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Raumfahrt

Warum die Menschheit nicht zum Mars flog

Erst die Mondlandung 1969 - und dann auf zum Mars. So wollte es die Nasa, doch US-Präsident Nixon stoppte ihre Pläne. Seitdem schickt man Roboter zum Roten Planeten und das sehr erfolgreich.

Franklin P. Dixon/ Aeronutronic Division of Philco Corp/ NASA
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Mittwoch, 17.07.2019   10:41 Uhr

Nachdem sie glücklich im Pazifik gewassert hatten, mussten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins zwei Wochen im Alu-Container ausharren. Am 7. August 1969 wartete das Heldentrio von "Apollo 11" auf das Ende der Quarantäne. Die Nasa wollte sichergehen, dass ihre Astronauten keine gefährlichen Erreger von der Mondoberfläche eingeschleppt hatten. Eigentlich waren die USA noch voll im Mondfieber, doch an diesem Tag lenkte die Weltraumbehörde das Interesse des Publikums in Richtung Mars. Denn dort war ihre Sonde "Mariner 7" planmäßig vorbeigeflogen.

Die Forscher präsentierten der erstaunten Presse ein Infrarotspektrum vom Südpol des Planeten. Demnach hatte Mariner in der dünnen Marsluft ein Gas gemessen, das auf der Erde mit biologischen Prozessen in Verbindung steht: Methan. Waren das die Ausdünstungen von Mikroben, gibt es also Leben auf dem Mars? Die spektakuläre Nachricht schaffte es in die TV-Nachrichten und auf die erste Seite der "New York Times". Allerdings mussten die Wissenschaftler sich bald bremsen, denn ihr vermeintliches Mars-Methan entpuppte sich als gefrorenes Kohlendioxid - biologisch uninteressant.

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Raumfahrt: Warum die Menschheit nicht zum Mars flog

Mit dem historischen Mondflug hatten die USA den langen, verbissenen Wettlauf gegen die Sowjetunion gewonnen. Nun allerdings fehlte ein neues Ziel. Sollten Neil Armstrongs Kollegen den Mars ansteuern? "Sie müssen uns dabei helfen, dem Raumfahrtprogramm einen Schubs zu geben. Ja, wir haben es wirklich schwer", hatte Wernher von Braun am Vorabend des "Apollo 11"-Starts bei einem Cocktail zu Norman Mailer gesagt, wie der Schriftsteller in seinem Buch "Auf dem Mond ein Feuer" berichtete.

Mythos Mars

Brauns "Saturn V"-Rakete hatte entscheidend zum Erfolg des Mondprogramms beigetragen, trotzdem spürte er, dass der Wind sich gedreht hatte. Mailer hingegen war verblüfft: Konnte die Nasa, den Sieg am Mond sicher vor Augen, von der Politik nicht alles verlangen?

Der Mars war für Wernher von Braun seit Langem eine Art Sehnsuchtsort. Bereits als Jugendlicher hatte er in den Zwanzigerjahren mit seinem Fernrohr den Nachthimmel bestaunt, der Mars-Roman "Auf zwei Planeten" von Kurt Laßwitz faszinierte ihn. Zudem meldeten Astronomen damals immer mehr von den mysteriösen "Marskanälen", die sie im Teleskop zu erkennen glaubten und manche als künstliche Bauwerke deuteten. Eine optische Täuschung, wie man heute weiß.

Im Video: Der Wettlauf ins All - Sergej Koroljow vs. Wernher von Braun

Nach seiner maßgeblichen Rolle im Raketenprojekt Nazi-Deutschlands entwickelte von Braun in den frühen Fünfzigerjahren für die US-Armee die Redstone-Rakete. Und wieder waren seine Gedanken weit ins Weltall hinausgeflogen: Der Flug zum Mond war ihm eine Nummer zu klein, er dachte bereits über eine Marsexpedition nach. Details wurden 1952 unter dem Titel "Das Marsprojekt" veröffentlicht. 950 Raketenstarts hielt der Raketenpionier für nötig, um die zehn Mars-Raumschiffe im Erdorbit zu montieren; 70 Astronauten sollten den Flug bewerkstelligen.

Das Buch, ursprünglich als Anhang eines Romans geplant, charakterisierte der SPIEGEL damals als "Formelgestrüpp". Trotzdem fanden die kühnen Ideen im US-Wochenmagazin "Collier's" fantastisch illustriert eine breite Leserschaft. Auch Weltraumfilme Walt Disneys halfen in den Fünfzigerjahren, für den Flug zum Mars zu trommeln.

Schon am Ende des folgenden Jahrzehnts waren Raumflüge Realität geworden und US-Astronauten bereits vom Erdmond zurückgekehrt. Mit seinem Wahlsieg 1968 hatte im Weißen Haus der Republikaner Richard Nixon das Zepter übernommen - und das "Apollo"-Projekt von den Demokraten Kennedy und Johnson geerbt. Ein weiteres Erbstück war Nasa-Administrator Thomas Paine, ebenfalls Demokrat und sehr schnell in die Chefetage der Weltraumbehörde aufgerückt.

Zukunftsweisend oder Milliardengrab?

Auf dem politischen Parkett Washingtons war Paine unerfahren, aber als Ingenieur ein Fan der bemannten Raumfahrt. Er sah in Braun einen Visionär. Paine hatte ihn gebeten, bei der Space Task Group, einer hochrangigen Expertengruppe unter Leitung von Nixons Vizepräsident Spiro Agnew, Pläne für eine Marsexpedition vorzustellen. Bereits am Starttag von "Apollo 11" hatte sich Agnew öffentlich für den Mars als nächstes Nasa-Ziel ausgesprochen - und im Kongress eine Kontroverse entfacht. Doch in der Nixon-Regierung war sein Einfluss begrenzt, zum engeren Zirkel um den Präsidenten gehörte er jedenfalls nicht, wichtige Entscheidungen fielen ohne ihn.

Mit einer raffinierten 3D-Präsentation legte Braun sich am 4. August 1969 vor der Space Task Group mächtig ins Zeug. Sein Plan baute auf der existierenden Mondrakete auf, eine nukleare Oberstufe sollte für zusätzlichen Schub sorgen und die Mission aus zwei Crews à sechs Mann bestehen, die parallel in zwei Raumschiffen zum Mars fliegen - für den Fall, dass eins versagen würde. Die erste Landung war für 1982 angepeilt.

Agnew sorgte dafür, dass die Pläne tags darauf auch im Senat vorgestellt wurden. Teilnehmer erinnern sich, wie man dort nach Luft schnappte, als Braun ausführte, dass die Raumschiffe am 12. November 1981 zum Mars aufbrechen würden. Alle kritischen Zeitpunkte der Mission, vom Start bis zur Rückkehr, hatten seine Experten genau berechnet, "was dem eher hypothetischen Szenario einen Hauch von Endgültigkeit verlieh", so Michael Neufeld in seiner Biografie "Wernher von Braun: Visionär des Weltraums - Ingenieur des Krieges".

"Fuck Mars"

Zum leidigen Thema der Finanzierung lagen keine genauen Zahlen vor. Mit einem Nasa-Jahresbudget von neun Milliarden US-Dollar wäre das Projekt zu stemmen, schätzte Paine. Washingtoner Nasa-Experten, die ihre Antennen näher an der Politik hatten, bezweifelten, dass die Taktik ihres Chefs auch nur den Hauch einer Chance hatte.

Am 13. August feierten die Amerikaner noch einmal ihren erfolgreichen Mondflug im Hotel Century Plaza in Los Angeles. Bei der Gala waren Präsident Nixon und der damalige kalifornische Gouverneur Ronald Reagan dabei, als gut 1400 VIPs aus Politik und Gesellschaft Armstrong, Aldrin und Collins hochleben ließen. Vizepräsident Agnew verlieh ihnen die "Freedom Medal" als höchste zivile Auszeichnung der USA. In seinem kurzen Statement sagte Armstrong eine neue Ära voraus, "in der die Menschheit beginnt, das Universum und ebenso sich selbst zu verstehen".

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14.12.2019, 16:56 Uhr
Ohne Gewähr

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Dambeck, Thorsten
Das Apollo-Projekt: Die ganze Geschichte -- Mit Originalaufnahmen der NASA

Verlag:
Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG
Seiten:
160

Draußen jedoch ging es um ganz andere Dinge. Die Friedensbewegung nutzte die öffentliche Aufmerksamkeit, um den Abzug der US-Truppen aus Vietnam zu fordern - und hatte es geschafft, am Bürogebäude gegenüber vom Hotel ein Transparent aufzuhängen mit einer sehr klaren Botschaft in riesigen Lettern: "Fuck Mars".

Auch Durchschnittsbürger hatten mehrheitlich eine kaum positivere Einstellung zu einem teuren Marsabenteuer, wie Meinungsforscher ermittelten. Solche Raumfahrtvisionen kamen zur Unzeit. Denn die "neue Ära" prägten heftige innenpolitische Konflikte: Rassenunruhen und Protest gegen den Vietnamkrieg erschütterten die US-Gesellschaft, Hoffnungsträger wie Martin Luther King und Robert Kennedy waren Mordanschlägen zum Opfer gefallen.

Stiefelabdrücke im roten Sand

Die Space Task Group entwickelte in den Wochen danach trotzdem drei Szenarien für die zukünftige US-Raumfahrt: Zwei machten konkrete Zeitvorgaben für bemannte Marsflüge, das dritte ließ den Starttermin offen. Nixon macht sich keines davon zu eigen. Und so musste die Nasa Federn lassen. Ihr Jahresbudget 1971 fiel auf knapp 3,4 Milliarden Dollar, lediglich 37 Prozent des Höchststandes 1965. Die Mondflüge Apollo 18, 19 und 20 wurden gestrichen. Man verwarf eine bemannte Mondbasis, verschob die erste unbemannte Landung auf dem Mars, stoppte Planungen für bemannte Marsmissionen.

Die "Saturn V"-Rakete wurde nun auch nicht mehr gebraucht, ihr Bau folglich beendet. Und ohne sie war eine neue nukleare Oberstufe sinnlos. Nach 1975 hatte die Nasa überhaupt kein Transportmittel mehr für bemannte Flüge in die Erdumlaufbahn, erst 1981 beendete das neue Space Shuttle diese Phase.

Trotzdem ist der Mars heute der besterforschte Planet. Immer wieder haben die Amerikaner die schwierige Landung dort gemeistert - mit Robotersonden und automatischen Fahrzeugen. Seit 2012 kurvt dort das Marsmobil "Curiosity" herum, zusammen mit einem europäischen Orbiter melden die Sonden nun auch tatsächlich Methan in der Marsluft. Über 20 Kilometer lang sind mittlerweile "Curiositys" Fahrspuren.

Keineswegs ausgeträumt sind indes Visionen, auch Stiefelabdrücke im roten Sand zu hinterlassen. Die Nasa verkündet neuerdings eindringlicher als früher, man wolle Astronauten zum Mars schicken - einen Zeitplan bleibt sie allerdings schuldig. Unternehmer Elon Musk, ganz in der braunschen Tradition, will die erste Stadt auf dem Mars bauen. Wissenschaftler sehen den Planeten hingegen nicht als extraterrestrisches Siedlungsgebiet: Vorschläge, die Umwelt des Wüstenplaneten mittels "Terraforming" für den Menschen angenehmer zu gestalten, verweisen sie ins Reich der Science Fiction.

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