Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Unbekannte Überdosis

Ein 84-Jähriger kommt mit starkem Bluthochdruck in die Klinik. Er hat Schmerzen in der Brust, die Beine sind geschwollen. Zunächst vermuten die Ärzte einen Herzinfarkt. Doch die wahre Ursache ist eine andere.

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Sonntag, 16.06.2019   08:40 Uhr

Der Mann hat seinen Bluthochdruck seit vielen Jahren mithilfe von Medikamenten gut unter Kontrolle. Dank der Tabletten liegen seine Werte im Normalbereich. Doch seit einer Woche hat sich das verändert: Der sogenannte systolische Blutdruck liegt zwischen 180 und 210, was der Patient selbst zu Hause mit einem Messgerät ermittelt hat. Der Wert ist viel zu hoch.

Schließlich sucht er die Notaufnahme der McGill-Uniklinik im kanadischen Montreal auf. Dort messen die Ärzte einen Blutdruck von 196 zu 66. Der Mann kommt nicht allein wegen des Blutdruckwertes. Er berichtet von Kopfschmerzen, zudem habe er Schmerzen in der Brust. Der 84-Jährige fühlt sich erschöpft und ist lichtscheu.

Eine Röntgenaufnahme zeigt, dass sich in seiner Lunge Flüssigkeit gesammelt hat. Das erklärt, warum die Ärzte beim Abhören der Atmung Rasseln in der Lunge wahrnehmen.

Seine Unterschenkel sind bis auf Höhe des Knies angeschwollen - es handelt sich um sogenannte Ödeme, also Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe. Zuvor hatte der Mann lediglich Ödeme an den Füßen.

Der 84-Jährige hat neben Bluthochdruck einen Diabetes Typ 2 und eine Fettstoffwechselstörung. Außerdem hatte er in der Vergangenheit bereits Probleme mit den Herzkranzgefäßen. Insgesamt nimmt er neun Medikamente gegen seine verschiedenen Beschwerden.

Ein Infarkt ist es nicht

Ein Bluttest zeigt, dass sein Kaliumwert zu niedrig ist, zusätzlich sind die Bicarbonate erhöht. Die Substanzen helfen dabei, den pH-Wert im Körper konstant zu halten. Sie werden etwa gebildet, wenn durch starkes Erbrechen viele Säuren vorliegen. Ebenso erhöht ist der Wert des Proteins Troponin, was auf einen Herzinfarkt deuten kann. Doch ein EKG gibt Entwarnung, der Mann hat keinen Infarkt erlitten.

Die Ärzte setzen zwei seiner Blutdrucksenker vorübergehend ab, wie sie im "Canadian Medical Association Journal" berichten. Dies dient unter anderem dem Zweck, seinen Kaliummangel nicht weiter zu verstärken. Gleichzeitig geben sie ihm drei andere Blutdrucksenker, schließlich wollen sie den Druck aus dem sehr hohen Bereich holen.

Innerhalb der folgenden 24 Stunden verbessert sich der Zustand des Mannes. Aber wenn er liegt, ist er weiterhin kurzatmig. Zum Teil schreckt er aus dem Schlaf hoch und schnappt nach Luft. Doch auch diese Symptome bessern sich in den folgenden Tagen, nachdem der Mann ein sogenanntes Diuretikum eingenommen hat, das die Ausscheidung von Wasser fördert.

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Das Ärzteteam um Jean-Pierre Falet befragt den Patienten genauer, ob irgendetwas vorgefallen ist, was die Symptome erklären könnte. Jetzt erzählt der 84-Jährige, dass er in den zwei Wochen vor seiner Aufnahme ins Krankenhaus täglich ein bis zwei Gläser Süßholztee, sogenannten "Erk Sous" getrunken hat.

Nun ermitteln die Ärzte weitere Blutwerte. Das Hormon Aldosteron befindet sich in zu geringen Mengen in seinen Adern. Die Mediziner können nun eine klare Diagnose stellen: Der Patient hat einen durch Süßholz verursachten Pseudohyperaldosteronismus.

Wie kann ein Tee solche gefährlichen Symptome hervorrufen?

Süßholz ist die Basis von Lakritz - und es enthält das sogenannte Glycyrrhizin. Diese Substanz kann durch ihre Wirkung aufs Hormonsystem die Blutwerte verändern, Hochdruck auslösen, zu Ödemen führen oder sogar Herzprobleme auslösen.

Ein paar Lakritze oder eine gelegentliche Tasse Süßholztee sind unproblematisch, doch regelmäßig verzehrte größere Mengen Glycyrrhizin können schädlich sein. Dies ist insbesondere ein Risiko, wenn jemand schon unter Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Diabetes leidet - wie es bei dem Patienten der Fall ist.

Insgesamt muss der Mann knapp zwei Wochen im Krankenhaus verbringen, ehe er sich hinreichend erholt hat, um wieder nach Hause zu können. Sein Blutdruck liegt zu diesem Zeitpunkt bei 140 zu 80 - das ist immer noch zu hoch, aber nicht mehr akut bedrohlich. Außerdem fühlt er sich wieder gut.

Bei einem Kontrolltermin drei Wochen später liegt der Wert wieder im Normalbereich bei 110 zu 57. Süßholztee trinkt er nicht mehr.

insgesamt 17 Beiträge
niklas.masar 16.06.2019
1. was für ein Unsinn
Ein Blutdruck von 110 / 57 soll normal sein? Meiner ist viel höher und der Hausarzt meint, das wäre in Ordnung. Auch ein viel zu niedriger Blutdruck kann gefährlich sein zumal in dem hohen Alter. Vor Jahren hatte ich einmal [...]
Ein Blutdruck von 110 / 57 soll normal sein? Meiner ist viel höher und der Hausarzt meint, das wäre in Ordnung. Auch ein viel zu niedriger Blutdruck kann gefährlich sein zumal in dem hohen Alter. Vor Jahren hatte ich einmal so einen niedrigen Blutdruck und fühlte mich schlapp, schwindlig und krank, nie wieder.
derdave3000 16.06.2019
2.
Interessanter Fall! Mittels EKG lässt sich ein Herzinfarkt bei erhöhtem Troponin aber nicht ausschließen. Dafür muss man einen Herzkatheter durchführen. Mi 84 jahren würd ich den Blutdruck auch nicht mittels Medikamente auf [...]
Interessanter Fall! Mittels EKG lässt sich ein Herzinfarkt bei erhöhtem Troponin aber nicht ausschließen. Dafür muss man einen Herzkatheter durchführen. Mi 84 jahren würd ich den Blutdruck auch nicht mittels Medikamente auf 110/57 drücken. Da sollte man die Tabletten reduzieren. Der Wert ist nur für Gesunde normal.
Ronald Dae 16.06.2019
3.
110:57 ist Normaler Blutdruck? Besonders bei alten Menschen? Ich hatte bisher die Information, dass dies niedriger Blutdruck sei.
110:57 ist Normaler Blutdruck? Besonders bei alten Menschen? Ich hatte bisher die Information, dass dies niedriger Blutdruck sei.
sok1950 16.06.2019
4. Normbereich 110 zu 57?
Bitte mal einen Sani-Kurs für den Führerschein oder Schulkinder mitmachen...
Bitte mal einen Sani-Kurs für den Führerschein oder Schulkinder mitmachen...
Ritzel 16.06.2019
5.
110/57 mmHg ist beim Gesunden ein vollkommen normaler Blutdruck. Beim Hypertoniker unter Therapie wäre der Druck mit diesen Werten jedoch zu straff eingestellt. Vollkommener Quatsch ist jedoch die Aussage, daß beim starken [...]
110/57 mmHg ist beim Gesunden ein vollkommen normaler Blutdruck. Beim Hypertoniker unter Therapie wäre der Druck mit diesen Werten jedoch zu straff eingestellt. Vollkommener Quatsch ist jedoch die Aussage, daß beim starken Erbrechen zu viele Säuren vorlägen. Starkes Erbrechen führt zu Verlust von Magensäure und damit einer metabolischen Alkalose.
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