einestages

Währungsreform

Der schöne Schein

Entwertete Sparbücher, Butter zu astronomischen Preisen und Kaffee im Unterrock: Ernst Woll hat drei Währungsreformen erlebt - problematischer als die Umstellung selbst waren oftmals ihre wenig erfreulichen Folgen.

Montag, 05.10.2009   12:33 Uhr

Die Währungsreform in der Sowjetischen Besatzungszone 1948 kam mir vor wie Diebstahl. Meine Eltern hatten nach meiner Geburt 1931 ein Sparbuch für mich angelegt und monatlich eingezahlt. Mit Zinsen und Zinseszinsen war es auf einige tausend Reichsmark angewachsen. Das Geld sollte für meine Ausbildung Verwendung finden. Nach der Währungsreform war von einem auf den anderen Tag kaum mehr etwas von dem Geld übrig.

Nach dem Krieg blieb die Reichsmark in Ost und West bis 1948 weiter Zahlungsmittel. Nachdem in den drei westlichen Besatzungszonen am 21. Juni 1948 die D-Mark eingeführten worden war, mussten die Sowjets handeln. Die alte Reichsmark war nämlich im Osten nach wie vor gültig und drohte nun die Sowjetische Besatzungszone zu überschwemmen. Alle noch in Umlauf befindlichen Scheine wurden dort also umgehend mit entsprechenden Kennzeichen markiert. Auch wir Oberschüler wurden an dieser Arbeit beteiligt. Nie wieder ist so viel Geld durch meine Hände gegangen.

Später durfte jede Person 70 markierte Reichsmark in einem Verhältnis von 1:1 in Ostmark umtauschen. Spareinlagen bis 100 Reichsmark wurden ebenfalls 1:1 getauscht, bis zu 1000 Reichsmark 1:5 und bis zu 5000 Reichsmark 1:10. Mein bescheidenes Sparbuchvermögen schrumpfte auf einen Bruchteil zusammen.

Schmuggeldienstleistungen

Die Kaufkraft der neuen Währung war gering, und die Schwarzmärkte blühten. Es wurde rege getauscht. Viele Menschen fuhren zum Einkauf illegal in den Westen, wo sie ihre Ostmark gegen Westmark tauschten. Ende 1948 wurden die ersten Läden der staatlichen Handelsorganisation, die sogenannten HO-Läden, eröffnet, um diesen illegitimen Handel entgegenzuwirken. Hier gab es anfänglich Lebensmittel zu solch überhöhten Preisen, dass kaum ein Normalbürger sie sich leisten konnte.

Damals aß ich leidenschaftlich gern Butter und träumte davon, einmal meinen Butterappetit richtig zu stillen. Anfang 1949 kaufte ich mir in einem HO-Laden nach einer Preissenkung ein 250-Gramm-Stück Butter für immer noch stolze 10 Mark. Das war die Summe, die ich von meinen Eltern allwöchentlich als Taschengeld bekam. Ursprünglich hatte die Butter sogar 17,50 Ostmark gekostet. Meine Freundin gönnte sich mit zwei Schulkameradinnen ein Schweineohr für fünf Mark. Die Bockwurst, die mich anlächelte, verkniff ich mir. Sie hätte mich um ein weiteres halbes Wochenbudget gebracht.

In der Bundesrepublik hatte die Währungsreform zu einem wesentlich größeren Warenangebot als im Osten geführt. Allerdings sicherten in der DDR die rationierten Lebensmittel bis 1958 eine Grundsicherung zu relativ niedrigen Preisen. Wer extravagante Wünsche hatte, nutzte die Dienstleistungen von Schmugglern: Von meinem Heimatort in Ostthüringen fuhr eine Frau mittleren Alters monatlich ein- bis zweimal nach West-Berlin zum Einkauf. Ihr gelang es, in den dortigen Wechselstuben Ostmark zu beachtlichen Wechselkursen von 1:4 bis 1:6 umzutauschen.

Verheimlichte Umtauschaktion

Wie sie es immer wieder schaffte, die Zugkontrollen beim Übergang von West nach Ost zu überstehen, verriet sie niemandem. Ein Vorkommnis erzählte sie allerdings allen ihren Kaffeekunden und begründete damit einen Preisaufschlag: Die Frau hatte eine Tüte mit zwei Kilogramm ungemahlenen Kaffeebohnen an der Innenseite ihres Rockes befestigt. Sie schlief ein, und eine Bewegung brachte die Packung zum Platzen. Der gesamte Inhalt verteilte sich über den Fußboden des Zugabteils. Obwohl ihr die Mitreisenden halfen, die Bohnen aufzusammeln, war das Ganze vor der Kontrolle nicht mehr zu verbergen. Trotzdem gab sie ihre Schmuggelfahrten nicht auf. Das Risiko ließ sie sich bezahlen.

Einige Jahre später, am 13. Oktober 1957, einem Sonntag, hörten wir vormittags im Radio, dass noch am selben Tag zwischen 12 und 22 Uhr eine Umtauschaktion aller alten Banknoten stattfinden solle. Sie würden durch andersfarbige Scheine, die in Moskau gedruckt worden waren, ersetzt. Pro Person konnten 300 Mark in eingerichteten Wechselstellen sofort umgetauscht werden, der Rest kam auf Konten und war erst nach einigen Tagen wieder verfügbar.

Nötig geworden war das Vorgehen in den Augen des DDR-Regimes deshalb, weil die Landeswährung als reine Binnenwährung gedacht war. Mittlerweile hatten sich aber mehrere Milliarden DDR-Mark in West-Berlin angesammelt und hätte jederzeit wieder in die DDR eingeführt werden können. Noch heute finde ich bemerkenswert, dass die Vorbereitungen für diese Umtauschaktion der Bevölkerung gänzlich verborgen geblieben war. Damals befürchteten wir als gebrannte Kinder natürlich eine erneute Geldentwertung.

Währungsreformen ohne Ende

Unsere Familie umfasste mit unseren drei Kindern insgesamt fünf Personen. Trotzdem hatten wir nur etwa 150 Mark zur Verfügung und wären dazu berechtigt gewesen, zusätzlich 1350 Mark umzutauschen. Meine Schwiegereltern besaßen in einer 100 Kilometer entfernten Kleinstadt ein Geschäft, das an den Konsum, eine staatliche Handelsgenossenschaft, verpachtet war. Es verfügte über einen Telefonanschluss. Da wir wussten, dass meine Schwiegereltern manchmal relativ viel Bargeld zu Hause aufbewahrten, wollten wir ihnen gern beim Umtausch behilflich sein. Bekannte gestatteten uns, von ihrem Telefon aus einige Stunden zu versuchen, mit unseren Eltern zu telefonieren. Aber es klappte nicht.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln war der Wohnort der Eltern vor der Schließung der Wechselstellen mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr zu erreichen. Gegen Nachmittag war dafür die Zeit längst zu knapp geworden. Wir konnten nichts mehr tun. Später erfuhren wir erleichtert, dass sich das Geld der Schwiegereltern auf einem Konto befunden hatte und ein paar Tage später wieder zur Verfügung stand. So wie wir waren sie besorgt gewesen. Schließlich gehörten sie zu der Generation, die Inflation und währungsreformbedingten Vermögensverlust erlebt hatten.

Dass mir noch zwei historische Währungsumstellungen bevorstanden, habe ich damals nicht gewusst. Über die Angemessenheit der Umtauschsätze bei der Einführung der D-Mark in der DDR im Vorfeld der Wiedervereinigung wird bis heute gestritten, und der Eindruck, dass der Euro ein Teuro ist, können sich viele Menschen noch immer nicht erwehren. Selbst profilierten Rechnern und geschickten Politikern ist es bisher nicht gelungen, diese Meinung völlig zu entkräften.

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