einestages

Kulturkampf um Badekleidung

Zwickel im Schritt

Kampf den Nackedeis: 1932 versuchte der Berliner Beamte Franz Bracht, die Freizügigkeit an den Stränden Preußens per Gesetz zu verbieten. Sein "Zwickelerlass" wurde zum peinlichen Beleg für die Regulierungswut der Politiker, Bracht selbst aber ging gnadenlos baden.

Getty Images
Von
Donnerstag, 16.08.2012   11:39 Uhr

Deutschlands Kabarettisten waren ganz vernarrt in den untersetzten, katholischen Politiker: Unfreiwillig hatte Franz Bracht der Zunft in jenem nicht gerade vergnügungssteuerpflichtigen Spätsommer 1932 Stoff für wochenlange Lachsalven beschert. Artig bedankten sich denn auch 30 Comedians im "Dortmunder General-Anzeiger" für die Steilvorlage des stellvertretenden Reichskommissars für Preußen.

Schon folgender Begrüßungssatz würde, so der Zeitungsartikel, unter den Kabarettgästen zu enthemmten Heiterkeitsanfällen führen: "Meine Damen und Herren - in diesen grauen Zeiten wollen wir heute einen fröhlichen Abend erleben. Wir wollen uns einmal richtig vom Lachen durchschütteln lassen, von Kopf bis Fuß, vom Scheitel bis zum Zwickel".

Genau jener Zwickel, jenes ominöse Stückchen Stoff, war es, der das Publikum vor Freude aufkreischen ließ. Wortschöpfer und Verhohnepiepelter in einem: der Berliner Jurist Franz Bracht. 1932, am Ende der Freibadsaison, untersagte der Beamte per Notverordnung nicht nur das "öffentliche Nacktbaden", sondern auch das "Baden in anstößiger Badekleidung".

Nur noch solche Badeanzüge und Badehosen fanden fortan vor dem Gesetz Gnade, welche die Scham in ausreichend züchtigem Maße bedeckten und darüber hinaus, so die Verordnung, mit dem "Zwickel" versehen waren: einem Textilfetzen, aufzunähen direkt auf die Badekleidung - und zwar genau im männlichen und weiblichen Schritt.

Da taumelte die Weimarer Republik am Rande des Abgrundes, schwer gebeutelt von der Wirtschaftskrise - und was tat die preußische Regierung? Erfand den Zwickel! Verschwendete ihren juristischen Hirnschmalz an die ordnungsgemäße Verhüllung der Geschlechtsmerkmale badender Bürger! Die Sommerloch-Polit-Posse des Jahres 1932 war geboren - und Bracht wurde zum Gespött einer ganzen Nation.

"Haben wir gegenwärtig wirklich keine anderen Sorgen als Rückenausschnitte an Badetrikots und Zwickel?", fragten die "Frankfurter Nachrichten" am 5. Oktober 1932. "Wir sollen zufrieden und glücklich sein, denn unter dem Reichskommissar Bracht ist Preußen zu einem Idyll geworden", spottete der "Frankfurter General-Anzeiger" am Tag zuvor.

Im preußischen Landtag hingegen tobte infolge des sogenannten Zwickelerlasses von 1932, wie Historikerin Adelheid von Saldern betont, ein regelrechter Kulturkampf zwischen reaktionär-konservativen und liberal-linken Kräften. Berühmt wurde die Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten Alex Möller, später Finanzminister in der Bundesrepublik:

"Naive Leute haben im Sommer dieses Jahres geglaubt, Reichsregierung und Reichskommissare würden sich den Kopf darüber zerbrechen, wie in diesem Winter sieben Millionen Arbeitslose ernährt und bekleidet werden sollen. Die Herren Reichskommissare aber haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie im Sommer die Badenden ausreichend bekleidet werden könnten."

"Von Blödheit verwirrtes Gehirn"

Als "Dokumente unsittlicher, kulturwidriger Gehirnverrenkungen" geißelte der Sozialdemokrat aus Halle die Gesetzesausführungen. Noch weiter ging der kommunistische Abgeordnete Wilhelm Kasper, der den Zwickelerlass als "Ausfluss eines wirklich von Blödheit völlig verwirrten Gehirns" schmähte und ein Foto des preußischen Kronprinzen Wilhelm in die Höhe hielt, auf der selbiger mit zwickelfreier Badehose zu sehen war. Es sei das kapitalistische System, das Ordnung und Sittlichkeit gefährde, und nicht etwa die Bademode.

Fotostrecke

Der Zwickelerlass: "Auch Gott der Herr hat Rechte"

Doch die reaktionäre Front blieb unbeirrbar - und stilisierte den Zwickelerlass kurzerhand zur göttlichen Angelegenheit, die es zu verteidigen gelte. Es gehe hier um nichts Geringeres als die "sittliche Erneuerung des Volkes auf dem Boden des Christentums", verteidigte der Zentrumspolitiker Franz Graf von Galen das Dekret:

"Auch Gott der Herr hat Rechte. Er hat es nicht nötig, dass wir seine Rechte verteidigen, das kann er durch seine Allmacht wohl allein. Aber wir haben es nötig, seine Rechte zu verteidigen, weil nur die Gebote Gottes Ordnung in der Welt schaffen können."

"Wille zur Sonne, Wille zum Nacktsein"

Zwar war ihnen zweifelsohne auch die zu Beginn des Jahrhunderts immer freizügigere Bademode ein Dorn im Auge. Doch pochten die reaktionären Vertreter des Preußischen Landtages vor allem auf Paragraph eins des Zwickelerlasses, der das Nacktbaden rigoros unter Strafe stellte: jenes Phänomen, das während der Weimarer Republik zum populären Freizeitvergnügen geworden war.

In den zwanziger Jahren gab es in Deutschland rund 100.000 organisierte Nackedeis. FKK wurde zum Synonym für Freiheit, Naturverbundenheit, Streben nach Gesundheit. Der industrialisierten Gesellschaft überdrüssig, suchten die Menschen ihr Heil in sogenannten Lichtluftbädern, um ihre Körper innerlich "auszuputzen" und mit Sonnenenergie elektrisch aufzuladen. "Krieg der Badehose! Krieg jeglicher Badekleidung!", war die Losung des FKK-Vorkämpfers Heinrich Pudor.

"Behoste Spießer" und "Trikotkapitalisten"

Wer sich dennoch zum Baden verhüllte, galt den Reformern als "behoster Spießer" und "Trikotkapitalist", so ein Wandervogel 1921. Badehosenfeindliche Naturfreaks gab es mit nahezu jeder Weltanschauung - von völkischen Nudisten über liberale Nacktbader bis hin zu sozialistischen und kommunistischen FKK-Zirkeln. Nacktbadestrände wurden eröffnet, vielerorts im Deutschen Reich entstanden für die Sonnenanbeter FKK-Areale mit Gymnastikwiesen, Schwimmteichen und Sportbahnen.

Diesem hüllenlosen Treiben setzten die Nationalsozialisten ab 1933 ein jähes Ende: Blankziehen durften fortan nur noch systemkonforme Nudisten, die sich im "Kampfring für völkische Freikörperkultur" (dem späteren "Bund für Leibeszucht") gleichschalten ließen.

Soweit vermochten die auf Sittsamkeit im Bade bedachten Beamten der späten Weimarer Republik freilich nicht zu gehen. Zwar mussten all jene, die den Zwickelerlass missachteten, mit drakonischen Geldstrafen von bis zu 150 Mark rechnen. Und auf Hiddensee machten bereits im Sommer 1932 Polizisten Jagd auf Badegäste - ein besonders übereifriger Beamter zwang einen Badenden gar zum Handstand, um nachzuschauen, ob der Zwickel an Ort und Stelle saß.

Mit dem Zollstock, so Historikerin von Saldern, ist jedoch, anders als etwa im Amerika der zwanziger Jahre, kein Sittenwächter von Strand zu Strand gezogen. So blieb der Zwickelerlass ein bürokratischer Schwank, der vor allem eines bewirkte: Kurz vor dem Untergang der Weimarer Republik brachte die Obrigkeit ihre krisengeschüttelten Bürger noch mal ordentlich zum Kichern.

"Es scheint, als ob Dr. Bracht doch seinen Zwickelbogen etwas überspannt hat. Das helle Gelächter in Deutschland wird ihm das selbst schon klar gemacht haben", resümierten die "Frankfurter Nachrichten" am 6. Oktober 1932.

insgesamt 8 Beiträge
T a Rashid 17.08.2012
1.
80 Jahre - das macht doch sehr transparent, die Freizuegigkeit die wir gerne nach aussen tragen sind erst vor kurzer Zeit entstanden. Wann haben Frauen das Wahlrecht in Europa erhalten? Muenster (Westf) in den 60er, [...]
80 Jahre - das macht doch sehr transparent, die Freizuegigkeit die wir gerne nach aussen tragen sind erst vor kurzer Zeit entstanden. Wann haben Frauen das Wahlrecht in Europa erhalten? Muenster (Westf) in den 60er, unverheiratete Paare erhielten keine Wohnung!
René Lehmann 16.08.2012
2.
Erlauben Sie mir bitte, etwas anzumerken: Herr Bracht war nicht preußischer Innenminister, konnte er auch garnicht, da es zu diesem Zeitpunkt keine preußische Regierung mehr gab. Letzter Inneminisrter des Freistaates [...]
Erlauben Sie mir bitte, etwas anzumerken: Herr Bracht war nicht preußischer Innenminister, konnte er auch garnicht, da es zu diesem Zeitpunkt keine preußische Regierung mehr gab. Letzter Inneminisrter des Freistaates Preußens war Carl Severing (SPD) - und dieser hatte sicher ganz andere Probleme im Auge als die Bademode. Und das war ja wohlauch das Problem für die Reichsregierung weswegen die letzte Regierung des Freistaates Preußen mit dem Preußenschlag am 20. Juli 1932 sauber aus dem Weg geräumt wurde. Vorgeblich weil sie nicht Herr der Lage sei (Altonaer Blutsonntag), tatsächlich aber wohl, weil man in Preußen doch allzu vehement gegen die politischen Ränder vorging - nicht umsonst hat sich hier Preußen die von Historikern verwendete Bezeichnung "Bollwerk der Demokratie in Weimar" erworben. Die Staatsgewalt hatte zur Zeit des Zwickelerlasses im Freistaat Preußen somit die Reichsregierung inne. Herr Bracht war als stellvertretender Reichskommissar für Preußen lediglich mit den Aufgaben des Innern betraut. Sicherlich ist der Zwickelerlass eine Posse, aber nicht eine, die einer immer wieder herbei geredeten preußischen Regelungswut geschuldet sein würde. weiß-schwarze Grüße
René Lehmann 16.08.2012
3.
Ein Nachtrag zu meinem vorigen Eintrag: Im Artikel heißt es: "Vor 80 Jahren versuchte der Berliner Beamte Franz Bracht, die Freizügigkeit an deutschen Stränden per Gesetz zu verbieten. Sein "Zwickelerlass" [...]
Ein Nachtrag zu meinem vorigen Eintrag: Im Artikel heißt es: "Vor 80 Jahren versuchte der Berliner Beamte Franz Bracht, die Freizügigkeit an deutschen Stränden per Gesetz zu verbieten. Sein "Zwickelerlass" wurde zum peinlichen Beleg für preußische Regulierungswut" Nun selbst wenn Herr Bracht Innenminister des Freistaates Preußen gewesen wäre, was er nicht war, so hätte eine Verordnung des Freistaates Preußen keine Gültigkeit an allen DEUTSCHEN Stränden besessen, sondern nur an jenen des Freistaates PREUßEN.
Christian Gödecke 16.08.2012
4.
In einer früheren Version des Textes hieß es, Bracht sei preußischer Innenminister gewesen. Er war aber als stellvertretender Reichskommissar nur mit den Aufgaben eines preußischen Innenministers betraut. Wir haben den Fehler [...]
In einer früheren Version des Textes hieß es, Bracht sei preußischer Innenminister gewesen. Er war aber als stellvertretender Reichskommissar nur mit den Aufgaben eines preußischen Innenministers betraut. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
Claudia Semmelroth 17.08.2012
5.
Und aktuell? Wie lange ist es her das sich so genannte EU-Kommissare um die Krümmung saurer Gurken sorgte. Bananen mussten gerader werden. Grüne Punkte wurden an riesengroße Spassmobile gepappt. Deutschland leistete sich in [...]
Und aktuell? Wie lange ist es her das sich so genannte EU-Kommissare um die Krümmung saurer Gurken sorgte. Bananen mussten gerader werden. Grüne Punkte wurden an riesengroße Spassmobile gepappt. Deutschland leistete sich in schwierigsten Zeiten eine Rechtschreibreform....

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP