einestages

Nazi-Spielzeug

Als Hitler ins Kinderzimmer kam

Deutsche Spielwarenfirmen stellten sich 1933 in den Dienst des Nationalsozialismus. Das Regime bremste jedoch den Aufmarsch der braunen Puppenarmee - und entdeckte das Kasperle, das fortan Juden verdrosch.

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Montag, 17.12.2018   11:07 Uhr

Wer jagt am meisten Juden aus der Stadt? Der Hersteller bewarb "Juden raus" als "außerordentlich heiteres und zeitgemäßes Gesellschaftsspiel". Die Spieler würfeln reihum, Zug um Zug durchkämmen hölzerne Polizei-Püppchen die Straßen. Wer auf einem Feld landet, auf dem etwa "Salomon, Geldverleih" oder "Jacob, Kostümverleih" steht, darf einen Juden einkassieren, dargestellt als Hütchen mit grotesker Fratze. Aber die Häscher können sich die Beute gegenseitig abluchsen.

Ziel ist es, möglichst viele Hütchen durch die sechs Stadttore zu bugsieren und auf einem Sammelplatz abzustellen. "Auf nach Palästina!" steht auf der einen Seite des Spielbretts - und auf der anderen der Reim: "Gelingt es dir, sechs Juden rauszujagen / so bist du Sieger, ohne zu fragen".

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NS-Spielzeug: Unschöne Bescherung

Im Herbst 1938 brachte die Firma Günther & Co. aus Dresden dieses 50 mal 60 Zentimeter große Brettspiel auf den Markt. Doch selbst der SS war die antisemitische Kombination aus "Fang den Hut" und "Mensch ärgere dich nicht" zu plump. So schrieb das SS-Kampfblatt "Das Schwarze Korps" 1938: "Diese 'Erfindung' ist ein geradezu strafwürdiger Einfall, ausgezeichnet dazu geeignet, Wasser auf die Hetzmühlen der internationalen Judenjournaille zu gießen."

In welcher Auflage "Juden raus" hergestellt wurde, ist nicht gesichert. Fest steht: Das Brettspiel gehört zum Geschmacklosesten, was die Spielwarenindustrie im "Dritten Reich" produzierte.

GröFaZ drängt ins Kinderzimmer

Und sie produzierte reichlich: Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten überschwemmte die Branche den Markt mit braunen Produkten. Ob als Hitler-Puzzle, Führer-Quartett oder redeschwingendes Elastolin-Männchen: Mit Macht drängte der GröFaZ ins deutsche Kinderzimmer.

Bald prangten Hakenkreuze auf Trillerpfeifen und Bällen, Flöten und Windrädern, Taschenspiegeln und Bleistiftspitzern. Brettspiele wie "Durch Kampf zum Sieg" und "Der Siegeslauf des Hakenkreuzes" sollten Kinder spielerisch für die NS-Politik begeistern.

ullstein bild/ mauritius

Mit Stahlhelm unterm Weihnachtsbaum (1938)

Zudem schrammten Panzer, Kriegsschiffe und Heerscharen Uniformierter über die Fußböden. "Vorbei ist's mit den blöden pazifistischen Hetzen der sogenannten Friedensgesellschaften und Frauenligen gegen alles militärische Spielzeug", jubelte 1933 der Verband deutscher Zinnfiguren-Fabrikanten.

"Friedewald" mit beweglichem rechten Arm

In ihrem Eifer folgten die Spielwarenhersteller keinem Befehl von oben - sie stellten sich freiwillig in den Dienst der nationalsozialistischen Sache. "Nach 1933 versuchte die seit der Weltwirtschaftskrise stark angeschlagene Branche, den nationalen Taumel kommerziell zu nutzen", sagt der Dresdner Historiker André Postert im einestages-Gespräch.

Zwar sei das Gros der Spielwaren im "Dritten Reich" ohne unmittelbaren NS-Bezug gewesen. Dennoch preschten gerade kleinere Unternehmen mit allerlei Nazi-Fabrikaten vor, so Postert, Autor des Buches "Kinderspiel, Glücksspiel, Kriegsspiel". Auch die größeren biederten sich beim NS-Regime an, um ihren Absatz zu steigern.

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André Postert
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So wartete die Puppenherstellerin Käthe Kruse im Sommer 1933 mit drei Nazi-Modellen auf. "Aktueller denn je" lautete der Werbeslogan für den Puppenjungen "Friedebald", der wahlweise als SA-Mann oder Hitlerjunge zu haben war - selbstverständlich mit beweglichem rechten Arm.

Den konnte auch ein brauner Kuschelterrorist aus dem Hause Steiff zum Hitlergruß in die Höhe recken: Das Unternehmen stellte die SA-Filzfigur mit Kulleraugen und Knopf im Ohr bis zum Frühling 1934 her.

Aus für den SA-Hampelmann

Danach war Schluss. Einer firmennahen Darstellung zufolge verbot das Württembergische Landesgewerbeamt die SA-Puppe mit dem Hinweis, sie sei "geeignet, das Gefühl von der Würde der nationalen Symbole zu verletzen".

Selbstironie war nicht die Sache der Nazi-Fanatiker - sie waren peinlich darauf bedacht, nicht der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. So kassierte das Regime Hunderte Produkte ein, mit denen die kriselnde Spielwarenbranche aus den roten Zahlen kommen wollte. Sie fielen dem sogenannten Anti-Kitsch-Gesetz vom 19. Mai 1933 zum Opfer.

Es untersagte den albernen SA-Hampelmann ebenso wie das harmlose Hitler-Ausmalbild: Nicht auszudenken, dass ein Kind versehentlich das Antlitz des "Führers" verunglimpft! Die Prüfstellen kontrollierten jedes Produkt - dabei interessierten sich die Nationalsozialisten laut Postert gar nicht sonderlich für Spielzeug: Die deutsche Jugend sollte lieber ihre Muskeln beim Sport stählen als beim Puzzeln zu verweichlichen.

Bleisoldaten auf den Weihnachtstisch

Zugleich war dem Regime der propagandistische Wert von Spielzeug durchaus bewusst: Im Sommer 1933 rief das Ministerium für Propaganda und Volksaufklärung dazu auf, Spielwaren noch mehr als bislang "in den Dienst der Erziehung zum wehrhaften und vaterländischen Geist zu stellen".

Die NS-Ideologen setzten besonders auf Kriegsspielzeug: In Zukunft dürfe es "keinen Jungen mehr geben, der auf seinem Weihnachtstisch nicht wenigstens eine Schachtel Bleisoldaten vorfindet, die ihn mit der Wehrmacht und mit dem nationalen Gedanken vertraut macht". Die Branche frohlockte; für das Weihnachtsgeschäft 1935 berichtete die Spielzeug-Fachpresse über eine Umsatzsteigerung um 25 Prozent.

Gamma-Keystone/ Getty Images

Fanatiker trifft Weihnachtsmann: Goebbels auf PR-Tour im Warenhaus

Medienwirksam ließen sich Hitler, Goebbels und Göring in der Vorweihnachtszeit mit Kindern in Warenhäusern ablichten, wo sie Geschenke verteilten, Köpfe streichelten, mit dem Weihnachtsmann posierten. Die Botschaft: Wir lieben die Kinder, und die Kinder lieben uns.

Um die Menschen für ihre zynische Weltanschauung zu gewinnen, instrumentalisierte das NS-Regime einen, der Anfang der Zwanzigerjahre fast in Vergessenheit geraten war: den Kasper. Das Puppenspiel sei eine "Waffe, die wir in diesem Kampf nicht entbehren können", so 1938 eine Publikation der KdF-Organisation. Im Jahr darauf wurde in Berlin das "Reichsinstitut für Puppenspiel" gegründet.

Fortan vermöbelte das Kasperle mal den Marxisten, mal den britischen Premier, am liebsten aber den Juden, dargestellt als teuflische Karikatur mit gigantischer Hakennase und Wulstlippen. Die Figur war das Werk des Puppenspielers Harro Siegel. Er habe sie aus Angst vor dem Konzentrationslager entworfen, rechtfertigte sich Siegel nach dem Krieg.

Getto-Monopoly aus Theresienstadt

Während sich Kinder daran ergötzten, wie der braune Kasper Siegels Juden-Puppe verdrosch, lief in den Lagern der systematische Massenmord auf Hochtouren. Trotz allem dachten sich auch dort Menschen Spiele aus - sie zeugen von Verzweiflung wie Überlebenswillen.

Eines davon ist das "Getto-Monopoly" von Oswald Pöck. Am 30. November 1941 wurde der jüdische Künstler nach Theresienstadt deportiert und war wohl in der technischen Abteilung tätig. Auf braunem Karton malte Pöck mit feinen Linien die Lagerstadt, außen herum die einzelnen Stationen des Gettos: Schleuse, "Entwesung", Bauhof, Gefängnis.

Dem Historiker Postert zufolge entwickelte Pöck sein Monopoly wahrscheinlich, um Kindern die Orientierung im Lager zu erleichtern. Ob er auch ein zweites, für Theresienstadt verbürgtes Spiel erfand, ist nicht gewiss. Überliefert sind nur die Regeln dieses Brettspiels: Schonungslos thematisierte es den Überlebenskampf im KZ.

Wer auf Felder gelangt, wo er Familienmitglieder trifft oder einen Posten ergattert, darf vorwärts springen - wer Läuse bekommt oder erkrankt, muss pausieren. Gewonnen hat der Spieler, der als erster auf Spielfeld Nr. 50 landet, bezeichnet mit "Soph" (hebräisch für Ende oder Schluss).

Doch die Wahrscheinlichkeit der ersehnten Rettung ist niedrig: Die Spielfelder 48 und 49 heißen "Transport". Ein Schicksal, das auch den Mann ereilte, der das Spiel möglicherweise erfand: Am 29. September 1944 wurde Oswald Pöck nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

insgesamt 13 Beiträge
Alexander Keller 17.12.2018
1.
Es vergeht gefühlt kein Tag ohne Hitler in den Schlagzeilen.
Es vergeht gefühlt kein Tag ohne Hitler in den Schlagzeilen.
Hans-Gerd Wendt 17.12.2018
2. Alexander Keller, heute, 11:41 Uhr
Es sollte auch keinen Tag des Vergessens geben. Gerade Kriegsspielzeug für Kinder aus der Nazizeit ist ein gutes Beispiel, wie man neue Generationen vergessen machen kann. Gerade erst waren die Väter, Großväter, sogar zum Teil [...]
Es sollte auch keinen Tag des Vergessens geben. Gerade Kriegsspielzeug für Kinder aus der Nazizeit ist ein gutes Beispiel, wie man neue Generationen vergessen machen kann. Gerade erst waren die Väter, Großväter, sogar zum Teil die Mütter aus den Schützengräben geklettert, schon faszinierte die Mischung aus Technik, Genauigkeit und Vorbild die Jugend. Diese Faszination wirkt sogar heute noch nach, wenn man die Sammler alten Kriegsspielzeugs unter die Lupe nimmt.
Uli Blanc 17.12.2018
3. Deprimierend
Ich bin schon sehr nachdenklich geworden, als ich die Bilder gesehen habe. Es wird vieles sehr real.
Ich bin schon sehr nachdenklich geworden, als ich die Bilder gesehen habe. Es wird vieles sehr real.
Michael Clemens 17.12.2018
4. Michael Clemens Wann nehmen die Medien Abschied von Hitler ?
Wie schon mein Vorkommentator erwähnte, kein Tag ohne "Nazis". Im ÖR bis zu 3 mal am Tag. Beim SPIEGEL ist das Thema auch immer sehr beliebt. Für die ca. 8 Mio Mitglieder der NSDAP und ihren verstorbenen Parteichef rückt das [...]
Wie schon mein Vorkommentator erwähnte, kein Tag ohne "Nazis". Im ÖR bis zu 3 mal am Tag. Beim SPIEGEL ist das Thema auch immer sehr beliebt. Für die ca. 8 Mio Mitglieder der NSDAP und ihren verstorbenen Parteichef rückt das Ziel "tausend jähriges Reich" zumindest medial immer näher. Wir sind jetzt nach den bösen Bauten und bösen Kirchenglocken beim bösen Spielzeug angelangt. 1939 wurden übrigens auch noch Modelleisenbahnen gebaut. Was dürfen wir als nächstes, substantiell Erhellendes erwarten ?
Rainer Holtmann 17.12.2018
5. #4 Michael Clemens
Ich hoffe für Sie, dass Ihnen beim nochmaligen Lesen ihrer peinlichen Zeilen speiübel wird und sich sowas wie ein schlechtes Gewissen meldet- sofern Sie zu solchen Regungen überhaupt fähig sind. Ihr Plädoyer für ein [...]
Ich hoffe für Sie, dass Ihnen beim nochmaligen Lesen ihrer peinlichen Zeilen speiübel wird und sich sowas wie ein schlechtes Gewissen meldet- sofern Sie zu solchen Regungen überhaupt fähig sind. Ihr Plädoyer für ein Vergessen oder Verdrängen ist nicht nur peinlich, sondern eine Schande angesichts der Tatsache, dass heutzutage Rechtsextremisten in schriftlicher und mündlicher Form täglich kübelweise neue braune Jauche auskippen, um damit unser weltoffenen Leben in einer freien Gesellschaft zu ersticken.

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