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Überfall auf den Sender Gleiwitz

"Der Führer braucht einen Kriegsgrund"

Verkleidete SS-Männer stürmten vor 80 Jahren die Rundfunkstation Gleiwitz. Es war eine Propagandalüge - der inszenierte Handstreich lieferte Hitler einen Vorwand zum Angriff auf Polen und war der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg.

Sean Gallup/ Getty Images
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Freitag, 30.08.2019   14:22 Uhr

Der Anruf aus Berlin kam kurz vor 20 Uhr. "Großmutter gestorben", meldete Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, seinem Untergebenen Alfred Naujocks. Der im Hotel Haus Oberschlesien in Gleiwitz wartende SS-Sturmbannführer hatte bereits Erfahrung mit Geheimaufträgen, politischen Morden und Bombenanschlägen. Er wusste genau, was der verschlüsselte Befehl bedeutete: Mit einem halben Dutzend Männer sollte er einen polnischen Überfall auf die lokale Radiostation vortäuschen. Die Horde stürmte das Gebäude neben dem 118 Meter hohen Sendemast und überwältigte das Personal.

Minuten später brüllten Stimmen ins Mikrofon: "Achtung, Achtung! Hier ist der polnische Aufständischenverband. Radio Gleiwitz ist in unserer Hand. Die Stunde der Freiheit ist gekommen." Ein Tondokument mit dem präzisen Wortlaut der Ansprache in teils polnischer, teils deutscher Sprache ist nicht überliefert; Zeitzeugen stimmen jedoch überein, dass sie endete mit "Hoch lebe Polen!"

Wenig später stürmte ein SS-Kommando auch ein deutsches Forsthaus bei der Stadt Pitschen nordwestlich von Gleiwitz; zudem überfielen SS-Angehörige in polnischen Uniformen den deutschen Grenzposten in Hochlinden und demolierten das Zollhaus.

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Dreist fingierter Gleiwitz-Überfall: "Die Sache rollt"

Mit den inszenierten Attacken am 31. August 1939 wollte das Hitler-Regime Deutschland und die Welt auf den Krieg gegen Polen vorbereiten. Schon um 22.30 Uhr meldete der Reichsrundfunk den Überfall auf den Sender Gleiwitz und andere angebliche Grenzzwischenfälle. Millionen glaubten, was ihnen aus ihren Volksempfängern entgegenschallte.

Am folgenden Tag berichtete der "Völkische Beobachter" über einen angeblich "vorbereiteten Angriff polnischer Aufständischenbanden unter Beteiligung regulärer Soldaten". "Wie Deutschlands Gegenschlag nötig wurde", titelte die "Deutsche Allgemeine Zeitung". Es war der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg. Hitler verkündete am 1. September in einer Reichstags-Ansprache, die im Radio übertragen wurde: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen."

Inszenierte Provokationen in der "Zank-Provinz"

Das war doppelt falsch: "Zurückgeschossen" war eine dreiste Propagandalüge, um den Überfall auf Polen zu rechtfertigen. Und auch die Zeitangabe stimmte nicht. Bereits um 4.45 Uhr hatte das Schulschiff "Schleswig-Holstein" begonnen, auf das polnische Munitionsdepot auf der Halbinsel Westerplatte bei Danzig zu feuern (das Logbuch, das der 19-jährige Kadett Hans Buch schrieb und zeichnete, finden Sie hier). Etwa zur gleichen Zeit griffen Sturzkampfbomber die polnische Stadt Wielun an.

In breiter Front rollten danach deutsche Truppen über die Grenze des östlichen Nachbarlandes. Ohne formelle Kriegserklärung attackierten 1,5 Millionen deutsche Soldaten Polen. Dessen 1,1 Millionen Mann starke Armee hatte keine Chance. Vor allem wegen Deutschlands klarer Luftüberlegenheit wurde Polen binnen sechs Wochen besiegt und bis zum Kriegsende 1945 besetzt.

In dieser Zeit starben rund sechs Millionen polnische Bürger, darunter etwa drei Millionen Juden. Die wenigsten kamen bei Kriegshandlungen wie Gefechten und Bombenangriffen ums Leben; viel mehr Menschen wurden Opfer einer systematischen Vernichtung mit Zwangsarbeit, Massenerschießungen und Vergasungen - barbarisch und in der Geschichte beispiellos.

Video: Wie der Zweite Weltkrieg begann

Foto: REUTERS

Nach dem Ersten Weltkrieg war das Industriegebiet Oberschlesien zwischen Deutschland und Polen geteilt worden. In beiden Landesteilen lebten Angehörige beider Nationen. Es gab Reibereien zwischen Deutschen und Polen, aber auch Ehen zwischen den Volksgruppen. "Zank-Provinz" nannte der in Gleiwitz geborene Schriftsteller Horst Bienek (1930-1990) seine Heimat.

Nationalistische Deutsche forderten die Rückgabe des polnischen Teils von Oberschlesien und waren überrascht, als Hitler 1934 einen Nichtangriffspakt mit Polen schloss. Alle, die sein Buch "Mein Kampf" gelesen oder seine Reden gehört hatten, wussten, dass Hitler den "Drang nach Osten" propagierte. Tatsächlich war der Vertrag mit Polen für ihn nur ein Ablenkungsmanöver mit dem Ziel, zu täuschen und Zeit zu gewinnen.

"Die Sache rollt"

Zunächst wollte Hitler sein Herkunftsland Österreich "heim ins Reich" holen und die Tschechoslowakei zerschlagen. Im März 1938 marschierte die Wehrmacht in Österreich ein, wo die Mehrheit der Bevölkerung den "Anschluss" an Deutschland begrüßte. Anschließend annektierte das Deutsche Reich das Sudetenland, Hitler erklärte die "Resttschechei" zum deutschen "Protektorat Böhmen und Mähren".

Diplomatisch arbeitete Berlin derweil an einem Abkommen mit der Sowjetunion: Hitler und Stalin vereinbarten einen Nichtangriffspakt, der in einer Geheimklausel die Aufteilung Polens vorsah. So wurde der Untergang des Landes mit seiner leidvollen Geschichte zwischen zwei Großmächten eingeleitet.

1939 kündigte Deutschland den Nichtangriffspakt mit Polen. Am 11. August drohte Hitler, er werde Polen "ohne Warnung zerschmettern", wenn sich der "kleinste Zwischenfall" ereigne. "Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft oder nicht", erklärte er elf Tage später dem Generalstab, den er längst beauftragt hatte, einen Angriffskrieg vorzubereiten. "Der Führer braucht einen Kriegsgrund", hatte Heydrich schon Anfang August dem Gestapo-Leiter in Oppeln erklärt. Als Leiter des Reichssicherheitshauptamts organisierte er das infame Vorspiel zum Feldzug gen Osten.

Polnisch sprechende SS-Angehörige aus Oberschlesien wurden in einer Führungsschule in Bernau nördlich von Berlin für den Einsatz in Gleiwitz und an den beiden anderen Grenzorten vorbereitet. Sie übten Nachtangriffe und erhielten polnische Uniformen. Die Gestapo sollte "Konserven" besorgen - ein Codewort für Leichen, die an den Einsatzorten gefunden werden sollten, um die vermeintlich "polnischen" Untaten zu beweisen.

Für Gleiwitz ausgewählt wurde Franciszek (deutsch: Franz) Honiok, 41, ein Vertreter für Landwirtschaftsmaschinen, der zwar im deutschen Ort Hohenlieben wohnte, aber als Unterstützer Polens bekannt war. Honiok wurde am Vorabend festgenommen, dann vor dem Überfall betäubt und erschossen. Für die Attacke auf den Grenzposten Hohenlinden wurden einige KZ-Häftlinge ermordet. Hitler ließ sich über die Vorbereitungen informieren. "Die Sache rollt", sagte er am Mittag des 31. August seinem Außenminister Joachim von Ribbentrop.

Lügennachricht per "Gewitter-Mikrofon"

Ganz reibungslos lief es aber am Abend doch nicht. Heydrich hatte übersehen, dass Gleiwitz kein eigenes Programm mehr ausstrahlte, sondern die Sendungen des Reichssenders Breslau übernahm. Daher fanden die Erstürmer des Studios weder einen Moderator noch ein einsatzbereites Mikrofon für ihre vorbereitete Botschaft.

Es gab allerdings ein "Gewittermikrofon", um Sturmwarnungen für die Region ins Programm zu nehmen. Dieses Mikro mussten Techniker unter vorgehaltener Waffe aktivieren, damit die als Polen (in Zivil) auftretenden SS-Männer ihre Lügennachricht verbreiten konnten. Die war indes nur in Oberschlesien zu hören. Heydrich, der in Berlin am Radio saß, konnte lediglich das ununterbrochene Standardprogramm aus Breslau empfangen und glaubte zunächst, die Aktion sei gescheitert.

Die Panne war letztlich unbedeutend. "Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht", hatte Hitler seinen Wehrmachtsgenerälen am 22. August 1939 auf dem Obersalzberg gesagt. Aber letztlich war er der Verlierer und konnte somit die Geschichtsschreibung nicht fälschen; die Verbrechen des Nazi-Regimes wurden untersucht und Lügen entlarvt - wie der vorgeblich "polnische", der fingierte Angriff auf den Sender Gleiwitz.

Gleiwitz heißt heute Gliwice, eine polnische Stadt mit dem Rundfunkhaus und Sendeturm auf dem Museumsgelände Radiostacja. Besucher können das Studio mit dem schwarzen Pult, einem Telefon und einem Lautsprecher betreten. Die Siemens-Uhr von damals zeigt auf Punkt acht.

Der 1936 errichtete Sendemast aus Lärchenholz wurde wegen seines Aussehens einst als "schlesischer Eiffelturm" bewundert. Statt Programme auszustrahlen, hat er eine Zeit lang Sendungen unhörbar gemacht: Im Kalten Krieg operierten hier Störsender gegen Radio Free Europe und andere Rundfunkstationen, die vom Westen aus gegen das kommunistische Regime in Polen agitierten. Heute trägt die von 16.000 Messingschrauben zusammengehaltene Holzkonstruktion Satellitenschüsseln und Antennen von Mobilfunkbetreibern.

Der Überfall auf den Sender vor 80 Jahren zeige, wie "ein Krieg vorbereitet wird und zugleich die Lüge, die den Grund für den Krieg liefert", so der Historiker Ralf Zerback. Den zwischen Deutschland und Polen pendelnden Oberschlesier Franciszek Honiok, der in Gleiwitz ermordet wurde, nennen viele Chroniken als den ersten Toten des Zweiten Weltkriegs.

insgesamt 30 Beiträge
Oswald Neumann 30.08.2019
1. Lieber SPON,
und was sollte uns beim Gedanken an Gleiwitz hochschrecken lassen ? Kurz mal drüber nachdenken, please.
und was sollte uns beim Gedanken an Gleiwitz hochschrecken lassen ? Kurz mal drüber nachdenken, please.
Gerd Meinhold 30.08.2019
2.
Gleiwitz heißt heute immer noch auf Deutsch Gleiwitz und damals wie heute auf Polnisch Gliwice.
Gleiwitz heißt heute immer noch auf Deutsch Gleiwitz und damals wie heute auf Polnisch Gliwice.
Thomas Dunskus 30.08.2019
3. Also mal langsam:
In Ihrem Artikel wir gesagt. "Anschließend annektierte das Deutsche Reich das Sudetenland". Diese Aussage ist jedoch sachlich falsch, denn dieses mehrheitlich von Deutschen bewohnte Gebiet der damaligen [...]
In Ihrem Artikel wir gesagt. "Anschließend annektierte das Deutsche Reich das Sudetenland". Diese Aussage ist jedoch sachlich falsch, denn dieses mehrheitlich von Deutschen bewohnte Gebiet der damaligen Tschechoslowakei wurde Ende September 1938 in London in einer internationalen Konferenz (an der das Deutsche Reich nicht teilnahm) dem Deutschen Reich zugesprochen; die deutsche Regierung akzeptierte dies kurz darauf in einer entsprechenden Besprechung in München ("Münchner Abkommen"). Praktisch gleichzeitig marschierten polnische Truppen in das mehrheitlich polnischsprachige Teschen/Olsa-Gebiet der Tschechoslowakei ein und annektierten es. Es zeigte sich jedoch, dass Polen keinen guten Eisenbahnanschluss an dieses Gebiet hatte, weil der Knotenpunt Bohumin/Oderberg dem Deutschen Reich zugesprochen worden war. Polen wurde daher in Berlin vorstellig, woraufhin die deutsche Regierung Polen diesen Knotenpunkt überließ und sich nur ein Durchfahrtsrecht (gegen Gebühr) vorbehielt.
Thomas Dunskus 30.08.2019
4. Also was denn?
In Ihrem Artikel heißt es: "Daher fanden die Erstürmer des Studios weder einen Moderator noch ein einsatzbereites Mikrofon für ihre vorbereitete Botschaft. Es gab allerdings ein "Gewittermikrofon", um [...]
In Ihrem Artikel heißt es: "Daher fanden die Erstürmer des Studios weder einen Moderator noch ein einsatzbereites Mikrofon für ihre vorbereitete Botschaft. Es gab allerdings ein "Gewittermikrofon", um Sturmwarnungen für die Region ins Programm zu nehmen. Dieses Mikro mussten Techniker unter vorgehaltener Waffe aktivieren, damit die als Polen (in Zivil) auftretenden SS-Männer ihre Lügennachricht verbreiten konnten. " Also da drangen als Polen verkleidete SS-Männer in den deutschen Sender Gleiwitz ein und mussten den dortigen Nachtwächter mit Waffen bedrohen, damit sie das Mikrofon benutzen konnten? Vielleicht hätten ihm die SS-Begleiter dieser verkleideten Polen auch sagen können was da vorging? Aber da wird's dann kompliziert.
Tomas Murks 30.08.2019
5. Frage
Die Beschiessung der Westernplatte wurde "live" im Rundfunk des Deutschen Reiches übertragen. Der Sprecher (laut eigenen Angaben wenige hundert Meter von der Schleswig Holstein entfernt, deren Kanonendonner später im [...]
Die Beschiessung der Westernplatte wurde "live" im Rundfunk des Deutschen Reiches übertragen. Der Sprecher (laut eigenen Angaben wenige hundert Meter von der Schleswig Holstein entfernt, deren Kanonendonner später im Hintergrund laut zu hören ist) begründet die Aktion: "Die Polen haben die Verhandlungen mit dem Führer platzen lassen, jetzt müssen die Waffen sprechen". Nicht eine einzige Silbe von "Gleiwitz". Warum ist das so?

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