Gesundheit

Unterschätztes Trauma

Nach Gehirnerschütterungen Ruhe halten

Gehirnerschütterungen sind häufig, werden aber vielfach nicht erkannt. Bekommt das Gehirn nicht die notwendige Erholungszeit, drohen Spätfolgen. Auch die Regeneration dauert offenbar länger, als bislang angenommen.

DPA

Kinder beim Fußball: "Ist doch nicht so schlimm"

Von
Donnerstag, 24.09.2015   15:05 Uhr

Als der deutsche Nationalspieler Christoph Kramer beim letzten Fußball-WM-Finale die Schulter eines Gegenspieler ins Gesicht gerammt bekam, wusste er nicht, dass er eine Gehirnerschütterung hatte. Erst als Kramer den Schiedsrichter fragte, ob es sich bei dem Spiel um das WM-Finale handele, schickte der ihn vom Platz.

"Sportler, vor allem im Schul- und Breitensport, unterschätzen diese Unfälle häufig", warnt Axel Gänsslen, Unfallchirurg und Orthopäde am Klinikum Wolfsburg. "Die meisten Menschen denken immer noch, dass das Auftreten von Bewusstlosigkeit und Erbrechen Voraussetzung für die Diagnose Gehirnerschütterung ist. Beide Symptome treten aber nur in weniger als zehn Prozent aller Fälle auf."

Entsprechend hoch sei die Dunkelziffer. Offiziell werden in Deutschland jährlich etwa 40.000 bis 100.000 Gehirnerschütterungen in den Kliniken diagnostiziert. Tatsächlich sind es laut Gänsslen vermutlich doppelt so viele. Eine bessere Aufklärung der Bevölkerung über mögliche Symptome bei einer Gehirnerschütterung könnte dies ändern.

"Typische Beschwerden bei einer Gehirnerschütterung sind starke Kopfschmerzen", sagt der Kinderneurologe Florian Heinen von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Hinzu können ein starkes Müdigkeitsgefühl und Gangunsicherheit kommen. "Man wird langsam, kann sich schlecht konzentrieren, ist reizbarer und empfindet helles Licht und laute Geräusche als unangenehm", so Heinen. Auch das Erinnerungsvermögen kann beeinträchtigt sein, wie Kramers Fall zeigt.

Die frühzeitige Diagnose ist wichtig

Hat jemand eine Gehirnerschütterung, dann sind die wichtigsten Therapiebausteine Zeit, Ruhe und ein behutsamer Wiedereinstieg in Aktivitäten des Alltags. "Eine medikamentöse Behandlung gibt es nicht", sagt Gänsslen. "Äußere Reize wie Musik, Computer, Lernen und berufliche Tätigkeit sowie Sporttraining sollen für sechs bis zehn Tage so weit reduziert werden, dass keine Symptome mehr vorliegen." Die Maßnahmen müssen auf jeden Betroffenen individuell abgestimmt werden. In jedem Fall gilt: Ohne Pause für das Gehirn geht es nicht.

Eine Gehirnerschütterung ist die leichteste Form eines Schädeltraumas. Schwerere Formen werden als Gehirnprellung und -quetschung bezeichnet, aber jede Gehirnerschütterung stellt eine ernstzunehmende Verletzung dar. Die Gehirnfunktion ist vorübergehend gestört. "Die frühzeitige Diagnose ist wichtig, weil ohne die richtige Schonung Spätfolgen wie chronische Kopfschmerzen, Depressionen und kognitive Störungen auftreten können", sagt Heinen. Auch ein Zusammenhang mit Demenz werde diskutiert ebenso wie mit einer Lernstörungen.

Der Schnelltest auf eine Gehirnerschütterung

Um die Diagnosestellung für die Fußball-Verantwortlichen zu erleichtern, gibt es schon länger die PocketCard des Fußballweltverbandes FIFA. Jetzt ist sie auch als lizenzierte deutsche Ausgabe verfügbar. Darauf basierend gibt es neuerdings eine App "Schütz Deinen Kopf", die von der Homepage (s.u.) heruntergeladen werden kann. Sie beinhaltet fünf Fragen, die dem Betroffenen nach dem Unfall gestellt werden sollten. Bereits eine falsch beantwortete Frage sei laut Gänsslen, selbst Mannschaftsarzt des Eishockeyteams Grizzlys Wolfsburg, ein Hinweis auf eine Gehirnerschütterung.
Doch wie kommt es zu einer Gehirnerschütterung? Beim Aufprall des Kopfes auf den Boden oder bei einem Auffahrunfall wird viel Energie auf das in der Gehirnflüssigkeit schwimmende Gehirn übertragen. Es schlägt durch das starke Abbremsen von innen gegen den Schädelknochen. "Die kompensatorische Kraft der Gehirnflüssigkeit wird überschritten", erklärt Heinen.

Bei der Bewegung des Gehirns werden Strukturen wie Axone, also die langen Fortsätze der Nervenzellen, überdehnt. Die Scherkräfte können ihre Ummantelung im mikroskopischen Bereich schädigen. "Als Reaktion wird der Blutfluss des Gehirns, vor allem der venöse Abfluss aus dem Gehirn, mitunter sogar für längere Zeit verändert", so Heinen.

Bei etwa 85 Prozent der Gehirnerschütterungen haben sich die Betroffenen nach einer Woche schon deutlich erholt. Sowohl Gänsslen als auch Heinen beklagen, dass Gehirnerschütterungen aber klassischerweise mit einem "ist doch nicht so schlimm" bagatellisiert werden. "Die Auswirkungen wiederholter oder unbehandelter Gehirnerschütterungen sind offenbar wesentlich stärker als bislang gedacht", warnt Heinen und die Erholungszeit des Gehirns sei länger als bislang angenommen. "Es kann mitunter Monate dauern, bis sich alle Strukturen im Gehirn erholt haben. Kann sich das Gehirn nicht ganz regenerieren, tritt vermutlich ein kumulativer Effekt auf", so der Münchner Mediziner. Das sei wie bei Röntgenstrahlen. "Sie hinterlassen ihre Spuren im Körper, die wird man biologisch nicht mehr los."

Von Boxern und aus dem US-amerikanischem Football wisse man, so Heinen, dass die Sportler ein wesentlich erhöhtes Risiko für Demenz und neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson haben.

Wer sich schützen kann, sollte dies tun. "Nicht nur bei Kontaktsportarten wie Football, sondern auch bei Hochgeschwindigkeitssportarten wie Skifahren, Radfahren, Skaten und Inlinefahren sollte es ganz normal sein, einen Helm zu tragen", so Heinen. Allerdings gibt es auch im Alltag Situationen, in denen man sich eine Gehirnerschütterung einhandeln kann. Beispielsweise, wenn man im Winter voll bepackt eine Eisplatte auf dem Boden übersieht und mit dem Hinterkopf auf dem Boden aufprallt - oder beim Sport einen Bodycheck vom Gegner bekommt.

Zur Autorin

insgesamt 4 Beiträge
blackbike67 24.09.2015
1. Integralhelm
Hätte Christoph Kramer beim Endspiel einen Integralhelm getragen, hätte er auch alle Minuten mitbekommen. Oder was soll uns dieser Artikel sagen? Bspw. beim "Hochgeschwindigkeits"Radfahren wird bspw. fast immer ein [...]
Hätte Christoph Kramer beim Endspiel einen Integralhelm getragen, hätte er auch alle Minuten mitbekommen. Oder was soll uns dieser Artikel sagen? Bspw. beim "Hochgeschwindigkeits"Radfahren wird bspw. fast immer ein Helm getragen, sprich auf dem Rennrad. Das normale Radfahren ist kein Hochgeschwindigkeits-Radfahren, also gerne dann auch ohne Helm. Alternativ sollte dann auch stets im Winter eine stabile Kopfbedeckung getragen werden, diese wärmt und schützt beim Ausrutschen auf dem Eis
blackbike67 24.09.2015
2. Integralhelm
Hätte Christoph Kramer beim Endspiel einen Integralhelm getragen, hätte er auch alle Minuten mitbekommen. Oder was soll uns dieser Artikel sagen? Bspw. beim "Hochgeschwindigkeits"Radfahren wird bspw. fast immer ein [...]
Hätte Christoph Kramer beim Endspiel einen Integralhelm getragen, hätte er auch alle Minuten mitbekommen. Oder was soll uns dieser Artikel sagen? Bspw. beim "Hochgeschwindigkeits"Radfahren wird bspw. fast immer ein Helm getragen, sprich auf dem Rennrad. Das normale Radfahren ist kein Hochgeschwindigkeits-Radfahren, also gerne dann auch ohne Helm. Alternativ sollte dann auch stets im Winter eine stabile Kopfbedeckung getragen werden, diese wärmt und schützt beim Ausrutschen auf dem Eis
lachina 24.09.2015
3. Ich hatte in den Siebzigerjahren
einen Verkehrsunfall - Gehirnerschütterung. Damals war als Behandlung eine Woche strenge Bettruhe üblich - sonst würde ich bei jedem Wetterwechsel Kopfschmerzen kriegen, meinte der damalige Neurologe.
einen Verkehrsunfall - Gehirnerschütterung. Damals war als Behandlung eine Woche strenge Bettruhe üblich - sonst würde ich bei jedem Wetterwechsel Kopfschmerzen kriegen, meinte der damalige Neurologe.
nine1011 24.09.2015
4. Oder...
...die Treppe runter fallen... Als drei jähriges Kind... Reicht auch für den Rest des Lebens.
...die Treppe runter fallen... Als drei jähriges Kind... Reicht auch für den Rest des Lebens.

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