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Flucht beim Grenz-Picknick 1989

"Es hätte auch ein Blutbad werden können"

Mit Gulasch und Bier wollten Aktivisten an der ungarischen Grenze 1989 ein Picknick für die Freiheit feiern - und symbolisch den Zaun abbauen. DDR-Bürger bekamen Wind davon und stürmten plötzlich den Eisernen Vorhang.

DPA
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Montag, 19.08.2019   06:44 Uhr

Aufgeregt waren sie beide an diesem heißen 19. August 1989. Ansonsten aber unterschied sich die Gemütslage von Jörg Meißner und Walburga Habsburg drastisch.

DDR-Bürger Meißner war misstrauisch. Beim Trampen in Ungarn hatte ihm ein Wildfremder geraten, am 19. August an die Grenze in der Nähe der ungarischen Stadt Sopron zu kommen. Weil er von dort nach Österreich fliehen könne. Einmalige Chance oder Falle?

Walburga Habsburg hingegen war euphorisch. Man spürt diese Begeisterung noch heute, wenn sie von diesem Schicksalstag redet, der das Leben von etwa 700 DDR-Flüchtlingen ändern würde.

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Massenflucht in Ungarn: Löcher im Eisernen Vorhang

"Wir hatten schon gehofft, den Eisernen Vorhang einen Spalt öffnen zu können", sagt sie. Dazu hatten Aktivisten der Paneuropa-Union - einer Bewegung, die seit 1922 für ein geeintes Europa wirbt - und ungarische Reformer ein "Paneuropäisches Picknick" geplant. Bei Bier, Wein und Gulasch wollte man von einem friedlichen Europa ohne Grenzen träumen. Österreicher sollten über einen inoffiziellen, nur für Stunden geöffneten Grenzübergang nach Ungarn kommen. Und eine ungarische Delegation symbolisch nach Österreich laufen - und dann zum Picknick zurückkehren.

Foto: Attila KISBENEDEK/ AFP
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"Wir wollten zeigen, dass diese Grenze widernatürlich und Ungarn Teil Europas ist," sagt Habsburg, Enkelin von Karl I., dem letzten Kaiser Österreichs und König Ungarns. Sie sollte ihren Vater Otto - Schirmherr des Picknicks - vertreten und dessen Grußworte vortragen. Auf Ungarisch. Genau das machte sie nervös. Die Sprache hatte sie erst kürzlich etwas gelernt.

Der Skeptiker Meißner und die Idealistin Habsburg Douglas, wie sie heute heißt, haben sich an diesem Sommertag nicht getroffen. Und doch verbinden sich ihre Geschichten bei diesem "erfolgreichsten Picknick der Weltgeschichte", wie Angela Merkel es einmal sagte; auch dieses Jahr wird die Bundeskanzlerin zum Festakt nach Ungarn reisen.

Wem konnte man trauen?

Meißners Weg nach Sopron begann sechs Wochen vor dem Picknick, als sich der 20-jährige Polsterer auf dem Weg nach Ungarn machte - zur Tarnung über Bulgarien und Rumänien. Um an der Grenze mobil zu sein, hatte er Zelt und Fahrrad dabei.

"Ich bin allein gefahren, um das Risiko zu minimieren, aufzufliegen." Immer wieder traf er andere Urlauber aus der DDR mit vermutlich denselben Fluchtabsichten. "Offen redeten wir anfangs nicht. Die DDR hatte unser Misstrauen herangezüchtet." Die Reise wurde mit der Zeit auch zur körperlichen Belastung. DDR-Bürger durften nur eine begrenzte Summe an Ost-Mark einführen und wechseln. Ungarn war vergleichsweise teuer. "Es war schwer, das tägliche Überleben zu organisieren", sagt Meißner. Um Geld zu sparen, schlug er sich manche Nächte um die Ohren, fuhr in Budapest stundenlang U-Bahn. Sonst übernachtete er auf Campingplätzen.

Trotz allem war Ungarn Sehnsuchtsort für alle DDR-Fluchtwilligen. Seit 1988 bestimmten Reformer, ermuntert durch Gorbatschows Perestroika, die Politik innerhalb des ungarischen Zentralkomitees. Sie schenkten den Ungarn die Reisefreiheit und Männer wie Staatsminister Imre Pozsgay geißelten "die elektrischen Sicherungsanlagen" an der Grenze als "moralisch, technisch und politisch veraltet".

Freiheit oder Haft

Im Mai 1989 bezeichnete Pozsgay gar die Berliner Mauer als "Schande". Zu dieser Zeit schaltete die ungarische Reformregierung unter Miklós Németh alle elektrischen Signalanlagen ab und verkündete den Abbau der Grenzsperren. Sie tat dies auch aus wirtschaftlichen Gründen. Der Stachel- und Signaldraht vom sowjetischen Typ "SZ-100" war längst verrostet; rostfreien Nachschub hätte es groteskerweise nur teuer im Westen gegeben. Symbolisch schnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs am 27. Juni 1989 bei Sopron ein Loch in den Stacheldrahtzaun.

Diese Bilder lockten via West-Fernsehen Tausende DDR-Bürger nach Ungarn. Doch noch bewachte das Land seine löchrige Grenze. Hunderte Fluchtwillige besetzten daher die westdeutsche Botschaft in Budapest. Die Malteser halfen bei der Versorgung der Flüchtlinge in großen Zeltlagern, die bald von der Stasi beobachtet wurden. Nun gab es kein Zurück mehr. Entweder schaffte man es in die Freiheit - oder es drohte die Haft in der DDR.

Der zerschnittene Grenzzaun bei Sopron bewegte auch Otto und Walburga Habsburg. Warum sollten sie nicht ein ähnliches Happening veranstalten? Auf ungarischer Seite waren Reformer Imre Pozsgay und oppositionelle Gruppen wie das Demokratische Forum ebenfalls begeistert.

Bitte die Grenze einreißen!

In Windeseile besorgten sie Genehmigungen für die kurzzeitige Grenzöffnung. Ein Emblem wurde entworfen - eine Taube, die Stacheldraht durchbricht - und ein Slogan gefunden: "Baue ab - und nimm mit!" Teilnehmer am Picknick durften sich ein Stück Grenzzaun mitnehmen. Der war in der Gegend des Picknicks nur noch nicht abgebaut, weil er später für einen geplanten Wildpark genutzt werden sollte.

Bald kursierten auch Flugblätter samt Anfahrtsskizze. Wer sie druckte und verteilte ist bis heute unklar. Aber sie lockten Hunderte Fluchtwillige, die scharenweise ihre Trabis zurückließen und sich in Maisfeldern in der Nähe des provisorischen Grenzübergangs versteckten. Der bestand nur aus einem Holzgatter, das normalerweise mit einem Vorhängeschloss gesichert war.

Axel Thünker/ Ungarisches Demokratisches Forum Debrecen/ Haus der Geschichte

Flugblatt

Am 19. August spürte Walburga Habsburg direkt nach einer Pressekonferenz in Sopron, dass dieser Tag anders verlief als geplant. "Ich wunderte mich über all diese Menschen, die zur Grenze liefen - und Deutsch sprachen." Sie hatten kein Interesse an Bratwurst und Picknick. Den Organisatoren entglitt die Kontrolle. Wie würden die Grenzer reagieren? "Es hätte auch ein Blutbad werden können", sagt Habsburg.

Schießen. Oder wegschauen

Den entscheidenden Augenblick um kurz vor 15 Uhr erlebte sie nicht persönlich. Der ungarische Grenzoffizier Arpad Bella besprach sich gerade mit seinem österreichischen Kollegen, als er sah, dass sich da nicht die angekündigte ungarische Delegation näherte. "Ich ging ihnen Richtung Tor entgegen", beschrieb er später die Situation. "Sie drückten die Torflügel ein, rannten wie der Blitz an uns vorbei."

Für ihn und seine Untergebenen gab es in dem Chaos nur zwei Optionen. Schießen und die Grenze befehlsgemäß schützen. Oder, seine Wahl: einfach wegschauen.

Ungarisches Tourismusamt/ DPA

Der Durchbruch

Stundenlang versuchte Bella vergeblich, seine Vorgesetzten zu erreichen. Schon bald keimte in ihm ein bis heute unbewiesener Verdacht: War das Ganze ein abgekartetes Spiel? Wollte Ungarns Regierung nur testen, ob die Sowjetunion die größte Massenflucht seit dem Mauerbau tolerierte? Hatte gar der Geheimdienst die Flugblätter verteilt?

Wenn Bella recht hat, war es nicht nur ein gefährliches Spiel - ein Grenzer hätte leicht die Nerven verlieren können - sondern auch ein verlogenes: Gegen Bella wurde wegen Verletzung der Dienstpflicht ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Einfach weiter picknicken

Als Walburga Habsburg das bereits aufgestoßene Holzgatter erreichte, empfand sie die Situation als entspannt. "Ich hatte keine Angst. Es funktionierte. Die Flüchtlinge strömten mit Kind und Koffer durchs Tor, ein ungeheuerliches Gewusel. Die Menschen weinten vor Glück. So etwas hatte ich noch nie gesehen."

Meißner passierte das Tor als einer der Ersten. Er weinte nicht. "Mir kam das alles viel zu irreal vor." Geschafft. Und jetzt? Was würde aus seiner Familie in der DDR, drohte ihr Ärger? Die Flüchtlinge wurden per Bus nach Wien gebracht. "Da war keine Party-Stimmung wie auf dem Weg ins Fußballstadion, wie es heute oft dargestellt wird", erzählt Meißner. "Der erste Jubel hatte sich gelegt. Es war ruhig. Die Menschen dachten nach. Misstrauen lässt sich nicht einfach abschalten."

Dr. Klara Kotal-Szarka

Walburga Habsburg beim Picknick

Derweil feierte Habsburg das Picknick, obwohl es längst in den Schatten des Grenz-Durchbruchs geraten war. Aber warum sollte sie es absagen, es waren Hunderte Österreicher und Ungarn gekommen. Also las sie holprig die Grußworte ihres Vaters vor, die schon an Aktualität gewonnen hatten: Vom baldigen Ende der "finsteren Jahre der Diktatur" war da die Rede und dem "Morgenrot der Freiheit".

Abends hörte Habsburg im Radio Erich Honecker, der klagte, die Paneuropa-Union habe die Flüchtlinge mit Geld, Essen und Geschenken gelockt. Seinen Ärger empfand sie als Beweis, alles richtig gemacht zu haben.

Das Picknick löste auch in den Zeltlagern der Malteser Unruhe aus. Viele trauerten um die verpasste Chance. Ein Malteser-Helfer riet: "Tut euch zusammen, nehmt eure Kinder in die Mitte, singt vielleicht noch ein Lied und geht einfach über die Grenze. Die können doch nichts machen." Am nächsten Tag überquerten so 70 Menschen östlich von Sopron die Grenze.

Der letzte Tote

Und doch blieb das gefährlich. Zwei Tage nach dem Picknick erschoss ein Grenzer Kurt-Werner Schulz aus Weimar, der nachts mit seinem kleinen Sohn und seiner Frau nach Österreich fliehen wollte.

Schulz war der letzte Tote am Eisernen Vorhang. Nur drei Wochen später öffnete Ungarn seine Grenze für alle DDR-Flüchtlinge und leitete damit das Ende der Spaltung Europas ein. Als am 9. November 1989 die Ereignisse in Berlin eine chaotische Eigendynamik nahmen, wirkte das Picknick plötzlich wie das Vorbild zum Mauerfall.

Walburga Habsburg hat ihren beim Picknick mitgenommen Drahtzaun in immer kleinere Stückchen zerschnitten: Geschenke für ihre Enkel, Erinnerung und Mahnung zugleich.

insgesamt 9 Beiträge
Jörg Gaßmann 19.08.2019
1. Budapest
Ich war damals mit meiner Freundin auf der Rücktour aus Bulgarien für ein paar Tage in Budapest. Sie wollte sich eine Jeans kaufen, da Westverwandschaft nicht vorhanden und die Stadt kennenlernen, die sie bis dato nicht kannte. [...]
Ich war damals mit meiner Freundin auf der Rücktour aus Bulgarien für ein paar Tage in Budapest. Sie wollte sich eine Jeans kaufen, da Westverwandschaft nicht vorhanden und die Stadt kennenlernen, die sie bis dato nicht kannte. Wir hatten im Vorfeld nichts mitbekommen, dass Budapest förmlich von Landsleuten belagert wurde. Als wir auf dem kostenlosen Übernachtungsplatz unser Zelt aufbauten waren wir schon überrascht, wie viele Leute dort waren. Meine Freundin hat dann ihre Dokumente vor dem Zelt liegen lassen und die waren am nächsten Tag weg. Also zur DDR Botschaft, neue Dokumente besorgen. Im Vorjahr hatte mir ein Freund erzählt, dass er dort wie ein Aussätziger behandelt wurde. Die Ungarn konnten gar nicht glauben, dass wir nicht die BRD Botschaft suchten. Als wir dann das blaue Wunder der Botschaft erreichten gab es sogar einen Kaffee und nettes Personal. Wieder raus, stellte sich die Frage, ob wir auch gleich mit über die österreichische Grenze abhauen. Meine Freundin wollte aber ihr Wirtschafts wissenschaftliches Studium beenden und ich hatte für den Herbst eine besuchsweise Ausreise in die BRD zu meiner Oma geplant und letztendlich siegte dann doch die Liebe. Wir haben dann noch unseren Weg im wiedervereinten Deutschland gefunden
Hans Krischanitz 19.08.2019
2. Danke
Ein Dank an die Ungarn, die das Ende des Eisernen Vorhangs eingeleitet haben!
Ein Dank an die Ungarn, die das Ende des Eisernen Vorhangs eingeleitet haben!
Claus-Martin Cremer 19.08.2019
3. George H.W. Bush
Anmerkung: George W. Bush war damals noch nicht US-Präsident, sondern sein Vater, George Bush senior (oder George H.W. Bush). Insofern ist die Bildunterschrift nicht ganz korrekt.
Anmerkung: George W. Bush war damals noch nicht US-Präsident, sondern sein Vater, George Bush senior (oder George H.W. Bush). Insofern ist die Bildunterschrift nicht ganz korrekt.
Thomas Bünder 19.08.2019
4. ich war damals
noch recht jung (12) aber da wir Verwandte in der DDR hatten habe ich das Ganze aufmerksam verfolgt auch wenn ich mich an die damaligen DDR-Besuche nicht erinnern konnte. Mein Opa hat mir immer erzählt das er schweissgebadet an [...]
noch recht jung (12) aber da wir Verwandte in der DDR hatten habe ich das Ganze aufmerksam verfolgt auch wenn ich mich an die damaligen DDR-Besuche nicht erinnern konnte. Mein Opa hat mir immer erzählt das er schweissgebadet an der Grenze war um West-Sachen zu schmuggeln.
Peter Racz 19.08.2019
5. Wie sich die Zeiten und die Menschen ändern
Ich, gebürtiger Ungar der donauschwäbischen Minderheit, hielt die DDR-ler (das Wort "Ossi" kannte ich noch nicht) damals für sympatisch. Meine Mutter hat sie sogar mit Essen versorgt in den diversen Zeltlagern um die [...]
Ich, gebürtiger Ungar der donauschwäbischen Minderheit, hielt die DDR-ler (das Wort "Ossi" kannte ich noch nicht) damals für sympatisch. Meine Mutter hat sie sogar mit Essen versorgt in den diversen Zeltlagern um die deutsche Botschaft in Budapest. Nach der Wende bin ich mit einem großen "Aufbau-Ost" Aufkleber auf meinem Auto herumgefahren und war total begeistert. Heute, nach 20 Lebensjahren in Berlin, muss ich sehen, wie die Söhne und Töchter des selben Volkes für Pediga marschieren, die AfD zu einer Mehrheit verhelfen und meine schlimmsten Vorstellungen über Intoleranz immer wieder übertreffen. Ich bin mit einem ungarischen Buch in der Hand in der Berliner U-Bahn bespuckt und verjagt worden. Ich musste oft genug anhören, dass "ihr" lieber "unter euch" geblieben wart, ohne diese ganzen Ausländer. Leute! Hätten wir euch alle damals an der Grenze verhaften sollen? Hätten wir gar schießen sollen? Habt ihr alles so schnell vergessen, oder war eure Motivation nur Egoismus und die schnelle D-Mark? Ihr sollt euer Gewissen noch einmal prüfen! Vielleicht ist es noch nicht zu spät.
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