Gesundheit

Starke Nebenwirkungen

Pharmakonzerne warnen vor gängigen Antibiotika

Sehnenrisse, Schlaflosigkeit, Depressionen: Fluorchinolon-Antibiotika können heftige Nebenwirkungen auslösen. Ärzte dürfen sie deshalb nur noch in Ausnahmefällen verschreiben.

Ali Jarekji/ REUTERS

Betroffen ist auch Ciprofloxacin, das beispielsweise bei Harnwegsinfektionen eingesetzt wird

Montag, 08.04.2019   14:28 Uhr

In einem "Rote-Hand-Brief" warnen Pharmakonzerne vor neu bewerteten Risiken sogenannter Fluorchinolon-Antibiotika. Ihre Anwendung wird deshalb ab sofort stark eingeschränkt, einige Mittel werden ganz vom europäischen Markt genommen. Im dem Brief ist von "die Lebensqualität beeinträchtigenden, lang anhaltenden und möglicherweise irreversiblen Nebenwirkungen" die Rede.

Antibiotika der Gruppe Fluorchinolone gelten als hochwirksam und werden häufig eingesetzt, etwa bei Harnwegsinfekten, Mandelentzündungen oder akuter Bronchitis. Ärzte verordnen die Mittel auch dann, wenn andere Medikamente versagen. Sie wirken beispielsweise bei dem gefürchteten Krankenhauskeim Pseudomonas aeruginosa, bei nekrotisierender Bauchspeicheldrüsenentzündung oder beim Milzbranderreger.

Allerdings können die Antibiotika heftige Nebenwirkungen auslösen, die vor allem Muskeln, Gelenke und das Nervensystem betreffen. Dazu gehören Sehnenentzündungen, Sehnenrisse, Muskelschmerzen, Nervenstörungen, Schlaflosigkeit, Depressionen, Ermüdungen oder eingeschränktes Erinnerungsvermögen. Einige der Nebenwirkungen treten über Monate bis Jahre hinweg auf und könnten möglicherweise dauerhaft bestehen bleiben. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Bisher sind nur wenige Fälle dokumentiert. Allerdings ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da die Symptome längst nicht immer als Nebenwirkung erkannt und dokumentiert werden.

Ab sofort sollen die Medikamente daher nur noch nach einer sorgfältigen "Nutzen-Risiko-Bewertung" verschrieben werden. In Deutschland betrifft das folgende Wirkstoffe:

Bei Mandelentzündungen, akuter Bronchitis oder zur Vorbeugung von Harnwegsinfektionen dürfen die Mittel nicht mehr eingesetzt werden. Bei chronischen Lungenerkrankungen oder Harnblasenentzündungen kommen sie nur noch infrage, wenn andere Antibiotika versagen oder beispielsweise wegen Unverträglichkeiten ausgeschlossen werden müssen. Ärzte sollten auch ältere Menschen nicht mit Fluorchinolon behandeln. Das gilt ebenso für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion oder nach Organtransplantationen.

Wer solche Symptome nach Einnahme von Fluorchinolonen bei sich beobachtet, sollte die Tabletten nicht weiter einnehmen und sich an den behandelnden Arzt wenden.

Unterschätzte Gefahr

Dass Fluorchinolone heftige Nebenwirkungen auslösen können, ist seit Langem bekannt. In Deutschland sind mehrere Mittel nicht mehr im Handel, weil sie zum Teil lebensbedrohliche Nebenwirkungen hatten. Einige der Arzneien aus der Stoffklasse werden jetzt EU-weit vom Markt genommen, diese Mittel waren in Deutschland allerdings nicht zugelassen. Warum Fluorchinolone so viele Nebenwirkungen haben, ist noch unklar.

Bisher schrieben die geltenden Leitlinien in Deutschland vor, Fluorchinolone bei Blasen- und Nebenhöhlenentzündungen nicht als Mittel der ersten Wahl einzusetzen. Die Hersteller weisen im Beipackzettel zudem auf die Nebenwirkungen hin. Allerdings unterschätzten viele Ärzte offenbar die Gefahr und verschrieben die Antibiotika dennoch. Im Jahr 2015 wurden in Deutschland 33,7 Millionen Tagesdosen Fluorchinolone verordnet.

Die aktuelle Neuregelung geht auf ein europaweites Risikobewertungsverfahren zurück, das das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Jahr 2017 angestoßen hatte. Die Europäische Arzneimittel-Agentur prüfte daraufhin die schwerwiegenden Nebenwirkungen.

Zuvor hatte auch die US-Zulassungsbehörde FDA die Warnhinweise für Fluorchinolone drastisch verschärft. Bei Erkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündungen, Bronchitis oder einer unkomplizierten Harnwegsinfektion sollen sie deshalb nur noch zum Einsatz kommen, wenn kein anderes Antibiotikum wirkt.

koe

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP