einestages

NS-Täterkinder

Spuren der Vergangenheit

Eher zufällig entdeckt Almut Siebel, dass ihr Vater ein einflussreicher Nationalsozialist gewesen sein könnte. Die Erkenntnis schockiert sie. Sie beginnt einen schmerzhaften Prozess von Nachforschungen.

Manfred Witt/ Bundesarchiv Berlin
Mittwoch, 16.04.2014   11:07 Uhr

Zur Autorin

Es ist still im Saal. Ein Mann kommt auf mich zu. Er legt einen Stapel vergilbter Papiere auf den Tisch. Und Fotos.

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 16/2014
Mein Vater, der Mörder
SPIEGEL-Reporter Cordt Schnibben über seine Nazi-Eltern und die Flucht vor der Wahrheit

"Ist das Ihr Vater?"

Ich schaue auf die Tischplatte - und dann sehe ich es, dieses Bild von meinem Vater. Erst erkenne ich ihn nicht. Er wirkt ziemlich gefährlich auf dem Foto: Das Licht kommt von oben, die Augen liegen im Schatten, wie zwei dunkle Höhlen.

"Ja, das ist mein Vater."

"Es gibt da auch noch eine Frau, Marie-Luise Kunze."

"Das ist meine Mutter."

"Frau Siebel, Ihr Vater war beim Reichssicherheitshauptamt. Wissen Sie, was das heißt?"

Eigentlich war ich aus einem anderen Grund hierher gekommen, in die Berliner Abteilung des Bundesarchivs. Ich wollte für die Stolperstein-AG zu den Elmshornern recherchieren, die im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Als ich die vielen Akten sah, dachte ich: Guck doch mal, was Papa damals in Ostpreußen gemacht hat.

Ich schaue den Papierstapel genauer an. Da sind die Bilder meiner Eltern, meine Mutter trägt ein selbstgenähtes Baumwollkleid, mein Vater eine schwarze SS-Uniform. Die Fotos liegen einem Antrag an das Rasse- und Siedlungsamt bei, mit der Bitte um Erlaubnis zur Verlobung. Dazu gibt es ein Bewerbungsschreiben meiner Mutter: Ihre Neigung zu Bewegung und Musik habe sie zum Sport und zum Bund Deutscher Mädel (BDM) geführt, der weiblichen Hitlerjugend. Sie sei Gründerin und Kassenwartin der NS-Frauenschaft und Kulturbeauftragte der NSDAP, lese ich. Und dann ist da der Personalbogen meines Vaters, vom Reichssicherheitshauptamt: Karl-Heinrich Siebel, Geburtsort: Winkhausen, Beruf: Techniker, Größe: 182, Eintritt in die SS: 4.2.33.

Noch bin ich nicht beunruhigt. Der Begriff "Reichssicherheitshauptamt" sagt mir nichts. Ich wusste, dass mein Vater am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten war, am vorerst letztmöglichen Termin. Das Datum war nicht förderlich für eine Karriere, zeigte es doch, dass jemand wie mein Vater eigentlich nicht in die Partei eintreten wollte.

Mein Vater, ein Mitläufer, denke ich

Mein Vater, ein Mitläufer, denke ich, aber ich will mehr wissen. Und so sitze ich ein paar Wochen später beim Rechercheseminar für Täterkinder in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Ich hole den kopierten Personalbogen des Reichssicherheitshauptamts aus der Tasche. "Ich weiß nicht, ob das überhaupt relevant ist", sage ich. Eine Mitarbeiterin beugt sich über das Papier. Oben links, ganz unauffällig, steht ein Satz geschrieben, in Sütterlinschrift: "m. d. Fhrung d. Außenst. Königsberg beauftr."

Ich konnte den Satz erst nicht entziffern. Ich dachte, da steht "Ehrung". Nein, sagt die Mitarbeiterin, da steht: mit der Führung beauftragt. "Das ist kein E, sondern ein F, und das Ü hat man weggelassen", erklärt sie. Eine gängige Schreibweise damals.

Mein Vater. Reichssicherheitshauptamt. Führung. Außenstelle Königsberg. Nachdenklich fahre ich an diesem Abend nach Hause.

Ich fange an, im Internet zu recherchieren. Ich finde Einträge über Königsberg und das Reichssicherheitshauptamt. Ein Artikel beschreibt Königsberg als Hochburg an brauner Gesinnung. Das Reichssicherheitshauptamt, lese ich, war der Zusammenschluss von Kripo, äußerer und innerer Spionage, dem sogenannten Sicherheitsdienst (SD) und der Gestapo zum Zweck einer effizienten Umsetzung der "Endlösung".

Meine Gefühle geraten durcheinander. Kann das sein?, frage ich mich. Waren meine Eltern, die mich und meine fünf Geschwister so liebevoll in einem Dorf im Siegerland großgezogen hatten, treue Anhänger des Naziregimes? Die Fotos mit den kleinen Löchern fallen mir ein. Fotos, von denen meine Großmutter mit einer Rasierklinge das Hakenkreuz weggekratzt hatte. Und auch an die Narbe erinnere ich mich wieder, wie eine Impfnarbe sah sie aus. Ich hatte sie als Kind unter der Achsel meines Vaters entdeckt. "Was ist das eigentlich für ein Loch unter deinem Arm?", fragte ich. "Och", sagte er, "da war die SS-Nummer." Damals habe ich mir nichts dabei gedacht.

Ich sehe meine Eltern wie durch eine bräunliche Folie

Jetzt bin ich irritiert über das neue Bild meiner Eltern. Und darüber, dass mir bis vor kurzem gar nicht in den Sinn gekommen ist, dass sie in diesem Maße in die Machenschaften der Nationalsozialisten verwickelt gewesen sein könnten. Wieso, frage ich mich, konntest du das so lange ignorieren? Mir wird klar, dass ich immer ein bestimmtes Bild von einem Nazi hatte. Ein Nazi, das war für mich ein stiernackiger Typ mit einem Monokel und einer dicken Zigarre im Mundwinkel. Aber niemals Menschen wie meine Eltern. Jetzt sehe ich sie immer mehr wie durch eine bräunliche Folie.

Von der Gedenkstätte Neuengamme bekomme ich eine Liste mit Anlaufstellen, Archiven, Datenbanken und Internetadressen. Ich recherchiere im Internet. Außerdem gehe ich zur monatlichen Filmreihe der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" und besorge mir Sekundärliteratur. Ich lese alles, was ich zum Thema finden kann.

Meine nächste Station ist die Deutsche Dienststelle der ehemaligen Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) in Berlin. Hier bekomme ich den Hinweis, dass mein Vater bis 1948 im Internierungslager Fallingbostel war - einem von mehreren britisch geführten Umerziehungslagern in Nordwestdeutschland. Wenn mein Vater im Lager war, muss es ein Spruchgerichtsurteil geben, und wenn er 1948 entlassen wurde, ein Entnazifizierungsverfahren. Die WASt verweist mich an das Bundesarchiv in Koblenz und das dazugehörige Militärarchiv in Freiburg im Breisgau.

In Koblenz habe ich Erfolg: Es gibt eine Akte vom Verfahren am Spruchgericht Benefeld-Bomlitz, heißt es, 63 Seiten lang, inklusive Anklageschrift, Urteil und Verhörprotokollen aus Fallingbostel. Doch bevor ich die Akte einsehen kann, werde ich krank und muss die Recherche unterbrechen.

Drei Jahre später nehme ich die Spurensuche wieder auf. Sie führt mich erneut nach Berlin. Im Krankenhaus hatte ich das Standardwerk über das Reichssicherheitshauptamt gelesen - "Generation des Unbedingten" von Michael Wildt. Jetzt will ich ihn treffen, um mit ihm über meinen Vater zu reden.

Das Reichssicherheitshauptamt, sagt Wildt, habe selbst keine Außenstellen unterhalten. Es sei im Grunde nur ein logistischer Zusammenschluss der verschiedenen Ämter gewesen, mein Vater habe ein Büro des Sicherheitsdienstes (SD) geleitet. Die Frage sei nur: Wie ist er an diese Position gekommen? War er Verkehrspolizist? War er bei der Gestapo?

Am nächsten Tag besuche ich die Topografie des Terrors, auf dessen Gelände sich auch das Reichssicherheitshauptamt befand. In der Bibliothek legt man mir allgemeine Informationen zum SD vor. Demnach wurden polizeiliche Inspekteure als Kriegsberichterstatter eingesetzt. Das heißt auch: Desinformation. Nach eigener Aussage sollten sie das Ohr am Volk haben und zwischen verschiedenen Führungsebenen vermitteln. Auf dem Rückzug nach Westen sollen sie Flüchtlingszüge kontrolliert und Deserteure erschossen haben. Nirgends lese ich den Namen meines Vaters.

Doch das Bild fügt sich langsam zusammen, wie ein Puzzle. In Ostpreußen, hatte mein Vater erzählt, sei er Kriegsberichterstatter gewesen. Er sei auf einem Motorrad herumgefahren und habe Berichte geschrieben, darüber, was die Russen dort angerichtet hätten. Bei einem Treffen mit anderen Täterkindern in Neuengamme habe ich ähnliche Geschichten gehört. Unsere Väter, ein Heer von motorradfahrenden Berichteschreibern?

Ich fordere im Bundesarchiv Koblenz eine Kopie der Spruchgerichtsakte an. Gleichzeitig frage ich in den Landesarchiven Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen nach der Entnazifizierungsakte meines Vaters.

Die Akte aus Koblenz kommt per Post. Die Verhörprotokolle des Spruchgerichts Benefeld-Bomlitz bestätigen, dass mein Vater die SD-Außenstelle Königsberg geleitet hat, mit zwei Sekretärinnen und drei Stenotypistinnen. Weiter heißt es, dass der Ortsgruppenleiter in Altenseelbach meinem Vater zunächst angeboten hatte, Leiter einer Sportschule zu werden. Das war 1934.

Mein Vater bestreitet, "an Verbrechen teilgenommen zu haben"

Er arbeitete dann zwei Jahre als Sportlehrer an verschiedenen Schulen der SS. Er sei aus Überzeugung beigetreten, sagt mein Vater im Verhör aus, wegen des nationalsozialistischen Konzeptes gegen die Arbeitslosigkeit. Dann kam er zum SD. Seine Aufgaben? "Die Volksmeinung zu erforschen und entsprechende Berichte zu seinen vorgesetzten Dienststellen weiterzugeben", heißt es in der Akte. Seine häufigen Anträge, zur Wehrmacht versetzt zu werden, hätten seinen Vorgesetzten so verärgert, dass er ihn nach Zichenau verlegt hätte. Die Leitung der SD-Außenstelle habe er erst erhalten, als die eigentliche Spitze des SD weiter nach Osten verlegt worden war. Auch in Zichenau wurden Polen, Intellektuelle, Juden und Kommunisten ghettoisiert und in KZs gebracht. Davon, so steht es im Verhörprotokoll, wollte mein Vater nur gerüchteweise gehört haben. Außerdem bestreitet er, "an Verbrechen teilgenommen zu haben, die der Gestapo und dem SD im Nürnberger Urteil zur Last gelegt werden."

Das Spruchgericht glaubte ihm nicht. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass mein Vater als SD-Referent für Volkstumsfragen in Königsberg, Zichenau und Allenstein von Anfang an über die Judenverfolgung sowie über Verhaftungen und Deportationen der polnischen Bevölkerung Bescheid wusste. Eine Mittäterschaft konnten sie ihm aber nicht nachweisen. Er wurde als Mitläufer eingestuft, ein Jahr Haftstrafe, abgegolten durch die Internierung in Fallingbostel.

In der Entnazifizierungsakte aus dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalen finde ich ähnliche Unterlagen. Die Akte umfasst außerdem eidesstattliche Versicherungen mehrerer Zeugen, die 1948 für meinen Vater ausgesagt hatten. Alle Zeugen haben eine hohe Position. Alle äußern sich positiv über meinen Vater:

"Er hat ein ruhiges Wesen, eine anständige Gesinnung und war beliebt, er machte keine Zubringerdienste für die GeStaPo."

"Sehr objektiver und ruhiger Beobachter, der scharf alle Eingriffe der NSDAP verurteilte."

"Er war nicht in der Lage, Kriegsgefangene zu misshandeln oder sich an der Ausrottung der Juden zu beteiligen, und war nicht in den besetzten Gebieten."

Wenn man den Zeugen glauben kann, war mein Vater an Deportationen oder Erschießungen von Juden nicht beteiligt. Ich bin ziemlich erleichtert und kann in dieser Nacht gut schlafen. Doch am nächsten Tag finde ich die Namen von drei Zeugen im Internet. Einer von ihnen war der Vorgänger meines Vaters, er soll verantwortlich gewesen sein für Massenerschießungen in Bialystok, Polen.

Konnte sich mein Vater wirklich aus den Gräueltaten im Osten heraushalten, so wie er sagt? Ich hoffe es. Die Zeitfenster der Geschehen und die seiner Tätigkeiten sprechen dafür. Aber mir ist klar, dass er kein Held war in einer Zeit, die welche gebraucht hätte.

Ich glaube, er wusste, dass er einer verbrecherischen Organisation angehörte. Trotzdem hat er sich nicht von ihr entfernt. Wie auch? Widerstand war gefährlich. Nicht nur für meinen Vater, sondern für die ganze Familie.

Aufgezeichnet von Isabelle Buckow.

Mit freundlicher Unterstützung des Bundesarchivs in Koblenz (BArch Z 42 II/2282 fol. 1-51), des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen (LAV NRW R. NW 1111-BG.8 Nr. 221) und des Bundesarchivs in Berlin (BArch, Sammlung Rasse- und Siedlungshauptamt, ehemaliges BDC, Karl-Heinrich Wilhelm Siebel, geb. 5.12.1902).

Lesen Sie hier: Mein Vater, ein Werwolf

Recherche-Links

Wenn auch Sie die Lebenswege Ihrer Vorfahren während der Zeit des Nationalsozialismus nachverfolgen möchten, finden Sie hier eine Aufstellung der in den Protokollen erwähnten Dokumente und Archive für Ihre eigene Spurensuche.

Leider gibt es nicht nur eine Anlaufstelle, in der alle relevanten Unterlagen für diese Zeit gelagert sind. Durch Kriegsverluste variiert die Wahrscheinlichkeit, in Archiven Antworten auf Fragen zu erhalten.
Andrea Bentschneider bietet seit 2004 mit ihrer Agentur Beyond History professionelle Ahnen- und Familienforschung an. Sie ist Vorsitzende des Berufsverbandes der deutschen Berufsgenealogen.(http://www.beyond-history.de/de/index.php)

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP