einestages

Palast der Republik

Wer zu spät kommt

"Heute geschlossen" - das Schild am Eingang überraschte den weitgereisten Rheinländer Heinrich Sassenfeld, als er sich in Ost-Berlin zum ersten Mal den Palast der Republik anschauen wollte. Der Hobbyfotograf wurde kurz darauf Zeuge einer geschichtsträchtigen Demontage.

Heinrich Sassenfeld
Mittwoch, 11.11.2009   18:29 Uhr

Als gebürtiger Rheinländer hatte ich vor der Grenzöffnung 1989 keine Berührungspunkte mit Ostdeutschland. Aus beruflichen Gründen hielt ich mich oft im Ausland auf, lediglich ein Besuch mit der Schulklasse hatte mir 1963 die Realität des geteilten Berlins vor Augen geführt. Nach dem Fall der Mauer änderte sich das schnell. Jetzt gehörten Seminaren und Debatten mit Ostdeutschen oder auch Politikern aus mittelosteuropäischen Ländern zu meiner Hauptaufgabe als Volkswirt.

In den letzten Junitagen 1990, kurz vor Einführung der D-Mark, hielten meine Kollegen und ich in einem Ost-Berliner Hotel an der Karl-Marx-Allee eine internationale Konferenz ab. Die Organisatoren waren damals eindeutig überfordert - es gab nicht genügend Hotelzimmer für alle Seminarteilnehmer und auch keine anderen Hotels in der Nähe. Als Mitveranstalter gab ich den zimmerlosen Gästen aus Osteuropa den Vorrang und suchte selbst Unterschlupf bei Freunden in West-Berlin.

Am Ende jedes Veranstaltungstages fuhr ich per Taxi von Ost- nach West-Berlin. Das war ein echtes Abenteuer, denn die neuen Taxifahrer kannten sich im Westen nicht aus, und ich selbst war in der Stadt ebenso fremd. Eines Abends versuchte der Fahrer, West-Berliner Kollegen um Hilfe zu bitten. Das hätte er besser nicht getan, denn die Schimpfkanonaden über den Laien und Stümper, der besser erstmal den Führerschein machen solle, wollten nicht aufhören. Die aufreibende Taxifahrt bescherte mir aber einen eindrucksvollen Anblick.

Als der Fahrer im Schein einer Straßenlaterne den Stadtplan studierte, sah ich mich in der Gegend um und nahm den spärlich beleuchteten Palast der Republik in Augenschein. Das gigantische Multifunktionsgebäude, in dem sich eine Kegelbahn, die Volkskammer, also das Parlament der DDR, eine Diskothek, ein hauseigenes Theater und ein Postamt befanden, beeindruckte mich so sehr, dass ich es in den Folgetagen bei einem meiner Fotostreifzüge von Innen ansehen wollte.

Als ich einige Tagen später dorthin zurückkehrte, war an den Portalen aus Glas und Bronze ein Hinweisschild angebracht worden: "Der Palast der Republik bleibt heute geschlossen." Damals wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass "heute" in Wirklichkeit "für immer" bedeutete. Wegen Asbestverseuchung war der Palast später nur noch zu wenigen Anlässen zugänglich, und die Zukunft der geschichtsträchtigen, innenstädtischen Ruine sollte für lange Zeit umstritten und ungewiss bleiben. Gerade tobte die Diskussion um den Neubau des Stadtschlosses und dessen Nutzung.

Nach langen Debatten in Bürgerschaft und Parlament begannen im Februar 2006 die Abrissarbeiten. Eine schnelle Sprengung war wegen des instabilen Untergrundes auf der Spreeinsel nicht möglich. So wurde das Gebäude Stein um Stein und Eisenträger um Eisenträger abgetragen. Nach mehr als drei Jahren waren die Arbeiten beendet. Auf dem Gelände, auf dem sich derzeit eine temporäre Kunsthalle und eine große Grünfläche befindet, soll in Zukunft das Stadtschloss wiederrichtet werden und das Humboldt-Forum beherbergen. Die Geschichte kehrt wieder - in neuem Gewand.

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