einestages

Nazi-Arzt Aribert Heim

Jagd durch die Jahrzehnte

Giftspritzen ins Herz und OPs ohne Betäubung: Aribert Heim gilt als einer der schlimmsten NS-Kriegsverbrecher - und mittlerweile als der meistgesuchte. Seit 1962 wird erfolglos nach dem KZ-Arzt gefahndet. Nun glauben Nazi-Jäger, den mittlerweile 94-Jährigen eingekreist zu haben.

DPA
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Freitag, 18.07.2008   15:53 Uhr

Die Jagd nach dem meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher könnte sich ihrem Ende zuneigen: Fahnder des Simon-Wiesenthal-Zentrums sind Aribert Heim, einem der schlimmsten Nazi-Täter, nach eigenen Angaben dicht auf den Fersen. Mehrere Augenzeugen hätten den mittlerweile 94-jährigen Heim in den vergangenen sechs Wochen gesehen, erklärte Efraim Zuroff, Chefermittler des Simon-Wiesenthal-Zentrums. Die Chance, den früheren NS-Arzt dingfest zu machen, seien so groß wie noch nie. "Wir stehen jetzt besser da als vorher", sagte Zuroff gestern auf einer Pressekonferenz. "Das garantiert nicht, dass wir Heim fassen, aber ich habe Hoffnung."

Nach den Erkenntnissen der Nazi-Jäger soll sich Heim derzeit entweder in Chile oder dem argentinischen San Carlos de Bariloche versteckt halten. Zuroff geht fest davon aus, dass Heim noch lebt. Dafür spreche, dass seine Kinder bisher keinen Anspruch auf sein in Deutschland liegendes Vermögen in Höhe von rund zwei Millionen Euro gestellt hätten.

Heim diente zwischen Juli und November 1941 im Konzentrationslager Mauthausen, wo er Häftlinge mit brutalsten Methoden quälte. Berüchtigt war er unter anderem dafür, seinen Opfern Giftspritzen direkt ins Herz zu injizieren. Außerdem führte er Operationen an Häftlingen ohne Betäubung durch. Zeitzeugen erinnern sich an ihn als "Schlächter von Mauthausen" oder "Dr. Tod". Oft wird Heim in einem Atemzug mit Josef Mengele genannt, der in Auschwitz medizinische Experimente von unvorstellbarer Grausamkeit an KZ-Insassen vornahm.

Ein ganz normales, bürgerliches Leben

Obwohl sowohl sein Vorgesetzter im KZ als auch der Lagerapotheker im Mauthausen-Prozess 1947 verurteilt und hingerichtet wurden, kam Heim ungeschoren davon - ungeachtet zahlreicher Zeugenaussagen und Protokolle über seine Folter-Operationen. Immer wieder wurde deshalb spekuliert, Heim habe seine Dienste - in welcher Form auch immer - den Amerikanern angeboten. Infolgedessen, so die These, seien seine Akten manipuliert worden. In Heims Unterlagen im Berliner Document Center, das NS-Personalakten bewahrt, taucht sein Einsatz in Mauthausen jedenfalls nicht auf, wie Recherchen des SPIEGEL im Jahr 2005 ergaben.

Bis 1962 lebte Heim vollkommen unbehelligt in der Bundesrepublik. Nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1947 arbeitete er zunächst in einer Saline bei Heilbronn und kehrte 1949 endgültig in sein bürgerliches Leben zurück. Nach einem Zwischenspiel als Assistenzarzt am Bürgerhospital im hessischen Friedberg eröffnete Heim Anfang der fünfziger Jahre eine Frauenarztpraxis in Baden-Baden.

Erst 1957 wurde das erste Verfahren gegen ihn eingeleitet - und zwar vom Landgericht im österreichischen Linz. Kurze Zeit später nahm auch die Staatsanwaltschaft in Baden-Baden Ermittlungen gegen Heim auf und erließ am 13. September 1962 einen Haftbefehl. Am gleichen Tag tauchte der KZ-Arzt unter; den zur Festnahme ausgerückten Polizisten entwischte er dabei buchstäblich in letzter Sekunde. Seine Frau und die beiden Söhne ließ Heim in Baden-Baden zurück. Doch erst 1967 reichte Heims Ehefrau die Scheidung ein und distanzierte sich auch öffentlich von ihrem Mann.

45 Jahre Katz-und-Maus-Spiel

Seit nun mehr als 45 Jahren treibt Heim ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Ermittlern. 1963 tauchte er angeblich noch einmal in Berlin auf, um seine Schwester mit der Verwaltung seines Vermögens zu betrauen. Später wollten Zeugen ihn in Uruguay, Spanien, der Schweiz, in Chile und Brasilien gesehen haben. Anderen Hinweisen zufolge soll Heim zwischen 1963 und 1967 als Polizeiarzt in Kairo in Ägypten gearbeitet haben. Trotz der vielen Hinweise und intensiver Fahndung ging "Dr. Tod" der Justiz bisher nicht ins Netz.

Wiesenthal-Chefermittler Zuroff ist nun zuversichtlich, dass es diesmal anders ist. Er beruft sich auf vermeintliche Hinweise aus dem Umfeld einer Verwandten von Heim, die in einer chilenischen Hafenstadt lebt. Zuroff glaubt, dass sich Heim in ihrer Nähe aufhält - ein Mann in Heims Alter könne eigentlich nicht mehr alleine leben, sondern brauche Unterstützung. Deshalb will er den Druck auf Heims Angehörige erhöhen: "Menschen unter Druck machen Fehler", so Zuroff. Dass Heim längst tot sei, glaubt Zuroff nicht. Die Familie des Flüchtigen hatte zwar bereits 1993 mitgeteilt, Heim sei in Argentinien verstorben. Da aber keine Sterbeurkunde vorgelegt wurde, hielten die meisten Ermittler die Meldung vom Ableben Heims für eine Finte, die den Fahndungsdruck verringern sollte. Das allerdings ist 15 Jahre her.

Die Aktion in Südamerika ist Teil der "Operation letzte Chance", die das Simon-Wiesenthal-Zentrum gemeinsam mit der Targum-Shlishi-Foundation vor sechs Jahren ins Leben rief, um die letzten noch lebenden NS-Täter vor Gericht zu bringen, bevor sie sterben. Dafür setzten die Privatfahnder auch auf umstrittene Mittel: 315.000 Euro Belohnung sind für denjenigen ausgelobt, der den entscheidenden Hinweis für die Ergreifung Aribert Heims liefert.

Wenn er noch lebt.

insgesamt 5 Beiträge
Florian Rott 20.07.2008
1.
Meineserachtens kann man geteilter Meinung darüber sein, ob es tatsächlich notwenidig ist mit einem Riesenspektakel alte Männer mit Vergangenheit zu suchen. Den Opfern hilft das nicht, die meisten, wahrscheinlich sogar alle [...]
Meineserachtens kann man geteilter Meinung darüber sein, ob es tatsächlich notwenidig ist mit einem Riesenspektakel alte Männer mit Vergangenheit zu suchen. Den Opfern hilft das nicht, die meisten, wahrscheinlich sogar alle weilen nicht mehr unter den lebenden. Zudem wird in Gedenkstätten und Mahnmalen die Erinnerung an die unmenschlichen Bedingungen gut wachgehalten und das Grauen dokumentiert. Dem Beschuldigten, den zunächst ist mal nur Beschuldigter, ob er Täter war müsste in einem Verfahren festgestellt werden (habeas corpus), wird es mitlerweile egal sein, wahrscheinlich ist er eh dement und hat nur noch ein geringe Restelebenserwartung (da verliert eine lebenslange Freiheitsstrafe ganz schnell ihren Schrecken). Auch ist nicht klar, ob der Beschuldigte dem Prozess überhaupt folgen kann. Die Jäger jagen eigentlich nur die eigene Reputation. Einen Sinn kann ich in der Aktgion nicht erkennen.
Rainer Schinzel 20.07.2008
2.
Es ist richtig, diese Verbrecher zu jagen, und seien sie noch so alt. Es kann nicht angehen, daß jemand wie Aribert Heim seinen Lebensabend in Ruhe geniesst. Die Tatsache, daß man seiner immer noch habhaft zu werden versucht, [...]
Es ist richtig, diese Verbrecher zu jagen, und seien sie noch so alt. Es kann nicht angehen, daß jemand wie Aribert Heim seinen Lebensabend in Ruhe geniesst. Die Tatsache, daß man seiner immer noch habhaft zu werden versucht, soll ihn ruhig beunruhigen. Im Gegensatz zu dem, was seine Opfer erlitten haben, ist das immer noch wenig.
Florian Rott 21.07.2008
3.
Es ist richtig, zu dem was seine Opfer erlitter haben, ist eine Strafe zum jetzigen Zeitpunkt zu wenig. Die Frage ist ob es, wenn man ihn früher bekommen hätte eine Strafe gegeben hätte, die dem Verbrechen gerecht geworden [...]
Es ist richtig, zu dem was seine Opfer erlitter haben, ist eine Strafe zum jetzigen Zeitpunkt zu wenig. Die Frage ist ob es, wenn man ihn früher bekommen hätte eine Strafe gegeben hätte, die dem Verbrechen gerecht geworden wäre. Das einfache "Aufhängen" (war zu Nürnbergs Zeiten ja durchaus üblich) wäre vielleicht, weil es zu schnell geht, nicht ausreichend gewesen. Eine lebenslange Haft (bei einer Resthaftzeit von 40 Jahren) ginge einigen vielleicht nicht weit genug. Ich bin überzeugt, dass ein Mensch der in Freiheit über 90 Jahre alt werden konnte, durch Pressemitteilungen nicht mehr zu beunruhigen ist. Der hat sein Leben gelebt. Die Jäger kommen zu spät.
Rainer Schinzel 22.07.2008
4.
>Es ist richtig, zu dem was seine Opfer erlitter haben, ist eine Strafe zum jetzigen Zeitpunkt zu wenig. > >Die Frage ist ob es, wenn man ihn früher bekommen hätte eine Strafe gegeben hätte, die dem Verbrechen [...]
>Es ist richtig, zu dem was seine Opfer erlitter haben, ist eine Strafe zum jetzigen Zeitpunkt zu wenig. > >Die Frage ist ob es, wenn man ihn früher bekommen hätte eine Strafe gegeben hätte, die dem Verbrechen gerecht geworden wäre. Das einfache "Aufhängen" (war zu Nürnbergs Zeiten ja durchaus üblich) wäre vielleicht, weil es zu schnell geht, nicht ausreichend gewesen. Eine lebenslange Haft (bei einer Resthaftzeit von 40 Jahren) ginge einigen vielleicht nicht weit genug. > >Ich bin überzeugt, dass ein Mensch der in Freiheit über 90 Jahre alt werden konnte, durch Pressemitteilungen nicht mehr zu beunruhigen ist. Der hat sein Leben gelebt. Die Jäger kommen zu spät. Auch mit 90 Jahren beunruhigt es einen, wenn man zur Rechenschaft gezogen werden soll, Alzheimer mal aussen vor. Das ist völlig in Ordnung. Soll der Kerl sich Sorgen machen. Die Jäger kommen nicht zu spät... früher wäre besser gewesen - ohne Zweifel... Man würde ihn wahrscheinlich auch nicht mehr aufhängen ( was ja auch nichts mehr ändern oder verbessern würde....) - die Signalwirkung ist meines Erachtens das Entscheidende...
Florian Rott 05.02.2009
5.
Spiegel online hat am 05.02.2009 den Tod von Herrn Heim vermeldet und datiert diesen auf das Jahr 1992.
Spiegel online hat am 05.02.2009 den Tod von Herrn Heim vermeldet und datiert diesen auf das Jahr 1992.

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