einestages

NS-Kindheit

Pimpf im Abwasserrohr

Es war der Olympiasommer 1936, als Jürgen Voigt in Berlin zum stolzen Pimpf wurde. Die Zeit in der Hitlerjugend bedeutete Abenteuer in dunklen Abwasserkanälen, Lagerfeuer, Zeltlager und Spalierstehen wenn offizieller Besuch in die Reichshauptstadt kam. Nach diesem Sommer änderten sich nicht nur die Grenzen des Deutschen Reichs, auch für Jürgen Voigt war die unbeschwerte Kindheit bald vorbei.

Kurt-Jürgen Voigt/Jürgen Voigt
Dienstag, 02.10.2007   19:16 Uhr

Jener Zeitabschnitt, den man bewusstes, erinnertes Leben und Existieren nennen könnte, begann für mich im Sommer 1936 in einem finsteren Berliner Abwasserkanal, in dem es nach Fäkalien und Ratten roch. Die hohen Betonrohre waren oval geformt, unten floss ein Rinnsal talwärts. Wer hier lief, musste von rechts nach links und von links nach rechts hüpfen, um auf dem Trockenen zu bleiben. Der Kanal zog sich Kilometer unter dem Pflaster hin, endlos, wie es schien, in hallender Dunkelheit. Alle paar hundert Meter tröpfelte von oben ein wenig Licht und die Kanaldeckel rumpelten leise, wenn ein Auto darüber fuhr.

Wir waren meist zu fünft, Jungs natürlich, Mädchen gab es nicht, auf dem Weg von der Schule durch den Park nach hause, wo die Mütter mit dem Essen warteten. Horst Gude, mein Blutsbruder von nebenan, hatte mir den geheimen Eingang, getarnt hinter einem blühenden Hollerbusch, gezeigt. Er hatte mir eine lange Lampe in die Hand gedrückt, damit ich mich melden könnte, falls Gefahr drohte verloren zu gehen in der Schwärze und an einer der vielen Abzweigungen. Alle Jungs trugen einen sechsschüssigen Trommelrevolver am Gürtel, mit dem sie herumballerten. Freundliche Metallhandwerker hatten die gesetzlich vorgeschrieben verschweißten Läufe aufgebohrt, durch die wir Bleikugeln schossen, angetrieben von Platzpatronen. Auf 5 Meter gab das Löcher im Bein. Wir waren eine verschworene Bande, die alle vier Wochen ihre Blutsbrüderschaft erneuerte. Mit dem Fahrtenmesser ritzten wir uns in den Finger und schrieben mit dem Blut warme Worte ewiger Freundschaft ins Tagebuch. Die Revolver wurden in Zigarrenkisten bewahrt, eingehüllt in fettendem Stullenpapier und vergraben unter der dicken Fichte. Wir schworen den Ort nie und nie zu verraten.

"Blut und Ehre"

Schauplatz des düsteren Geschehens war der freundlich bewaldete Bäkepark in Steglitz zu Berlin. Ich hatte meinen 10. Geburtstag gefeiert und war zum frisch gebackenen Pimpf mit Braunhemd und Koppelschloss geworden. Der Abwasserkanal war das große dunkle Mysterium, in dem ferne Stimmen von allen Seiten wisperten und kein Ohr zu sagen vermochte, wer gerufen hatte - H a l l o ...??? Ich träumte nachts von der Endlosigkeit des Dunklen und von fernen Mädchen, die im Wasser trieben und gerettet werden mussten. Stattdessen aber fingen mich die Nachbarsbrüder Raufeisen ein, fesselten mich mit Draht an einen Baum und folterten mich, um Geheimnisse zu erpressen: Wo sind eure Waffen? Ich verriet das Vergrabene nicht. Blut und Ehre hieß das Wort der Pimpfe, ein Held war ich nicht und litt.

Ich musste das Blut abwischen, damit es nicht auffiel am Mittwoch, wenn Heimabend war in der Hütte an der Schlossstrasse. Fähnleinführer Hanshelmut hielt mal wieder einen Vortrag über das Leben des Führers in Braunau am Inn, geboren am und so. Kannte ich alles auswendig. Eine Ödnis, ich dachte dabei, komische Abweichung, an Cäsar, den wir gerade in Latein lasen. Besser war schon auf dem glatten Teerpflaster auf der Feuerbachstraße zu spielen. Mit weißer Kreide hatte ich den Rundkurs der Avus-Rennstrecke, 50 Meter lang und schön geschwungen, auf die Straße gemalt. Mit unseren Märklinautos der Marken Mercedes und Auto-Union, wurden wir zu großen Konkurrenten der Fahrer Bernd Rosemeyer und Rudolf Caracciola. Die Autos wurden mit dem Daumen stracks in Fahrt gebracht und liefen schnurgerade, denn wir hatten sie der Balance wegen mit Blei ausgegossen. Wenn so ein eingefahrener Renner dann doch im Gulli verschwand, konnte der Pimpf seine Tränen nur schwer zurückhalten, denn Taschengeld war knapp und Märklin teuer.

Pimpfenrotte auf Großer Fahrt

Spannend für erfahrene Karl-May-Leser gestaltete sich das Lagerfeuer im Grunewald, wenn die Pimpfenrotte auf Große Fahrt ging, mit Zelt, Mundharmonika und Hordentopf für die harten Erbsen, die uns erst zum Pupsen und dann zum Lachen brachten. Ein älterer Pimpf zeigte lässig, wie man drei Wackersteine so auf dem Sand platziert, dass der Wind über das Flämmchen streicht und den daraufstehenden Topf erwärmt. Das Fahrtenmesser (mit dem eingravierten Spruch "Blut und Ehre") diente zum Entrinden der Äste, damit die Zeltstangen hielten und zum Zerschneiden der Kochwürste. Weit drüben, am anderen Ufer des Sees, werkelte die BDM-Mädchengruppe an ihren Zelten, aber mehr als rüberschielen war nicht, und von Mädchen hatte keiner eine Ahnung, auch nicht, was man mit ihnen machte. Nur einer sagte was, der hatte eine Schwester, aber viel war auch nicht aus ihm herauszukriegen. Da blieb nur die Flamme unter den Wackersteinen, und die brennende Phantasie.

Zur rechten Zeit scheuchte ein schnurtragender Oberpimpf uns in die Landschaft, und wir zerrissen uns Hemden und Hände an den Stacheln der Brombeeren. Deren Blätter sammelten wir in Säcken und trugen sie in die Apotheke für heilsame Tees. Im Herbst sah man uns Braunhemden tief gebückt unter Buchen Eckern einzeln aufklauben und in Gefäßen bergen, auch dies zur Gesundheitsfürsorge des Volkes. Oder wir gingen zu zweit in die Häuser der Birkbusch- und Klingsorstraße, klingelten, riefen freundlich "Heitler" und baten, aufgebrauchte Zahnpasta- und sonstige Metalltuben sammeln zu dürfen, für Zwecke der Rüstung wohl, aber das sagte man nicht. Wir wurden freundlich empfangen und manchmal gab es eine Brause. Ja, der Führer wusste etwas anzufangen mit seiner geliebten Jugend (Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und so weiter). Ich war stolz auf meine Uniform, die Eltern hatten sie bezahlt, denn der Staat tat das nicht. Weniger entzückt war ich, wenn der Anthropologe mit seinem Assistenten kam und unsere Schädel vermaß, ob wir auch wirklich die arischen Maße hätten.

Sammeln für die "Winterhilfe"

Nach meiner Erinnerung waren die Vorkriegswinter in Berlin gewöhnlich trocken und sehr kalt. In der kaum wärmenden dunklen Pimpfen-Winteruniform mit den unten gebundenen Skihosen stand ich manchen Dezember auf der leeren Straße im eisigen Wind, in einer Hand die klappernde Sammelbüchse der "Winterhilfe", in der anderen das Kästchen mit den Holzfiguren, die wir für 10 Pfennige das Stück verkaufen mussten. Ich klapperte und klapperte, aber die Passanten eilten vermummt vorbei, ihren traulich warmen Zimmern entgegen. Der Kasten mit den Figuren durfte nur leer abgegeben werden, aber er wurde nicht leer. Mich tröstete kaum, dass auch Göring und seine Paladine mit der roten Büchse unterwegs waren und manche Prominenten. Ich zog das Koppel mit der Siegrune auf dem Schloss fester um den Bauch und versuchte das Zittern abzustellen. Dann kam manchmal die Mutter mitleidig herbeigelaufen, kaufte resolut alle Figuren und steckte mich zuhause in die Badewanne, damit ich mir keine Lungenentzündung holte, was sie am meisten fürchtete.

Im Sommer liebte ich es, durch den blühenden Park zu wandern, das Schulbrot in der Tasche, in Uniform nur, wenn festliche Anlässe es erforderten - Führers Geburtstag natürlich und der 1. Mai. Der alte Parkwächter im Wächterhäuschen hatte manche Unbill zu ertragen von den Kindern - Kondome wurden gefunden und unter Applaus aufgepustet, verknotet und in die Fichten gehängt zur belachten Zierde. An der Kreuzung alter Landstraßen in Lichterfelde hatte man den Friedhof aufgelassen, verrottete Schädel lagen umher wie vergessene Kegelkugeln. Ich suchte und fand einen Oberschenkelknochen und bewahrte ihn in meiner Trödelsammlung. Beim Bäcker kaufte ich für 10 Pfennige schwarzgebrannte Randabschnitte vom Blechkuchen. Das gab eine große Tüte voll und sie schmeckten besser als der Kuchen zuhause. Meine grüne Brausetüte hielt ich unter die Plumpe, wie der Berliner sagt und ließ sie mit Wasser füllen, bis es köstlich schäumte. Meine Salmis schmeckten mir nur, wenn ich sie sternförmig auf den Handrücken klebte.

Milchsuppe und Fahnenappell

Im Untergeschoss der Städtischen Lilienthalschule, Oberschule für Jungen, Berlin-Lichterfelde, schenkte der Hausmeister Milchsuppe aus, die obligate Schulspeisung. In einem Regal gab es kleine Flaschen mit Kakao, den ich mochte. Die Klassenräume waren groß und hoch, die Bänke tintenbekleckst und mit Messern zerschnitzt. Wir saßen immer zu zweit, nur Jungs. In Erdkunde hielt man den Atlas so, dass die Finger darunter verborgen, unsichtbar für den Pauker an den Hosen fummelten. Der schöne (so sagten manche Eltern) Englischlehrer ließ die "Times" in der Klasse vorlesen, damit wir uns an modernes Englisch gewöhnten - ich mochte seinen Unterricht so gern wie den in Deutsch.

Ich bewunderte auch den drahtigen Turnlehrer. Er lehrte uns in der geräumigen Halle das Aufentern an dicken Tauen, das Balancieren auf schwebenden Balken, und manchmal saßen unsere Eltern auf Stühlen und wir turnten ihnen etwas vor. Auf dem geschotterten Schulhof übte ich den kräfteschonenden Anlauf für den Weitsprung in die holzgerahmte Sandkiste und brachte es auf 5 Meter. Der Turnlehrer stand mit der Stoppuhr am Ziel der schmalen Aschenbahn neben der Schulstraße und wehte mit den Armen für den Start des 100-Meter-Laufs. Ich erinnere mich an die 14,4 Sekunden, die ich jubelnd erreichte und den Sieg einheimste. Die 1 in Turnen konnte man dazu benutzen, die 5 in Mathe auszugleichen, weil Sport als Hauptfach galt. Der Schulbetrieb strengte mich kaum an, er war ein Vergnügen. Langweilig war nur der Fahnenappell mit Fanfarengetön am Montag früh auf dem Schulhof und die vaterländische Rede des Direx, die niemand recht begriff und der auch niemand zuhörte. Das "Deutschlandlied", erste Strophe und "Horst-Wessel-Lied" nacheinander dauerte so lang, dass der erhobene Arm abzufallen drohte.

Zuhause war ich in meinem Zimmer in der Birkbuschstraße. In der Küche werkelte die blonde Christa, unser Mädchen aus Jever, eben 18 geworden. Ich mochte sie sehr, liebte sie vergeblich, aber immer hatte sie etwas für mich, eine Mohrrübe oder einen Apfel. Sie lachte so gern, aber bald wurde sie eingezogen zum Landjahr und ich war wieder allein. Mein Vater diente in der Marine. Wenn er heimkam, fragte er nach meinen Erfolgen in der Schule, viel mehr sagte er nicht und ging mit der Mutter ins Wohnzimmer, da redeten sie dann über ihren eigenen Kram, der mich nichts anging. Über Politik wurde mit mir nie gesprochen, niemand schenkte mir die entsprechenden Bücher, und auch in der Schule sprach man nicht darüber, demnach wurde ich unpolitisch erzogen.

Kaffeebohnen und Mundgeruch

In Flensburg, wo wir herkamen, hatte ich das Fahrradfahren geliebt, aber das sei zu gefährlich auf den Berliner Straßen, wurde mir streng bedeutet. Dabei kamen höchstens fünf Autos am Tag unsere Straße lang. Ich begriff das Verbot nie und wäre allzu gern in die Stadt gefahren, raus aus dem langweiligen Steglitz. In meinem Kinderzimmer mit der bunten Tapete zog ich Strippen an mein Metallbett mit den hohen Aufbauten und breitete eine Decke drüber, das ergab eine dichte dunkle Höhle, in der ich träumte, und meine Phimose behandelte, die weh tat.

Am Samstag gingen die Eltern fröhlich plaudernd Unter den Linden spazieren und guckten Schaufenster am Alexanderplatz. Ich blieb auf den Straßen, meiner Heimat. Dort bastelte ich mir eine neue Flitsche aus gegabelten Rundeisen, ging zum Autofriedhof gegenüber und zertrümmerte mit dicken Steinen ein Kugellager. Meine Munition waren blanke Stahlkugeln, die mit der Gummiflitsche weit flogen und hart trafen. Ich war also ein Bewaffneter mit Messer, Revolver und Stahlkugeln, wie sich das für Jungs gehörte im Reich des Führers, so dachte ich.

Abends schickte man mich in die Eckkneipe, dort gab ich dem Wirt eine grüne eineinhalb Liter-Flasche mit Henkel und einem dicken weißen Verschluss über die Theke. Der steckte einen roten Schlauch hinein und ließ das Bier laufen, so dass der Schaum nicht verloren ging. Im Treppenhaus musste ich den listigen Verschluss öffnen und einen kleinen Schluck vom bitteren Stoff nehmen: himmlisch. Nebenan hatte der Hosenschneider seine Werkstatt, da saßen die Gehilfen auf langen Tischen im Schneidersitz und nähten Stoffe, die unter dem dicken Bügeleisen dumpf nach Mief rochen, weil sie wohl doppelt und dreifach gewendet und vom Vater auf den Sohn vererbt waren. Man ließ mich unter dem Tisch sitzen und eine "Schwarz-Weiß"-Zigarette rauchen, für 2 Pfennig das Stück. Hinterher kaute ich eine Kaffeebohne gegen Mundgeruch. Zuhause hat nie einer was gemerkt.

Die Welt zu Besuch in Berlin

Spalierstehen lautete der Befehl an die Pimpfe und das geschah auf der Reichsstraße oder irgendwo am Flugplatz. Wenn Premierminister wie der Brite Neville Chamberlain und der Franzose Edouard Daladier den Führer besuchten. Patt und Patachon sagten die Berliner, weil Daladier klein und rund, Chamberlain dünn und lang war, mit Regenschirm. Wir standen und standen, manch einer fiel um und musste von den Heeres-Sanitätern versorgt werden. Wenn von ganz hinten, zuerst leise, dann stärker werdend, nach und nach das Gebrüll zu uns drang, wussten wir: Die Wagenkolonne kommt! Und standen noch strammer als sowieso.

Wenn es nicht Pat und Patachon waren, dann kam bestimmt der Duce aus Rom und stand wie ein marmornes Denkmal im Fond des großen Mercedes. Er würde bald eine lautstarke Rede halten, aber dann waren wir schon unterwegs nach hause. Ich durfte als Längster vorneweg gehen und das Fähnlein am Stock tragen, und die Leute am Straßenrand mussten es grüßen.

Minister Goebbels hatte im Radio erzählt, Deutschland empfinge nun die Jugend der Welt zu den Olympischen Spielen. Jeder solle ein Privatquartier zur Verfügung stellen und alles müsse schön und sauber und friedlich sein auf den Straßen und Plätzen. Schwarze und Juden hatten für ein paar Wochen ihre Ruhe, und der Führer im Stadion reichte, wenn auch sichtlich ungern, dem wundervollen Jesse Owens die Hand nach dessen dritter Goldmedaille. Der amerikanische Athlet Owens war das geliebte Maskottchen der Berliner Damenwelt, er sprintete eleganter als ein Hirsch. Während Unter den Linden die bunten Flaggen ungezählter Nationen im Sommerwind flatterten und für eine Weile das brennende Rot der Hakenkreuzfahnen überdeckten. Buntes Volk aller Nationen in Uniformen, Saris und Kimonos wandelte umher und die Reporter aus aller Herren Länder berichteten begeistert über das friedliche Großdeutsche Reich und seinen friedlichen Führer.

Neue Grenzen

1937 begann mit hartem Frost und viel Schnee. Wenn der Vater mal wieder auf Dienstreise unterwegs war, zog mir meine Mutter Bleylepullover und Kletterweste an, wir stiegen in den Bus 5E und fuhren, wie kleine Könige im Obergeschoss sitzend, zum Schlossplatz. Hand in Hand wanderten wir durch die Museumsinsel und kletterten die vielen Stufen des Pergamonaltars hoch. Meine Mutter Erika zitierte die Ilias auf Griechisch, was ihr Vater ihr beigebracht hatte. Manchmal gab es dann eine Tüte Eis beim Mann mit der Karre und weiter ging es in das Zeughaus, wo mich die realistischen Kriegerportraits Schlüters beeindruckten.

Am 13. März 1938 dröhnten die Radios bei der Übertragung einer Sendung aus der neuen Ostmark. Wien jubelte dem Führer zu, der seine Heimat Österreich "nunmehr", wie er es nannte, dem Deutschen Reich einverleibt oder heimgeholt hatte oder so. In der Schule holten wir die Atlanten vor, und der Erdkundelehrer erläuterte die neuen Grenzen und die Protektorate Böhmen und Mähren. Atlanten mussten wohl öfter nachgedruckt werden in jenen Jahren, in denen immer etwas Neues erobert wurde von den Deutschen.

Der September war golden und milde. Unser Klassenlehrer Dr. Schubotz beschloss, seinen Zöglingen etwas pädagogisch Wertvolles zu gönnen. Natürlich auch im Sinne der Partei, die vielleicht einen Zuschuss bewilligte. Er stopfte seine Klasse in Eisenbahnwaggons und wir fuhren in die Schorfheide bei Berlin. Am Rande lag das recht modern eingerichtete Landschulheim Zerpenschleuse am Teltowkanal. Die warm-braunen Gewässer wurden für Spiel und Spaß okkupiert, und ich machte unter Aufsicht des gestrengen Lehrerauges meinen "Freischwimmer". Ich erhielt mein Zeugnis und durfte mir ein Abzeichen an die Badenhose nähen - einen Verdienstorden. Wir kletterten auf einen hölzernen Leiterwagen, der von herrlichen Kaltblütern in die Schorfheide gezogen wurde. Den bekanntlich dicken Reichsjägermeister Hermann Göring sahen wir nicht, dafür Herden friedlich grasender unendlich dicker wolliger Wisente, die Göring hier zur Zucht hielt, und mancher dachte an Odin und die alten Germanen.

"Haut ab, Ihr seid zu jung!"

Ein schreckliches und propagandistisch aufgeheiztes Ereignis brach über Deutschland herein: der 9. November 1938 - Pogrom, Reichskristallnacht, brennende Synagogen, flüchtende Menschen. An vorderster Front die braune SA: mit Lust und Gewalt zerschlugen die Kerle die Schaufenster jüdischer Geschäfte ("Juda verrecke!"), warfen Möbel auf die Straßen, malten Hetzschilder und hinderten Passanten, diese Geschäfte zu betreten. Wenn Pimpfe sich näherten, winkte man sie weg: "Haut ab, das ist nichts für euch, Ihr seid zu jung!" In Steglitz gab es nur wenige jüdische Geschäfte, es blieb dort ruhig am 9. November. Hat der Fähnleinführer über das Grauen geredet? Haben wir Kinder unter uns gesprochen? Habe ich nachgedacht, habe ich getrauert um das Widersinnige, Grausame? Ich weiß es nicht, meine Erinnerung gibt nur vage, verschwommene Bilder. Habe ich, beeinflusst von meiner Mutter, das Geschehen verdrängt, gelöscht? Nicht wissen wollen?

Dann kam 1939, und die älteren Leute dachten an den Weltkrieg '14/'18, an den Rübenwinter, an Versailles und an Verdun. Sylvester beging die Familie bei Sekt und üppigem Essen in der Schlüterstraße. Da lebte und schuf der "Reichs"-Bildhauer Olaf Lemke, der für meinen Vater Kurt Marinesymbole gestaltete, den Adler-Knauf auf dem Offiziersdolch etwa. Das Atelier stand voller voluminöser Lehm- und Steinbüsten der Größen des Reiches, auch Ludendorff. Auf diese Gesichter war er spezialisiert, aber er machte es nicht so dickhalsig wie der Kollege Arno Breker in Düsseldorf. Ich stand auf dem Lemke-Balkon und sah in der Ferne den erleuchteten S-Bahn Zug durch die Landschaft brausen. Vielleicht nach Potsdam, die Strecke war kurz vorher neu eröffnet worden.

Aus einer Viermillionen-Weltstadt zurück in die Provinz: Wieder eine Reise auf höheren Befehl. Man hatte Vater Kurt an die Marineschule Flensburg-Mürwik versetzt und wir mussten mit. Wie Mutter um ihre Heimatstadt Swinemünde, weinte ich um mein Berlin, um den dunklen Kanal, meine Kumpel, meine Märklinautos, meine Schule, den Bäkepark. Diese Reichshauptstadt hatte mir einen Stoß versetzt, sie hatte mir gezeigt, wer ich bin und sein könnte. Ich habe Berlin viele Jahre danach in meiner Seele gespürt. Ich musste zurück in ein Kaff an der Förde, wo es nichts gab als Heringe, Wald und eine langweilige Straßenbahn. Wenigstens mein Fahrrad durfte ich wieder aus dem Keller holen, immerhin etwas. War es alberner Kinderkram, das mit den Abwasserrohren? Vielleicht nicht, ich tat damals etwas Selbständiges, ich entdeckte einen fremden Raum. Jahrzehnte später würde ich viele unbekannte Räume entdecken, weil ich es zu meinem Beruf gemacht hatte, aber den alten Bäkekanal habe ich nie vergessen.

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