Gesundheit

Eine rätselhafte Patientin

Schatten im Gehirn

Die 72-Jährige ist halbseitig gelähmt und kann kaum noch sprechen, als Angehörige sie in eine Klinik in den USA bringen. Dort stellen die Ärzte zunächst eine Diagnose, die kaum noch hoffen lässt.

FS Productions/ Blend Images LLC/ Getty images

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Sonntag, 12.05.2019   13:00 Uhr

Rund neun Kilogramm hat die Frau im vergangenen halben Jahr abgenommen. Jetzt versagt plötzlich ihre Sprache. Mediziner bezeichnen es als expressive Aphasie, wenn Betroffene nur unter Mühen mit einem sehr eingeschränkten Wortschatz kommunizieren können. Zusätzlich entwickeln sich Lähmungen auf der rechten Körperseite der Patientin. Angehörige bringen die 72-Jährige in das David Grant Medical Center in Fairfield im US-Bundesstaat Kalifornien.

Die Frau lebt seit zwei Jahren mit einer Spenderniere und nimmt deshalb Medikamente ein, die ihr Immunsystem unterdrücken. Ihre Nieren waren durch eine Krankheit so beeinträchtigt, dass die Transplantation nötig geworden war.

Die Ärzte notieren, dass die Frau keine erhöhte Körpertemperatur hat. Bei einem Bluttest liegt die Zahl ihrer weißen Blutkörperchen im normalen Bereich. Beides spricht gegen eine akute Infektion.

Die halbseitige Lähmung könnte unter anderem auf einen Schlaganfall zurückzuführen sein - oder auf einen Hirntumor.

Schwellung im Gehirn

Das Team um Kathleen McKenzie untersucht das Gehirn der Frau mittels Magnetresonanztomografie (MRT). Auf den MRT-Aufnahmen entdecken die Mediziner eine krankhafte Struktur, eine sogenannte ringverstärkende Läsion, die gut drei Zentimeter Durchmesser hat. Zudem liegt ein Hirnödem vor, eine Schwellung des Gehirns, in dem sich zu viel Flüssigkeit angesammelt hat.

Die Patientin erhält jetzt Kortikosteroide, damit die Hirnschwellung abklingt. Ihr Zustand verbessert sich dadurch leicht. Aus den MRT-Bildern und der Reaktion auf die Medikamente schließen die Ärzte, dass die 72-Jährige ein sogenanntes Glioblastom hat, also eine spezielle Art von Hirntumor.

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Aufgrund der Größe des Gebildes, dessen Lage und des Gesundheitszustandes der Frau ist ein operatives Entfernen des Tumors leider nicht angeraten. Die Mediziner führen aber eine Biopsie durch, bei der sie eine Gewebeprobe entnehmen und diese für weitere Untersuchungen ins Labor schicken.

Eine mögliche Maßnahme ist nun die Bestrahlung. Sie steigere die Überlebensdauer bei Patienten mit solch einer schlechten Prognose im Schnitt von einem Monat auf sieben bis zehn Monate, berichtet das Ärzteteam im Fachblatt "Interdisciplinary Neurosurgery".

In den folgenden Tagen geht es der Frau zunehmend schlechter, sodass die Ärzte erwägen, schnell mit der Bestrahlung zu beginnen. Sie warten jedoch auf die letzten Befunde der Biopsie - zum Glück der Patientin. Denn in der Gewebeprobe entdecken die Mediziner Parasiten der Art Toxoplasma gondii. Sie lösen beim Menschen die Krankheit Toxoplasmose aus.

Die Frau hält drei Katzen

Diese Parasiten, die den Erregern der Malaria ähneln, befallen eine Reihe von Tieren, darunter Geflügel, Schweine und Katzen. Menschen können sich durch den Verzehr von rohen oder nicht ausreichend durchgebratenem Fleisch infizieren. Ebenso ist eine Ansteckung über Katzenkot, also beim Reinigen von Katzenklos, möglich. Die Patientin hält in ihrer Wohnung drei Katzen.

Bei Menschen mit intaktem Immunsystem verläuft die Infektion meist so leicht, dass Betroffene sie überhaupt nicht bemerken. Ist das Immunsystem aber unterdrückt, wie bei der Patientin, können die Erreger ins Gehirn wandern oder ein Multiorganversagen auslösen.

Die 72-Jährige bekommt nun mehrere Medikamente, die die Parasiten bekämpfen. Nach und nach erlangt sie ihr Sprechvermögen wieder und die Lähmungen verschwinden. In Nachhinein sind die Ärzte froh, dass sie noch keine Bestrahlung angesetzt hatten. Denn diese hätte wohl den Verlauf der Toxoplasmose verschlechtert.

insgesamt 8 Beiträge
noalk 12.05.2019
1. sehr verwunderlich
Transplantiertes Organ und Einnahme von Immunsuppresiva - und dennoch Haustiere halten? Wie geht das zusammen? Leider sagt der Artikel nichts darüber, ob die Katzenhaltung schon bei der Anamnese erwähnt wurde.
Transplantiertes Organ und Einnahme von Immunsuppresiva - und dennoch Haustiere halten? Wie geht das zusammen? Leider sagt der Artikel nichts darüber, ob die Katzenhaltung schon bei der Anamnese erwähnt wurde.
practicus 12.05.2019
2. So ist es halt
Menschen setzen sich gern über ärztliche Verbote hinweg und verschweigen das dann bei der Anamnese... Immunsupprimierte Patienten halten Haustiere, Transplantierte machen "Drug-Holidays", Leberkranke trinken...
Menschen setzen sich gern über ärztliche Verbote hinweg und verschweigen das dann bei der Anamnese... Immunsupprimierte Patienten halten Haustiere, Transplantierte machen "Drug-Holidays", Leberkranke trinken...
HubertMeier 12.05.2019
3. Ein paar Details zum besseren Verständnis...
Es ist in dem Artikel impliziert, das die Frau sich erst nach der Transplantation infiziert hat, das ist keinesfalls selbstverständlich - in der Tat infizieren sich viele Menschen durch Kontakt mit Katzen Recht früh im leben [...]
Es ist in dem Artikel impliziert, das die Frau sich erst nach der Transplantation infiziert hat, das ist keinesfalls selbstverständlich - in der Tat infizieren sich viele Menschen durch Kontakt mit Katzen Recht früh im leben (die Durchsuchungsrate ist erstaunlich hoch) und Toxoplasma gondii kann in der Tat langlebige Cysten bilden, die im gesunden Menschen inaktiv und harmlos sind, bei Immunsuppression aber reaktiviert werden. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, das dies bei der Frau der Fall war, es wäre dann relativ egal ob sie nach der Transplantation Katzen hatte. Siehe https://de.m.wikipedia.org/wiki/Toxoplasma_gondii
112211 13.05.2019
4. Die süßen Stubentiger?
Katzen und Wohnungshaltung passen einfach nicht zusammen. Leider hat sich in den Gehirnen vieler Menschen festgebrannt, dass diese Vierbeiner so niedlich sind, dass man sie unbedingt in der Wohnung haben müsse ... Ich habe [...]
Katzen und Wohnungshaltung passen einfach nicht zusammen. Leider hat sich in den Gehirnen vieler Menschen festgebrannt, dass diese Vierbeiner so niedlich sind, dass man sie unbedingt in der Wohnung haben müsse ... Ich habe vor etlichen Jahren einen guten Freund verloren, der eine nicht behandelbare Abwehrschwäche hatte. Obwohl er die Toxoplasmose bereits zweimal hatte, hielt er -entgegen dem dringenden Rat der Ärzte- an seinen beiden Katzen fest, die ihm mit der dritten Toxoplasmose den Todesstoß versetzten.
rst2010 13.05.2019
5. es gibt auch hinweise,
dass toxoplasma im menschlichen gehirn ähnlich wirkt, wie bei mäusen: man wird risikobereiter. bringt nur nix (aus sicht der parasiten), denn wir werden halt nicht von katzen gefressen;-)
dass toxoplasma im menschlichen gehirn ähnlich wirkt, wie bei mäusen: man wird risikobereiter. bringt nur nix (aus sicht der parasiten), denn wir werden halt nicht von katzen gefressen;-)
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