "Wir konnten sie erst nur sehen, nicht hören."

Der gebürtige Jenaer erzählt von seiner ersten Begegnung mit den G.I.s, vom Jeep eines Infanterie-Spähtrupps, der die Straße zu seinem Elternhaus hochgefahren kam. Von drei weißen und einem schwarzen Soldaten. Davon, wie sie in ihren adretten Uniformen lässig im offenen Jeep die Beine zur Seite rausbaumeln ließen - und wie er vor Aufregung keinen Ton herausbekam. Doch die Soldaten waren höflich, sie brüllten nicht, sondern lächelten sogar. Unsere Befreier sahen nicht gerade aus, als kämen sie aus einem Kriegsgebiet", sagt Kaschlik - nicht ohne darauf hinzuweisen, wie schwierig es bis 1989 war, überhaupt von "Befreiung" zu sprechen.

Denn mit dieser Begegnung begann ein hunderttägiges Sonderkapitel in der deutschen Nachkriegsgeschichte, das heute fast vergessen ist, und über das in der DDR kaum gesprochen werden konnte. Bis zum Sommer waren weite Teile Ost- und Mitteldeutschlands von den Westalliierten besetzt. Im Tausch gegen West-Berlin zogen sich die Amerikaner und Briten später wieder auf das Territorium der späteren Bundesrepublik zurück. Aus den ehemals amerikanisch und britisch besetzten Gebieten östlich der Elbe wurde die SBZ, die sowjetisch besetzte Zone - und 1949 dann die DDR.

Die in Jenas Stadtzentrum vorrückenden Infanterieeinheiten waren Bestandteil der 12. US-Armeegruppe unter General Omar Bradley, die nach der Zerschlagung des Ruhrkessels in einer bis dato beispiellosen Militäroperation ganz Mitteldeutschland binnen zwei Wochen geradezu überrollten.

Im Norden von der britischen 21. Armeegruppe unter Feldmarschall Bernard Montgomery und im Süden von der amerikanisch-französischen 6. Armeegruppe, unter Generalleutnant Jacob L. Devers flankiert, stießen die Panzerdivisionen der XII. US-Armygroup keilförmig entlang der Achse Erfurt-Leipzig-Dresden vor. Schließlich lautete die Direktive des obersten Befehlshabers der westalliierten Streitkräfte, Dwight David Eisenhower: Spaltung des Deutschen Reiches auf kürzestem Wege durch Verschmelzung von West- und Ostarmeen der Anti-Hitler-Koalition.

Lässige Befreier im offenen Jeep

Bereits am 1. April überschritten Einheiten der von General George S. Patton befehligten 3. Armee die thüringische Landesgrenze und gingen bei Creuzburg über die Werra. Weiter nördlich kassierte die 9. Armee unter General William H. Simpson täglich Dutzende Kapitulationserklärungen deutscher Einheiten und nahm am 18. April Magdeburg ein. Wenige Tage später, am 25. April 1945, erfolgte das denkwürdige Treffen: amerikanische Spähtrupps stießen im sächsischen Torgau an der Elbe auf russische Einheiten des 173. Schützenregiments. Anfang Mai ereilte Eisenhower die Nachricht, britische Truppen hätten die Hafenstadt Wismar erreicht. Die Anti-Hitler-Koalition hatte Deutschland nun endgültig gespalten.

Nur eine Woche bevor die Chronisten den 7. Mai 1945 als Tag der bedingungslosen Kapitulation Hitler-Deutschlands notierten, wehten über Sachsen, Thüringen und weiten Teilen Mecklenburgs schon "Sternenbanner" und britischer "Union Jack".

Mit ihrem fulminanten Vorstoß östlich des Rheins aber waren Eisenhowers Invasionstruppen im wahrsten Sinne des Wortes zu weit gegangen: "Die Besetzung Mitteldeutschlands durch westalliierte Truppen war zu keinem Zeitpunkt Bestandteil einer der Konferenzen zwischen Roosevelt, Churchill und Stalin", sagt Klaus-Dietmar Henke, Professor für Zeitgeschichte an der Technischen Universität Dresden. Spätestens seit der Konferenz in Jalta im Februar 1945 war die Demarkationslinie zwischen West- und Ostzone von den "Großen Drei" definitiv sanktioniert worden.

Das amerikanische Gastspiel in Thüringen und Sachsen dauerte keine hundert Tage, doch es hinterließ mächtigen Eindruck. "Wir staunten über die riesigen mobilen Zeltstädte, die die Amerikaner in Jenaer Stadtpark errichteten", beschreibt Kaschlik das Provisorium der Besatzer. "Bäckereien, Wäschereien - alles war in Zelten aus Leinentuch untergebracht. Dazwischen Tausende Benzinkanister und das ohrenbetäubende Brummen der Generatoren". Sehr bald, sagt Kaschlik, hätten die Amerikaner dafür gesorgt, Schulen wiederzueröffnen. "Sie kümmerten sich um eine regelmäßige Schulspeisung. Schneeweiße Brötchen und Milch gab es jeden Morgen", erinnert der Jenenser.

Höfliche Besatzer suchen Nähe

"Anders als bei den Sowjets, in deren Land die Deutschen unzählige Verbrechen verübt hatten, bestand gegenüber den Amerikanern wenig Angst vor Rache und Vergeltung", erklärt Historiker Henke. Dementsprechend groß sei auch die Bereitschaft der Deutschen gewesen, mit den Besatzern zu kooperieren. "Die suchten Nähe, wir suchten Nähe", sagt Kaschlik heute, 60 Jahre später.

Zwar galt ein politisches Betätigungsverbot für alle, jedoch "versuchten die Amerikaner einigermaßen unbelastete Persönlichkeiten in die wichtigsten Verwaltungspositionen zu bringen. Auch hier schenkten sie der allgemeinen Stabilisierung der Lage zunächst mehr Aufmerksamkeit als einer durchgreifenden Entnazifizierung", weiß Klaus-Dietmar Henke.

Dennoch überprüften die Militärverwaltungen der einzelnen Kommunen bis Mitte Juni 1945 weit über 25.000 Zivilisten, um Angehörige von SS, SA und den sonstigen Verbänden der NSDAP zu identifizieren. Allein in Leipzig, sagt der Historiker, hätte die zuständige Militärbehörde bis Ende Mai einige tausend Fälle geprüft und immerhin 805 Entlassungen aus der Stadtverwaltung vorgenommen.

Bereits Anfang Mai 1945 kursierten Gerüchte, die von Amerikaner und Briten besetzten Gebiete könnten doch noch "russisch" werden. "Wir wussten ja noch weniger, als die örtlichen Militärs", schildert Klaus Kaschlik die damalige Lage. Alle hätten nur panische Angst vor dem Einmarsch der Sowjets gehabt. Aus den Gerüchten über den vereinbarten Verlauf der Zonengrenzen wurde bald Gewissheit. Am 1. Juli, zogen Amerikaner und Briten wieder ab.

Die Angst vor Vergeltung durch Stalins Rotarmisten löste bei der deutschen Zivilbevölkerung eine dramatische Flüchtlingswelle aus. "Für viele der Menschen, die einfach nur Angst oder auch gute Gründe hatten, besser keine Bekanntschaft mit den sowjetischen Truppen zu machen, war die Veröffentlichung des Zonengrenzverlaufs das Signal, dass ihnen den letzten Anstoß gab", analysiert der Historiker Henke die Gründe für den anstehenden Exodus.

Den ganzen Mai über registrierten amerikanische Militärs panische Flüchtlingsbewegungen gen Westen. Hinzu kamen Flüchtlingstrecks aus dem Osten, die die einrückenden sowjetischen Truppen vor sich hertrieben. In heller Aufregung versuchten die Menschen das verbliebene Eigentum und Kapital in den westlichen Besatzungszonen in Sicherheit zu bringen. In Eisenach, schrieb beispielsweise die amerikanische Übergangsverwaltung, habe ein Massenexodus gedroht, nachdem Bürger im Radio von der nahenden Roten Armee gehört hätten.

Nicht nur Privatpersonen begaben sich erneut auf eine ungewisse Reise. Die meisten Betriebe sorgten vor dem Besatzungswechsel selbst dafür, Maschinen, wertvolle Unterlagen und Führungskräfte dem sowjetischen Zugriff zu entziehen. Der Textilkonzern der Vereinigten Glanzstoff AG aus dem sächsischen Plauen beispielsweise leitete rechtzeitig Maßnahmen für eine komplette Betriebsevakuierung ein, als der Besatzungswechsel sich abzuzeichnen begann.

In einer Nacht- und Nebelaktion überführte der Vorstand die wichtigsten Maschinen und Patentunterlagen ins bayerische Coburg. Ähnlich verlief es bei den Siemens&Halske Werken im thüringischen Raum Gera-Erfurt: Als die Geschäftsleitung einen Tipp aus der amerikanischen Verwaltung bekam, fiel der Startschuss zu einer großangelegten Evakuierungsmaßnahme. Insgesamt 2000 bis 3000 Firmenangehörige und etwa 500 Tonnen Firmengut, sagt Henke, seien binnen weniger Wochen auf Lkw und in Eisenbahnwaggons von Thüringen nach Bayern geschafft worden.

Ärzte, Juristen, Ingenieure verschwanden über Nacht. Amerikanische Militärs, die eigentlich verpflichtet gewesen waren, gegen die Abwanderung einzuschreiten, gaben sich wenig Mühe die privaten Ausräumungen zu stoppen.

"Wie hoch die freiwillige Abwanderung insgesamt war ist im Einzelnen noch unerforscht. Sicher ist, dass andere Industrieunternehmen in den Wochen vor und nach dem Besatzungswechsel in Sachsen und Thüringen ähnlich vorgingen wie die Vereinigte Glanzstoff und Siemens", ist Klaus-Dietmar Henke überzeugt. Letztlich sei die Art der indirekten Unterstützung ja nicht uneigennützig gewesen, gibt der Historiker zu bedenken. "Durch die freiwillige Flucht vor den Sowjets haben sich Amerikaner und Briten ohne große Mühe die Crème der mitteldeutschen technischen und naturwissenschaftlichen Intelligenz gesichert."

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 16.05.2005

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