einestages

TV-Trash "Takeshi's Castle"

Millionenquote mit knallbuntem Klamauk

Schadenfreude im Fernsehen geht immer. 1999 kam die japanische Spielshow "Takeshi's Castle" nach Deutschland und rettete den klammen Sender DSF. Feuilletonisten waren entsetzt, Jugendliche entzückt.

Nitro TV
Von
Dienstag, 05.02.2019   10:31 Uhr

Am 1. Juni 2005 rächte sich die Abschlussklasse der Fachoberschule im bayerischen Bad Tölz an ihren Lehrern. Sie wurden gefangengenommen, mit Kabelbindern gefesselt und nur freigelassen, falls sie sich in Spielen auf dem Sportplatz bewährten.

In American-Football-Rüstungen mussten die Pädagogen mit dick gepolsterten Stäbchen kämpfen, auf schmalen Planken über einem Planschbecken balancierend. Und auf einem künstlichen Stier Rodeo reiten, in Einkaufswagen um die Wette fahren, in Fettanzügen Sumo ringen.

Auf ein Laken hinter der kleinen Bühne hatten die Tölzer Fachabiturienten gesprüht: "GrohGaschi's Castle" (in Anlehnung an den Namen des Konrektors). Denn ihr Streich ahmte eine japanische Gameshow nach, die um die Jahrtausendwende ins Nachmittagsprogramm gelangt war und Millionen deutsche Schüler begeisterte: "Takeshi's Castle".

In Japan startete die Trash-Show bereits 1986. Dafür brauchte es nicht viel - vor allem schmerzbefreite Menschen, die sich im Fernsehen freiwillig zum Gemüse machen. Gut hundert Kandidaten sollten jede Folge eine Festung erobern und allerlei Hindernisse überwinden: wegbrechende Steine, rotierende Walzen, Labyrinthe, Wackelbrücken. Dazu kamen Monster, die sie mit Farbe einschmierten und mit Wasserpistolen sowie Volleybällen beschossen.

"Und wieder bricht ein Tag auf der Burg des Fürsten Takeshi an"

Schadenfreude gehörte unbedingt dazu. Showmaster Takeshi Kitano verkleidete sich mit einer fürstlichen Seidenrobe, mit seinem Gefolge in Fantasieuniformen spottete er über Kandidaten, die gegen verschlossene Türen rannten oder in den Schlamm plumpsten.

"Im Fernsehen aufzutreten, das ist für mich exakt so, wie japanische Angestellte in Bars herumlungern, wo sie nach Dienstschluss über ihre Bosse lästern", sagte Kitano einmal dem "SZ-Magazin", "der Unterschied ist nur, dass man mir dafür auch noch Geld zahlt." Neben seinen TV-Blödeleien drehte Kitano blutrünstige Mafiafilme, die Kritiker auf internationalen Filmfesten verzückten - er war so etwas wie eine Mischung aus Quentin Tarantino und Stefan Raab.

Fotostrecke

"Takeshi's Castle": Schadenfreude, Action, Dada

Sportive Geschicklichkeitswettbewerbe gab es schon viel früher im Fernsehen. Jahrzehntelang zählte "Spiel ohne Grenzen" zu den beliebtesten Shows in Europa. Ab 1965 traten Mannschaften aus Städten gegeneinander an, erst national und dann international. Oft mussten sie in übergroßen Kostümen Dinge über Rutschbahnen ins Ziel tragen, unter Einsatz von viel Schmierseife. Das sah nach Slapstick aus, folgte aber Turnierregeln, über die strenge Schiedsrichter wachten.

Kitano pfiff auf diese europäische Umstandskrämerei und bevorzugte knallbunten Klamauk. Mit dem radikaleren "Takeshi's Castle" setzte er die Kandidaten in ein Jump'n'Run-Spiel wie "Super Mario". Level für Level mussten sie überwinden, nur wenige schaffen es bis zum Endgegner: Fürst Takeshi empfing sie dann zur finalen Wasserpistolen- oder Laserschlacht auf Autoscootern.

Italienische Komiker erfinden General Putzerstofen

Zu gewinnen gab es eine Million Yen (heutiger Wert knapp 8000 Euro). Meist jedoch zerschmetterte Takeshi alle: 129 Folgen drehte Kitanos Team in drei Jahren, nur acht Mal gewannen die Herausforderer. Besonders verwegene Kandidaten nahmen als Trostpreis 100.000 Yen mit.

In Japan lief die Sendung jeden Freitagabend, mit raschem Erfolg. Ein italienischer Privatsender übernahm sie 1989, kommentiert von drei einheimischen Komikern - einem Takeshi-Schergen gaben sie den Quatschnamen General Putzerstofen. Auch in Portugal wurde eine Version ausgestrahlt.

Deutschland aber erreichten Takeshis enthemmte Albernheiten ein ganzes Jahrzehnt lang nicht. Vielleicht bekamen die Sender kein Angebot, vielleicht unterschätzten sie den Reiz. Bis dieser Kindergeburtstagsklamauk es doch noch ins deutsche Nachmittagsprogramm schaffte - dank Wolfgang Wild. "'Takeshi's Castle' ist zu weiten Teilen auf meinem Mist gewachsen", sagt Wild, 59, am Telefon. Er lebt heute als Privatier in Miami.

1993 kam Wild als Tenniskommentator zum Deutschen Sportfernsehen (DSF), einem frisch gegründeten und notorisch klammen Sender. "Livesport ist teuer", sagt Wild, "in Deutschland kann man damit kein Geld verdienen." Weil zudem unter der Woche nachmittags oft kein spannender Sport lief, griff das DSF zu Konserven alter Tennis- und Fußballspiele.

Davon gelangweilt kritisierte Wild das Programm. 1998 habe ihn sein Chef zum Programmdirektor befördert, mit den Worten: "Dann mach es halt selbst!" So suchte Wild billige Shows, "die man mit halbwegs gutem Gewissen ins Sportfernsehen stellen kann". Und stolperte über die alten Bänder aus Japan.

"Gefühlte 350 Geschäftsführer über mir"

Erst musste er noch seine Chefs überzeugen: "Ich war zwar Programmdirektor, aber ich hatte gefühlte 350 Geschäftsführer über mir." Die bezeichneten "Takeshi's Castle" als "schwachsinnig" und "idiotisch". Womit sie ja nicht ganz falsch lagen.

Wolfgang Wild entgegnete: "Eine Folge kostet nur ein paar Tausend Mark, da geht nicht viel kaputt." Man habe ihn dann machen lassen, "zähneknirschend", erzählt er. Eine Agentur straffte die Folgen und sprach deutsche Kommentare ein, à la "Nur ein nasser Kandidat ist ein guter Kandidat".

An einem Augustmontag 1999 lief die erste Folge im DSF. Schon am Freitag darauf, erinnert sich Wild, schauten mehr als eine Million Menschen "Takeshi's Castle", vor allem Schüler und junge Erwachsene - das Lieblingspublikum des Privatfernsehens. Die DSF-Werbekunden waren begeistert, 2001 peilte der Sender erstmals schwarze Zahlen an.

Kulturpessimisten sahen durch "Takeshi's Castle" bewiesen, dass die Gier nach Unterhaltung die Menschlichkeit zerstöre. "Demütigung ohne Grenzen", schrieb "SPIEGEL Reporter". "Menschenverachtend", urteilte die "Süddeutsche". Und für den "Kölner Stadt-Anzeiger" war die Show "ein Blick in die Zukunft: Denn auch hierzulande könnten sich Kandidaten schon bald der 'GAL', der größtmöglichen Lächerlichkeit, preisgeben."

Unbeeindruckt hob Wild weitere Gameshows ins Programm: "Sports Bakka" aus Japan, "American Gladiators" aus den USA, "Ice Warriors" aus Großbritannien, "Xapatan" aus Frankreich. Takeshi habe aber am besten funktioniert, sagt der frühere Programmdirektor, schon lange vor all den Fail-Videos auf YouTube oder den hastig zusammengeleimten Pannenshows im Fernsehen.

"Eher ein Betriebsunfall"

Sein Team überlegte gar eine deutsche Version im Vergnügungspark Rust. "Aber die Idee sprengte die finanziellen Möglichkeiten des DSF", sagt Wild. Seine Vision sollte erst 2016 Wirklichkeit werden, als RTL "Ninja Warrior Germany" produzierte - wenn auch ohne das Gaga-Element, es ist echter athletischer Wettstreit mit aufgedrehten Moderatoren.

2002 wurde Stefan Ziffzer neuer DSF-Chef und sagt heute: "'Takeshi's Castle' war eher ein Betriebsunfall als eine hellseherische Programmentscheidung." Wie die meisten Sportjournalisten im Sender konnte er mit der Show nichts anfangen - und setzte sie kurz nach seinem Amtsantritt ab.

Wild, zu dieser Zeit schon nicht mehr beim DSF, versteht die Entscheidung gegen Takeshi bis heute nicht: "Meine Nachfolger haben sich Dinge angelacht, die noch viel schrecklicher waren als das, was ich da verbrochen habe." So begann das DSF 2002, "Sexy Sport Clips" zu senden - fortan räkelten sich nackte Frauen neben Surfbrettern oder auf Billardtischen. Schmuddelkram zwischen Telefonsex-Werbung.

"Takeshi's Castle" wanderte neu vertont zu Tele5, dann liefen die Folgen auf RTL 2, Comedy Central und RTL Nitro. Später kamen zu den Originalepisoden der Achtzigerjahre Remakes in Großbritannien und Thailand, die auch in Deutschland ausgestrahlt wurden.

Der Hype um die Show hatte sich da längst selbstständig gemacht. In den Nullerjahren spielten Jugendfreizeiten, freiwillige Feuerwehren, Sportvereine und Pfadfinder in ganz Deutschland Wettbewerbe von "Takeshi's Castle" nach - wie auch beim Abistreich in Bad Tölz.

insgesamt 17 Beiträge
Sascha Kollert 05.02.2019
1. Takeshis Castle war halt nicht ernst gemeint...
heute nimmt man ebenso unbekannte oder vergessene möchte gern Promis und suhlen sich im Dschungel ,wenn sie sich nicht verbal entgeistigen oder beleidigen. dann lieber 1000 Episoden Takeshis castle wie die Enthirnungsshows a la [...]
heute nimmt man ebenso unbekannte oder vergessene möchte gern Promis und suhlen sich im Dschungel ,wenn sie sich nicht verbal entgeistigen oder beleidigen. dann lieber 1000 Episoden Takeshis castle wie die Enthirnungsshows a la RTL. obwohl manche Vollpfosten des dschungelcamps haben scheinbar mit 200 Meter Anlauf ihre graue Masse im Schädel an minimum 8 verschlossenen Türen eingebeult. schön, stark und mutig. schön anlaufen, stark abprallen und mutig wieder Anlauf nehmen... Takeshi hat aber neben der Spaßshow auch wirklich gut geschauspielert (auch außerhalb der yakuza Rolle!). und das mit Wasserbomben statt Silikonkissen ausgetragen. wassserspritzer in die Spielergesichter statt botoxgespritzte Visagen und Schlauchboot Lippen.
Stefan Schmitz 05.02.2019
2. Takeshi's Castle, Fist of Zen und Jackass
sprechen auf unterschiedliche Weise den selben, niederen Instinkte an. Und ich habe sie Alle Drei geliebt.
sprechen auf unterschiedliche Weise den selben, niederen Instinkte an. Und ich habe sie Alle Drei geliebt.
Oliver Seidel 05.02.2019
3. @ 2
Das unterschreibe ich ganz genau so. :-) Wobei Takeshi das witzigste weil harmloseste war.
Das unterschreibe ich ganz genau so. :-) Wobei Takeshi das witzigste weil harmloseste war.
Henry Henke 05.02.2019
4.
Die Betrachtung auf diese Sendung ist mitteleuropäisch nicht zu führen. Wie wohl das meiste japanische Eigenwesen hier nur Rätselraten auslöst. Takeshis Castle hat rein nichts mit Dschungelcamp und anderem hiet gemein. Dort [...]
Die Betrachtung auf diese Sendung ist mitteleuropäisch nicht zu führen. Wie wohl das meiste japanische Eigenwesen hier nur Rätselraten auslöst. Takeshis Castle hat rein nichts mit Dschungelcamp und anderem hiet gemein. Dort stehen Normalbürger die sich einem riesigen Spaß hingeben, einfach loslassen was die recht streng normierte Zwangsunuformität in Japan im Alltag nicht möglich macht - der Geldgewinn ist unerheblich, da ohnehin kaum erreichbar. Hier stehen abgehalfterte C/D/ oder gar Z-Klasse-Promis (ich kenne weder die noch sehe ich die Formate selbst), die ihre Unbefähigung zum Leben nicht spielen müssen und von nichts als dem Wunsch nach Boulevard und Kohle für die nächste Kreditrate angetrieben werden. Eine kukturell so verschiedene Sendung hier zu servieren war schon ein Wagnis. Leider war es letztlich nur auf Zeit. Ohne Quotengarantie, beliebige Austauschbarkeit und billige Vermarktung lässt sich heute (früher war es sogar bei privaten anders) nicht mal ein öffentlich-rechtliches Fernsehen auf so einen Querschläger ein. Die Uniformität setzt sich hier eher kulturell durch, wie es scheint.
Felix Mäder 05.02.2019
5.
Die Sendung lebt, wie auch später zB die Crashgames, von den herrlich grenzdebilen Sprüchen der Kommentatoren.
Die Sendung lebt, wie auch später zB die Crashgames, von den herrlich grenzdebilen Sprüchen der Kommentatoren.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP