Gesundheit

Eine rätselhafte Patientin

20 Jahre Odyssee

Immer wieder entzünden sich die Augen einer Frau, sie hat Migräne, nach Jahren kommt ein Mini-Schlaganfall hinzu. Erst als auch noch ihr Hirn gefährlich schwindet, finden die Ärzte eine Diagnose - und können ihr helfen.

Oxford University

Gehirn der Frau: Krankhafte Stellen

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Sonntag, 14.07.2019   18:21 Uhr

Die Arzt-Odyssee der Frau beginnt rund 20 Jahre, bevor ihr Mediziner endlich helfen können. Als 25-Jährige erscheint sie 1994 in einer Klinik in England, weil sie auf beiden Augen Blitze sieht. Zu diesem Zeitpunkt wiegt die Frau 140 Kilogramm, "krankhaftes Übergewicht", notieren die Ärzte. Außerdem raucht sie.

Bei der Untersuchung wirken die Augen gesund, wie Mediziner um Dimos Merinopoulos vom University Hospital in Norfolk in den "Oxford Medical Case Reports" berichten. Zwar bewegt sich ein Fleck durch ihr Sichtfeld, dieser verschwindet aber mit der Zeit. Weil die Frau neben den Sehproblemen unter einer möglichen Migräne leidet, überweisen die Ärzte sie in die Neurologie.

Etwa einmal im Monat habe sie starke Kopfschmerzen, erzählt die 25-Jährige. In der Zeit reagiere sie empfindlich auf Licht. In der Regel verschwinden die Beschwerden innerhalb von 24 Stunden wieder. Abgesehen davon beschreibt die Frau Phasen, in denen sie verschwommen sieht, sowie Empfindungsstörungen in ihrem linken Unterkiefer, linken Arm und linken Bein.

Die Neurologen untersuchen die Patientin, können aber nichts Krankhaftes entdecken. Kurz überlegen sie, ob die Frau unter Multiple Sklerose leidet, doch die Diagnose passt nicht recht. Sie verwerfen sie wieder. Stattdessen diagnostizieren sie eine komplexe Form der Migräne - und entlassen ihre Patientin nach Hause.

Vier Jahre nach Beginn: Die Nerven spinnen

Vier Jahre später sucht die Frau zum zweiten Mal Hilfe in der Neurologie. Auf beiden Seiten ihres Körpers kribbelt es zeitweise, begleitet vom Gefühl, die Balance zu verlieren. Hinzu kommen erneut Sehprobleme. Wieder starten die Neurologen Tests, wieder ohne Ergebnis. Und wieder verstreichen vier Jahre, bis Beschwerden sie das nächste Mal ins Krankenhaus treiben. Dieses Mal aber beginnt eine jahrelange, enge Abfolge von Arzt- und Klinikbesuchen.

Acht Jahre nach Beginn: Vielleicht Rheuma?

Auslöser sind erneut die Augen, das Innere ist auf beiden Seiten entzündet. Die Ärzte nehmen der 33-Jährigen Blut ab und schicken es ins Labor, dabei sticht ein Wert hervor: Antikörper, die auf eine Autoimmunerkrankung hinweisen. Ein Anhaltspunkt, endlich. Die Augenärzte überweisen die Frau weiter in die Rheumatologie.

Zwar verbinden viele Menschen Rheuma vor allem mit Gelenkentzündungen. Tatsächlich aber umfasst der Begriff eine große Gruppe von Krankheiten, die mit chronischen Entzündungen einhergehen. Oft attackiert das Immunsystem Strukturen im eigenen Körper.

Da Rheuma auch das Gehirn betreffen kann, lassen die Ärzte MRT-Aufnahmen anfertigen. Auf den Bildern zeichnen sich krankhafte Stellen ab, die in die weiße Hirnmasse vordringen. Erklären können sich die Mediziner die Probleme aber nicht. Stattdessen beginnen sie, den Körper der Frau regelmäßig zu überwachen.

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Gehirn der Frau 2002, acht Jahre nach Beginn der Beschwerden

Acht bis zehn Jahre nach Beginn: Zeit der Theorien

In den folgenden zwei Jahren konzentrieren sich die Beschwerden vor allem auf die Augen, es kommt zu Entzündungen, Eiter- und Wasseransammlungen. Die Ärzte verschreiben Prednisolon. Der Wirkstoff unterdrückt das Immunsystem, er wird unter anderem eingesetzt, um den Körper nach Transplantationen davon abzuhalten, das neue Organ abzustoßen.

Parallel debattieren die Mediziner darüber, was die Probleme erklären könnte. Zwei Dinge halten sie für wahrscheinlich:

Eine genaue Krankheit aber haben die Mediziner nicht im Blick. Sie würden gern das Nervenwasser der Frau untersuchen. Dafür müssten sie jedoch mit einer Spritze bis in die Mitte der Wirbelsäule vordringen. Dies ist aufgrund des extremen Übergewichts der Patientin nicht möglich.

Stattdessen erhält die Frau zwei Mittel intravenös, die bei schweren rheumatischen Erkrankungen zum Einsatz kommen und das Immunsystem herunterregeln. Doch die Beschwerden verschlimmern sich.

Elf Jahre nach Beginn: Mini-Schlaganfall

Elf Jahre nach Beginn der Behandlung, nach Empfindungsstörungen, Augenproblemen und Migräne gipfeln die Symptome in einer Tia, einem Mini-Schlaganfall. Dieser wird durch Durchblutungsstörungen im Gehirn ausgelöst, im Gegensatz zum richtigen Schlaganfall verschwinden die Beschwerden jedoch innerhalb von 24 Stunden.

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Gehirn der Frau 2005, elf Jahre nach Beginn der Beschwerden

Wieder schieben die Ärzte ihre Patientin in eine MRT-Röhre. Die Veränderungen im Gehirn sind gewachsen, sie betreffen graue Masse und Hirnstamm. Die Mediziner diagnostizieren eine "Small Vessel Disease", eine Erkrankung der kleinsten Blutgefäße. Die Frau soll Betablocker, Aspirin und Statine nehmen, doch ihre Krankenakte füllt sich weiter. Mehrmals kommt es zu Netzhautblutungen und Entzündungen im Inneren der Augen.

16 Jahre nach Beginn: Drei Verdächtige

Ein weiteres MRT-Bild veranlasst die Ärzte schließlich dazu, die Diagnosen noch einmal zu überdenken. Das Gehirn sieht besorgniserregend aus, zum Teil schwindet Gewebe, bei einer Frau Anfang 40. Die Ärzte bilden ein Team aus Rheumatologen, Neurologen und Augenspezialisten, studieren die Krankenakte, recherchieren.

Am Ende bleiben drei Diagnosen übrig: Eine Erbkrankheit, die im mittleren Erwachsenenalter zu Durchblutungsstörungen des Gehirns führt, sich bei einer Gen-Analyse aber nicht bestätigt. Eine extrem seltene, entzündliche Erkrankung der kleinsten Blutgefäße, die allerdings auch das Innenohr betrifft. Dort ist bei der Frau alles gesund. Und die Behcet Krankheit.

Bei der seltenen, rheumatischen Erkrankung attackiert das Immunsystem winzige Blutgefäße in Schleimhäuten, Augen und Haut. Anfangs kommt es häufig zu Aphten; kleinen, schmerzhaften Stellen im Mund und an den Genitalien. Typisch sind auch Entzündungen der Augen, bei einem schweren Krankheitsverlauf können die Betroffenen erblinden. Einige Patienten leiden zudem unter Störungen des Nervensystems, bei anderen ist der Magen-Darm-Trakt betroffen. Bislang ist unklar, wie die Krankheit entsteht.

Als die Ärzte ihre Patientin befragen, erzählt die Frau tatsächlich von kleinen Entzündungen im Mund und im Intimbereich, unter denen sie als Teenager litt. Weil sie die Probleme nicht für wichtig hielt, hatte sie den Ärzten nie davon berichtet. Mit den anderen Beschwerden ergeben die Hautstellen jedoch ein schlüssiges Bild, die Diagnose-Kriterien stimmen. Damit bekommt das Leiden der Frau endlich einen Namen. Morbus Behcet.

19 Jahre nach den ersten Beschwerden: Endlich Hilfe

Die Diagnose ermöglicht es den Mediziner, ihre Patientin 2013 zum ersten Mal gezielt zu behandeln. Sie verschreiben ihr Infliximab, einen monoklonalen Antikörper, der an einen bestimmten Signalstoff des Immunsystems bindet. Außerdem erhält sie ein zweites Mittel, das das Immunsystem unterdrückt. Dieses Mal bringt die Behandlung den erhofften Erfolg.

In den folgenden Jahren hat die Frau keine weiteren Augenentzündungen, der Zustand ihres Gehirns stabilisiert sich. Bei ihrem letzten Arztbesuch berichtet sie außerdem, dass sie wieder begonnen hat Vollzeit zu arbeiten.

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