Gesundheit

Darmflora und Antibiotika

Wann braucht der Darm eine Sanierung?

Antibiotika töten krankmachende Bakterien, doch sie beeinträchtigen auch die Darmflora. Was hilft? Von Bettina Levecke

Freitag, 01.07.2016   07:41 Uhr
DPA

Schätzungsweise 100 Billionen Bakterien besiedeln den Darm. Die Mikroben helfen bei der Verdauung und es gibt Hinweise darauf, dass sie die Gesundheit in vielfältiger Weise beeinflussen. Gerät etwa in der Kindheit die Darmflora aus dem Gleichgewicht, steigt das Risiko für Asthma.

Die Artenvielfalt der Darmflora ist groß, ihre Zusammensetzung von Mensch zu Mensch sehr verschieden. Zwar sind schon einige besonders hilfreiche oder schädliche Arten bekannt, was genau aber eine gesunde Darmflora von einer weniger gesunden unterscheidet, ist noch nicht im Detail erforscht.

Bekannt ist, dass Antibiotika die Darmbakterien angreifen, schließlich werden sie eingesetzt, weil sie Mikroorganismen abtöten oder am Wachstum hindern. Ein Breitbandantibiotikum kann kurzfristig die Balance der Darmflora durcheinanderbringen. Kann man gegensteuern - oder erholt sich der Darm von selbst?

Forscher der Stanford University berichteten 2011, dass die Darmflora von Studienteilnehmern nach mehrmaliger Gabe des Breitbandantibiotikums Ciprofloxacin nicht komplett zu ihrer ursprünglichen Vielfalt zurückkehrte.

Was richten Antibiotika im Darm an?

"Fehlen wichtige Bakterienstämme, kann das zu Verdauungsstörungen oder Durchfällen führen", sagt Dagmar Mainz, Sprecherin des Berufsverbands Niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands. Bei wiederholten Einnahmen von Antibiotika steige zudem das Risiko, dass einzelne Bakterienarten dauerhaft verschwinden.

Die gute Nachricht: Bei ansonsten gesunden Menschen erhole sich der Darm in der Regel von allein wieder, sagt Mainz. "Es dauert aber durchaus zwei bis drei Monate, bis alles wieder normal funktioniert."

Die Vielfalt der Bakterien sei eine grundlegende Voraussetzung für die Darmgesundheit, denn jede Art übernehme bestimmte Aufgaben, sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin. "Der Einfluss von Antibiotika auf die Darmgesundheit ist nicht zu unterschätzen und muss dringend weiter erforscht werden", sagt er.

Vorsicht ist laut aktueller Untersuchungen besonders bei Kindern geboten. Eine im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlichte Studie zeigt, dass frühe Antibiotika-Gaben die Darmflora dauerhaft zum Negativen verändern können. Auch eine gerade in "Science Translational Medicine" publizierte Untersuchung kommt zum Schluss, dass frühe Antibiotikagaben die Vielfalt der Darmflora senken können.

"Die Verordnung von Antibiotika sollte deshalb immer nur sehr sorgsam erfolgen", sagt Michalsen.

"Wir wissen noch zu wenig über die Bakterienwelt im Darm, um gezielt dagegensteuern zu können", sagt Michalsen. "Man müsste bei jedem einzelnen Patienten die Gensequenzen der Darmflora untersuchen, um die genaue Zusammensetzung und Ungleichgewichte der Bakterienkulturen herauszufinden. "Und selbst wenn man den Bedarf benennen könnte, wüsste niemand, ob sich die verabreichten Kulturen tatsächlich erfolgreich im Darm ansiedeln.

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Die Resorption der Nährstoffe spielt sich vor allem im Dünndarm ab

Einige Patienten bekommen von Antibiotika Durchfall. Eine Metastudie des Cochrane-Netzwerks zum Thema Diarrhö zeigte, dass die Einnahme von Probiotika das Auftreten von diesem Durchfall verhindern kann. Bei Patienten, die häufiger ein Antibiotikum einnehmen müssen oder leicht unter Darmstörungen leiden, sei die Einnahme von Probiotika durchaus ratsam, sagt Michalsen. "Welches Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel dafür geeignet ist, sollte mit dem Arzt besprochen werden."

Von angereichertem Joghurt oder Drinks rät er ab, weil viele davon sehr viel Zucker enthalten. Einen positiven Effekt auf den Darm könne man ebenso mit dem regelmäßigen Verzehr normaler milchsaurer Produkte, wie naturbelassenen Joghurts, Kefir und Buttermilch erreichen. "Wir wissen, dass nicht die Menge der aufgenommenen Milchsäurebakterien entscheidend ist, sondern ihre immunologische Wirkung." Schon kleine Mengen der Mikroorganismen würden ausreichen, um den Stoffwechselvorgängen im Darm einen heilenden Impuls zu geben, sagt Michalsen.

Wer während einer Antibiotikabehandlung keine Beschwerden spürt, kann ganz normal essen. Zeigen sich Verdauungsbeschwerden, sei es sinnvoll, den Darm zu schonen, rät Mainz. "Verzichten Sie auf blähende Speisen, wie Hülsenfrüchte oder Kohl." Auch schwer Verdauliches, wie Müsli, Rohkost oder Vollkornbrot, sollte bei Darmproblemen durch leichtere Speisen, wie geschältes Obst, Mischbrot und gekochtes Gemüse und Suppen, ersetzt werden.

Generell gilt: Möglichst viele Ballaststoffe essen! Ballaststoffreiche Lebensmittel unterstützen die Darmgesundheit, denn viele von ihnen wirken präbiotisch. Unter anderem scheinen Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an Inulin und Oligofruktose den Anteil gesunder Bifidobakterien zu steigern, dazu zählen zum Beispiel Zwiebeln, Spargel, Knoblauch und Chicorée. Michalsen rät außerdem zum regelmäßigen Verzehr von vergorenen Lebensmitteln, wie Brottrunk, Sauerkraut, Miso oder Shoyu-Sojasauce. "Diese wirken auch probiotisch."

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Die Schleimhaut im Dünndarm wird zusätzlich vergrößert: durch sichtbare Auffaltungen, die Kerckring-Falten; Zotten, die auf den Kerckring-Falten sitzen; und Fortsätzen der einzelnen Dünndarmzellen, den sogenannten Mikrovilli

Die Angebote für Darmsanierung und - Aufbau sind vielfältig. "Die Einnahme von Medikamenten, auch rezeptfreien, sollte grundsätzlich mit dem Arzt abgesprochen sein", sagt Michalsen. Für homöopathische Therapien oder Schüssler-Salz-Aufbaukuren fehlten wissenschaftliche Belege.

Von einer Colon-Hydro-Therapie, wie sie zum Beispiel von Heilpraktikern häufig empfohlen wird, raten beide Experten ab. Dagmar Mainz: "Die mechanische Reizung durch die Darmspülung kann nicht förderlich für die Darmflora sein. Im Gegenteil, das kann sie sogar noch verschlechtern."

Prä- oder Probiotika können vielleicht bei leichten Verdauungsstörungen helfen: "Wer aber zehnmal täglich oder noch häufiger Durchfall hat, braucht nicht mehr auf die Wirkung eines Joghurts hoffen, sondern muss zum Arzt", sagt Mainz.

Starke Beschwerden, auch verbunden mit Fieber oder Bauchkrämpfen, können ein Hinweis sein auf eine Dickdarmentzündung mit Bakterienstämmen von Clostridium difficile. Dies kann eine direkte Folge langer Antibiotikabehandlungen sein: Nach dem Absterben nützlicher Bakterien können sich Clostridien ungehindert ausbreiten. "Bei stark wässrigem oder blutigem Durchfall deshalb sofort zum Arzt gehen", sagt Mainz.

Was probiotisch bedeutet

Als Probiotika werden zum einen Lebensmittel bezeichnet, die lebende Bakterien enthalten, die als gut für den Darm angesehen werden - vor allem Lactobazillen und Bifidobakterien. Zu den Probiotika zählen unter anderem naturbelassene Joghurts, Kefir und Buttermilch, aber auch Sauerkraut und traditionell erzeugte Sojasauce. Zum anderen gibt es probiotische Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, in denen die Bakterien stecken.
Symbiotika sind eine Kombination von Prä- und Probiotika.

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insgesamt 2 Beiträge
power_lifter 21.06.2018
1. Antibiotika und Probiotika
Antibiotika wird schnell mal verschrieben, auch wenn es gar nicht notwendig ist. Das hier aber die Darmflora und damit auch ein wichtiger Bestandteil unseres Immunsystems geschädigt wird, das wissen nur viele und die Ärzte [...]
Antibiotika wird schnell mal verschrieben, auch wenn es gar nicht notwendig ist. Das hier aber die Darmflora und damit auch ein wichtiger Bestandteil unseres Immunsystems geschädigt wird, das wissen nur viele und die Ärzte klären ihre Patienten ebenso wenig auf! Gute Mediziner wissen um die Wichtigkeit der guten Bakterien im Darm und verschreiben deshalb bei Antibiotikaeinnahme auch ein Probiotikum um die Darmflora von der vollständigen "Vernichtung" zu bewahren. Mehr dazu gibt es auch hier: https://www.naturalie.de/probiotika-wirkungen/
lucamayer 27.09.2019
2.
Stimmt wirklich. Als ich eine Zeit lang Antibiotika einnehmen musste, hatte sich das auf meine Darmflora so stark ausgewirkt, dass ich Wochenlang mit Verstopfung zu kämpfen hatte. Erst nachdem ich auf die Mutaflor Kapseln von der [...]
Stimmt wirklich. Als ich eine Zeit lang Antibiotika einnehmen musste, hatte sich das auf meine Darmflora so stark ausgewirkt, dass ich Wochenlang mit Verstopfung zu kämpfen hatte. Erst nachdem ich auf die Mutaflor Kapseln von der Firma Ardeypharm gestoßen bin, hat sich das Problem zum Glück komplett aufgehoben. Sollte also jemand die gleichen Beschwerden haben und auf der Suche nach einem homöopathischen Mittel sein, das auch wirklich was bringt, kann ich auf jeden Fall diese Kapseln hier empfehlen.

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