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Sixties-Modetrend Papierkleidung

Traumkleider zum Wegschmeißen

Bunte Abend- und Brautkleider, BHs, Umstandsmode, alles schön schrill und aus Papier: Wegwerfmode eroberte 1966 im Sturm die USA. Selbst zum Baden eigneten sich die günstigen Papierklamotten.

Getty Images/ Sports Illustrated
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Donnerstag, 25.04.2019   12:52 Uhr

Apart winkelt das Model sein Bein an, die Schuhspitze berührt nur leicht den Boden, bunte Armreife baumeln am gertenschlanken Arm. Doch der Blickfang der Anzeige vom April 1966 sind nicht das Mannequin, ihre High Heels oder das Rot ihres Lippenstifts. Es ist das knallbunt gemusterte Sommerkleid, das sie in das Blütenmeer einer duftenden Blumenwiese einzuhüllen scheint.

"Es ist so wunderschön! Und es muss dir gehören!", schwärmt der Text. Und rät: "Trag es zu Hause. Trag es bei Partys. Trag es ohne Sorge, denn wenn du es satt hast - trenn dich einfach davon." Dass der Trennungsschmerz allzu sehr stach, verhinderte der Preis: 1,25 Dollar.

Hersteller des spottbilligen Kleids war die US-amerikanische Scott Paper Company. Als Modeschöpfer war die Firma bis dahin nicht bekannt - sondern als Erfinder der Klopapierrolle. Und auch das Sommerkleid war aus Papier statt aus Stoff, das Material nach Herstellerangaben "gottseidank feuerfest". Viel beständiger als Klopapier war es trotzdem nicht.

Im Grunde wollte der weltgrößte Toilettenpapierhersteller die Kleider nur als Werbegag verschicken, stieß damit aber eine sonderbare Modewelle der Einwegkleidung an, die in den USA für zwei Jahre anhielt - und sogar eine Rolle im Präsidentschaftswahlkampf spielte.

Der Erfolg von Kleidern wie Scotts "Paper Caper" ("Papier-Kapriole"), das zunächst mit rotem Paisleymuster oder im Op-Art-Design mit schwarz-weißen geometrischen Formen bedruckt wurde, kam verblüffend. Papierkleider? Das konnte keiner wollen. Oder doch? Als Kaufanreiz legte das Unternehmen jeder Lieferung Gutscheine bei.

Ein Kleid wie eine Schokoriegelpackung

In sechs Monaten verkaufte Scott mehr als eine halbe Million Exemplare. Die Idee hatte den Zeitgeist einer Konsumgesellschaft getroffen, die längst aus Plastikbechern trank und mit Einwegbesteck von Papptellern aß. Wegwerfkleidung - warum nicht?! Das Papierkleid war billig, bunt, schon morgen konnte man es flott gegen das nächste Design tauschen.

Bald überboten sich Designer mit bunten Mustern, abstrakten grafischen Elementen und sogar mit Postermotiven. Der Grußkartenhersteller Hallmark verkaufte ganze Party-Sets: Geschenkpapier, Pappteller und Becher, Servietten, Obstschalen und dazu Gratulationskarten sowie ein Papierkleid für die Gastgeberin - alles mit dem gleichen bunten Blumenmuster. Corporate Identity für den Partykeller.

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Sixties-Trend zur Wegwerfmode: Ihre Papiere bitte!

Gern nutzten Firmen die Papierklamotten auch als günstige Werbefläche und druckten großformatig ihr Logo drauf. Und so trugen plötzlich junge Frauen Kleidungsstücke der US-Schokoriegelmarken Butterfinger und Baby Ruth. US-Suppenfabrikant Campbell verkaufte in einem genialen Schachzug den "Souper Dress", vollständig bedruckt mit den durch Andy Warhol berühmt gewordenen Suppenetiketten. Die geneigte Käuferin musste nur einen Dollar einschicken - und dazu zwei abgepulte Suppenetiketten.

Die Verwendung von Papier statt Stoff war nicht so abwegig, wie es scheinen mag: Bei der Herstellung gibt es Ähnlichkeiten. Papier entsteht aus Pflanzenfasern, die mit chemischer Hilfe verbunden werden. Textilien sind oft auch aus Pflanzenfasern, allerdings verwoben. Daher ist Stoff stabiler und flexibler, Papier eigentlich zu unbequem und empfindlich für Kleidungsstücke.

Den Boom der Sechzigerjahre ermöglichte das neue Mischgewebe Kaycel: kein gewöhnliches Papier, sondern zu 93 Prozent Cellulose und sieben Prozent Nylon. Es war geschmeidig, feuchtigkeitsabweisend, feuerfest - jedenfalls solange man es nicht wusch. Die Nachfrage war riesig, auch Konkurrenzprodukte wie "Webril" und "Ree-may" eroberten den Markt.

Feuerwehr im Papiergewand

Aus Papier Gewänder zu gestalten, war keine neue Idee: Schon im 10. Jahrhundert fertigte man in Japan "Kamiko", Kleidung aus vorgeknittertem, imprägniertem Papier. Der Legende nach stammt die Idee von einem buddhistischen Mönch, der sich ein Hemd aus Buddhas Schriften gemacht haben soll, um Gäste sauber gekleidet empfangen zu können. Besonders unter Bauern waren die billigen Kleidungsstücke beliebt, das Papier stellten sie selbst her. Selbst Feuerwehrleute wurden in Kamiko mit Sonderbeschichtung gekleidet.

In der westlichen Welt begann man erst in der Not des Ersten Weltkriegs, Papier zu dünnen Streifen zu zerschneiden, auf Spindeln zu drehen und zu Kleidung weiterzuverarbeiten. In Deutschland wurden so etwa Uniformen für Piloten und U-Boot-Besatzungen geschneidert.

Da der Rohstoffmangel nach dem Krieg anhielt, breitete sich die Idee in Europa aus - sehr zum Argwohn der amerikanischen Textilindustrie: So argwöhnte das US-Branchenmagazin "Textile World", die Deutschen und Österreicher wollten offenbar "mit ihrem Papierersatz für echte Kleidung den Weltmarkt erobern". Einzelne US-Hersteller experimentierten in den Zwanzigerjahren mit Papieranzügen für unter einem Dollar, sogar mit Badeanzügen aus Papier. Ohne nennenswerten Erfolg.

Das änderte sich in den Sechzigerjahren mit dem "big paper craze" - so die Schlagzeile einer Titelstory des US-Frauenmagazins "Mademoiselle" im Juni 1967. Mittlerweile war die Wegwerfmode vom Werbegag zum Must-have aufgestiegen. Amerikaner kauften Hemden, Schürzen, Regenmäntel, Overalls und Kaftane aus Papier. Ebenso kauften sie Sandalen, BHs oder spezialbeschichtete Papier-Bikinis (laut Hersteller geeignet für "zwei bis drei Badegänge"). Und auch Abendkleider, Umstandsmoden oder, als Spitze der Produktpalette, Papier-Brautkleider für 15 Dollar. Wer Papierkleider lieber selbst anmalen wollte - kein Problem, das kostete zwei Dollar, Farbe inklusive.

Stolze 80.000 Papierkleidungsstücke fabrizierte Marktführer Mars Manufacturing pro Woche. Neben großen US-Textilketten verkauften auch Luxuskaufhäuser wie das New Yorker "Bonwit Teller" oder "Lord & Taylor" die vergängliche Mode. Als neue Einnahmequelle waren paper resorts geplant: In diese Hotels musste man keine Koffer voll Kleidung mitbringen, weil es vor Ort Papierkleidung für den Urlaub zu kaufen gab.

Ein Papierkleid für den Präsidenten

Höhepunkt des Hypes wurde der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft 1968: Der Demokrat Hubert Humphrey trat gegen den Republikaner Richard Nixon an, der an seine Unterstützerinnen kurze Papierkleider verteilen ließ, über und über bedruckt mit seinem Namen, in den Farben der US-Flagge. Und so reihten sich bei Nixon-Auftritten Frauen in diesen knappen Kleidchen auf, zur Freude der Fotografen. Auch Humphreys Gesicht wurde auf ähnliche Papierkleider gedruckt, inmitten einer US-Flagge. Letztlich gewann Nixon den modischen Wettstreit - zumindest den Wahlergebnissen nach.

Als die US-Amerikaner ihre Liebe zu Einwegklamotten entdeckten, blieb ein Nachteil lange unbeachtet: der rasend wachsende Müllberg. Das "Time"-Magazin bezifferte 1967 die Mehrkosten durch Papierkleidungsreste in den USA auf rund 50 Millionen Dollar und prognostizierte einen Anstieg auf 300 Millionen binnen fünf Jahren.

Doch dazu kam es nie. Nach nur zwei Jahren endete die big paper craze 1968. Viel blieb davon nicht zurück: Wegwerfhauben für Großküchen, Lätzchen für Restaurants, Hygienekleidung für Krankenhäuser. Ein "Souper Dress" mit Campbells-Dosenetiketten im New Yorker Metropolitan Museum of Art, ab und zu gibt es heute noch blau-rote Nixon-Kleidchen auf eBay.

Am Ende hatte die Begeisterung für Einwegkleidung kaum länger gehalten als die Lebensspanne eines Regenmantels aus Papier.

insgesamt 4 Beiträge
Thomas Keferstein  25.04.2019
1. irgendwer hat mal den witz gebracht
papierkleider sind unglaublich praktisch. man kann sie zur wäscherei einfach faxen:)
papierkleider sind unglaublich praktisch. man kann sie zur wäscherei einfach faxen:)
Harald Fetsch 25.04.2019
2. Harald Fetsch
"Kleidung zum Wegwerfen" ____Das sprachliche Niveau, inhaltlich als auch in der Ausdrucksweise, nimmt in Medien immer mehr ab. Sprechen ist ein Teil des Denkens, Wilhelm von Humboldt. Gutes Sprechen macht gutes Denken, [...]
"Kleidung zum Wegwerfen" ____Das sprachliche Niveau, inhaltlich als auch in der Ausdrucksweise, nimmt in Medien immer mehr ab. Sprechen ist ein Teil des Denkens, Wilhelm von Humboldt. Gutes Sprechen macht gutes Denken, flaches Sprechen macht flaches Denken. Anm: Für den schulischen Erfolg von Kindern ist nicht primär das Einkommen oder der Akademisierungsgrad der Eltern entscheidend. Es ist das Niveau in der Familie. Und das beginnt bei inhaltlichem und artikuliertem Sprechen mit gutem sprachlichem Ausdruck. An gutem Sprechen erkennt man gebildete Menschen.
R Schückle 26.04.2019
3. Fotoserie
Nachdem ich bei Foto Nr. 18 nicht ein einziges Bekleidungsstück für Männer sah, habe ich weggeklickt. Gab es diese Papiermode nur für Frauen?
Nachdem ich bei Foto Nr. 18 nicht ein einziges Bekleidungsstück für Männer sah, habe ich weggeklickt. Gab es diese Papiermode nur für Frauen?
Kati Streil 26.04.2019
4. Wer kennt es noch?
Es gab genau zu dem Thema mal einen Comic mit Donald Duck, in dem diese Papierkleidung kritisiert wurde. Leider finde ich den Comic nicht mehr, aber er war wunderbar, so wunderbar, dass ich mich nach 25 Jahren daran erinnere.
Es gab genau zu dem Thema mal einen Comic mit Donald Duck, in dem diese Papierkleidung kritisiert wurde. Leider finde ich den Comic nicht mehr, aber er war wunderbar, so wunderbar, dass ich mich nach 25 Jahren daran erinnere.

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