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Ost-Fotos nach dem Mauerbau

Berlin, wie es keiner sehen wollte

1961 wurde in Berlin die Mauer gebaut. Vielen Westdeutschen galt die DDR danach als abgeschottetes Reich des Bösen. Bernard Larsson fotografierte den Ost-Berliner Alltag - heute ist das Echo auf seine Bilder größer als damals.

Bernard Larsson/ SMB
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Samstag, 13.08.2016   10:09 Uhr

Was musste passieren, damit ein ehrgeiziger junger Fotograf beim renommierten Modemagazin "Vogue" in Paris einfach so seinen Job hinschmeißt? Im April 1961 saß Bernard Larsson, 22, in einem Café, als ihn die Nachricht vom spektakulären Weltraumflug Juri Gagarins erreichte. Für ihn war es der Auslöser, der sein politisches Interesse weckte, sagt Larsson heute. Dieser Moment machte ihm die Systemkonfrontation zwischen West und Ost bewusst - und in welchen bedrohlichen Wettkampf sich die beiden Lager begeben hatten.

Vier Monate später las Larsson im selben Pariser Café die Nachricht von der Teilung Berlins. "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", hatte der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht noch im Juni 1961 beteuert. In der Nacht zum 13. August begann dennoch die Abriegelung aller Wege zwischen Ost- und West-Berlin.

"Das ging mir sehr nah. Es war unvorstellbar, und ich dachte, von dieser Situation muss ich mir ein eigenes Bild machen", sagt Larsson. Er kündigte bei der "Vogue" und zog nach Berlin. Genauer: in beide Berlins. Im Westteil fand er eine Pension, im Osten mietete er ein kleines Zimmer in der Krausnickstraße.

Fotostrecke

Nach dem Mauerbau: Bilder aus beiden Berlins

Zuvor hatte er bei der DDR-Regierung eine offizielle Fotoerlaubnis beantragt. Nach zwei Wochen kam tatsächlich eine Antwort: ein Dokument für die Visumsformalitäten, dazu eine Kostenaufstellung für Übernachtung und Verpflegung ("drei volle Mahlzeiten") einschließlich "Betreuung und Organisation" - zu entrichten im Voraus auf das Konto der Deutschen Notenbank zugunsten des Deutschen Reisebüro-Kontos beim Berliner Stadtkontor. Larsson konnte sich so ein All-inclusive-Angebot nicht leisten. Und vor allem wollte er keinerlei "Betreuung und Organisation".

Manchmal half ihm sein schwedischer Pass

Also erkundete er die Stadt auf eigene Faust und konnte sich in Ostberlin weitgehend frei bewegen. Von einigen speziellen Begegnungen abgesehen, wie etwa bei einer Veranstaltung im Walter-Ulbricht-Stadion: Ein "Typ im Regenmantel" nahm Larsson mit Unterstützung zweier Helfer fest, "weil ich eine Gruppe Sowjetsoldaten fotografiert hatte".

In dieser Lage half Larsson - aufgewachsen in Hamburg und Stockholm - sein schwedischer Pass. Er tat so, als spreche er kein Deutsch, und wurde stundenlang auf der Polizeiwache von einem Mann mit Maschinenpistole bewacht, während sich die Volkspolizisten um einen Übersetzer bemühten. Sie fanden keinen, wie Larsson den Gesprächen entnahm. "Sie wollten meinen Film, vor allem aber die Adressen von meinen Freunden und Bekannten. Die verweigerte ich ihnen, gab ihnen aber den Film, den ich - nun doppeltbelichtet - aus der geöffneten Kamera zog." Einen Beweis hatten die Polizisten danach nicht mehr; der Fotograf durfte gehen.

Larsson blieb zwei Jahre in Berlin und fotografierte viel. Nur Möglichkeiten, die Bilder auch zu zeigen, waren rar: Mit seinen Fotos aus dem Ost-Berliner Alltagsleben stieß er im Westen auf Unverständnis und Ablehnung. 1963 organisierte die Landesbildstelle Hamburg eine Ausstellung für ihn unter dem Titel "Mit der Kamera durch Ost-Berlin", doch es war "keine freundliche Atmosphäre", erinnert Larsson sich. Auf das Angebot seiner Bilder habe er von der "Welt" gar zur Antwort bekommen, er sei "ein blinder Fotograf".

Unterwegs in beiden Berlins

So wie er wollte offenbar niemand Berlin sehen: "Mit dem Zeigen und Veröffentlichen von Bildern vom Systemfeind war verbunden, dass man den Osten nicht mehr unbedingt als das Reich des Bösen bezeichnen konnte." Seine Absicht aber sei gewesen, "das Westpublikum mit dem Alltag im Osten bekannt zu machen. Es ging mir nicht darum zu zeigen, wie es sein soll, sondern wie es ist. Je mehr über das tatsächliche Leben 'drüben' bekannt ist, wünschte ich mir, desto weniger ließe sich das Land zu einem Reich des Bösen stilisieren."

Bei der "Zeit" konnte Larsson 1964 schließlich seinen Bildband "Die ganze Stadt Berlin. Politische Fotos" veröffentlichen. "Schön wäre es natürlich gewesen, wenn man dasselbe auch im Osten hätte machen können, aber das war undenkbar", sagt Larsson heute. Als sein Dauerthema nennt er "die Überwindung" - die von ideologischen Schranken und als Fotograf auch ganz praktisch die von Sichtsperren. "Das war mir dank meines schwedischen Passes möglich."

Larsson beschreibt sein Leben im Paris der Sechzigerjahre mit seinem "Vogue"-Job als schwierig, "weil ich gleich in vier Gesellschaften beheimatet war". Im Beruf sprach man Englisch, Deutsch war zur Hälfte seine Muttersprache, er hatte schwedische Freunde, Französisch überhaupt erst neu lernen müssen. Wohl auch deshalb schockierte es ihn so, dass sich eine ganze Stadt entzweite, die Welt in zwei große Blöcke zerfiel.

Berlin blieb in seinem Fokus, auch während der Studentenproteste. Zeitgleich fotografierte Larsson zudem in Paris, Spanien, Marokko, Warschau, Prag und Budapest. Diese Schauplätze verband aus seiner Perspektive der Unmut über die sozialen Verhältnisse.

insgesamt 5 Beiträge
Ingo Meyer 13.08.2016
1. Die Bilder sind beeindruckend und könnten......
....eine gute Grundlage für den Politik-Unterricht sein. Aber die Bildunterschrift: "Aggressivität auf beiden Seiten" verstehe ich nicht. Ich bin im Westen dicht an der Zonengrenze groß geworden. Ich kann mich gut [...]
....eine gute Grundlage für den Politik-Unterricht sein. Aber die Bildunterschrift: "Aggressivität auf beiden Seiten" verstehe ich nicht. Ich bin im Westen dicht an der Zonengrenze groß geworden. Ich kann mich gut erinnern, von wem die Aggression ausging! Was erklärte dazu der ARD-Korrespondent Lothar Loewe? Sie schießen auf Menschen, wie auf Hasen. Dafür wurde seine Akkreditierung aufgehoben!
Ulrich Hartmann 13.08.2016
2. Seltsam
Der Artikel zeichnet ein schiefes Bild: Die Fotos stießen im Westen auf Ablehnung, heißt es - aber eine offizielle Stelle organisierte eine Ausstellung und eine führende Wochenzeitung gab sie als Buch heraus. Die Bilder sind [...]
Der Artikel zeichnet ein schiefes Bild: Die Fotos stießen im Westen auf Ablehnung, heißt es - aber eine offizielle Stelle organisierte eine Ausstellung und eine führende Wochenzeitung gab sie als Buch heraus. Die Bilder sind auch nicht geeignet, Vorstellungen von sozialistischer Tristesse und Unterdrückung zu korrigieren, sie bestätigen sie vielmehr. Wenn sie beim Publikum auf wenig Interesse stießen, dann wahrscheinlich deshalb, weil man sich im Westen für die DDR immer weniger interessierte. Als "Reich des Bösen" (der Begriff stammt von Reagan) hat man sie m.W. nie bezeichnet. Erst recht hat Berlin sich nicht "entzweit", wie es im Artikel heißt, es wurde geteilt, durch ein Regime, welches die Menschen mit Zwang bei sich halten mußte, um zu überleben.
W N 13.08.2016
3.
Foto 23 könnte man heute in die Türkei senden. "Niemand darf willkürlich festgenommen werden" - Tafel mit Verweis auf die Menschenrechte auf der Brücke über den Teltowkanal.
Foto 23 könnte man heute in die Türkei senden. "Niemand darf willkürlich festgenommen werden" - Tafel mit Verweis auf die Menschenrechte auf der Brücke über den Teltowkanal.
Rainer Girbig 15.08.2016
4. Die ersten Jahre
Die ersten Jahre waren die schlimmsten vor allem für die Berliner, welche ja meist in beiden Teilen der Stadt Verwandte und Freunde hatten. Im Westen gab die Springer-Presse der Trauer und Wut des Volkes eine Stimme. Eine [...]
Die ersten Jahre waren die schlimmsten vor allem für die Berliner, welche ja meist in beiden Teilen der Stadt Verwandte und Freunde hatten. Im Westen gab die Springer-Presse der Trauer und Wut des Volkes eine Stimme. Eine Dämonisierung der Menschen im Osten gab es nicht, man konnte zwischen der SED und dem Volk sehr gut unterscheiden. Die allumfassende Bespitzelung jeder gegen jeden entwickelte sich wohl auch erst später. Nicht vergessen wollen wir auch die ersten Kontakte, die durch die Ausgabe von Passierscheinen zu Feiertagen für die Berliner wieder möglich wurden. Nach meiner Erinnerung war das erstmals 1963 der Fall.
Rainer Girbig 15.08.2016
5. Wahrnehmung
Die Wahrnehmung ist durch unterschiedliche Behandlung gekennzeichnet. Neben dem Checkpoint Charlie war es der Grenzübergang an der Bornholmer Straße, über den die Bundesbürger jederzeit nach Ostberlin fahren konnten. Nicht so [...]
Die Wahrnehmung ist durch unterschiedliche Behandlung gekennzeichnet. Neben dem Checkpoint Charlie war es der Grenzübergang an der Bornholmer Straße, über den die Bundesbürger jederzeit nach Ostberlin fahren konnten. Nicht so die Bürger West-Berlins. Ihnen wurde das Leben schwer gemacht. Sie mussten warten, bis die ersten Passierscheinregelungen in Kraft traten, damit sie ihre Verwandten mal wieder besuchen konnten. Und auch in den Jahren nach dem Transitabkommen benötigten sie immer ein Sondervisum. Was die West-Berliner bei Ein- oder Durchreise durch die Bediensteten des DDR-Regimes erdulden mussten, hat heute etwas Unwirkliches, Kafaeskes. Man kann das kaum noch jemandem heute glaubhaft vermitteln. Dabei gehörte es damals zum Alltag.

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