Gesundheit

Deutschland

Wo die Masernkranken wohnen

Seit Silvester haben sich in Deutschland mehr als 230 Menschen mit den Masern infiziert. Während sich die Fälle in manchen Bundesländern häufen, sind andere noch gar nicht betroffen. Der Überblick.

Science Photo Library/ imago images

Masern-Viren (Illustration)

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Dienstag, 09.04.2019   13:16 Uhr

Hildesheim mit seinen rund 100.000 Einwohnern war für viele lange nur ein Ort, von dem sie mit Glück wussten, wo er liegt. Seit wenigen Wochen aber steht die niedersächsische Kleinstadt stellvertretend für ein Problem, das Deutschland nicht in den Griff bekommt: die Masern.

Nach einem Ausbruch im März durften 80 Schüler eine Gesamtschule nicht betreten, weil ihnen Impfungen gegen die potenziell lebensbedrohliche Infektionskrankheit fehlten. Abiturienten versäumten ihre schriftlichen Prüfungen. Nicht zuletzt deshalb entbrannte in Deutschland eine Debatte um eine Impfpflicht, neben Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) für verpflichtende Spritzen ausgesprochen.

Die Diskussion vermittelt den Eindruck, dass Deutschland dieses Jahr besonders unter den Masern leidet. Tatsächlich hat es 2019 in mehreren Bundesländern bislang noch gar keinen Erkrankten gegeben. In anderen wiederum häufen sich die Fälle. Im Vergleich ist 2019 bislang zwar ein überdurchschnittliches, aber kein außergewöhnliches Jahr. Der Überblick:

In diesen Bundesländern gab es bis Mitte März die meisten Masernfälle

Bis Mitte März haben sich in Deutschland laut Robert Koch-Institut insgesamt 236 Menschen mit den Masern infiziert. Obwohl die Fälle in Hildesheim viel Aufmerksamkeit auf sich zogen, steht Niedersachsen nicht an der Spitze der am stärksten betroffenen Bundesländer:

Das Mittelfeld der Liste reicht von Hessen (16 Fälle) bis Schleswig-Holstein (ein Fall). In fünf der 16 Bundesländer meldeten Ärzte bis Mitte März noch keine Erkrankung: Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Sachsen-Anhalt.

Das bedeutet nicht, dass diese Bundesländer vor einem Ausbruch gefeit sind. Masern zählen zu den ansteckendsten Erregern überhaupt. Kommt ein Infizierter mit einem Menschen in Kontakt, der nicht durch eine Impfung oder frühere Erkrankung geschützt ist, erkrankt dieser mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent.

Masernfälle 2019 (bis zum 17. März)

Bundesland Zahl der gemeldeten Masernfälle
Nordrhein-Westfalen 92
Baden-Württemberg 36
Niedersachsen 31
Bayern 30
Hessen 16
Sachsen 10
Rheinland-Pfalz 8
Berlin 7
Hamburg 3
Thüringen 2
Schleswig-Holstein 1
Brandenburg 0
Bremen 0
Mecklenburg-Vorpommern 0
Saarland 0
Sachsen-Anhalt 0

Wie schnell und punktuell sich Masern-Ausbrüche entwickeln können, zeigt das Beispiel Berlin. Dort dokumentierten Ärzte 2019 bislang nur sieben Masernfälle. 2015 lag die Zahl Mitte März bereits bei 699 - der größte deutschlandweite Ausbruch der vergangenen zehn Jahre.

Die aktuelle Masern-Situation im Zehn-Jahres-Vergleich

Bis Mitte März haben sich dieses Jahr zwar schon deutlich mehr Menschen infiziert als 2018. Damals gab es knapp mehr als 80 Fälle, heute sind es mehr als 230. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist 2019 ebenfalls ein überdurchschnittliches, aber - anders als die aktuelle Diskussion vermuten lässt - kein extremes Masernjahr.

Die mit Abstand meisten Fälle ereigneten sich 2015, damals dokumentierte das RKI in den ersten elf Wochen des Jahres fast 1100 Fälle. Neben Berlin mehrten sich damals die Masernerkrankungen auch in Bayern (72 Fälle), Sachsen (70 Fälle) und Brandenburg (67 Fälle).

Der Ausbruch in Berlin zeigt, was passieren kann, wenn das hochansteckende Virus auf viele Ungeimpfte trifft. Städte sind besonders häufig von Ausbrüchen betroffen, da dort die Menschen dichter zusammenleben. Außerdem treffen sich dort besonders viele Reisende, was das Risiko erhöht, dass jemand die Masern aus einer anderen Region mitbringt.

Es kann alle Bundesländer treffen - fast

Ein Blick auf die RKI-Zahlen der kompletten vergangenen zehn Jahre zeigt, dass fast kein größeres Bundesland vor einem Masern-Ausbruch gefeit ist - mit einer Ausnahme.

Nirgendwo in Deutschland ist das Risiko, sich mit den Masern zu infizieren, so niedrig wie in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2009 sind in dem Land trotz seiner rund 1,6 Millionen Einwohner nur 25 Menschen an Masern erkrankt - 16 der Fälle ereigneten sich gebündelt 2015 und traten vereinzelt und zeitgleich mit dem Ausbruch in Berlin auf. In den Jahren 2009 und 2012 infizierte sich in ganz Mecklenburg-Vorpommern nicht ein Mensch.

Neben der geringen Bevölkerungsdichte könnten auch die hohen Impfquoten zur Masern-Freiheit beigetragen haben. 2016 hatten in Mecklenburg-Vorpommern laut RKI 95,8 Prozent der Kinder bei der Einschulung beide notwendigen Masern-Impfungen erhalten, so viele wie nirgends sonst.

Masern sollten in Deutschland 2015 ausgerottet sein

Eigentlich hatte sich Deutschland in Absprache mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel gesetzt, die Masern bis 2015 auszurotten. Dafür müssten mindestens 95 Prozent der Menschen zweimal gegen den Erreger geimpft sein. Bei den Kindern, die 2016 in Deutschland eingeschult wurden, hatten zwar 97,1 Prozent die erste Impfung erhalten. Die zweite Spritze konnten jedoch nur 92,9 Prozent vorweisen.

Dass manche Eltern vor allem Masern-Impfungen ablehnen, hat auch mit Fehlinformationen zu tun, die noch immer im Internet kursieren. 1998 behauptete ein Forscherteam um Andrew Wakefield, Schutzimpfungen gegen Masern, Mumps und Röteln könnten Autismus verursachen. Aufgrund einer "unehrlichen" Darstellung der Ergebnisse wurde die Veröffentlichung zurückgezogen. Wakefield musste seine Zulassung als Arzt abgeben.

Mittlerweile haben zahlreiche Studien einen Zusammenhang zwischen der Impfung und Autismus eindeutig widerlegt (zuletzt hier). Trotzdem wirkt sich der Schaden der Falschinformationen bis heute aus.

Im Video: Die bizarre Welt deutscher Impfgegner

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 97 Beiträge
Nuvenor 09.04.2019
1. Impfpflicht
Sollte es geben. Man sollte den KITA Platz daran binden ob das Kind geimpft ist oder nicht und Schulen auch diese Pflicht aufbrummen. Dieses Schwachsinnsgeschwurbel der Impfgegner widert mich an. Riskieren die Gesundheit und je [...]
Sollte es geben. Man sollte den KITA Platz daran binden ob das Kind geimpft ist oder nicht und Schulen auch diese Pflicht aufbrummen. Dieses Schwachsinnsgeschwurbel der Impfgegner widert mich an. Riskieren die Gesundheit und je nach Impfung das Leben ihres Kindes und schwächen den Herdenschutz. Selbst wenn, für das Argument, Autismus mit Impfungen zusammenhängt, dann hätte ich innerlich deutlich lieber ein Kind mit Autismus Spektrums Störung als ein totes Kind. lg, Nuv
spon-facebook-10000159648 09.04.2019
2. Deutschland, das Land der Impfgegner,
Naturheilkundler, Okkultisten, Heilpraktiker und Homöopathen. Nirgendwo sonst gibt es mehr davon und zu den Folgen gehört nicht nur ein gelegentlicher Ausbruch der Masern. Es könnte auch mal viel schlimmer kommen.
Naturheilkundler, Okkultisten, Heilpraktiker und Homöopathen. Nirgendwo sonst gibt es mehr davon und zu den Folgen gehört nicht nur ein gelegentlicher Ausbruch der Masern. Es könnte auch mal viel schlimmer kommen.
rosinenzuechterin 09.04.2019
3. Verursacherprinzip durchsetzen
Ganz einfach: Behandlungskosten von vermeidbaren Krankheiten bei Impfgegnern nicht mehr von Krankenkasse oder -versicherung zahlen lassen, sondern Impfgegner in Regress nehmen, zur Not bis hin zur Privatinsolvenz. Impfverweigerung [...]
Ganz einfach: Behandlungskosten von vermeidbaren Krankheiten bei Impfgegnern nicht mehr von Krankenkasse oder -versicherung zahlen lassen, sondern Impfgegner in Regress nehmen, zur Not bis hin zur Privatinsolvenz. Impfverweigerung nur noch gegen unterschriebene Kostenübernahmeerklärung, auch für angesteckte Unschuldige (z.B. Kleinkinder). Im Gegenzug die seltenen Fälle von Impfschäden finanziell besser absichern. Entzug der Erziehungsberechtigung für Eltern, die ihren Kindern gegen deren Willen Impfungen verweigern.
olix5555 09.04.2019
4. Man sollte Ausbildung und Impfquote mal ins Verhältnis setzen ...
mit Sicherheit würde man sehen, dass in Regionen mit vielen Akademikern, die Impfquote nach unten geht. Meine Annahme: viele Akademiker bekommen Kinder später im Leben, diese sind dann Überbehütet und die Eltern lesen dann [...]
mit Sicherheit würde man sehen, dass in Regionen mit vielen Akademikern, die Impfquote nach unten geht. Meine Annahme: viele Akademiker bekommen Kinder später im Leben, diese sind dann Überbehütet und die Eltern lesen dann viel im Internet über die bevorstehende Impfung nach bevor auch nur eine Nadel in die Nähe der Kinder kommen. Wenn dann unter dem Deckmantel von Studien Zweifel aufkommen, die die Kinder auch nur mit geringer Wahrscheinlichkeit gefährden könnten, wird die Impfung nicht gemacht. Hinzu kommen bestimmt noch Verschwörungstheorien, wie z.B. der Arzt musste seine Autismusstudie zurücknehmen wegen der mächtigen Pharmalobby o.ä. und fertig ist das eigene Weltbild das eine Nichtimpfung logisch erscheinen lässt. Schlimm für all die, die sich nicht Impfen können auf Grund von gesundheitlichen Problemen.
jujo 09.04.2019
5. ....
Wer sein Kind nicht impfen lässt, setzt bewußt das Leben und die Gesundheit des Kindes aufs Spiel. Jetzt komme niemand mit dem Argument das wäre Schicksal oder Gottes Wille oder ähnlichem Unsinn!
Wer sein Kind nicht impfen lässt, setzt bewußt das Leben und die Gesundheit des Kindes aufs Spiel. Jetzt komme niemand mit dem Argument das wäre Schicksal oder Gottes Wille oder ähnlichem Unsinn!
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