einestages

Weltkriegserinnerungen

Offenbarung im Minenfeld

Gefangen zwischen den Fronten: 1945 wurde der Trupp von Paul Kleff in Ostpreußen von Rotarmisten überrascht. Ihre Flucht führte die Einheit durch einen verschneiten Minengürtel. Doch erst im Angesicht der Todesgefahr fand Kleff ganz zu sich selbst - und machte eine religiöse Erfahrung.

AP
Mittwoch, 04.05.2011   13:55 Uhr

"Parole?" Mit fester Stimme rief ein Mann vor uns durch die klare Winternacht im Februar des Kriegsjahres 1945. Ein warnender Unterton lag in seiner Stimme. Wir Angerufenen waren elf Soldaten, die in dieser Nacht beim Rückzug mitten im Niemandsland im Kessel von Ostpreußen zwischen die Fronten geraten waren. Wir waren auf einem nächtlichen Sprengeinsatz gegen feindliche Nachrichtenverbindungen unterwegs gewesen, als uns die Rote Armee überrascht und unter Beschuss genommen hatte. Dann hatten die Sowjets unseren geplanten Rückweg besetzt, so dass wir uns auf einer anderen Route durchschlagen mussten, mit dem Feind im Rücken. "Parole?", rief die Stimme vor uns jetzt. Auf deutsch. Wir atmeten erleichtert auf.

Befreit schrie ich mit aller Kraft unsere Tagesparole zurück. Im Chaos dieses Kessels konnte die Erkennungsparole überlebenswichtig sein. Unser Zurufer gehörte zur Infanterie, die sich an dem vor uns liegenden Ortsrand verschanzt hatte. "Vorsicht!", rief er uns jetzt deutlich und mit warnender Stimme zu, "ihr steht vor einem breiten Minengürtel, den wir erst heute Abend zur Sicherung angelegt haben." Auch wenn wir in jenen Kriegstagen mit allem rechnen mussten, waren wir doch geschockt, denn unter uns war ein gerade erst verwundeter Kamerad. Mit den Russen im Rücken aber hatten wir keine Wahl. Da waren die Minen vor uns noch das kleinere Übel. Wir mussten da durch. Und ich musste als Truppführer voran.

Ich hatte immer großen Wert darauf gelegt, lebenswichtige Entscheidungen selbst zu treffen. Jetzt aber trug ich auch die Verantwortung für meine Kameraden. Nein, ich war kein Held. Und ich wollte auch nie einer sein. Aber in Panik geriet ich auch nicht. Angst? Ja. Aber ich hatte gelernt, diese Angst positiv zu nutzen. Sie setzte - fast vegetativ gesteuert - psychische wie körperliche Kräfte in mir frei, die alles ausblendeten, was meine Konzentration hätte gefährden können. Es gab in meinem Fühlen und Denken weder Freundin, Eltern noch Gott. Es gab nur noch Hermann, unseren verletzten Kameraden, der nach Luft rang, weil ein Granatsplitter in seiner Zunge diese anschwellen ließ. Immerhin: Alleine gehen konnte er noch. Also sollte er mir - in meine Fußstapfen tretend und mit erheblichem Abstand - als Erster folgen. Mein Bewusstsein war nur noch auf dieses Ziel hin programmiert. Ich funktionierte.

Abschied für immer

Der hell leuchtende Vollmond half mir, die unterschiedlichsten Konturen im Schnee zu erkennen. Ich wich jeder scheinbar von Menschenhand manipulierten Schneefläche aus. Wie ein Roboter arbeitete ich mich ohne aufzuschauen Schritt für Schritt weiter, bis mir mein Zurufer von der Infanterie die erlösende Entwarnung gab. Aber erst als Hermann und meine anderen Kameraden meiner Spur folgend unversehrt durch waren, löste sich meine kaum noch zu ertragende Anspannung. Hermann bemühte sich trotz seiner Schmerzen mich dankbar anzulächeln. Ein weiterer Truppkamerad und ich brachten ihn umgehend zum nahen Feldlazarett, das gleich hinter der neuen Front eingerichtet worden war. Da Hermann nicht mehr sprechen konnte, erklärte ich dem Arzt die Sachlage. Bei der Verabschiedung drückte mein Hermann mir trotz seiner Verwundung noch so kräftig die Hand, dass mir sein Dank auch unausgesprochen spürbar wurde. Wir sahen uns nie wieder. Er starb.

Hermann war nicht der erste und auch nicht der letzte unseres Trupps, den wir auf diese Weise verloren. Die Ereignisse dieser Nacht waren kein Thema in unseren Gesprächen. Doch selbst ohne Worte nahm ich eine Veränderung meiner Kameraden im Umgang mit mir wahr. Es waren die Gesten, die sie sprechen ließen.

Ich selbst hätte Gott gern zugestanden, dass er mich in dieser Nacht geführt hat. Angesichts von Millionen Toten, die dieser Krieg bereits auf allen Seiten gefordert hatte, schien mir das jedoch vermessen und ungerecht. Wie sollte Gott einem Kollektiv von hoffenden Menschen je gerecht werden können? Und dennoch: Für mich offenbarte er sich damals, wie auch später, in fast allen Menschen. Das Gute und Hilfsbereite, das ich in meinem Leben durch andere erfahren habe, konnte für mich nur etwas Göttliches sein. Doch zu oft kam ich erst im Nachhinein zu dieser Erkenntnis.

Paul Kleff verstarb am 26. Mai 2010. Seine Aufzeichnungen wurden uns von seinen Hinterbliebenen zur Verfügung gestellt.

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