einestages

NS-Verbrechen

"Die Kinder spielten im Leichenkeller"

Hunderte KZ-Opfer sollen im brandenburgischen Jamlitz verscharrt sein. Wenn es stimmt, wäre es das wohl größte noch unentdeckte NS-Massengrab in Deutschland. Jetzt graben Archäologen nach der Wahrheit - und Dorfbewohner wie Christa Wiernowolski in ihren Erinnerungen.

AP
Sonntag, 03.05.2009   23:34 Uhr

Natürlich weiß ich über die Sache vor 1945 Bescheid, jeder im Dorf weiß es. Ich habe früh mitbekommen, was in der Nähe meines Heimatortes passiert ist. Die Älteren erzählten schlimme Geschichten. Von Schubkarren, mit Leichen beladen, die in den Wald geschoben wurden. Oder von der Baracke mit einem Keller voll toter Menschen.

Geboren bin ich 1948 in Münchhofe bei Lieberose, also nur ein paar Kilometer vom Lager entfernt. Zu diesem Zeitpunkt wurde es schon von den Sowjets genutzt. Die haben es direkt von den Nazis übernommen. Als ich ein Kind war, hatten wir einen Bauernhof. Mein Vater erzählte manchmal von den Menschen, die während des Krieges immer an unserem Feld entlang gescheucht wurden. "Jung oder alt, sie sahen alle gleich aus", sagte er, so ausgezehrt waren sie.

Einmal im Herbst, so erzählte er, lagen auf dem Acker noch ein paar übriggebliebene Rüben. Eine Frau riss sich los, wollte nach ihnen greifen. Sie wurde sofort zurück in die Gruppe gejagt. Mein Vater rief zu den Soldaten: "Lass' sie doch, die Rüben braucht keiner mehr." Der Soldat erwiderte: "Du kannst auch gleich mitkommen." Da hat mein Vater nichts mehr gesagt.

"Du wirst erschossen"

Auch mein älterer Bruder hat als kleiner Junge Schreckliches mit angesehen. Es war im Februar 1945, als die Gefangenen auf ihrem Todesmarsch nach Sachsenhausen strömten. Überall wurden sie durch die Dörfer getrieben. "Die trugen nur Lappen an den Füßen", sagte mein Bruder. Er beobachtete, wie eine Frau an einem Haus haltmachte und um Wasser bat. Sofort wurde sie von einem SS-Mann zurückgezogen. Er prügelte mit einem Stock auf ihren mageren Rücken ein, immer wieder, bis der Stock zerbrach. Dann packte er die Frau, um ihre Häftlingsnummer zu lesen. "Du wirst erschossen", rief er.

Meine Mutter sprach mit mir oft über das Lager. Während des Krieges wohnte nämlich die Familie eines SS-Mannes in unserem Haus, noch vor meiner Geburt - der Soldat, seine Frau und ihr Baby, über ein Jahr lang. Viele Dorfbewohner beherbergten Soldaten; nach dem Krieg quartierte man Flüchtlinge ein. Meine Mutter hat mir erzählt, wie sie einmal in den Stall ging, um die Kühe zu melken. Da traf sie auf die Frau des SS-Mannes. Die weinte und sagte, sie müsse sich etwas von der Seele reden, etwas Furchtbares sei geschehen. Bei den Baracken am Waldrand hätten die Offiziere des Lagers stundenlang zusammengesessen und sich betrunken, berichtete die Frau meiner Mutter. Anschließend habe man die ganze Nacht lang Schüsse gehört. "Wir werden alle irgendwann dafür bestraft", sagte die Frau zu meiner Mutter.

1976 zogen mein Mann und ich in unser Haus nach Jamlitz. Eigentlich wollte ich gar nicht so nah am Hügel wohnen. Denn hinter dem Hügel, da begann das Lager. Viel übrig ist davon nicht mehr, irgendwann wurde alles abgerissen. In der DDR hörte man wenig über die Nazis. Ich war ganz froh darüber. Endlich kehrte Ruhe ein. Die Baracken verschwanden, die Grundstücke wurden verteilt, neue Schrebergärten und Häuser gebaut.

Stahlhelme unterm Gartenzaun

Die Ruinen des Leichenkellers sind aber noch immer da. Sie gehören zur Dokumentationsstätte über das sowjetische Speziallager, das nach dem Ende der DDR errichtet wurde. Man sieht nur noch Mauern, Laub und Erde. Meine Jungs sind da mal reingeklettert, als sie noch kleiner waren. Ich mag den Ort nicht.

Trotzdem lebe ich gern in Jamlitz. Ich bin stolz auf unser Haus, wir haben alles selbst gebaut - die Garage, die Terrasse und den Anbau für meinen Sohn und meine Schwiegertochter. Manchmal werden wir trotzdem an die Vergangenheit erinnert. Als mein Mann den Boden für den Gartenzaun aushob, fand er plötzlich etwas in der Erde. Ein paar zerbrochene Schüsseln und zwei Helme aus Stahl. Die Helme haben wir dann zum Schrotthändler gebracht. Aber meine Jungs sind gleich zum Schrottplatz gerannt und haben mit den Stahlhelmen gespielt. Ich habe sie ihnen schnell wieder weggenommen.

Unsere Nachbarin fand einmal ein paar Zähne, als sie in den Beeten buddelte. Sie lebt schon eine ganze Weile nicht mehr, aber seit ein paar Tagen sind nun Archäologen auf ihrem Grundstück und suchen nach einem Massengrab von damals. Hunderte Opfer aus dem Lager sollen noch immer in der Erde verscharrt sein. Die Kinder im Dorf fahren mit dem Fahrrad herum und freuen sich über den Bagger. Zum Glück wissen sie nicht, wonach gesucht wird. Ich denke aber, dass junge Leute die Vergangenheit verstehen sollten. In all den Jahren habe ich nur einmal eine Schulklasse gesehen, die sich die Dokumentationsstätte angeschaut hat. Dabei liegt die Geschichte doch hier vor der Tür.

Protokolliert von Annett Meiritz

insgesamt 4 Beiträge
M Heini 04.05.2009
1.
Es tut jedes Mal weh zu hören und zu sehen, dass es immer noch "neue" Entdeckungen gibt. Wieviel Schmerz und Leid hat mein Volk und damit auch meine Familie verursacht. In meiner Familie wurde auch die NSDAP gewählt [...]
Es tut jedes Mal weh zu hören und zu sehen, dass es immer noch "neue" Entdeckungen gibt. Wieviel Schmerz und Leid hat mein Volk und damit auch meine Familie verursacht. In meiner Familie wurde auch die NSDAP gewählt und weggeschaut. Fragen von mir später (bin 40 Jahre) wurden nicht beantwortet oder noch schlimmer, damit begründet, Hitler war doch gar nicht so schlecht, er hätte nur die Juden in Ruhe lassen sollen. Was war das nur für eine Propaganda-Maschine früher, die bis heute wirkt. Für mich, in gedanklicher Freiheit aufgewachsen, ist dies bis heute einfach unvorstellbar. Ich kann und darf meine Urgroß- und Großeltern nicht verurteilen, ich habe die Situation nicht selber zu der Zeit erlebt und ich weiß auch nicht, wie ich mich verhalten hätte. Aber ich kann einen kleinen Teil dazu beitragen, dass diese schlimmen Geschehnisse nicht wieder passieren und möglichst auch nie vergessen werden und dass meine Familie nie wieder wegschaut. Ich werde dies tun und versuchen, dies auch meinen Kindern mitzugeben. Schalom [????]
Henri Carton 05.05.2009
2.
Ein bewegendes Zeugnis. Ein erster Beitrag gegen das Vergessen könnte sein: die infame Verleumdung heutiger Juden (in Israel) nicht zulassen, nicht zulassen, dass ihnen von offenen und versteckten Antisemiten vorgeworfen werde, [...]
Ein bewegendes Zeugnis. Ein erster Beitrag gegen das Vergessen könnte sein: die infame Verleumdung heutiger Juden (in Israel) nicht zulassen, nicht zulassen, dass ihnen von offenen und versteckten Antisemiten vorgeworfen werde, sie handelten wie die damaligen Nazis! Wer sich an dieser Verleumdung beteiligt, reiht sich in die tausendjährige Tradition der Judenverleumder ein. Ob er sich Pazifist nennt oder Nazi.
Ernst Rudolf Achinger 05.05.2009
3.
Dass dieses wohl größte noch unentdeckte NS-Massengrab in Deutschland nicht früher gefunden wurde, ist auch ein Teil unaufgearbeiteter DDR-Geschichte. Die Existenz dieses Massengrabes war bekannt, nur hatte von der SED-Führung [...]
Dass dieses wohl größte noch unentdeckte NS-Massengrab in Deutschland nicht früher gefunden wurde, ist auch ein Teil unaufgearbeiteter DDR-Geschichte. Die Existenz dieses Massengrabes war bekannt, nur hatte von der SED-Führung niemand ein Interesse daran, es zu finden. Wie überhaupt die Erinnerung an die jüdischen Opfer zunächst von dem Gedenken an die "politischen" Opfer verdrängt wurde. So wurde den jüdischen Opfern - es waren meines Wissens überwiegend Juden aus Ungarn - noch nach dem Tode die "Existenzberechtigung" abgesprochen. Und auch das ist unendlich beschämend.
Reinhard Führer 11.05.2009
4.
Das Massengrab mit 753 jüdischen Opfern, das in Jamlitz vermutet wird, verdeutlicht einmal mehr, dass das Kapitel Zweiter Weltkrieg auch nach über 60 Jahren noch nicht geschlossen werden kann. Es zeigt auch die Verpflichtung der [...]
Das Massengrab mit 753 jüdischen Opfern, das in Jamlitz vermutet wird, verdeutlicht einmal mehr, dass das Kapitel Zweiter Weltkrieg auch nach über 60 Jahren noch nicht geschlossen werden kann. Es zeigt auch die Verpflichtung der Lebenden, jedem Opfer eine würdevolle letzte Ruhestätte zu ermöglichen. Im Fall Jamlitz in Brandenburg wacht Rabbi David Schmidl von der Internationalen jüdischen Beerdigungsaufsicht darüber. Er wird darauf achten, dass auf dem Gelände die religiösen Richtlinien eingehalten werden. Bei gefallenen Soldaten und Zivilopfern im In- und Ausland nimmt sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. dieser Gräber aus Kriegszeiten an. Gräberfund - Was ist zu tun? Mit Respekt erweist man den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft die letzte Ehre. Die Totenruhe darf deshalb nicht durch Souvenirjäger und Grabräuberei gestört werden. In Deutschland und auch in vielen anderen Staaten ist das strafbar. Wenn ein Fund gemacht wird, muss dieser umgehend gemeldet werden. Eine private Bergung ist ebenfalls illegal. Auch das Mitnehmen von "Andenken" ist unzulässig. Gefundene Gegenstände sind keine Souvenirs! Das Verändern des Fundortes macht die Identifizierung der Toten und damit die Benachrichtigung der Hinterbliebenen schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Der Volksbund unterstützt Angehörige bei der Suche nach Vermissten, bei der Identifikation von Gefallenen und bei der Trauerarbeit Nicht nur in Brandenburg gab es gerade in den letzten Monaten des Krieges viele Opfer zu beklagen, viele davon gelten als vermisst - auf deutscher wie auf alliierter Seite. Das ist ein großes Problem für die Hinterbliebenen, denn ohne diese letzte Gewissheit haben sie Schwierigkeiten mit diesem Kapitel abzuschließen. Bis heute werden immer wieder Gräber gefallener Soldatengefunden. Dank der Erkennungsmarken, die jeder Soldat tragen musste, können viele noch heute mit Hilfe des Volksbundes identifiziert werden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. sorgt aber nicht nur für eine Identifizierung, sondern darüber hinaus für eine angemessene letzte Ruhestätte. Hinterbliebene erhalten dadurch einen Ort für ihre Trauer. Die Pflege der Kriegsgräber und die Gedenkfeiern des Volksbundes helfen den Angehörigen der Kriegstoten bei dieser Trauerarbeit. Gleichzeitig sind sie ein bleibendes und wichtiges Mahnmal für Frieden und Versöhnung und nicht zuletzt gegen den Krieg - und das muss auch das Ziel Jamlitz sein.

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP