Gesundheit

Hilfe für Kranke

Tiere in therapeutischen Diensten

Sie sollen die Einsamkeit bei Alt und Jung stoppen, demenzkranken Menschen neue Lebensqualität schenken oder verhaltensauffälligen Kindern helfen, Vertrauen aufzubauen. Für viele Therapeuten sind Vierbeiner wertvolle Helfer.

DPA

Chow-Chow Tschingis: Speziell ausgebildete Therapiehunde für Demenzkranke

Von
Montag, 10.06.2013   19:11 Uhr

Sind Tiere im Dienste der Gesundheit wirklich hilfreich? Unter Medizinern ist der längerfristige Nutzen von Therapien mit Hunden, Delphinen und Co. noch umstritten. An der Technischen Universität Dresden gibt es eigens eine Forschungsgruppe Mensch-Tier-Beziehung, die diese Thematik untersucht.

Demenzkranke Menschen

Hunde nehmen demenzkranke Menschen an wie sie sind. Während einer Hundebesuchsstunde bauen demenzkranke Menschen sehr schnell und unkompliziert einen Kontakt zum Tier auf. "Bei isolierten und zurückhaltenden Menschen war dieser Effekt besonders stark", sagt Sandra Wesenberg, Erziehungswissenschaftlerin an der TU Dresden.

In ihrer Studie besuchten mehrere Hundehalter und ihre vierbeinigen Begleiter einmal wöchentlich zwei Dresdner Pflegeheime. Bei jedem Besuch erfolgten zwei Trainingseinheiten: Streicheleinheiten für die Tiere förderten die Patienten kognitiv und emotional. Die zweite Trainingseinheit drehte sich um die motorischen Fähigkeiten. Dafür wurden Apportierübungen gemacht.

"Es war faszinierend, welch große Wirkung die Anwesenheit eines Hundes auf die Emotionalität, die Freude und das Interesse der Demenzkranken hat", sagt Wesenberg. "Ihr Wohlbefinden wurde durch die Hundebesuchsstunde klar gefördert. Und die Hunde besuchten die Pflegeheime gerne. Allerdings waren sie nach 45 Minuten Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit erschöpft." Eine Pilotstudie, die Musiktherapie und das Zusammensein mit Hunden verglich, kam sogar zum Ergebnis, dass sich die Interaktion mit Hunden noch positiver auswirkt als eine Musiktherapie.

Verhaltensauffällige und traumatisierte Kinder

Ein Hund enttäuscht nicht, er ist ein verlässlicher Partner und ist immer da. Wenn die Beziehungen zu Menschen zutiefst erschüttert sind, ist die Beziehung zu Tieren oft eine Konstante. "Das Tier ist für diese Kinder eine Vertrauensperson", sagt Wesenberg. Sogar Schulen holen Hunde als Hilfskraft, um das Klassenklima zu verbessern.

Ein Hund hilft dabei, Aggressionen abzubauen und wirkt einfach entspannend. Sozial zurückgezogene Kinder aktiviert er, auf besonders aktive Kinder wirkt er dämpfend. Woran liegt es, dass Schulhunde so gut ankommen?

"Das hängt unter anderem damit zusammen, dass ein Tier nicht wertet, es reagiert nicht auf Äußerlichkeiten und die Hemmschwelle einer Kontaktaufnahme ist beim Tier geringer", so Wesenberg. Aktuelle Untersuchungen an der Washington State University haben gezeigt, dass Jugendliche, die sich einer Alkohol- und/oder Drogentherapie unterziehen, stimmungsmäßig sehr vom Umgang mit Hunden profitieren.

Der entspannende Effekt der Tiere hat auch zur Folge, dass die Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Gedächtnisleistung von Kindern steigt: Die Schweizer Psychologin Karin Hediger von der Universität Zürich untersuchte in ihrer Studie hierzu 24 Kinder ohne Aufmerksamkeits-/Konzentrationsstörung im Alter zwischen 10 und 14 Jahren. Im Abstand von einer Woche absolvierten die Kinder einen Gedächtnistest sowie spezielle Aufmerksamkeitstests.

Vor den Tests konnten sie entweder eine Viertelstunde lang mit einem Hund oder einem Roboterhund spielen. Das Ergebnis: Die Interaktion mit einem Hund vor den Tests oder die Anwesenheit eines Vierbeiners währenddessen kann das Leistungsvermögen steigern.

Menschen mit körperlichen Problemen

Patienten mit Neglect-Syndrom reagieren sehr positiv auf Kaninchen. Das macht sich die Klinische Neuropsychologin Stefanie Böttger an der Klinik für Neurologische Frührehabilitation des Städtischen Klinikums München zunutze. Bei Patienten mit dieser Krankheit ist eine Hirnhälfte geschädigt. Das führt dazu, dass sie die gegenüberliegende Körperhälfte nicht mehr wahrnehmen.

Meist ist bei Schlaganfall- beziehungsweise Neglect-Patienten die rechte Hirnhälfte betroffen - den Betroffenen fehlt die Wahrnehmung für die linke Körperseite. Das Besondere an der Störung ist, dass die Betroffenen selbst diese Einschränkung nicht spüren. Das Streicheln eines Kaninchens kann die Wahrnehmung für die vernachlässigte Körperhälfte wieder stärken.

"Tieren gegenüber müssen sich die Patienten nicht beweisen. Sie können sich dadurch emotional viel schneller auf die Begegnung einlassen als im interpersonellen Kontext", schreibt Böttger auf der Homepage der Klinik. Der Umgang mit Tieren wirke entspannend und aktivierend. Mit Hilfe der Klinikkaninchen könnten Schlaganfallpatienten lernen, Tiere richtig zu halten und dabei gezielt zu greifen. "Beim Spielen und Pflegen wird die Koordination gestärkt, und der Körperkontakt, Wärme, Herzschlag, Atmung, Geruch, Laute und das Aussehen eines Tieres aktivieren die Wahrnehmung mit allen Sinnen."

Eine weithin anerkannte Behandlungsmethode ist das therapeutische Reiten, die sogenannte Hippotherapie. Der Umgang mit großen Pferden stärkt das Selbstvertrauen. Außerdem ist die Schritttempo-Bewegung des Pferdes ein therapeutischer Reiz bei neurologisch bedingten Bewegungsstörungen. Die Muskelspannung normalisiert sich und das Gleichgewichtsgefühl wird trainiert. Lernbehinderte und geistig Behinderte sowie psychisch Kranke profitieren vom heilpädagogischen Voltigieren, bei dem sie auf dem Rücken des Pferdes liegen. Intensive Berührungen und streicheln helfen, Ängste abzubauen.

Hier erfahren Sie mehr darüber, welchen positiven Einfluss der Besitz von Haustieren auf die menschliche Gesundheit hat.

insgesamt 1 Beitrag
henriette246 12.06.2013
1. Und die Tiere??
"Mit Hilfe der Klinikkaninchen könnten Schlaganfallpatienten lernen, Tiere richtig zu halten und dabei gezielt zu greifen." - Wer sich auch nur etwas mit Kaninchen auskennt und Tiere prinzipiell achtet, kriegt bei [...]
"Mit Hilfe der Klinikkaninchen könnten Schlaganfallpatienten lernen, Tiere richtig zu halten und dabei gezielt zu greifen." - Wer sich auch nur etwas mit Kaninchen auskennt und Tiere prinzipiell achtet, kriegt bei solchen Sätzen sicher wie ich das kalte Grausen... Dazu ein Zitat von der sehr informativen Internetseite zu Kaninchenhaltung Kaninchen Info - Neue Kaninchen (http://www.diebrain.de/k-neue.html#ho:) "Für Kaninchen ist das Hochnehmen mit sehr viel Stress und sogar mit Todesangst verbunden. Als reine Bodenbewohner verlieren sie nicht gern den Boden unter den Pfoten. Wenn sie hochgenommen werden, glauben sie instinktiv, dass sie von einem Fressfeind (Greifvogel) gefangen wurden und sterben müssen." Da sich die Klinikpatienten außerdem ständig ändern, kann man davon ausgehen, dass die Kaninchen permanentem Stress ausgesetzt sind und somit leider einmal mehr die Bedürfnisse von Tieren völlig unwichtig sind - Hauptsache, ein paar Menschen fühlen sich besser... Tiere haben wie der Mensch ein Recht darauf, ein möglichst artgerechtes Leben zu führen - es ist Unrecht, sie in den Dienst des Menschen zu zwingen!

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Zur Autorin

  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

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