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Franco-Diktatur in Spanien

29 Jahre und 352 Tage im Versteck

Wie hält man es Jahrzehnte in einem Erdloch aus? "Maulwürfe" werden in Spanien Menschen genannt, die sich nach Francos Sieg im Bürgerkrieg verbargen - aus Angst vor dem Diktator. Die Geschichte zweier Überlebenskünstler.

imago/ United Archives International
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Montag, 01.04.2019   16:15 Uhr

Dem Schwein war Manuel Piosa Rosado immer nah. Er konnte es schmatzen hören, musste den Gestank ertragen und war doch dankbar: Das Schwein war sein Lebensretter, seine beste Tarnung.

Denn Manuel Rosado lebte 32 Jahre fast direkt unter dem Schwein. Nah am Stall in einem Loch, das er seinen "Sarg" nannte: 70 Zentimeter breit, 1,80 Meter lang. Den Eingang verdeckte er mit altem Stroh und einem Misthaufen, damit die Häscher des Diktators Francisco Franco ihn nicht fanden.

Franco hatte am 1. April 1939 - vor nun 80 Jahren - den Spanischen Bürgerkrieg für sich entschieden. Noch Jahrzehnte danach ließ er nach ehemaligen Kriegsgegnern politischen Feinden suchen. Menschen wie Rosado, die lieber lebendig begraben sein wollten, als sich der Folter und Willkür in einem spanischen Gefängnis auszusetzen.

1953, nach 16 Jahren im Versteck, das er meist nur abends und zum Essen verließ, wollte Rosado einem geliebten Menschen näher sein als dem Schwein. Sein Vater war gestorben. Die Totenfeier fand im Haus statt, fern vom Stall. Also versteckte sich Rosado im Schuppen nebenan. Weil die Tür zum Schuppen geschlossen war, informierte vermutlich ein misstrauischer Trauergast die Guardia Civil: Francos gefürchtete paramilitärische Truppe stellte tags darauf das Gehöft im andalusischen Örtchen Moguer auf den Kopf.

An seine panische Angst, gerade bei dieser Kontrolle, erinnerte sich Rosado im Gespräch mit Jesús Torbado und Manuel Leguineche. Die Journalisten sprachen 1977 für ein Buch mit ehemaligen "topos" ("Maulwürfen"), wie die Franco-Flüchtlinge in Spanien heißen. "Sie kamen ganz nahe an mein Versteck heran. Sie berührten mich fast mit ihren Fingern." Dann gingen die Fahnder wieder, ließen Rosado und das Schwein zurück.

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Spaniens Franco-Flüchtlinge: Lebendig begraben

Woher rührt diese Furcht? Und die Wut der Verfolger?

Vom "Krebsgeschwür" der Demokratie hatte Franco Spanien 1936 befreien wollen, als er mit drei weiteren rechtsgerichteten Generalen gegen die verhasste Republik putschte.

Vereint im Hass

Er entfesselte einen erbitterten Bürgerkrieg voller Massaker. Allein in Córdoba ermordeten Francos Parteigänger, die faschistischen Falangisten, mit der Guardia Civil 10.000 Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung. Die Nationalisten begingen die meisten politische Morde, aber auch Anhänger der Republik wüteten exzessiv: Sie erschossen Tausende echte oder vermeintliche Putschisten, Anarchisten zündeten Kirchen an und lynchten Priester: Symbole und Vertreter des alten Systems.

Die Wurzeln dieser Härte, mit der sich Spanien selbst zerfleischte, lagen tief: Bauern und Arbeiter waren verarmt und ausgebeutet. Die alten Eliten - Großgrundbesitzer, Militär und Kirche - fürchteten sich vor sozialistischen Experimenten, Enteignungen, Anarchie. Sie sehnten die Monarchie und Diktatur aus der Zeit vor der Republik zurück. Der Bürgerkrieg war damit mehr als ein Kampf zwischen rechts und links: Die Front trennte fundamentalistische Katholiken und liberale Säkulare, Monarchisten und Republikaner, Zentralisten und nach Autonomie strebende Föderalisten.

Am Ende war Spanien zerrissener denn je. Franco, der seinen Triumph im Mai 1939 bombastisch feierte, versuchte Spanien zu einen, indem er sich als einzigen "Exponenten des Geistes der Nationalen Erhebung" kultisch verehren ließ. Anstelle einer festen Ideologie mischte er faschistische, konservative und monarchistische Strömungen. Auch der Hass auf den einstigen politischen Feind sollte die Nation zusammenschweißen.

Die Jagd auf die Maulwürfe begann.

Manuel Cortés Quero durchschaute das anfangs nicht. Der überzeugte Sozialist war einst Bürgermeister im Dorf Mijas bei Málaga, bis ihn die Kriegswirren aus dem Dorf verschlugen. Am 17. April 1939, gut zwei Wochen nach Kriegsende, kehrte er nach Mijas zurück und wollte sich bei den Behörden melden. Was sonst blieb ihm übrig? Warum sollte er wie ein Geächteter in der Sierra untertauchen? Er hatte keine Verbrechen begangen.

Der unsichtbare Bürgermeister

"Ich sagte mir: Man wird mich für ein paar Jahre in ein Gefängnis stecken, und damit gut", erinnerte Cortés sich in Gesprächen mit dem Journalisten Roland Fraser, der seine Lebensgeschichte aufschrieb. "Für meine sozialistischen Ansichten würden sie mich einsperren." Mehr nicht.

Wie naiv.

Als Cortés seiner Frau Juliana und seinem Pflegevater erzählte, dass er sich stellen wolle, waren sie entsetzt. Sie berichteten von bereits ermordeten Bürgermeistern aus der Umgebung. Von Parteifreunden aus Mijas, die nicht mehr lebten. Von Francos Handlangern, die nach ihm gefragt hatten. Juliana geriet in Panik: "Weshalb bist du nur hierher zurückgekommen?"

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Manuel Cortés Quero 1969

Stundenlang diskutierten sie. Er steckte in der Klemme. Pures Glück, dass ihn bei seiner Rückkehr spätabends niemand gesehen hatte. Raus aus dem Dorf konnte er jetzt nicht, wohin auch? Also wollte er sich eine Zeit in der Höhle des Löwen verstecken.

Daraus wurden 29 Jahre und 352 Tage. Wie übersteht man das?

"Ich habe nie daran gedacht, mich zu stellen, nicht in den schlimmsten Momenten der Mutlosigkeit. Ich wusste, dass sie mich schadenfroh anglotzen würden. Mich ihnen selbst auszuliefern, wie ein Lamm - niemals." Auch Manuel Rosado, der Mann aus dem Stall-Versteck, sagte: "Ich war stets der Meinung, dass nur der Tod das Letzte sein kann. Darum zog ich dem Tod dies hier vor: das Versteck, den Sarg, den Gestank der Exkremente."

Die ersten Jahre verbarg sich Cortés in einem Hohlraum einer Wand im Haus seines Pflegevaters. Eng war es in diesem früheren Schrank, "gerade Platz genug, um auf einen kleinen Kinderstuhl zu sitzen" erinnerte er sich. "Ich konnte aufstehen, aber nicht umhergehen." Dort saß er bei einer Kerze und las. "Aber die Zeit verging nur langsam, sehr langsam."

Der Eingang war ein schmales Loch, verdeckt durch ein Heiligenbild. Mittags schob Juliana ihm Essen durch das Loch, nachts kam er heraus, "wie eine Eule". Manchmal wagte er sich auch tagsüber in einen abgedunkelten Raum, wo er leise etwas gehen konnte. "Immer wieder die paar Schritte hin- und herlaufend - es war zum Verzweifeln."

Bloß nicht schreien

Es sind die kleinen Dinge, die sich zu riesigen Problemen auftürmen, wenn man offiziell nicht existiert. Was tun, wenn man ernsthaft erkrankt? Kein Arzt kann helfen. Cortés zog sich neun Zähne selbst, ohne Betäubung, Schreie musste er unterdrücken. Im Dorf wimmelte es von Denunzianten. Juliana wurde regelmäßig verhört und bedroht.

Nach zweieinhalb Jahren zog der Bürgermeister, den seine Bürger nicht sehen durften, nachts um, verkleidet als alte Frau. Fortan verbarg er sich im neuen Miethaus von Juliana unter der Treppe in einem größeren Geheimraum, den er sich selbst mauerte. Hier wurde Cortés Großvater, hier beweinte er den Leukämietod seiner Enkeltochter, die ihn nie hatte kennenlernen dürfen.

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Das zweite Versteck von Cortes in Mijas (Rekonstruktion)

Die Zeit war oft "schlimmer als im Gefängnis", sagte er rückblickend. Manchmal wünschte er sich den Tod. Am meisten quälte Cortés aber die Ungerechtigkeit: "Obwohl mein Gewissen keiner Amnestie bedurfte, denn ich hatte nichts Unrechtes getan, war ich gezwungen, mich selbst für einen Verbrecher zu halten, der auf seine Begnadigung wartet."

Im März 1969 war es so weit. Der greise Diktator sprach eine Generalamnestie aus. Manche Maulwürfe verpassten die Neuigkeit oder trauten Franco nicht; Spaniens letzter Maulwurf kam erst 1977 aus seinem Versteck, nach 38 Jahren.

"Ich heulte los wie ein Baby"

Als junge Männer waren sie untergetaucht, als Großväter kehrten sie in ein Land zurück, das sie nicht wiedererkannten: überall Autos, Touristen, Wolkenkratzer. Mädchen in Miniröcken.

"Ich spürte einen Stich in meinem Herzen und heulte los wie ein Baby. Das war die Freiheit!", sagte Manuel Rosado zu seiner Rückkehr ins Leben 1969. Bewegungsmangel hatte ihn auf 100 Kilo zunehmen lassen, der Lichtmangel seine Augen geschädigt. Die Freiheit war grell. Rosado brauchte eine Sonnenbrille. Vielleicht auch, weil die Menschen ihn anstarrten wie ein exotisches Tier.

Eines betonte er sofort, als er sich bei der Guardia Civil meldete, auch wenn es juristisch nun bedeutungslos war: Er sagte, dass er im Bürgerkrieg keine Kirche angezündet und keinen Offizier ermordet hatte, wie man ihm unterstellt hatte.

Manuel Cortés verließ sein Versteck im April 1969 in einem neuen Anzug mit glänzenden Lederschuhen, von Juliana extra für diesen Moment gekauft. Doch der 63-Jährige schwankte, machte grotesk große Schritte - das Laufen in Schuhen hatte er verlernt.

Rosado, der einstige Sozialist, sagte 1969 der Guardia Civil, Franco sei "ein großer Staatsmann". Wie es weitergehe? "Schwamm drüber." Es war ein Sieg des Diktators, dessen Verbrechen bis heute nicht vollständig aufgearbeitet sind. Cortés hingegen blieb seinen Ansichten treu: "Ich habe immer geglaubt, dass am Ende die Demokratie triumphieren wird."

1977, gut ein Jahr nach Francos Tod, betrat er in Mijas zum ersten Mal seit 1936 wieder eine Wahlkabine. In Spanien durften nun wieder mehr Parteien antreten, Francos ehemalige Staatspartei war aufgelöst.

Trotzig macht der frühere Bürgermeister das Kreuz bei den Sozialisten, für die er im Wahlkampf persönlich geworben hatte. Sie gewannen das Dorf zurück. Friedlich. Es war Cortés späte Rache an Franco.

insgesamt 3 Beiträge
Michael Daehne 01.04.2019
1. Schwamm drüber
war auch das Grundprinzip von Juan Carlos I . Er meinte nur damit die Demokratie errichten zu können. Damit wurde die Verfolgung der Franco-Verbrechen verhindert. So, wie in Deutschland erst sehr viel später über die [...]
war auch das Grundprinzip von Juan Carlos I . Er meinte nur damit die Demokratie errichten zu können. Damit wurde die Verfolgung der Franco-Verbrechen verhindert. So, wie in Deutschland erst sehr viel später über die Verantwortung jedes Einzelnen offen diskutiert wurde, kann dies Spanien erst jetzt leisten. Wie schwierig es ist mit dem Erbe des verbrecherischen Franco-Regimes erkennt man gut am reaktionären Widerstand die sterblichen Überreste des faschistischen Diktators von seinem Wallfahrtsort unter dem größten Kreuz der Welt in eine angemessenere Grabstätte umzubetten. Schwamm drüber ist nie eine gute Lösung.
Alex Bötschi 01.04.2019
2. Ein paar Anmerkungen
1. "Anstelle einer festen Ideologie mischte er faschistische, konservative und monarchistische Strömungen." Da fehlt mir eindeutig die Katholische Komponente, Franco wurde vom Papst legitimiert, was wesentlich (neben [...]
1. "Anstelle einer festen Ideologie mischte er faschistische, konservative und monarchistische Strömungen." Da fehlt mir eindeutig die Katholische Komponente, Franco wurde vom Papst legitimiert, was wesentlich (neben dem Militärbündniss mit den USA) zur Anerkennung seiner Diktatur durch den Rest der Welt beigetragen hat. 2. "In Spanien durften nun wieder mehr Parteien antreten, Francos ehemalige Staatspartei war aufgelöst." Eher umbenannt, jeder in Spanien weiss um wen es sich beim Partido Popular (PP) handelt. 3. Säkular ist Spanien bis heute nicht, kleines Beispiel: An Ostern setzt die Armee die Flaggen auf Halbmast, da Jesus gestorben ist.
Stephan Heinig 05.04.2019
3. @2 Alex Bötschi
DANKE für die Ergänzungen!
DANKE für die Ergänzungen!

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