einestages

Nachkriegszeit

(M)ein roter Ball

Wie kriegt man Zwofuffzig zusammen, wenn man erst elf Jahre alt ist? Im Nachkriegs-Deutschland konnte man bald wieder fast alles kaufen - mit dem nötigen Kleingeld. Um mit dem roten Ball aus dem Kaufhaus spielen zu können, weitete Cordelia Rogge den Eigentumsbegriff ein wenig.

ddp
Mittwoch, 23.04.2008   13:00 Uhr

1949 gab es in der neu gegründeten Bundesrepublik schon wieder fast alles zu kaufen. Meine Mutter kam eines Tages überglücklich nach Hause und drückte mir meine erste Banane in die Hand. "Probier mal", sagte sie, "die ist lecker und sooo gesund!" Nach dem ersten Biss reichte ich sie ihr zurück, "schmeckt mir nicht", sagte ich und sah in ihr enttäuschtes Gesicht. Ein Päckchen Brausepulver, das dieses unvergessliche Prickeln auf der Zunge hervorruft, wäre mir viel lieber gewesen.

Wir Kinder drückten uns die Nasen platt an den Scheiben der Spielzeuggeschäfte. Da gab es Kreisel, bunte Glaskugeln, Hüpfseile, Malbücher, Buntstifte und Bälle - Bälle in allen Farben und Größen. Im Kaufhof in Frankfurt auf der Zeil entdeckte ich in der Spielzeugabteilung einen knallroten Ball, der mir besonders gut gefällt. Sehnsüchtig betrachtete ich ihn, in der Nacht würde er durch meine Traumwelt kullern. Ich wusste nicht, wie lange es her ist, dass ich einen Ball besaß. Hatte ich überhaupt jemals einen?

Sparen, sparen, sparen!

Oft ging ich den weiten Weg von Sachsenhausen zum Kaufhof, um mir meinen Ball anzusehen. Er lachte mich an und flüsterte mir zu: "Nimm mich mit, spiel mit mir!" Aber ich wollte warten, bis ich genügend Geld haben würde, um ihn zu kaufen. Der Ball kostete zwei Mark und fünfzig Pfennige. Unvorstellbar viel Geld! Täglich zählte ich meine gesparten Pfennige. Das reichte noch lange nicht. Ich sammelte Altpapier, Zeitungen, Flaschen, alles, was ich verkaufen konnte, verdiente aber viel zu wenig. Ich verzichtete auf mein heiß geliebtes Tutti-Frutti-Eis, kaufte weder Bonbons noch Brause - aber manchmal konnte ich auch nicht widerstehen. Wie sollte ich jemals das Geld zusammenkriegen?

Wieder im Kaufhof lief ich sehnsuchtsvoll zu meinem Ball, nahm ihn in die Hand, warf ihn hoch, spielte mit ihm und ging langsam, ganz langsam nach draußen. Niemand sah mich. Überglücklich lief ich nach Hause. Schnell versammelten sich die Kinder aus der Nachbarschaft um mich und staunten. Sie waren neidisch - und ich stolz! Den ganzen Nachmittag spielten wir auf der Straße mit meinem Ball.

Am Abend fragte mein Vater: "Woher hast du den Ball?" Stolz antwortete ich: "Im Kaufhof geklaut. Es hat niemand gesehen und es gibt noch viele davon."

Er sah mich entsetzt an. Keines seiner Kinder hatte jemals geklaut. "Morgen gehst du in den Kaufhof und bringst den Ball zurück. In unserer Familie klaut niemand", war alles, was er sagte. Ich hasste ihn dafür. Er sollte doch froh sein, eine so clevere Tochter zu haben. "Gib mir das Geld, damit ich ihn kaufen kann", flehte ich ihn an.

"Warum sollte ich ein Kind, das klaut, auch noch belohnen? Warum hast du nicht vorher gefragt", erwiderte mein Vater. Ich wusste genau, dass er mir das Geld nie gegeben hätte, denn für alles sollte ich selbst sparen, deshalb sagte ich mit weinerlicher Stimme: "Ich spare doch schon dafür, aber es dauert so lange!" - "Morgen bringst du den Ball zurück", war sein letztes Wort.

Ein Trick soll das Spielzeug retten

Aber ich war mir sicher: Niemals würde ich meinen heiß geliebten roten Ball wieder hergeben! Ich dachte mir einen Plan aus. Ich würde den Ball nach dem Spielen großzügig meiner Freundin Vera überlassen. Sie sollte ihn mit nach Hause nehmen und ihren Eltern wahrheitsgemäß sagen, der Ball sei von mir. So sollte er die Runde durch sämtliche Kinderzimmer machen und wäre nachmittags für mich zum Spielen immer greifbar. Nebenbei würden alle anderen Kinder meine Freunde sein wollen, um den Ball auch einmal mitnehmen zu dürfen. Über ihre Phantasien, wie sie den Ball behalten könnten, machte ich mir lieber keine Gedanken.

Mein Plan war gut und funktionierte. Als Vater mich fragte, ob ich den Ball zurück gebracht hätte, nickte ich durchaus glaubwürdig mit dem Kopf. Und für ihn war die Familienehre wieder hergestellt.

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