einestages

Opposition im Mullah-Staat

"Du wirst sehen, Iran ist wunderschön!"

Voller Hoffnung ging Brigitte Stark nach dem Sturz des Schahs 1979 mit ihrem persischen Mann nach Teheran - doch dann wurde er Opfer der großen Hinrichtungswelle, die 1988 durch Iran rollte. Bis heute kämpft die Ehefrau darum, den Tod ihres Mannes aufzuklären - aber die Mullahs mauern.

Lale Behzadi
Samstag, 06.09.2008   10:51 Uhr

Am 29. November 1988 erhielt ich in Berlin einen Anruf von meinem Schwager Cirus aus Teheran. Er berichtete mir, dass ihm das Ableben seines Bruders, meines Mannes, im Teheraner Evin-Gefängnis mitgeteilt worden war. Wann genau und unter welchen Umständen er zu Tode gekommen war, erfuhr er nicht. Allein das Klingeln des Telefons hat mich damals zusammenzucken lassen. Wir hatten schon längere Zeit kein Lebenszeichen mehr erhalten, und jeder Anruf konnte die gefürchtete Nachricht bringen.

Nun war es soweit. Mein Mann Manoutcher Behzadi war tot, Opfer der großen Hinrichtungswelle, die im Herbst 1988 durch den nachrevolutionären Iran rollte und die den vorläufigen Höhepunkt der systematischen Zerschlagung jeglicher Opposition und der Einschüchterung der Bevölkerung bildete. Bis heute sind die Einzelheiten nicht bekannt. Und bis heute verschwinden Menschen in iranischen Gefängnissen, kehren von Verhören nicht zurück oder werden willkürlich festgehalten.

Als Mitglied der kommunistischen Tudeh-Partei wurde Manoutcher Behzadi bereits zu Zeiten des Schahs verfolgt und flüchtete wie so viele andere Oppositionelle ins Ausland. Nach Umwegen über Ungarn und Österreich gelangte er in die DDR, wo wir uns 1965 kennenlernten. Ich studierte damals Bibliothekswissenschaft in Leipzig, kam aus einer protestantischen Gutsverwalterfamilie im ländlichen Vorharz und sog begeistert alle Einflüsse der Großstadt auf. Wir begegneten uns zum ersten Mal in einem Konzertsaal in Leipzig. Dass Igot Oistrach spielte, weiß ich noch, und dass Manoutcher sehr galant und geduldig um mich geworben hat. Er war ein außergewöhnlich gebildeter und feinfühliger Mensch.

Die Engstirnigkeit der Exil-Heimat weglachen

Unsere Herkunft war so verschieden, unser Altersunterschied betrug fast siebzehn Jahre - es gab nicht viele, die dieser Beziehung eine Chance gaben, nicht in den sechziger Jahren; in meinem Heimatdorf erregte sie jedenfalls großes Aufsehen. Und doch haben wir uns auf eine wundervolle Weise ergänzt, haben voneinander gelernt und teilten das Bedürfnis, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Engstirnigkeit der DDR versuchte Manoutcher wegzulachen.

Sein großes Engagement galt Iran und der Verbesserung der Verhältnisse dort. "Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt", sagte er oft. Während die Boulevardpresse sich für den Schah und seine Frauen interessierte, hörten wir von Bekannten und Freunden unvorstellbare Geschichten über Folter und Gefängnis. Wer hätte damals geglaubt, dass diese Geschichten sich nach der Revolution wiederholen würden?

Im Jahr 1979, nach dem Sturz des Schahs, wagten wir den Schritt und zogen nach Teheran. Ich hatte inzwischen Psychologie studiert, war Assistentin an der Humboldt-Universität. Manoutcher hatte dort an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät promoviert und sich zugleich in der Parteiarbeit der Tudeh im Exil engagiert. Wir hatten zwei Töchter bekommen, Lale und Asita, damals zehn und fünf Jahre alt, mit denen ich Persisch lernte. Natürlich war ich sehr aufgeregt, wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Aber die Skepsis verflog, als ich die Euphorie Manoutchers sah. Er war wie elektrisiert, endlich durfte er wieder in sein Heimatland, nach 24 Jahren im Exil. Wie oft hatte er mir von Iran erzählt, von seinen Gärten und Bergen und Menschen; wie sehr hatte er sein Land vermisst! "Du wirst sehen, Iran ist wunderschön!", hatte Manoutcher zu mir gesagt.

Kulturschock in Teheran

Als Chefredakteur der Zeitung "Mardom", die schon unregelmäßig im Exil erschienen war und nach 1979 wieder Tageszeitung wurde, hatte Manoutcher eine große Aufgabe, die ihn sehr ausfüllte. Wir trafen einige Monate nach ihm ein, und ich erinnere mich genau an diese Hinreise, über Moskau, mit ewigen Wartezeiten und tausend Kontrollen. Dann, es war Juli, uns schlug eine unvorstellbare Hitze entgegen, als wir aus dem Flugzeug stiegen. Und schließlich mein Mann in der überfüllten Ankunftshalle - um Jahre verjüngt, strahlend. Fröhlich wirbelte er seine Kinder herum.

Trotz der Schwierigkeiten mit der Sprache, mit den vielen neuen Verwandten und mit dem Alltag, den ich nach kurzer Zeit überwiegend allein bewältigen musste, weil Manoutcher in Sachen Zeitung ständig unterwegs war - trotz dieser unglaublichen Umstellung, die ich als reiseunerprobte DDR-Bürgerin nicht hatte trainieren können, habe ich den Beginn in guter Erinnerung. Aus diesem ersten Jahr ist vor allem die Begeisterung im Gedächtnis geblieben, mit der die neue Zeit in Empfang genommen wurde, der Spielraum, der nunmehr zum Greifen nah schien, die Luft zum Atmen, die früher gefehlt hatte.

Es gab plötzlich eine Vielzahl von Parteien, Zeitungen, Zusammenkünften, Podiumsdiskussionen. Wie stolz war ich, meinen Mann inmitten dieser Energie und dieser Tatkraft zu sehen, wie er souverän und klug mit seinen politischen Gegnern diskutierte! Denn obwohl er sich einer mir oft unverständlichen Parteidisziplin unterwarf, obwohl die Tudeh-Partei wie viele andere linke Gruppierungen gezeichnet war von stalinistischem Zentralismus, habe ich Manoutcher als einen sehr toleranten und großzügigen Menschen in Erinnerung, der ein wirkliches Interesse an seinen Gesprächspartnern hatte.

Tödliche Fehleinschätzung

Vielleicht habe ich eher intuitiv als durch beweisbare Fakten bemerkt, dass etwas ins Ungleichgewicht geriet, weil ich als Frau den zunehmend rigider werdenden islamischen Kleidervorschriften unterworfen war. Mein Unbehagen darüber versuchte Manoutcher mit dem Hinweis zu entkräften, dass dies doch nur Nebenschauplätze und Verirrungen einer an sich großen Sache seien - eine Fehleinschätzung, die viele teilten und etliche später das Leben kosten sollte.

Auch die ersten Verhaftungen und Hinrichtungen anderer Oppositioneller haben viele Befürworter des Umsturzes zu übersehen oder als Einzelfälle zu entschuldigen versucht, weil die Hoffnung auf ein neues Iran zu groß war; sie sollte nicht so schnell begraben werden. Als immer mehr Parteien verboten, die Redaktionsräume von "Mardom" verwüstet, Bekannte verhaftet wurden und Manoutcher begann, tageweise unterzutauchen, war es Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Im Sommer 1982 kehrte ich mit den Kindern nach Berlin zurück; wir wollten abwarten, wie sich die Lage entwickelte.

Am 6. Februar 1983 wurde mein Mann mit fast der gesamten Führungsriege der Tudeh-Partei verhaftet und im bereits zu Schah-Zeiten berüchtigten Evin-Gefängnis interniert. In den folgenden fünfeinhalb Jahren erhielten wir insgesamt 25 Briefe aus dem Gefängnis: auf einem Vordruck mit sieben Zeilen für Manoutcher und auf der Rückseite sieben Zeilen für meine Antwort.

Anrennen gegen die doppelte Mauer

Diese Jahre waren auch deshalb so schwer zu ertragen, weil ich über die Umstände fast vollständig im Dunkeln gelassen wurde und gegen eine doppelte Mauer des Schweigens anrennen musste: Einmal die Verleugnungspolitik von Seiten der iranischen Behörden, die zwar im Mai 1983 ein abscheuliches Spionagetribunal inszenierten, ansonsten aber kaum Kontakt zu den Gefangenen zuließen. Und dann die zensierte Monokultur der DDR-Presse, durch die keinerlei Information zu bekommen war, von offizieller Seite ganz zu schweigen.

Mein Schwager, der Manoutcher wenige Male besuchen durfte, versuchte mich zu schonen; aber seinen vorsichtigen Schilderungen konnte ich entnehmen, dass es ihm schlecht ging. Die Misshandlungen, denen Manoutcher und seine Mitgefangenen ausgesetzt waren, machen mir bis heute zu schaffen. Überlebende berichten unvorstellbare Grausamkeiten, von physischer Folter bis zu absurdesten Verhörszenarien. Ahmad Danesh, ein jahrelang in der Bundesrepublik praktizierender Arzt, der ebenfalls in Evin festgehalten und 1988 hingerichtet wurde, berichtete in einem im Jahr vor seinem Tod hinausgeschmuggelten Brief über die erlittenen Misshandlungen und über Folteropfer, die sich nur noch kriechend fortbewegen konnten.

Der iranischen Führung gelang es, die Hinrichtungswelle überwiegend aus der internationalen Presse herauszuhalten; sie verweigert den Angehörigen bis heute jede Auskunft. Als ich 1988 und 1989 mit meinen Töchtern in der Iranischen Botschaft in Berlin vorstellig wurde, ließen Botschafter und Mitarbeiter uns jedes Mal zahlreiche Formulare ausfüllen, wieder und wieder, ohne Ergebnis. Die Behörden in der DDR schwiegen verschämt. Zu jener Zeit war Iran auf dem Wege, wieder begehrter Handelspartner zu werden, sowohl für den Westen als auch den Osten. Meine Anschreiben an verschiedenste Organisationen füllen mehrere Ordner, vom Deutschen Roten Kreuz über den Gewerkschaftsbund der DDR und den Vorsitzenden der DDR-CDU bis zur UN-Menschenrechtskommission.

Mein erstes Leben was plötzlich zu Ende

Unterstützt haben uns damals vor allem mutige Freunde und Freundinnen, die persönliche Briefe an verschiedene ministeriale Ebenen schrieben und so ihrem Unverständnis darüber Ausdruck gaben, dass die DDR angesichts eines derartigen Massakers an der Linken in Iran, der sie zum Teil jahrzehntelang Exil gewährt hatte, stumm blieb. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung gelang es, mit Hilfe der Deutschen Botschaft in Teheran ein Stück Papier zu erlangen, auf dem "das Ableben des Genannten" bestätigt wird.

Als ich vor zwanzig Jahren vom Tod meines Mannes erfuhr, bestätigte sich meine Ahnung, die ich schon seit dem Sommer mit mir herumtrug, seit keine Briefe mehr kamen. Ich war 44 Jahre alt, und mein erstes Leben war plötzlich zu Ende. Ich schickte meiner älteren Tochter ein Telegramm, benachrichtigte den Sohn meines Mannes aus erster Ehe und erzählte es meiner jüngsten Tochter, als sie aus der Schule kam. Wir versammelten und trösteten uns und werden das in diesem September wieder tun. Wir werden vermutlich auf Gedenkveranstaltungen von Exilorganisationen gehen, werden mit anderen Familien, denen es ähnlich ergangen ist, an unsere Väter und Männer denken. Manoutcher Behzadi hat drei wunderbare Kinder, die inzwischen wieder Kinder haben. Er wird in unseren Gedanken und Erzählungen weiterleben.

Mein Schwager hatte damals die Brille und ein paar Kleidungsstücke meines Mannes erhalten. Er wurde zum Schweigen verpflichtet. Ein Grab gibt es nicht.

Aufgezeichnet von Lale Behzadi

insgesamt 2 Beiträge
Thomas Becker 15.02.2017
1. sehr bewegend
aber Zitat: "Während die Boulevardpresse sich für den Schah und seine Frauen interessierte," welche Boulevardpresse sollte das in der DDR gewesen sein??
aber Zitat: "Während die Boulevardpresse sich für den Schah und seine Frauen interessierte," welche Boulevardpresse sollte das in der DDR gewesen sein??
Gunther Kreismann 19.02.2017
2. Eine durchaus rührende
Geschichte, Iran ist doch ein schönes Land in der Tat. Was für ein Schicksal für diese Perser! Von Diktatur zu Diktatur.
Geschichte, Iran ist doch ein schönes Land in der Tat. Was für ein Schicksal für diese Perser! Von Diktatur zu Diktatur.

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