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50 Jahre Woodstock

Ekstase im Schlammbad

So eine Hippie-Party hatte die Welt noch nicht gesehen: 400.000 Menschen wollten 1969 die besten Rockbands erleben. Das überfüllte, verregnete Woodstock-Festival lief aus dem Ruder, im Chaos wurzelt der Mythos.

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Donnerstag, 15.08.2019   04:57 Uhr

Er trug eine leichte Fransenjacke aus weißem Leder und weite blaue Schlaghosen, um die Stirn ein rotes Seidentuch, silberne Sticker in den Ohren. Der beste Rockgitarrist der Welt wirkte konzentriert, ernst, in sich gekehrt und schlug gegen Ende des Sets "Star-Spangled Banner" (Video) auf seiner weißen Fender Stratocaster an.

Es war Montagmorgen, 18. August 1969, auf einer schlammigen Wiese bei Bethel am Fuße der Catskills Mountains, 165 Kilometer nördlich von New York City. Von den über 400.000 Festivalbesuchern hatten nur 40.000 ausgeharrt. Jimi Hendrix ließ jetzt seine Gitarre jaulen, röhren, donnern. Mit reichlich Rückkoppelungen zerlegte er die Nationalhymne der Vereinigten Staaten und beförderte das Publikum auf die Schlachtfelder Vietnams, wo eine halbe Million US-Soldaten einen sinnlosen Krieg führten.

Hendrix selbst verstand seine Version gar nicht als Antikriegshymne. "Ich fand sie nicht unorthodox, ich fand sie schön", sagte er in einem Interview. Hendrix hatte sie zuvor schon bei gut 30 Konzerten gespielt und sie einmal seinen einstigen Kameraden der U.S. Air Force gewidmet, die ihn 1962 vorzeitig entlassen hatte.

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50 Jahre Woodstock: Die Mutter aller Fangopackungen

Zu den Listen der Geschichte gehört es, dass Menschen Wirkungen erzielen, die sie nicht beabsichtigen. Oft ohne Bewusstsein dafür, bisweilen wider Willen. Die Geschichte hat das Festival bei Woodstock zum internationalen Symbol des Hippietums gemacht. Für Frieden und Freiheit, gegen Kapitalismus und Krieg. Ein bis heute wirkender Mythos.

Hendrix-Bassist Billy Cox sagte später: "Das Tolle war, es ging um Frieden, Liebe und Harmonie, ein bisschen um den Rausch, und alles verlief friedlich." Und Musiker Carlos Santana sprach im einestages-Interview von einem "wunderbaren Chaos".

"3 Days of Peace and Music" hatten die Veranstalter der "Woodstock Music and Art Fair" in Plakaten und Anzeigen versprochen und mit 50.000 Besuchern gerechnet, unmittelbar vor dem Start mit 150.000. Dann wurden sie schlicht überrannt. Es kamen 400.000. Blechlawinen verstopften die Straßen von New York City Richtung Norden.

Video: SPIEGEL-Redakteur Philipp Oehmke - "Ein organisatorisches Meisterwerk"

Foto: DER SPIEGEL

Hippie-Horden? Bitte nicht hier

Journalisten ernannten Woodstock später zur "Mutter aller Rockmusik-Festivals". Dabei hatte schon im Sommer 1965 Bob Dylan beim Newport Folk Festival seine Fans schockiert, als er die akustische gegen eine elektrische Gitarre tauschte. Im Juli 1967 spielten beim Monterey International Pop Festival in Kalifornien neben Jimi Hendrix auch The Who, Jefferson Airplane, Janis Joplin und etliche andere, die sich zwei Jahre später wieder in Woodstock trafen.

Das Riesen-Festival war das Projekt von vier New Yorkern im Alter von 24 bis 26 Jahren. Michael Lang und Artie Kornfeld versuchten sich als Musikmanager und wollten ursprünglich ein Tonstudio in der Kleinstadt Woodstock aufbauen, wo sich Bob Dylan und andere Musiker niedergelassen hatten. Das Studio sollte mit einem Konzert eröffnet werden.

Anfang Februar 1969 trafen sie den Rechtsanwalt Joel Rosenman und den Millionenerben John P. Roberts, die sich standesgemäß auf einem Golfplatz kennengelernt hatten. Die Venture-Kapitalisten schlugen ein dreitägiges Festival vor. Ihr Hauptziel: Profit machen.

Doch die Bewohner von Woodstock wollten in ihrer idyllischen Kleinstadt keine Hippie-Horden. Die Veranstalter mieteten daher ein früheres Industriegelände in Wallkill und begannen mit dem Bühnenbau. Aber auch dort lehnte der Gemeinderat Veranstaltungen mit mehr als 5000 Zuschauern ab.

Die Zeit wurde knapp, die Veranstalter suchten weiter. Bis der Milchbauer Max Yasgur in White Lake bei Bethel die Unternehmung rettete und für 50.000 Dollar 240 Hektar seines Landes vermietete. Im Zentrum lag ein riesiges natürliches Amphitheater.

Von Musikern gab es nicht nur Zusagen. Die Rolling Stones, die Doors und Led Zeppelin wollten nicht auftreten. John Lennon erklärte, er würde die bereits zerstrittenen Beatles nicht zusammenbekommen, könne aber mit seiner Plastic Ono Band kommen. Das wollten die Veranstalter nicht.

"Ab sofort umsonst"

Michael Lang integrierte auch radikale Elemente der Hippiebewegung. So bekam Abbie Hoffmann von den Yippies, der Youth International Party, 10.000 Dollar; damit druckten Aktivisten zum Beispiel Flugblätter, was bei Drogenüberdosen und schlechten Trips zu tun sei. Als Security heuerte Lang die Hog-Farm-Kommune an, die sonst Biolandwirtschaft in New Mexico betrieb. 100 Mitglieder wurden per Charterjet eingeflogen. Mit ihrem clownesk-charismatischen Anführer Wavy Gravy bauten sie als "Please Force" eine kleine Zeltstadt auf. Vor allem kochten und verteilten sie Essen - morgens gab's Müsli - und verkörperten den guten Hippie-Geist der Solidarität.

Eine Woche vor Start wurde den Veranstaltern klar, dass sie es nicht mehr schaffen würden, alles aufzubauen. Die Bühne oder der Zaun ums Gelände, was war wichtiger? Die Bühne, sagte das Quartett, ohne lange zu überlegen.

Am Freitag um 17.07 Uhr eröffnete Richie Havens das Programm auf der großen Bühne, weil andere Musiker noch im Stau steckten. Nach zwei Stunden gingen dem schwarzen Folkmusiker die Songs aus, also improvisierte er sein mitreißendes "Freedom - Sometimes I Feel like a Motherless Child".

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Beim Auftritt des indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar begann es zu regnen. Bald versank alles in braunem Schlamm. Den Folk-Abend am ersten Tag beendete Joan Baez. Gut sehen konnten sie nur die Besucher gleich vor der Bühne, gut hören nur die vordere Hälfte des Publikums. Denn der Sound war recht schwach, große Bildmonitore wie bei Festivals heute gab es noch nicht.

Aber die Musik, das zeigte sich bald, war nur ein Teil des Woodstock-Erlebnisses. Ein anderer war Bewusstseinserweiterung - die meisten Besucher rauchten Marihuana, nahmen LSD oder Meskalin. In einem nahen See wurde nackt gebadet, skandalös im prüden Amerika.

Samstagmittag verkündete der Bühnen-Manager: "It's a free festival from now on." Die Zäune waren längst niedergetrampelt. Aus dem großen Geschäft wurde die große Pleite, aus einem kommerziellen Festival ein gigantisches Gratiskonzert. Die List der Geschichte. Umsonst und draußen.

Der Frieden hielt

Am Samstag ging auch das Essen aus. Bewohner der umliegenden Orte begannen, Sandwiches zuzubereiten. Die Frauengruppe des jüdischen Gemeindezentrums in Monticello fabrizierte 30.000 Sandwiches, die mit Hubschraubern eingeflogen wurden.

Die Veranstalter baten Geländebesitzer Max Yasgur um eine kleine Ansprache. "Ich bin ein Farmer", sagte er überwältigt. "Ihr habt der Welt bewiesen, dass eine halbe Million Kids - ich nenne Euch Kids, denn ich habe Kinder, die älter sind als ihr - zusammen drei Tage Spaß und Musik genießen können, und zwar nur Spaß und Musik. Gott segne euch dafür!"

Derweil erwog Gouverneur Nelson Rockefeller, das Areal zum Katastrophengebiet zu erklären und durch die Nationalgarde räumen zu lassen. Als sie drei Militärhubschrauber sahen, dachten viele Besucher, jetzt sei es soweit. Aber die U.S. Air Force brachte 45 Ärzte und Sanitäter. Während es bei anderen Festivals zu Randale und Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen war, hielt der Frieden in Woodstock. Die Ärzte behandelten mehr als 8000 Besucher, darunter Niemanden als Opfer von Gewalt. Die Gewaltlosigkeit war die Grundlage des Woodstock-Mythos.

Als Janis Joplin auf die Bühne kam, war sie schon furchtbar betrunken - sie hatte, wie die meisten Musiker, stundenlang auf ihren Auftritt warten müssen. Grateful Dead spielten eines ihrer schlechtesten Konzerte jemals. Dafür wuchsen andere Bands über sich hinaus. So holten Sly and the Family Stone um vier Uhr morgens mit Soulfunk die meisten wieder aus den Schlafsäcken.

Von den 32 Acts führten Frauen nur drei an: Joan Baez, Janis Joplin und Melanie. Die bis dahin unbekannte englische Folksängerin bekam 750 Dollar Gage, Jimi Hendrix dagegen 18.000 Dollar. Er sollte als Letzter spielen, hatte sein Manager sich vertraglich zusichern lassen und war nicht umzustimmen. Als der Star am Montag um 9 Uhr auf die Bühne stieg, waren die meisten Besucher schon abgereist.

Von der Pleite zum Profit

Während des Festivals berichteten die Medien nicht gerade freundlich. "Drug Illness Rocks Hippiefest", schrieb die Zeitung "Detroit News" und "Nightmare in the Catskills" die "New York Times". Filmregisseur Martin Scorsese sagte später: "Ich glaube, ohne unseren Film wäre das Konzert in Woodstock nicht mehr als eine Fußnote der soziokulturellen Geschichte der Sechzigerjahre geworden, eine Standfotografie in einem Bildband, ein oder zwei Zeilen in den Geschichtsbüchern."

Die gut drei Stunden lange Warner-Bros.-Dokumentation hatte im März 1970 Premiere. Scorsese war einer der Regisseure, der auch hinter der Kamera stand und zum Teil beim Schnitt dabei war. Mit seinen geteilten Bildflächen war der Film im Stil der Zeit gehalten. Der Produzent bekam einen Oscar, "Woodstock" spielte mehr als 100 Millionen Dollar ein. Die Festivalveranstalter wurden ihre Schulden los, aber nicht reich.

"Ganz hilfreich" nannte Scorsese es, "dass einigen schon beim Konzert am Freitagabend klar wurde, dass wir es hier mit mehr als nur einem Rockkonzert zu tun hatten, eher mit einem historischen Ereignis". Ein Dreifachalbum erschien kurz nach dem Film und machte Woodstock endgültig zum Mythos. Es wurde mehr als sechs Millionen Mal verkauft und brachte mehr als 100 Millionen Dollar ein.

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Die List der Geschichte: Aus einem kapitalistischen Kulturunternehmen wurde erst ein Gratiskonzert nach den Werten der Hippies, dann genau deshalb wieder ein kapitalistischer Erfolg mit enormen Profiten.

Einen Musiker wollten die Veranstalter von Anfang an unbedingt auf der Bühne sehen: Bob Dylan, der nach einem schweren Motorradunfall 1966 zurückgezogen in Woodstock lebte. Er lehnte ab und sagte später: "Ich hatte den Eindruck, sie wollten ein Riesengeschäft damit machen, so viele Menschen an einem Ort zu versammeln. Das haute mich nicht vom Hocker. Die Generation der Blumenkinder - war sie das? Ich hatte damit nichts am Hut."

Dylan, die Stimme des Protests der Sechzigerjahre, war auf der Flucht vor seinen Fans, er hatte Angst um seine Frau und seine Kinder. Zwei Wochen nach Woodstock spielte er wieder live, auf einem Festival auf der Isle of Wight in England.

insgesamt 14 Beiträge
Ronald Soll 15.08.2019
1.
Für mich war Woodstock ´69 ein amerikanisches Festival. Aber mit "Strahlkraft". Rückblickend kann ich das Festival zugrunde analysieren. Allerdings vergesse ich nicht, welche Wirkung der Film und der Soundtrack auf [...]
Für mich war Woodstock ´69 ein amerikanisches Festival. Aber mit "Strahlkraft". Rückblickend kann ich das Festival zugrunde analysieren. Allerdings vergesse ich nicht, welche Wirkung der Film und der Soundtrack auf mich damals gehabt haben. Da passiert etwas! Das ist etwas anderes! Woodstock, in seiner Wirkung auf mich, ließ sich nicht auf das Areal in Bethel oder White Lake beschränken. Vor dem Hintergrund der täglichen Nachrichtenbilder über Vietnam, den Geschehnissen in Prag, den Morden an J.F. Kennedy, Martin Luther King, Robert Kennedy, dem, aus meiner Wahrnehmung, Beginn der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, dem Muff, der überall noch spürbar war, wurde mir klar, es gibt da junge Leute, die eine ganz andere Vision haben!
Boris_bombastik 15.08.2019
2. Zu 2.
Sie sprechen mir aus der Seele, genau das habe ich auch gedacht als ich neulich die Bilder einer Dokumentation sehen konnte. Leider hat sich daran kaum etwas geändert.
Sie sprechen mir aus der Seele, genau das habe ich auch gedacht als ich neulich die Bilder einer Dokumentation sehen konnte. Leider hat sich daran kaum etwas geändert.
Andreas Stehl 15.08.2019
3. #2 Unfug hoch drei
Haben Sie den SPON-Beitrag nicht gelesen, der im Großen und Ganzen korrekt ist? Die Veranstalter hatten mit viel weniger Besuchern gerechnet. Die Facility war auf 1/8 der Besucherströme ausgelegt. Wenn es keine Mülleimer geben [...]
Haben Sie den SPON-Beitrag nicht gelesen, der im Großen und Ganzen korrekt ist? Die Veranstalter hatten mit viel weniger Besuchern gerechnet. Die Facility war auf 1/8 der Besucherströme ausgelegt. Wenn es keine Mülleimer geben würde, würde es bei Ihnen zu Hause genauso aussehen. Punkt. Was blieb sonst von Woodstock? Der "Free-Festival"-Mythos, der dann ein Jahr später die Macher des Isle Wight-Festivals 1970 in Bedrängnis brachte, weil viele Besucher die Zäune nicht akzeptieren wollten. Die Veranstalter mussten mit verzweifelten Bühnenansagen die Besucher bitten, dass man doch nur den "Break Even-Point" erreichen wollte. Also nichts mit Kapitalismus hier. Reine Kostendeckung war angesagt. Zurück zu Woodstock: der Mythos einstand sicherlich dadurch, dass 400.000 Leute in einer "Desaster-Area" das Essen teilten unter widrigsten Umständen. Allerdings hatten natürlich IM NACHHINEIN der Film und vor allem das Dreifachalbum und das nachgeschobene Doppelalbum ihren unschätzbaren Anteil an der Verbreitung des Mythos. Wer es in den Film oder auf die Platten schaffte, konnte sich glücklich schätzen. Von anderen Bands wusste man lange gar nicht, dass sie überhaupt in Woodstock aufgetreten sind: Creedence Clearwater Revival z.B. (ok, die hatten es auch nicht nötig, wenn man mehr Platten verkauft hat, als die Beatles) oder Blood, Sweat and Tears. Und natürlich kamen bei den Plattenveröffentlichungen "kapitalistische Motive" zum Tragen. Die hatten aber nichts mit den "Hippies" zu tun, sondern natürlich mit der Plattenindustrie selbst. Oder warum meinen Sie, ist eine Band wie Crosby, Stills, Nash & Young, die in Woodstock ihren ersten größeren Auftritt hatten, sowohl im Film, als auch vor allem auf den insgesamt fünf Platten so massiv promoted worden (mit insgesamt 6 Songs), während andere überhaupt nicht zu Gehör gebracht wurden? Natürlich weil CSN&Y bei der Plattenfirma unter Vertrag waren, die die Woodstock-Platten veröffentlicht haben: Atlantic Records. Hier haben Sie Ihre "kapitalistischen Motive".
hardee neubert 15.08.2019
4. Love and Peace
Es gab und gibt wohl kaum ein Musikfestival mit 400.000 Besucher, dass so harmonisch, friedfertig und einzigartig vonstatten ging wie Woodstock. Und so wird es immer in Erinnerung bleiben. Einzigartig und voller Frieden.
Es gab und gibt wohl kaum ein Musikfestival mit 400.000 Besucher, dass so harmonisch, friedfertig und einzigartig vonstatten ging wie Woodstock. Und so wird es immer in Erinnerung bleiben. Einzigartig und voller Frieden.
Bernd Leibovitz 15.08.2019
5. Was für ein Miesepeter...
Es ging tatsächlich nicht darum, den Kapitalismus zu stoppen, aber es gab einen Krieg in Vietnam, den es zu beenden galt. Und dazu hat Woodstock mit Sicherheit beigetragen. Nebenbei wurde die Populärmusik auf den Kopf [...]
Es ging tatsächlich nicht darum, den Kapitalismus zu stoppen, aber es gab einen Krieg in Vietnam, den es zu beenden galt. Und dazu hat Woodstock mit Sicherheit beigetragen. Nebenbei wurde die Populärmusik auf den Kopf gestellt, aber das ist natürlich nur ein Phänomen des kulturellen Überbaus...

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