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"Wir müssen endlich über peinliche Krankheiten sprechen"

Der Po juckt, der Penis bleibt schlaff, und auf den Nägeln sprießen Pilze: Viele Menschen plagen intime Krankheiten. Zum Arzt gehen sie trotzdem nicht - aus Scham. Schluss damit, fordert Medizinerin Yael Adler.

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Symbolbild

Ein Interview von
Mittwoch, 02.01.2019   16:47 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Frau Adler, in Ihrem neuen Buch "Darüber spricht man nicht" erklären Sie, dass ein gesunder Mensch bis zu 20 Mal am Tag pupst und dabei gut 1,5 Liter Darmwinde ausstößt. Warum sollte jeder so etwas wissen?

Yael Adler: Es sind interessante Fakten zu unserem Körper, den viele zu wenig kennen. Übersteigt das Pupsen diese Menge und kommen Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung hinzu, kann das unterschiedliche Ursachen haben. Dem sollte man nachgehen. Einen Reizdarm etwa kann man gut lindern, anstatt ewig vor sich hinzuleiden. Es ist also wichtig, mit dem Arzt über seine Darmprobleme zu sprechen. Außerdem ist es gut zu wissen: Man ist damit nicht allein.

ZUR PERSON

SPIEGEL ONLINE: Bei welchen Symptomen drucksen Patienten am meisten herum?

Adler: Alles, was mit dem Po zu tun hat, ist häufig tabu. Dabei kommen Erkrankungen am Anus sehr häufig vor. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leiden beispielsweise an einer juckenden Pofalte. Weit verbreitet sind auch Probleme mit den Hämorrhoiden. Vieles davon ist harmlos und lässt sich leicht behandeln. Darüber hinaus sind Menschen Beschwerden im Intimbereich peinlich, da das mit Sexualität, Moral oder fehlender Reinlichkeit assoziiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Menschen, die aus Scham nicht zum Arzt gehen?

Adler: Sie sollten sich klarmachen: Der Arzt hat wahrscheinlich schon alles gesehen. Sie können ihr oder ihm absolut vertrauen. Außerdem sollten Patienten abwägen, was schlimmer ist: kurz einen unangenehmen Moment zu überwinden oder lange zu leiden. Viele hoffen, dass die Symptome von allein wieder weggehen, sie sind ja auch von selbst gekommen. Diese Hoffnung geht aber nur selten in Erfüllung - im Gegenteil, oft werden Beschwerden mit der Zeit schlimmer und womöglich sind sie später nicht mehr vollständig heilbar.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist es so wichtig, dass Patienten ihre Scham überwinden?

Adler: Scham raubt Lebensqualität. Ich behandele regelmäßig Frauen, die nach der Menopause an einer trockenen Scheide leiden. Die Scheide fühlt sich an wie Sandpapier, Geschlechtsverkehr ist - wenn überhaupt - nur unter Schmerzen möglich. Die Frauen leiden still vor sich hin, die Ehe wird belastet, trotzdem scheuen Betroffene oft den Weg zum Arzt. Das ist schade, denn eine trockene Scheide ist leicht zu behandeln, beispielsweise mit speziellen Cremes oder einer Laserbehandlung. Nach der Therapie blühen viele Frauen wieder auf - und fragen sich, warum sie nicht schon längst etwas unternommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Scheuen auch Männer den Weg zum Arzt?

Adler: Männer schämen sich oft für Erektionsstörungen. Dabei sind auch die behandelbar. In vielen Fällen steckt Stress dahinter. Erst, wenn der Entspannungsnerv Parasympathikus aktiv ist, können die Schwellkörper voll Blut laufen. Manchmal ist eine Erektionsstörung aber auch ein Hinweis für eine innere Erkrankung der Blutgefäße oder Nerven. Die Erektion ist die Wünschelrute des Herzens. Fällt sie zu oft aus, ist nicht nur der Gang zum Urologen angesagt, sondern auch zum Kardiologen.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:49 Uhr
Ohne Gewähr

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Dr. med. Yael Adler
Darüber spricht man nicht: Dr. med. Yael Adler erklärt fast alles, was uns peinlich ist

Verlag:
Droemer HC
Seiten:
368
Preis:
EUR 16,99

SPIEGEL ONLINE: Kann übertriebene Scham auch gefährlich werden?

Adler: Sicherlich! Ein Beispiel: Ein Mann hatte eine lila Schwellung am Po, wollte aber nicht zum Arzt gehen. Irgendwann hielt er die Schmerzen jedoch nicht mehr aus. Es stellte sich heraus: Der Mann litt an einer Analfistel. Dabei fraß sich ein eitriger Gang vom inneren Analkanal durch das Gewebe bis zur Haut. Die Schmerzen waren enorm. Schließlich musste der Mann notoperiert werden. Hätte er nur etwas länger gewartet, hätte man den Schließmuskel nicht mehr retten können und der Patient wäre für immer stuhlinkontinent geworden.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte für mehr Offenheit sorgen?

Adler: Wir müssen endlich über peinliche Krankheiten sprechen und unseren Körper besser kennenlernen. Ich kann jeden nur ermutigen: Schauen Sie sich ruhig mal überall mit dem Spiegel genauer an, riechen Sie an sich, fühlen und schmecken Sie sich. Auch peinliche Symptome müssen wir nicht einfach so hinnehmen - und darüber möchte ich in meinem Buch aufklären.

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