einestages

Währungsreform

Ein Meister im Prassen

Geldscheine als Zigarettenanzünder, ein rauschendes Fest und ein unendlicher Kirmesausflug: Bevor 1948 die D-Mark eingeführt wurde, ergriff Malermeister Philipp Keuter die Gelegenheit und schöpfte aus dem Vollen.

Ferdi Keuter/Archiv Ferdi Keuter
Sonntag, 28.06.2009   18:12 Uhr

Der Krieg war vorüber und die Rückkehr in die Normalität beschwerlich. Als Malermeister hatte mein Vater wieder seinen Betrieb aufgenommen. Allerdings mangelte es an den grundlegendsten Dingen. Mehrmals fuhr er mit dem Rad von Eschweiler nach Wuppertal und zurück, eine stolze Distanz von 110 Kilometern. In der Wuppertaler Pinselfabrik Storch wurden wieder die händeringend benötigten Werkzeuge gefertigt. Malerbürsten gab es nur gegen Abgabe von Schweineborsten. Die hatte mein Vater zuvor bei Bauern im Sauerland gesammelt und tauschte sie ein.

1946 stellt er erste Gesellen und Lehrlinge ein. Die gemietete und von Granaten teilweise zerstörte Werkstatt reparierte er mit Hilfe seiner Mitarbeiter notdürftig. Der Hauseigentümer, ein Schreinermeister, wollte sich allerdings erst dann bereiterklären die Fenster und Türen zu reparieren, wenn er vorher Gleisschwellen aus Eichenholz von der Reichsbahn bekäme. Die ließen sich sicherlich irgendwo besorgen, nahm er an.

Zu den neuen Kunden des Malerbetriebs gehörte die Aachener Straßenbahn. Zwei Kilometer vom Betrieb entfernt unterhielt sie ein Depot in Eschweiler. Soviel Arbeit gab es, dass mein Vater mit planbaren Umsätzen kalkulieren konnte. Die Kosten für einen Betriebswagen trug das Unternehmen noch nicht. Alles wurde mit einem Schubkarren transportiert. Die Rechnungen wurden monatlich geschrieben, kassiert wurde bar.

Reichsmark in Flammen

Mit dem Jahr 1948 nahte die Währungsreform. Am 21. Juni sollte die Reichsmark gegen die Deutsche Mark eingetauscht werden. Alle Menschen waren bemüht, alle Verbindlichkeiten in alter Währung zu begleichen. Meinem Vater war das selbstverständlich nicht recht. Er hoffte, dass die Straßenbahngesellschaft die rechtzeitige Zahlung verschlafen würde. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Man bat ihn noch vor dem Stichtag, die offene Summe abzuholen.

Nach dem Umstellungsgesetz vom 27. Juni 1948 sollten private Bankguthaben im Verhältnis 10:1 in D-Mark umgetauscht werden. Das Verhältnis war für Unternehmen im Wesentlichen das gleiche. Zähneknirschend stimmte also mein Vater der Zahlung zu. Ich begleitete ihn zur Abrechnung. Wir fuhren mit dem Fahrrad zum Auszahlungstermin und mit 12.000 Reichsmark in der Tasche zurück. Die Stimmung war nicht besonders gut. Das Umtauschverhältnis ging meinem Vater sicher unaufhörlich durch den Kopf, und die Tatsache, dass das Leben teurer werden würde. Aber die schlechte Stimmung verflog bald, und mein Vater nahm es gelassen.

Mit einem Teil des Geldes gab er ein Fest. Freunde kamen, Bekannte mit guten Beziehungen besorgten die nötigen Lebensmittel, Zigaretten und Getränke.

Übermütig geworden von einem guten Schuss Knollibrandi, einem selbstgebrannten Schnaps, wurde aus einem Reichsmark-Hunderter kurzerhand ein Fidibus gedreht, mit dem sich die Männer reihum die standesgemäß selbstgedrehten Glimmstängel anzündeten. Die Proteste der Ehefrauen wurden geflissentlich ignoriert. Das wertlose Geld war im Überfluss da.

Karussell fahren bis zum Abwinken

Wenig später fand die Eschweiler Kirmes statt. Kettenkarussell und Schiffsschaukel wurden von den Brüdern Lowis betrieben, die damals unsere Nachbarn waren. Mein Vater ging mit uns Kindern hin, griff am Kettenkarussell angekommen bedächtig in die Hosentasche, zückte ein Bündel Geldscheine und beauftrage den Freund Lowis damit, uns Kinder solange fahren zu lassen, bis uns davon schlecht werde. Angesichts der Geldmassen musste es sich um Ewigkeiten handeln.

Viele Runden hatten wir noch nicht gedrehten, als wir wieder nach Hause wollten. Es war uns schnell langweilig geworden. Den Rest des Geldes ließ sich mein Vater nicht wiedergeben. Was die Gebrüder Lowis damit machten, ist unbekannt. Viel wird es nicht gewesen sein. Die Anekdote von der gespielten Maßlosigkeit meines Vaters kursiert bis heute.

insgesamt 2 Beiträge
Ferdi Keuter 14.05.2010
1.
Für 4 Tage in den Knast oder doch lieber 25,00 RM bezahlen ?für nichts und wieder nichts? Die Firma Keuter hat 1946 bereits sieben Mitarbeiter beschäftigt. Ein Auto gibt es noch nicht. Alles wird mit dem Fahrrad des Meisters [...]
Für 4 Tage in den Knast oder doch lieber 25,00 RM bezahlen ?für nichts und wieder nichts? Die Firma Keuter hat 1946 bereits sieben Mitarbeiter beschäftigt. Ein Auto gibt es noch nicht. Alles wird mit dem Fahrrad des Meisters und einer Karre erledigt. Da die Zeit immer begrenzt ist, fährt der Meister meist nicht nach Vorschrift. Dafür bekommt er in kurzer Zeit zwei Strafverfügungen vom Amtsgericht Eschweiler. Man bedenke den Aufwand für, nach heutiger Sicht für ?Bagatelle Vergehen?, das Amtsgericht zu bemühen. Am 17. Oktober 1946 befährt er sitzend die für sämtlichen Verkehr gesperrte Brücke Kochsgasse, gleich danach die Einbahnstraße Knickertsberg in verbotener Richtung. Kosten gesamt 10,00 RM und 2,50 RM Gebühren. Ersatzweise 2 Tage Haft. Am 18. November 1946 geschieht seine dreisteste Tat auf dem Fahrrad. Er befährt die Autobahn zwischen Eschweiler und Weisweiler, wahrscheinlich noch freihändig. Dabei wird er von Polizei Wachtmeister Zander erwischt, der seine Personalen notiert. Das führt gleich wieder zu einer Anzeige wie bereits im Oktober. Wieder betragen die Kosten 10,00 RM plus 2,50 RM bezahlen. Im Falle der Uneinbringlichkeit wird für je 5 RM ein Tag Haft festgesetzt. Er soll aber bezahlt haben.
Ferdi Keuter 31.01.2011
2.
Das ?Pflichtjahrmädchen? Käthe oder ihr Bad auf der Wiese. Wir schreiben das Jahr 1948 ?, Käthe arbeitet im Haushalt von Elisabeth?.Von diesem Jahr kommt mir eine Geschichte in den Sinn, wie sie sich auf dem Hof unserer [...]
Das ?Pflichtjahrmädchen? Käthe oder ihr Bad auf der Wiese. Wir schreiben das Jahr 1948 ?, Käthe arbeitet im Haushalt von Elisabeth?.Von diesem Jahr kommt mir eine Geschichte in den Sinn, wie sie sich auf dem Hof unserer Wohnung zugetragen hat. Der Nachmittag ist sehr heiß. Selten ist Meister Philipp in seiner Maler-Werkstatt, aus deren Fenster man auf den Hof mit Wiese sehen kann. Seinen Kindern will er heute eine Abwechslung bieten und weiß auch schon wie. Er holt aus der Werkstatt die Zinkwanne, die am Samstag für das Familienbad herhalten muss. Gemeinsam mit den Gesellen Manfred E., Hans S., Peter S., Hans B., und dem Lehrling Brief K. (ich weiß noch alle ihre Namen) wird die Wanne mit Wasser gefüllt. Die Sonne erwärmt das Wasser sehr schnell und nun könnten wir Keuters Kinder ?ohne Seife in die Wanne?. Aber dazu soll es nicht kommen, jedenfalls vorläufig noch nicht. ?Unsere Käthe? beobachtet das große Treiben vom Küchenfenster aus, kommt dann fürsorglich mit Handtüchern zu ?ihren Kindern?. Ihre Nähe zur Wanne lässt nichts Gutes ahnen, sie ist schneller im Wasser als ihr lieb ist. Alle Mitarbeiter nebst Meister holen Eimer für Eimer vom Wasserkran im Flur und wollen ja nur eins, mit Käthe (Anfang 20) ihren Schabernack treiben. Das geht solange gut, bis der Meister sich neue Angriffspunkte schafft. Langer Rede kurzer Sinn, nach geraumer Zeit gibt es keinen mehr, der noch einen trockenen Fetzten am Leibe hat. Bis aus die Kinder, für sie sollte am nächsten Tag die Wanne wieder zum Plantschen gefüllt werden. Ein Problem gibt es aber noch. Wie sollten die Gesellen nach Hause kommen? Einer von ihnen muss noch mit der Reichsbahn von Eschweiler über Stolberg und dann nach Mariadorf fahren. Das Ende der Pantscherei habe ich vergessen aber am folgenden Tage hielt sich die Sonne bedeckt, Wasser und Wanne vergessen. Es gab ja auch Wichtigeres zu tun. Ein Sack Roggen sollte mit einer ?übergroßen Kaffemühle? auf dem Hof zu Mehl gemahlen werden. Da aber hatte Käthe schon frei, die Gesellen auf waren Baustellen und Frau Meisterin stand für solche Arbeiten nicht zur Verfügung. Das vor allem nicht in der wieder gleißenden Sonne

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