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Reifeprüfung nach Kriegsende

Abitur auf dem Schwarzmarkt

Wie analysiere ich das Werk eines Sowjetdichters und was kriege ich für Ami-Zigaretten? Helmar Meinel hatte im Zweiten Weltkrieg das "Notabitur" erworben - und musste nach dem Krieg die Prüfungen wiederholen. Unter kuriosen Bedingungen.

Helmar Meinel

In der Sowjetzone wurden Grund- und Oberschulen sowie Gymnasien durch die zwölfstufige "Deutsche Einheitsschule" ersetzt, in den ersten Nachkriegsjahren konnte man hier das Abitur machen. Später führte nur noch die "Erweiterte Oberschule" zur Reifeprüfung.

Dienstag, 22.04.2008   14:27 Uhr

Das "Not-" oder "Kriegsabitur", das im Deutschen Reich ab 9. September 1939 vergeben worden war, stellte sich nach dem Krieg in den meisten Fällen als wertloser "Wisch" heraus. In der Sowjetzone wurde es gar nicht anerkannt, und nur an einigen Universitäten im Westen und merkwürdigerweise an vielen Hochschulen im europäischen Ausland (und sogar in Australien) reichte es zur Immatrikulation. Es gab sogar einige Pechvögel, die es auf drei Reifezeugnisse brachten: Wer in den Westen umzog, wo das vorher in der Sowjetzone nachgeholte Abitur nur bis zum Stichjahr 1949 zum Studium anerkannt wurde, musste sich ein drittes Mal der Prüfung unterziehen.

Oberstudiendirektor C. in der Oberschule der vogtländischen Kreisstadt Oelsnitz sah 1945 in uns Abitur-Nachholern nicht zu Unrecht "müde Krieger". Wir passten in der Tat nicht so richtig in den normalen Schulbetrieb, sondern waren die "Opas" der Klasse. Gerhard, mit 32 Jahren der Älteste von uns, war Major bei den Panzerjägern gewesen, Träger des "Deutschen Kreuzes in Gold" für persönliche Tapferkeit und dreimal verwundet. Georg, ein Flüchtling aus Ostpreußen, hatte seine Familie verloren und hauste bei einem Kleinbauern über dem Heuboden. Unserem Wortführer Henning S., den wir "Holzbein" nannten, hatte in Rußland eine Mine den linken Unterschenkel weggerissen.

Nach der Wiederaufnahme des Schulbetriebs am 1. Oktober 1945 fanden die Vorbereitungen auf die ersten "richtigen" Abiturprüfungen unter Ausnahmebedingungen statt. Schon die Anfahrt zur Schule aus dem Umkreis von bis zu 40 Kilometern war abenteuerlich. Wer mit dem Zug ankam, musste mit stundenlangen Verspätungen rechnen - oder sich zu Fuß aufmachen. Von ein paar gut genährten Bauernjungen abgesehen schoben alle "Kohldampf". Mittags wurden von zu Hause mitgebrachte "Dittscher", das waren aus Mehl oder Kartoffeln und meist ohne Fett ausgebackene handgroße Fladen, auf den Heizkörpern aufgewärmt - wenn diese funktionierten. Schon als fürstlich galt die Einnahme einer dünnen, mit Unmengen Majoran gewürzten Suppe im Hotel "Stadt Dresden", die man gegen Abgabe von drei Kartoffeln von einem hochnäsigen Oberkellner serviert bekam.

Der Klassenraum wird zum Umschlagplatz

Die Überlebensstrategien, die das ganze Land erfasst hatten, übertrugen sich auch auf die Abiturienten. Zeitweise glich die Klasse einer Schwarzmarktzentrale. Es wurde getauscht und verscherbelt, was nicht niet- und nagelfest war. Ami-Zigaretten gegen Butter, Schnaps gegen Zement, Zucker gegen Büstenhalter. Höhepunkt in der illegalen Beschaffungsaktivität war der Tag, an dem in der Lateinstunde unvermittelt ein in einem Kartoffelsack unter einer Bank versteckter Hahn loskrähte. Wolfgang S., der von einem Bauerndorf kam, hatte das Zuchttier für den Klassenkameraden Erich L. zum Tausch gegen einen Anzugstoff mitgebracht. Das "Hallo" in der Klasse war groß, und unsere hübsche blonde Lateinlehrerin Vera K., frisch von der Universität Prag, jünger als mancher ihrer Schüler und wegen ihrer tollen Figur von den Flegeln in der Klasse mit "Fräulein Lehrkörper" angesprochen, hatte alle Mühe, zu den alten Lateinern zurückzufinden.

Diese außergewöhnlichen Alltagsumstände wirkten sich jedoch erstaunlich wenig auf das Lernpensum und die Intensität des Unterrichts aus. Mathematische Gleichungen wurden bibbernd im umgefärbten Soldatenmantel mit hochgeschlagenem Kragen und Wollmütze an der Tafel gelöst. Der betagte Professor H. verschlang während der Stunde ungeniert am Pult ein ihm von einem Schüler spendiertes Pausenbrot. Einige Schüler verließen mitten in der Stunde den Unterricht, weil sie draußen einen Lastwagen entdeckt hatten, der in ihren Heimatort fuhr. Der Lehrstoff wurde erstaunlich zügig bewältigt, denn alle hatten nur ein Ziel: möglichst schnell die im Krieg verlorene Zeit aufzuholen, um mit dem Reifezeugnis ins langsam aufblühende Leben zu treten.

Linientreue Prüfungsthemen

Dabei war die Vorbereitung auf die Prüfung durchaus von notwendigen Anpassungen an die neue Zeit geprägt. Nach dem Abzug der Amerikaner war die Rote Armee eingerückt. Aufgeregt zog der politisch eher zurückhaltende Deutschlehrer Dr. G. meinen Banknachbarn Peter R. und mich auf dem Schulhof zur Seite: "Keiner aus Eurer Klasse hat für die Literaturprüfung einen Russen gewählt. Das geht auf keinen Fall!" Die Chance für eine gute Note witternd, erklärte ich mich bereit, mich für den Sowjetdichter Maxim Gorki ("Nachtasyl") zu präparieren. Ich hatte bis dahin noch nie etwas von ihm gehört, geschweige denn gelesen, aber Dr. G. stattete mich mit einem wasserdichten und linientreuen Text aus, der später von der Prüfungskommission dann auch besonders wohlwollend aufgenommen wurde.

Vorher hatte ich mich in diesem Fach auf meinen neuen deutschen Lieblingsdichter Heinrich Heine festgelegt. Zwar gab es 1945 noch keine Bücher von ihm zu kaufen, aber Peter, der Sohn des Kreisarztes, der eine stattliche Privatbibliothek auch mit "verfemten" Autoren über den Krieg gerettet hatte, konnte mir aushelfen. Die Odyssee dieser zwei Bände aus der berühmten Cotta-Ausgabe ist typisch für die damalige Zeit: Als ich die ausgeliehenen Bücher nach dem Abitur zurückgeben wollte, traf ich vor der Tür mit der russischen Geheimpolizei zusammen. Beide kamen wir um Stunden zu spät, denn Peter und seine Familie waren in der Nacht vorher Hals über Kopf über die nur eine Wegstunde entfernte bayerische Grenze in den Westen geflüchtet, nachdem sie einen Hinweis auf ihre bevorstehende Verhaftung erhalten hatten.

Die beiden Heine-Bände, mir wenig später in sogenannten "Pfund-Päckchen" (mehr war nicht erlaubt) an meinen neuen Wohnort Köln nachgeschickt wurden, begleiteten mich mein Leben lang. Ich konnte sie meinem Mitschüler Peter, der nach Australien ausgewandert war, erst 50 Jahre später beim "Goldenen Abitur" in der alten Schule feierlich zurückgeben.

Die Bilanz des doppelt genähten Abiturs fiel bei diesem Wiedersehen 1998 durchweg positiv aus. Angereist waren allein vier Professoren und 16 Doktoren und Ehrendoktoren. Rang Eins nahm mit einer Nobelpreisnominierung unangefochten unser Klassenkamerad und nun hochkarätiger Medizinprofessor und Wissenschaftler Eberhard Z. ein. Ironie des Schicksals: Er war seinerzeit der Einzige von uns, der für das Abitur noch einen zusätzlichen Anlauf nehmen musste.

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