einestages

Träumen von der Meisterschaft

Nur gucken, nicht anfassen

Die Rivalen verbindet mehr, als ihnen lieb sein kann: Schalke und der HSV kämpfen am Samstag um den Einzug in die Champions League - und gegen das gleiche Trauma. Die Hanseaten wurden zuletzt vor 25 Jahren Deutscher Meister, bei Schalke ist das sogar 50 Jahre her.

DPA
Von
Freitag, 25.04.2008   16:25 Uhr

Champions League? Vielleicht! - Champions? Ganz sicher nicht! Das Warten dauert an. Für die Einen nun schon seit 50 Jahren, für die Anderen immerhin auch schon ein Vierteljahrhundert. Die großen Traditionsklubs Hamburger SV und FC Schalke 04 sind im Ringen um die Meisterschaft zu unfreiwilligen Jubilaren geworden.

Die Zukunft des deutschen Fußballs

Rückblende 1: Vor 50 Jahren. Es ist Sonntag, der 18. Mai 1958, ein großer Festtag für den deutschen Fußball. 85.000 Zuschauer drängen sich auf den Tribünen des Niedersachsenstadions, um dem Finale der Deutschen Meisterschaft beizuwohnen. Die Spannung ist groß, die Favoritenrolle nicht vergeben. Sowohl der Meister der Oberliga Nord, als auch der Erste der Oberliga West haben alle ihre Endrundenpartien souverän gewonnen. Wer eines der begehrten Tickets für dieses Spiel ergattern konnte, ist sich sicher, die Zukunft des deutschen Fußballs zu sehen: Hier die junge Garde des HSV um den "Helden von Bern" Jupp Posipal (30), Durchschnittsalter gerade einmal 24,5 Jahre. Dort die neu formierte Knappen-Elf aus dem Kohlenpott, angeführt von Routinier Berni Klodt (31), im Mittel sogar noch zwei Jahre jünger.

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Schalke geht durch Klodt bereits nach fünf Minuten in Führung und bringt den HSV gehörig aus dem Konzept. Als Klodt nach einer halben Stunde erneut trifft, schallt von den Rängen bereits "Schalke, Schalke über alles". Die Norddeutschen greifen weiter tapfer an, doch gegen die S04-Deckung um Keeper Manfred Orzessek ist kein Durchkommen. Als Manfred Kreuz neun Minuten vor Ende zum 3:0 einschießt, ist die Partie längst entschieden.

Geschunkel im Pott, Tränen am Rothenbaum

Der Nachklapp gerät äußerst emotional. Schalke feiert überschwänglich. Der Sportjournalist Gerd Krämer notiert: "Mit dieser seiner siebten Meisterschaft hat Schalke 04 den 1. FC Nürnberg wieder eingeholt. Schalke, das unterzugehen drohte im Sog des Krieges. Die große Elf von einst, sie war nicht mehr. Papa Unkel lebte nicht mehr und Mutter Thiemeyers Vereinslokal fraßen die Bomben. Nur der Rasen war geblieben und ein paar Bälle. Und der Wille und die Kraft zu neuem Anlauf. Die Wegbereiter Schalker Qualitätsfußballs, die großen Alten, warteten zu Hause auf dem Bahnhof - Fritz Szepan, Ernst Kuzorra, Otto Tibulski, Hermann Eppenhoff, Hans Bornemann, Walter Zwickhöfer. Der Bahnsteig, die Straßen, alles verstopft von Menschen. (...) Der Frühling zieht wieder nach Schalke. Junge Mädchen flanieren in blau-weißen Kleidern, Hunderte von Luftballons in den Vereinsfarben schweben zum Himmel, aus dem es Konfetti regnet. Die Menge, unübersehbar gedrängt, singt Schunkelmelodien und dazwischen immer wieder Schalkes Vereinslied: Blau und Weiß, wie lieb ich Dich."

Auch in Hamburg gibt es einen Empfang. Per Autokorso werden die Spieler zum Vereinsheim und Sportplatz am Rothenbaum chauffiert. Beim gemeinsamen Foto mit den Fans kann Jürgen Werner seine Enttäuschung nicht verbergen, wischt sich bittere Tränen in den Ärmel seines Klubanzugs. Selbst der alte Haudegen Jupp Posipal muss getröstet werden. Nach dem verlorenen Pokalendspiel 1956 und der Finalniederlage um die "Deutsche" ein Jahr zuvor gegen Dortmund ist es für ihn die dritte große Pleite in Folge. Schlimmer noch: Posipal kann sie nicht mehr korrigieren. Das Schalke-Spiel ist das letzte seiner Karriere, nach neun Jahren HSV ist für den Weltmeister von 1954 Schluss. Uwe Seeler, für den Posipal "stets eine fußballerische Vaterfigur und Vorbild an Fairness und menschlichen Qualitäten" war, tauscht die Rollen, nimmt den fast zehn Jahre älteren Mitspieler in den Arm und tätschelt ihm väterlich die Wange.

Ob in Hannover, Gelsenkirchen oder Hamburg - es sind starke Bilder, die vom Finale 1958 im Gedächtnis bleiben.

Extra-Schleife überm Weser-Stadion, Ehrenrunde in Liga 2

Rückblende 2: Vor 25 Jahren. Es ist der 4. Juni 1983. 34. und letzter Spieltag der Saison 1982/83, wieder gibt es ein Endspiel zwischen Schalke und dem HSV. Doch dieses Mal mit anderen Vorzeichen: S04 steht als Tabellensechzehnter fest, muss in die Relegation gegen den Dritten der Zweiten Liga. Für den HSV hingegen geht es an diesem Sonnabendnachmittag in Gelsenkirchen um Großes. Nur zehn Tage zuvor hat man in Athen mit dem 1:0 über Juventus Turin den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Nun soll dieser größte Triumph der langen Klubhistorie mit der Deutschen Meisterschaft noch gekrönt werden.

Nordrivale Werder Bremen hat allerdings etwas dagegen. Die Grün-Weißen von der Weser liegen nur wegen der schlechteren Tordifferenz ganz knapp hinter dem HSV. Da alle mit einem Bremer Heimsieg über Bochum rechnen, muss der HSV ebenfalls unbedingt auf Schalke gewinnen, um nicht im letzten Moment noch abgefangen zu werden.

Bestes Fußball-Sommerwetter und angespannte Atmosphäre im seit Wochen mit über 70.000 Zuschauern restlos ausverkauften Parkstadion - erst recht als Schalkes Wolfram Wuttke kurz vor der Pause die Hamburger Führung durch Horst Hrubesch Kopfballtreffer ausgleicht. In der 52. Minute schlägt der HSV zurück. Wolfgang Rolff (23) verwertet geschickt ein Magath-Zuspiel zur neuerlichen Führung, die der HSV anschließend über die Zeit rettet. Am Ende geben acht Tore den Ausschlag gegenüber Werder Bremen. Die überglücklichen HSV-Spieler drehen zunächst ihre Ehrenrunde im Rund des Parkstadions, später auf dem Rückflug nach Hamburg lässt Trainer Ernst Happel den Piloten der Chartermaschine noch eine Extra-Schleife über dem Bremer Weser-Stadion fliegen. Ein besonderer Gruß an den Vize-Meister.

Wieder diese Bilder: Hier Freud, da Leid. Dieses Mal singen die Hamburger, Horst Hrubesch im ungewöhnlichen Duett mit dem Ersten Bürgermeister Klaus von Dohnanyi vom Rathausbalkon, eine auf die Bundesliga-Tabelle gemünzte Version von "Kling, Glöckchen klingelingegeling". Und auf Schalke fließen die Tränen, denn die Mannschaft blamiert sich wenig später in der Relegation gegen Bayer Uerdingen (1:3 und 1:1) und muss in die Zweite Liga absteigen.

Die Vier-Minuten-Meisterschaft

Rückblende 3: Vor sieben Jahren. Es ist der 19. Mai 2001. Das "Endspiel", das jetzt den HSV und S04 zusammenführt, ist ein indirektes - eine der unglaublichsten Episoden des Fußballs, ein emotionales Wechselbad für alle Beteiligten, wie es sich wohl kein Dramaturg spannender hätte ausdenken können. An diesem letzten Spieltag der Saison 2000/01 ist Schalke 04 auf Schützenhilfe angewiesen. Meister kann man nur werden, wenn - bei eigenem Sieg - der HSV gleichzeitig zuhause Tabellenführer Bayern München schlägt. Schalke erledigt seine Pflicht. 5:3 gegen den Abstiegskandidaten Unterhaching. Die Spieler konzentrieren sich fast mehr auf die Zwischenmeldungen aus Hamburg als auf das eigene Spiel. Es ist die Zeit der Konferenz-Schaltung im Rundfunk, zahlreiche Ohren pressen sich an die mitgebrachten Transistorradios. Im Volkspark tut sich lange nichts, bis in der 90. Minute Stürmer Sergej Barbarez zur HSV-Führung einköpft. Das neue Hamburger Stadion droht im Jubelsturm zu zerbersten. Unfassbare Freude auch in Gelsenkirchen. Auf Nachfrage hat ein Premiere-Reporter bestätigt: "In Hamburg ist Schluss. Ihr seid Meister!"

Nicht nur Schalke-Manager Rudi Assauer hält nichts mehr. Wildfremde Menschen fallen sich um den Hals, umarmen und herzen sich. Doch plötzlich Unruhe auf den Rängen. Bange Blicke: Auf der Großbildleinwald im Parkstadion flimmern Spielszenen aus Hamburg. Wird dort etwa doch noch gespielt? Warum pfeift der dortige Schiedsrichter Dr. Markus Merk nicht ab? Der Zahnarzt aus Kaiserslautern denkt gar nicht daran. Er lässt vielmehr vier Minuten nachspielen und gibt noch einmal indirekten Freistoß für die Bayern.

HSV-Verteidiger Tomas Ujfalusi hatte unter Bedrängnis zu seinem Torwart Mathias Schober zurückgegrätscht, der den Ball aufnahm. Ein Regelverstoß? Dr. Merk bewertet es so. Bayern Torwart Oliver Kahn rennt über den ganzen Platz, peitscht sein Team mit Worten und Körpersprache nach vorne: "Immer weitermachen! Nicht aufgeben!" Nach viel Gedrängel und Diskussionen endlich der Freistoß: Stefan Effenberg tickt den Ball leicht an, Patrik Andersson schießt und findet eine Lücke, wo eigentlich keine Lücke sein kann. Der Ball zappelt im Hamburger Netz. 1:1. Schlusspfiff. Bayern ist doch noch Meister.

Und wieder diese eindrucksvollen Bilder: Ein mit der Eckfahne jubelnder Kahn, wie Kleinkinder außer Rand und Band umher hüpfende Bayern, ansonsten Totenstille. Und auf Schalke? Wieder bittere Tränen und leere Gesichter.

Spott mit Spots

Erst später wird nachgehakt: Kein Vorwurf an die HSV-Abwehr, sondern eher an den Unparteiischen, dem neben einer fehlerhaften Uhr auch mangelndes Fingerspitzengefühl unterstellt wird.

Anfängliches Mitleid für die Verlierer schlägt bald in Häme um. Besonders die Fans des Revier-Rivalen Borussia Dortmund schießen Giftpfeile gen Gelsenkirchen. In Anlehnung an den Werbespot für eine Aufguss-Nudelterrine wird etwa gedichtet: "Der Vier-Minu-hu-ten-Meister. Von Schalke 'ne tolle Idee!"

Als in der vergangenen Spielzeit dann die Dortmunder selbst den neuerlichen Schalker Meistertraum am vorletzten Spieltag platzen lassen, setzt es weiteren Spott. Wieder dient ein Werbespot als Vorlage. Ähnlich wie Schalke-Manager Assauer in einer Bierwerbung seiner Freundin in Bezug auf ein kühles Blondes augenzwinkernd droht, texten die BVB-Fans auf ihren Transparenten nun in Richtung Schalke und Meisterschale: "Nur gucken, nicht anfassen!"

Jetzt also wieder ein Finale mit Schalke und dem HSV - nicht um die Meisterschaft, sondern nur um einen Tabellenplatz, der in der kommenden Spielzeit zur Teilnahme an der Champions League berechtigt. Mal sehen, wer dieses Mal weint.

insgesamt 2 Beiträge
sascha greinke 27.04.2008
1.
Also wer damals bei der 4 Minuten Meisterschaft im Parkstadion war, weiss was "LEIDEN" heisst. Gerne gelitten wird auch immer noch unter: http://www.derwesten.de/blogs/aufschalke/
Also wer damals bei der 4 Minuten Meisterschaft im Parkstadion war, weiss was "LEIDEN" heisst. Gerne gelitten wird auch immer noch unter: http://www.derwesten.de/blogs/aufschalke/
andre stuke 30.04.2008
2.
>Also wer damals bei der 4 Minuten Meisterschaft im Parkstadion war, weiss was "LEIDEN" heisst. Gerne gelitten wird auch immer noch unter: > >http://www.derwesten.de/blogs/aufschalke/ wie kann man als [...]
>Also wer damals bei der 4 Minuten Meisterschaft im Parkstadion war, weiss was "LEIDEN" heisst. Gerne gelitten wird auch immer noch unter: > >http://www.derwesten.de/blogs/aufschalke/ wie kann man als Profi-Torwart so einen Fehler machen !!?? Man könnte denken der wurde von den Bayern bezahlt.

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