einestages

Reporter im Bahro-Prozess

"Ich war der nützliche Idiot"

Die Verhandlung gegen DDR-Dissident Rudolf Bahro im Sommer 1978 war ein abgekartetes Spiel. Damit der Schein eines ordentlichen Verfahrens gewahrt blieb, saß Reporter Klaus Taubert im Gerichtssaal - als einziger Journalist. Auf einestages erinnert er sich an den merkwürdigen Prozess.

AP
Donnerstag, 24.06.2010   16:44 Uhr

Kaum war ich am 26. Juni 1978 im Büro angekommen, rief mich mein Chef Günter Pötschke, Generaldirektor der offiziellen DDR-Nachrichtenagentur ADN, zu sich. Ich solle sofort ins Berliner Stadtgericht fahren, sagte er. Worum es ging, wusste er selbst nicht so genau. Der Auftrag war kurz vorher aus dem "großen Haus" gekommen. So nannten wir das SED-Zentralkomitee. Wie üblich hatte es seine Anweisung nicht begründet.

Ich bekam einen solch nebulösen Auftrag nicht zum ersten Mal. Erfahrungsgemäß hatte ich in solchen Fällen entweder die Aufgabe, einen seitenlangen, linientreuen Bericht zu schreiben oder eine bereits fertig formulierte Meldung abzuholen, sie mit dem Kürzel ADN zu versehen und dann zu verbreiten. Vorsichtshalber steckte ich ein leeres Oktavheftchen ein und fuhr in die Littenstraße zum Stadtgericht. Dort nahm mich ein mir unbekannter Mann in Empfang. Er eröffnete mir, dass ich der einzige Pressevertreter sei, der diesen Prozess begleiten dürfe. Ich solle mich auf eine Woche Verhandlungsdauer einstellen.

Der einzige Journalist? Stutzig geworden erlaubte ich mir die Frage, wer denn der Angeklagte sei. "Rudolf Bahro", antwortete der Unbekannte lakonisch. Offensichtlich setzte er voraus, dass ich über die zu verhandelnde Straftat informiert war. Doch das Gegenteil war der Fall. Obwohl Bahro damals als bekanntester Dissident der DDR galt, wusste ich weder, dass er angeklagt war, noch, was ihm konkret vorgeworfen wurde. Ich kannte nicht einmal sein Buch "Die Alternative", für das er sich nun verantworten musste. Schonungslos hatte er sich darin mit der Wirtschaftspolitik der DDR auseinandergesetzt. "Die Alternative" war im Herbst 1977 im Kölner Bund-Verlag erschienen und daher im volkseigenen Buchhandel nicht erhältlich. Ich konnte sie gar nicht kennen.

Vorgeführt

Nachdenklich setzte ich mich auf einen freien Platz. Der Verhandlungssaal fasste ungefähr 20 Personen. Außer mir waren rund 15 Männer dort, die sich als öffentliche Besucher ausgaben. Dass sie in Wirklichkeit Mitarbeiter der Staatssicherheit waren, war kaum zu übersehen. Alle waren mit demselben Bus vorgefahren worden. Ich schaute mich um und erkannte, dass ich tatsächlich der einzige Journalist im Saal war. Wozu war ich hier, fragte ich mich. Brauchte man hier überhaupt einen Berichterstatter? Ganz offensichtlich handelte es sich doch um eine jener "öffentlichen Gerichtsverhandlungen", von der die Öffentlichkeit mit aller Sorgfalt ausgeschlossen wurde.

Wenige Minuten vor 10 Uhr erschien der 41-jährige Angeklagte. Ein riesiger Muskelprotz führte den kleinen schmächtigen Mann wie einen Schwerverbrecher an einer Knebelkette in den Verhandlungsraum. Durch die Fenster fiel grelles Tageslicht auf sein blasses Gesicht, das, so schien es mir, stolze Gleichgültigkeit ausstrahlte. Zehn Monate hatte Bahro zu diesem Zeitpunkt bereits in Untersuchungshaft gesessen. Er war am 23. August 1977 verhaftet worden - einen Tag nachdem der SPIEGEL einen Auszug aus seinem Buch veröffentlicht hatte.

Die Stasi hatte ihn aber wohl schon viel länger im Visier - spätestens seitdem er die Niederschlagung des Prager Frühlings im Sommer 1968 unverhohlen kritisiert hatte. Auch schon davor war er politisch immer wieder angeeckt. 1967 hatte er deswegen seinen Posten als stellvertretender Chefredakteur des FDJ-Blatts "Forum" aufgeben müssen. Er wechselte daraufhin in die Wirtschaft und arbeitete bis zu seiner Verhaftung in der Gummi- und Kunststoffindustrie. Hier lernte er die wirtschaftlichen Verhältnisse der DDR hautnah kennen. Genug Stoff für ein kritisches Buch wie "Die Alternative".

Ich war das journalistische Alibi

Noch während ich darüber grübelte, was ich über den Prozess zu berichten hätte, wandte sich der Vorsitzende Richter an mich. Er fragte nach meinem Namen und Geburtsdatum und verpflichtete mich dann förmlich, über das gesamte Verfahren Stillschweigen zu wahren. Nicht das Publikum, nicht der Verteidiger, nur ich hatte zu schweigen. In diesem Moment wurde mir klar, welche Rolle ich in diesem Prozess zu spielen hatte: Ich war der nützliche Idiot, das journalistische Alibi für all die Meldungen, die schon längst geschrieben waren und in irgendeiner Schreibtischschublade auf ihre Veröffentlichung warteten. Ich war nur dazu da, den Schein des vermeintlich öffentlichen Verfahrens zu wahren - so wie die 15 als Besucher getarnten Stasi-Mitarbeiter.

Ganz deutlich wurde mir das noch einmal einige Tage später, als ich mit dem Verteidiger Bahros aneinandergeriet. Er war etwas kleiner als ich und ein bisschen jünger. Seine runde Brille gab ihm etwas Pennälerhaftes. Er war etwa 30 Jahre alt und hieß Gregor Gysi. In einer Gerichtspause beschimpfte er mich wegen einer in allen Ost-Zeitungen erschienenen Nachricht über den Prozess. Darin wurde behauptet, Bahro habe unerlaubt Westgeld angenommen. Gysi nahm offensichtlich an, dass ich die Prozessmeldung kannte und abgenickt hatte. Das stimmte aber nicht. Wie von Geisterhand war sie in die Agentur gekommen. Niemand hatte sie mir gezeigt. Ich las sie erst am nächsten Tag in der Zeitung.

Die Anklage wirkte, wie so oft in solch politischen Fällen, allzu konstruiert: Bahro habe mit dem westdeutschen Verfassungsschutz zusammengearbeitet und sein Buch dazu genutzt, geheime Informationen über die DDR-Wirtschaft in den Westen zu schmuggeln. Kurzum: Man bezichtigte ihn des Landesverrats.

"Es ist, wie ich es beschreibe!"

Gysis Verteidigung war mir im Grunde ganz sympathisch. Er wies nach, dass Bahro nur öffentlich zugängliche Quellen und Gespräche mit Wirtschaftsfunktionären verarbeitet und somit keine geheimen Informationen preisgegeben hatte. Doch egal wie gut er ihn am Ende verteidigte, es hatte letztlich keinerlei Auswirkungen auf das Strafmaß. Das Urteil war, wie so oft in brisanten Fällen, schon lange vor Verhandlungsbeginn von höchster Stelle gefällt worden. Das Bahro-Verfahren war von Anfang an ein abgekartetes Spiel.

Was Bahro besonders angelastet wurde, war der Erfolg seines Buches im Westen. "Die Alternative" hatte zum Zeitpunkt des Prozesses eine Auflage von 80.000 Exemplaren und war nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Großbritannien und den USA erhältlich. Dass man sich nun weltweit über die maroden wirtschaftlichen Verhältnisse der DDR informieren konnte, sorgte in Ost-Berlin für Unmut. Entsprechend unsachlich schlug das Gericht nun um sich. Ulrich Schwarz beispielsweise, der bis 1977 SPIEGEL-Korrespondent in der DDR war und die Herausgabe des Buches mit ermöglicht hatte, wurde als "Erfüllungsgehilfe des BND" abgestempelt. Ob das stimmte oder nicht, war irrelevant. Verleumdungen des Klassengegners mussten in der DDR ohnehin nicht bewiesen werden.

Der kluge, stets etwas naiv wirkende Bahro bewahrte trotz allem die Ruhe und wich keinen Millimeter von seinem Standpunkt ab. "Ich habe die Gewissheit, dass der real existierende Sozialismus so ist, wie ich ihn beschreibe. Ich bin überzeugt, dass die Sachprobleme und Dinge so existieren, wie ich sie dargestellt habe", sagte er. Mit keiner Silbe erkannte Bahro den Vorwurf des Geheimnisverrats an.

"Liquidierung ist nicht in meinem Sinne"

Da ich Rede- aber kein Schreibverbot hatte, schrieb ich so viele Entgegnungen Bahros mit, wie ich konnte. Am Ende des Prozesses war mein kleines Oktavheft voll. Trotz all der Probleme, die er sah, betonte Bahro: "Eine Liquidierung des real existierenden Sozialismus' ist nicht in meinem Sinne." Er habe auch "nicht die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung angegriffen, nur bestimmte Teile des Überbaus". Auf den Vorwurf, dass er sein Buch ausgerechnet im Westen veröffentlichte, entgegnete er: "Ich musste damit rechnen, dass man sich im Westen meiner bedient. Das habe ich als unumgänglich in Kauf genommen. Dort hat man aber nur die Oberfläche meines Buches, meiner Intention genutzt, der konzeptionelle Inhalt wurde in den westlichen Medien nicht widergespiegelt."

In der Urteilsbegründung hieß es später, Bahro würde "die gesellschaftliche Entwicklung nur auf Mängel und Fehler hin betrachten". Er habe sich "vom Arbeitskollektiv losgelöst". Das waren die üblichen Argumente, um einen selbständig denkenden, intellektuell überlegenen Menschen gefügig zu machen.

Am 30. Juni 1978 verurteilte das Berliner Stadtgericht Bahro wegen "landesverräterischer Sammlung von Nachrichten" und "Geheimnisverrats" zu acht Jahren Freiheitsentzug. Er nahm den Rechtsspruch gelassen hin und schwieg, als ihn der Muskelprotz endgültig aus dem Gerichtssaal führte. Im Oktober des folgenden Jahres wurde er begnadigt und in die Bundesrepublik abgeschoben. Anlass für die Amnestie war paradoxerweise der Jahrestag zum 30-jährigen Bestehen der DDR, jenem Staat, den er so treffend kritisiert hatte.

Zum Weiterlesen:

Klaus Taubert: "Generation Fußnote. Bekenntnisse eines Opportunisten". Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag, Berlin 2008, 296 Seiten.

insgesamt 2 Beiträge
Otto Brutus 28.06.2010
1.
Wo bleiben eigentlich bei diesem Thema (und ähnlichen) die DDR-Romantisierer? Bahro hat vielen von uns die Augen damals restlos geöffnet. An den Fakten kam man einfach nicht vorbei. Man kam übrigens relativ gut an das Buch [...]
Wo bleiben eigentlich bei diesem Thema (und ähnlichen) die DDR-Romantisierer? Bahro hat vielen von uns die Augen damals restlos geöffnet. An den Fakten kam man einfach nicht vorbei. Man kam übrigens relativ gut an das Buch über Westkontakte.
Siegfried Wittenburg 06.07.2010
2.
@ Klaus Taubert: Erst gestern habe ich Ihre Artikel entdeckt. Sie gehen unter die Haut. @ Otto Brutus: Je besser die Qualität der Beitrage wird, desto mehr schweigen die DDR-Romantisierer.
@ Klaus Taubert: Erst gestern habe ich Ihre Artikel entdeckt. Sie gehen unter die Haut. @ Otto Brutus: Je besser die Qualität der Beitrage wird, desto mehr schweigen die DDR-Romantisierer.

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