Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Die Dosis macht das Gift

Die Frau ist ständig durstig, muss sich erbrechen, hat Bauchweh und ist schon abgemagert, als sie in die Klinik kommt. Ihre Krankengeschichte offenbart, was ihrem Körper so schadet - es ist ein eigentlich gesunder Stoff.

Corbis

Standardtest: Blutdruckmessung bei einer Patientin im indischen Chennai (Archivbild)

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Samstag, 25.07.2015   14:37 Uhr

Die 45-jährige Patientin kommt in das Sir Ganga Ram Hospital im indischen Neu-Delhi, als sie bereits seit sechs Wochen Beschwerden hat: Sie muss sich immer wieder übergeben, klagt über Bauchschmerzen und ständigen Durst, ist abgemagert und leidet unter Verstopfung.

Die Krankengeschichte der Inderin klingt ansonsten unspektakulär. Sie hat kein Fieber, keine Nervenausfälle, Kopfschmerzen oder Husten, sie kann normal atmen und auch Wasser lassen. Lediglich ein Bluthochdruck ist bereits seit Längerem bekannt. Und vor zwei Monaten hat sie sich nach einem Kreuzbandriss am Knie operieren lassen.

Bei der Untersuchung fällt den Ärzten um Rinkesh Kumar Bansal die Blässe der Frau auf, wie er gemeinsam mit Kollegen im "Journal of Medical Case Reports" berichtet. Ihr Blutdruck ist minimal erhöht, der Puls in Ordnung, sie atmet höchstens etwas schneller als üblich, die Temperatur ist unauffällig. Bei der neurologischen Kontrolle bemerken die Mediziner eine generelle Muskelschwäche, allerdings keinen spezifischen Hinweis auf ein Problem bestimmter Nerven.

Die Elektrokardiografie (EKG) ist weitgehend normal, auch eine Röntgenuntersuchung der Lunge ergibt ein normales Bild, ebenso wie eine Ultraschalluntersuchung der Bauchorgane. Die Ursache der Beschwerden finden die Ärzte hier nicht.

Auffällig hohe Kalziumwerte

Auch ein Großteil der Laboruntersuchung des Blutes der Patientin ist weitgehend unauffällig, das Kalzium ist erhöht. Allerdings weichen zwei Werte deutlich ab: der Harnstoff sowie das Serumkreatinin. Zusammengenommen weist das auf ein Nierenversagen hin.

Die Patientin ist, soweit bekannt, nicht chronisch an den Nieren erkrankt. Die Mediziner überprüfen, ob sie möglicherweise an einem Multiplen Myelom leidet, einer Form von Knochenmarkkrebs, was nicht der Fall ist. Der Kalziumspiegel kann unter anderem erhöht sein, wenn im Körper zu viel Parathormon zirkuliert: Es ist dafür verantwortlich, dass Kalzium aus den Knochen freigesetzt wird. Doch der Wert des Hormons ist normal. Die Frau hat auch keinen Tumor in der Nebenschilddrüse, in der das Parathormon produziert wird.

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Auf die Ursache des akuten Nierenversagens stoßen die Ärzte schließlich in der nur scheinbar unspektakulären Krankengeschichte ihrer Patientin. Sie erfahren, dass die Frau kurz nach der Knieoperation nur Wochen zuvor insgesamt zehnmal je 600.000 Einheiten Vitamin D3 in einen Muskel gespritzt bekommen hat. Warum die Patientin das Vitamin in derart großen Mengen erhalten hat, geht aus dem Fallbericht nicht hervor.

Die Überprüfung ihres Blutspiegels ergibt einen Wert für 25-Hydroxy-Vitamin-D3, der eine akute Vergiftung mit dem für den Knochen und den Kalziumhaushalt wichtigen Vitamin anzeigt. Der erhöhte Kalziumspiegel und das Nierenversagen sowie die Muskelschwäche dürften damit eine Folge der Vitamin-D-Therapie nach der Knieoperation sein.

Während das Vitamin für den Knochenaufbau wichtig ist und eine ausreichende Zufuhr auch das Risiko für unterschiedliche Erkrankungen wie verschiedene Krebsarten senkt, kann man, wie alle anderen Stoffe, auch Vitamin D überdosieren. Selbst ein Vitamin kann dann giftig wirken.

Die Ärzte schließen eine chronische Nierenerkrankung aus und behandeln die Frau anschließend mit Flüssigkeit, entwässernden Mitteln und Kalzitonin, das den Kalziumspiegel im Blut senkt. Daraufhin geht es der Frau besser. Bis ihre Laborwerte sich normalisieren, vergehen zwei Wochen. Kurz darauf können die Ärzte sie nach Hause entlassen.

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insgesamt 15 Beiträge
claus.w.grunow 25.07.2015
1. Überdosis
Was Ärzte alles machen. Tunnelsicht, ein Zeichen der Zeit. Selbst der Arzt sein und "Helfern", wie bei allen hochkarätigen "Experten", auf die Finger schauen.
Was Ärzte alles machen. Tunnelsicht, ein Zeichen der Zeit. Selbst der Arzt sein und "Helfern", wie bei allen hochkarätigen "Experten", auf die Finger schauen.
kriescher 25.07.2015
2. alles ist Gift
Es ist schon seit der Antike bekannt das alles Gift und alles Medizin sein kann und es nur auf Dosis ankommt. Als Beispiel kann Arsen sowohl in Medikamenten in sehr geringen vorkommen und dort auch seine Berechtigung haben. Eine [...]
Es ist schon seit der Antike bekannt das alles Gift und alles Medizin sein kann und es nur auf Dosis ankommt. Als Beispiel kann Arsen sowohl in Medikamenten in sehr geringen vorkommen und dort auch seine Berechtigung haben. Eine Überdosierung und deren Wirkungen sind weitgehend bekannt.
Lügenimperium 25.07.2015
3. 10x 600000
Wow. Kleinen Kindern wurde früher einmalig 500000-700000 IE gespritzt. In Deutschland bekommt man Tabletten mit 20000 IE, 50 pro Packung was 1 Millionen IE sind. Allerdings nur mit Rezept. Die soll man wöchentlich einmal nehmen, [...]
Wow. Kleinen Kindern wurde früher einmalig 500000-700000 IE gespritzt. In Deutschland bekommt man Tabletten mit 20000 IE, 50 pro Packung was 1 Millionen IE sind. Allerdings nur mit Rezept. Die soll man wöchentlich einmal nehmen, reichen also ein Jahr! Im freien Handel sind es meist nur 2000 IE pro Tablette. Im Ausland gibt es aber höher dosierte Präparate. Bei Mangel kann man 4-7 Tage täglich 100000 IE nehmen und sollte dann im mittleren Bereich liegen ohne Probleme. Probleme treten wenn überhaupt i.d.R. erst ab 1,5 Millionen IE auf wenn man das innerhalb eines Tages nimmt. Wirklich toxisch und gefährlich sind 3 Millionen IE in kurzer Zeit. Das wären 3 Packungen Dekristol mit jeweils 50x20000 IE auf einen Schlag - also die Erhaltungsdosis für 3 Jahre. Oder eben entsprechend Spritzen. 6 Millionen sind dann natürlich eine Hausnummer. Generell kennen sich die Ärzte wenig mit Vitamin D aus, d.h. mit einer Dekristol die Woche behebt man in 5 Jahren keinen Mangel und Sonnenbad müsste dann schon 20x im Monat ca. 30 Minuten in der Mittagssonne sein...
Böses Auto 25.07.2015
4.
Eine Vitamin D3 Überdosierung muss man erstmal hinbekommen. 10 mal 600.000 I.E. sollte eigentlich für die nächsten paar Jahre reichen. Hat sich da jemand um eine 0 (Zehnerpotenz) vertan?
Eine Vitamin D3 Überdosierung muss man erstmal hinbekommen. 10 mal 600.000 I.E. sollte eigentlich für die nächsten paar Jahre reichen. Hat sich da jemand um eine 0 (Zehnerpotenz) vertan?
steffen.ganzmann 25.07.2015
5. Eine Kreuzbandersatzplastik mit 45?
Zunächst einmal: Vordere Kreuzband-(VKB)Ersatzplastiken operierte ich sehr gerne, das war nach minimalinvasiven Schulter-OPs meine zweite Spezialität als Orthopäde. Aber eine 45-jährige müsste mir schon sehr gute Argumente [...]
Zunächst einmal: Vordere Kreuzband-(VKB)Ersatzplastiken operierte ich sehr gerne, das war nach minimalinvasiven Schulter-OPs meine zweite Spezialität als Orthopäde. Aber eine 45-jährige müsste mir schon sehr gute Argumente liefern, damit ich sie operierte, man kann auch ohne gut leben, siehe die vielen Fussballspieler der 1970er, als man diese OP noch nicht kannte. E.G. der "Bomber" Gerd Müller hatte an beiden Knieen kein VKBs mehr. Zusammengefasst, man braucht ein VKB nur, wenn man ein VKB wirklich braucht (Sportler, Handwerker etc.)! Ich dagegen würde keines benötigen, da würde es, wie in früheren Zeiten, Krankengymnastik auch ausreichen. Und dann diese ominösen Vit. D3-Injektionen? Damit die beiden Knochendübel schneller einwachsen solten? Was anderes fällt mir nicht ein. Und das ist einfach nur Blödsinn! Unser Chef hatte völlig recht, von uns Operierte nicht in fremden Händen wissen zu wollen. War zwar Mehraufwand in der Ambulanz (idealiter vom Operateur), aber wichtiger. Man will ja wissen, was man denn so "angestellt" hatte ...
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ZUM AUTOR

  • Dennis Ballwieser arbeitet für den Verlag der "Apotheken-Umschau" und ist Arzt. Von 2011 bis 2013 war er Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.

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