Gesundheit

Mittelohrentzündung

Braucht mein Kind wirklich Röhrchen?

Kleinkindern mit häufigen Mittelohrentzündungen setzen Ärzte gern Paukenröhrchen ins Trommelfell - meist unter kurzer Vollnarkose. Was bringt der Eingriff?

Getty Images/ UIG

HNO-Ärztin untersucht das Trommelfell eines Kindes

Von
Donnerstag, 30.06.2016   08:37 Uhr

Eltern von kleinen Kindern kennen das: Wenn längere Zeit die Nase läuft, wird oft auch das Ohr krank. Bis zum Ende des dritten Lebensjahres haben drei Viertel aller Kinder mindestens eine akute Mittelohrentzündung durchgemacht - 30 Prozent sogar mehr als drei. HNO-Ärzte empfehlen dann häufig sogenannte Paukenröhrchen, wenige Millimeter dicke Röhrchen, die in das Trommelfell eingesetzt werden. Durch die künstliche Öffnung soll entzündliches Sekret abfließen und das Mittelohr wieder besser belüftet werden.

Zwischen 31.000 bis 35.000 Kinder bekommen in Deutschland jedes Jahr Paukenröhrchen eingesetzt. Dabei bekommen die Kleinen meist eine kurze Vollnarkose mit Maskenbeatmung. Der Eingriff gehört laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung zu den häufigsten Operationen im Kindesalter.

Dabei ist der Nutzen der Paukendrainage unter Forschern umstritten. Denn oft bilden sich Ergüsse im Mittelohr auch von selbst zurück.

Wann also ist der Eingriff sinnvoll, und was können die Folgen sein, wenn keine Paukenröhrchen eingesetzt werden?

SPIEGEL ONLINE

"Die anatomischen Besonderheiten des kindlichen Ohres machen die Kleinen besonders anfällig für Mittelohrentzündungen mit Paukenerguss", sagt Anke Lesinski-Schiedat, ärztliche Leiterin des Deutschen Hörzentrums in Hannover. Bei Kindern ist die sogenannte Ohrtrompete, die Verbindung zwischen Mittelohr und Nasenrachen, oft noch recht eng.

Bei Schnupfen schwillt die Schleimhaut in diesem Engpass an, sodass das Mittelohr schlecht belüftet wird. In der Paukenhöhle, dem Mittelohrraum, in dem sich die Gehörknöchelchen befinden, sammelt sich deshalb Flüssigkeit, die nicht abfließen kann. Durch diesen Paukenerguss ist oft auch der Druckausgleich zwischen Mittelohr und Umgebung gestört. Heftige stechende und klopfende Ohrenschmerzen sind die Folge, die Kinder fiebern, weinen viel und fassen sich häufig an das betroffene Ohr.

Meist hören Kinder, die an Mittelohrentzündungen mit Paukenerguss erkrankt sind, schlechter, da das Trommelfell nicht richtig schwingen kann. "Für die Sprachentwicklung ist das auf Dauer fatal", sagt Lesinski-Schiedat. Bleibt der Paukenerguss länger als drei Monate bestehen, empfehlen HNO-Ärzte daher einen Trommelfellschnitt, über den das Sekret nach außen abfließen kann - oder eben Röhrchen.

Den Leitlinien zufolge ist der Einsatz von Paukenröhrchen dann sinnvoll, wenn die Flüssigkeit zäh und eingedickt ist. Man spricht dann auch von einem Leimohr oder Mukotympanon. Solange die Konsistenz dünnflüssig ist - in der Fachsprache Serotympanon genannt - heilt das Ohr ohne künstliche Paukendrainage genauso schnell aus.

Kein langfristiger Nutzen?

Unter Forschern ist der Nutzen von Paukenröhrchen umstritten. Nach der Auswertung von zehn zum Teil randomisierten Studien, die insgesamt 1728 Kinder mit Mittelohrentzündung und Paukenerguss einschlossen, stellten britische Wissenschaftler fest: Kinder mit Röhrchen hörten allenfalls die ersten sechs Monate nach dem Einsetzen etwas besser als ihre Leidensgefährten ohne Röhrchen. Nach sechs bis neun Monaten war kein Effekt mehr nachweisbar. Es genüge also völlig, Paukenergüsse auf natürlichem Weg ausheilen zu lassen, so ihr Fazit.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) empfahl daraufhin, Kindern nicht bereits nach drei Monaten Röhrchen einzusetzen, sondern mindestens ein halbes Jahr abzuwarten.

Der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte bemängelt an den Studie, dass sie lediglich auf Standardhörtests zurückgriff, um das Hörvermögen von Kindern im Vorschulalter zu testen. Diese seien umso ungenauer je jünger die Kinder sind. Zudem blieb der Effekt bei Kindern mit Sprech-, Sprach-, Lern-, und Entwicklungsstörungen aus Mangel an Daten unberücksichtigt.

"Bei Kleinkindern ist jeder Monat schlechten Hörens ein verlorener Monat für das Sprechenlernen", sagt Lesinski-Schiedat. "Diese Kinder spielen häufig für sich alleine, weil sie von der normalen zwischenmenschlichen Kommunikation ausgeschlossen sind." Nicht umsonst werde beispielsweise bei von Geburt an hörgeschädigten Kindern zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat ein Cochlea-Implantat (Hörprothese) eingesetzt, da Studien zeigten, dass eine spätere Implantation deutliche Lücken in der Sprachentwicklung zur Folge hat.

Ein anhaltender Paukenerguss kann Ärzten zufolge einen Hörverlust bis zu 50 Dezibel, im Mittel zwischen 20 und 30 Dezibel, bewirken. Über ein Drittel der Vorschulkinder mit Sprachentwicklungsverzögerung habe einen länger bestehenden, übersehenen oder unzureichend behandelten Paukenerguss. (Der Allgemeinarzt 8/2005)

Je jünger, desto ungenauer

HNO-Ärzte kritisieren, dass sich die Metaanalyse nur auf das Hörvermögen konzentriert. Ein weiterer Nutzen von Paukenröhrchen wurde nicht untersucht. "Viele Kinder werden nicht nur wegen Sprachentwicklungsstörungen mit Paukenröhrchen behandelt, sondern um einen chronischen Paukenerguss auszuheilen und bakteriellen Mittelohrentzündungen vorzubeugen", sagt Lesinski-Schiedat. "Der zähflüssige Schleim bei einem Mukotympanon ist ein idealer Nährboden für Bakterien und kann eine gefährliche Knochenentzündung mit Rötungen hinter dem Ohr und einer abstehenden Ohrmuschel verursachen und bis zu einem Hirnabszess führen."

Abgesehen von diesen seltenen Komplikationen können Mittelohrentzündungen auch das Trommelfell und Gehör chronisch schädigen. Ein weiterer Nutzen von Paukenröhrchen ist, dass betroffene Kinder weniger Antibiotika infolge bakterieller Mittelohrentzündungen schlucken müssen und somit Resistenzen und Unverträglichkeiten ausbleiben.

In einer anderen Auswertung aus dem Jahr 2003 von mehreren Studien über die Selbstheilungsrate von Mittelohrentzündungen urteilten Wissenschaftler daher: "Ein operativer Eingriff bei Kindern mit wiederholten Mittelohrentzündungen oder chronischem Paukenerguss sollte abgewogen werden gegen die Wahrscheinlichkeit einer Spontanheilung und des potenziellen Risikos von Sprachstörungen oder Folgekrankheiten." Sie waren zu dem Ergebnis gekommen, dass von den chronischen Fällen lediglich 26 Prozent nach sechs Monaten und 33 Prozent nach einem Jahr von selbst ausgeheilt waren.

"Das Trommelfell stößt die Röhrchen wieder ab, wenn das Mittelohr ausreichend belüftet ist - in der Regel nach sechs bis zwölf Monaten", sagt Lesinski-Schiedat. "Bei den meisten Patienten ist das Mittelohr dann ausgeheilt, sodass Entzündungen erheblich seltener auftreten und die Kinder dauerhaft gut hören."

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema

Zur Autorin

Außerdem bei SPIEGELplus

insgesamt 6 Beiträge
Trouby 30.06.2016
1.
Unsere Tochter hatte mit 5 im Winter mehrere Mittelohrentzündungen nacheinander, der Arzt wollte schließlich Röhrchen setzen. Auf unsere Frage, ob es nichts Sinnvolleres gäbe: "Ganz ehrlich? Fahren Sie 2 Wochen [...]
Unsere Tochter hatte mit 5 im Winter mehrere Mittelohrentzündungen nacheinander, der Arzt wollte schließlich Röhrchen setzen. Auf unsere Frage, ob es nichts Sinnvolleres gäbe: "Ganz ehrlich? Fahren Sie 2 Wochen irgendwohin, wo es warm und trocken ist." Gesagt, getan, kurzfristig Urlaub im warmen Süden gebucht, danach war alles gesund und sie hatte seitdem nie wieder eine Mittelohrentzündung. Wahrscheinlich war das sogar günstiger als die Röhrchen-Behandlung.
Leser161 30.06.2016
2.
Den Tipp werde ich mir merken, falls es bei unserer mal schlimmer wird. Generell wird viel zu wenig über nichtinvasive Methoden nachgedacht. Von einer Operation hat man sein ganzes Leben was und nicht nur gutes. Plus - bei [...]
Zitat von TroubyUnsere Tochter hatte mit 5 im Winter mehrere Mittelohrentzündungen nacheinander, der Arzt wollte schließlich Röhrchen setzen. Auf unsere Frage, ob es nichts Sinnvolleres gäbe: "Ganz ehrlich? Fahren Sie 2 Wochen irgendwohin, wo es warm und trocken ist." Gesagt, getan, kurzfristig Urlaub im warmen Süden gebucht, danach war alles gesund und sie hatte seitdem nie wieder eine Mittelohrentzündung. Wahrscheinlich war das sogar günstiger als die Röhrchen-Behandlung.
Den Tipp werde ich mir merken, falls es bei unserer mal schlimmer wird. Generell wird viel zu wenig über nichtinvasive Methoden nachgedacht. Von einer Operation hat man sein ganzes Leben was und nicht nur gutes. Plus - bei einer nichtinvasiven Lösung wird die Ursache besser bekämpft. Beispiel Karpaltunnelsyndrom. Wenns alles nicht hilft kann man immer noch operieren (und sollte es auch)
joderbaer 30.06.2016
3. Lieber früher als zu spät
Unsere Tochter ist auf einem Ohr taub, weil das Röhrchensetzen zu spät kam. Vom HNO-Arzt sind wir immer wieder vertröstet worden und wurden erst von dritter Seite auf die Röhrchen aufmerksam gemacht. Ein Jahr früher, und [...]
Unsere Tochter ist auf einem Ohr taub, weil das Röhrchensetzen zu spät kam. Vom HNO-Arzt sind wir immer wieder vertröstet worden und wurden erst von dritter Seite auf die Röhrchen aufmerksam gemacht. Ein Jahr früher, und unsere Tochter wäre nicht hörbehindert. Ich kann nur raten, lassen Sie die Röhrchen früh genug reinmachen, das ist ein winziger Eingriff gegenüber den Rest des Lebens hörbehindert zu sein...
ziooyong 30.06.2016
4. aha
Hat mein Gerät schon erkannt, dass ich nicht zahlen werde und zeigt die Bezahlmöglichkeit nicht mehr an.Das ist Datenschnüffelei und endet wahrscheinlich vor Gericht.
Hat mein Gerät schon erkannt, dass ich nicht zahlen werde und zeigt die Bezahlmöglichkeit nicht mehr an.Das ist Datenschnüffelei und endet wahrscheinlich vor Gericht.
hendrik_001973 01.07.2016
5. Nicht abwarten
Gerade im Alter zwischen 1,5 und 3 Jahren ist ein gutes Hören wichtig für die Sprachentwicklung. Auch wenn es sich - wie in dieser britischen Studie - nach 6 Monaten ausheilt, so ist dann die Sprachentwicklung nachhaltig [...]
Gerade im Alter zwischen 1,5 und 3 Jahren ist ein gutes Hören wichtig für die Sprachentwicklung. Auch wenn es sich - wie in dieser britischen Studie - nach 6 Monaten ausheilt, so ist dann die Sprachentwicklung nachhaltig beeinträchtigt. Auch für die Kinder ist es im Alltag Stress, wenn Sie ihre Umwelt nicht verstehen können. Bei unserer Tochter haben wir Röhrchen setzen lassen - im Rückblick haben wir zu lange gewartet. Der Kinderarzt hat immer gesagt, dass es von selbst heilt und Antibiotika nichts nützen. Schließlich haben wir dem HNO die Pistole auf die Brust gesetzt und den Kinderarzt gewechselt. Die Hörtests bestätigten unser Vorgehen und unsere Kleine hat danach schlagartig viel mehr gesprochen und war auch viel entspannter.

Mehr im Internet

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP