Gesundheit

Nierenspende

Die Lebensretterinnen

Es ist ein weltweites Phänomen: Frauen sind deutlich häufiger bereit, ihren erkrankten Männern eine Niere zu spenden als andersherum. Was bewegt Frauen zu einem solchen Schritt? Und was hält Männer ab?

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OP-Narbe: Warum spenden mehr Frauen eine Niere als Männer?

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Montag, 09.09.2019   15:49 Uhr

Das Geschenk seines Lebens trägt Peter Fritsch rechts. Etwa in Höhe der elften und zwölften Rippe arbeitet die Niere seiner Frau - die 150 Gramm ermöglichen ihm ein neues Leben. Das alte würde der 64-Jährige am liebsten schnell vergessen. 1996 erhielt er die Diagnose Leukämie. Eine Knochenmarktransplantation rettete ihn, doch die vielen Medikamente schädigten seine Nieren.

2018 musste Peter Fritsch an die Dialyse. Drei Mal in der Woche fuhr er aus dem kleinen Gleißenberg in der Oberpfalz bis nach Straubing. Eine Stunde Anfahrt, eine halbe Stunde Vorbereitung, 4 Stunden und 10 Minuten Blutwäsche, eine halbe Stunde Nachbereitung, eine Stunde Rückfahrt. Und das alles drei Mal die Woche. "Es war kein Leben mehr", sagt Peter Fritsch. Seine Frau Marianne litt mit. "Er kam jedes Mal völlig erschöpft nach Hause und brauchte den nächsten Tag zur Erholung."

Patienten warten etwa sieben bis acht Jahre auf ein Spenderorgan

Nein, so hatten sich die Fritschs ihren Ruhestand nicht vorgestellt. Die drei Kinder waren groß und aus dem Haus. Jetzt wollten sie reisen - die Zeit zu zweit genießen. Nun war Peter Fritsch alle zwei bis drei Tage an die Dialyse gefesselt. Diese hielt ihn zwar am Leben, doch die geschenkte Zeit wurde zu seinem Gegner: Wenn er stundenlang an der Maschine hing, schien sie ihm zwischen den Fingern zu zerrinnen. Und wenn er an die Wartezeit für eine Spenderniere dachte, dehnte sie sich unendlich vor ihm aus.

Freyja Fritsch

Marianne und Peter Fritsch im Juni 2018 vor der Transplantation

Auf der Warteliste für eine Nierenspende stehen rund 8000 Menschen aus Deutschland - etwa 1400 Nieren von Verstorbenen werden jährlich transplantiert. "Patienten warten im Schnitt etwa sieben bis acht Jahre auf ein postmortales Organ", sagt Paolo Fornara, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Urologie in Halle (Saale) und des Nierentransplantationszentrums des Landes Sachsen-Anhalt. "Die Menschen sterben häufig trotz Dialyse innerhalb weniger Jahre", so Fornara. "Und wir wissen, je mehr Zeit vergeht, desto schlechter ist das Ergebnis."

Frauen übernehmen immer noch den fürsorglichen Part

Es sah also schlecht aus für Peter Fritsch - und doch wieder gut. Denn in seinem Leben gab es gleich zwei Frauen, die ihm eine Niere schenken wollten. Seine Frau und seine 26-jährige Tochter. "Die Niere meiner Tochter konnte ich nicht annehmen", sagt Peter Fritsch. "Sie hat ja noch ihr ganzes Leben vor sich." Auch Marianne Fritsch hätte das nicht zugelassen. Für sie war klar, dass sie die Spenderin wird.

Mit dieser Entscheidung ist die 67-Jährige nicht allein. In Deutschland spenden mehr als 600 Menschen jährlich eine Niere - rund zwei Drittel stammen von Frauen. Warum tun sie sich mit der Entscheidung offenbar leichter als Männer? "Es gibt in unserer Gesellschaft einen Imperativ zur Spende", sagt die Psychologin Merve Winter von der Psychologischen Hochschule Berlin. "Von dieser moralischen Aufforderung lassen sich Frauen eher ansprechen als Männer." Das liege zum einen in der Geschlechtsrolle begründet, wonach Frauen auch heute noch als Ehefrauen und Mütter häufig den versorgenden, kümmernden Part übernehmen.

Auch Sabine Wöhlke vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen beobachtet die stärkere Fürsorgepflicht bei Frauen: "Gut erkennen lässt sich das auch dann, wenn nicht der Ehemann, sondern das gemeinsame Kind erkrankt ist. Dann ist es ebenfalls meist die Mutter, die spendet", erklärt die Medizinethikerin, die zum Thema geforscht und mit vielen Spenderpaaren gesprochen hat. "Männer gaben häufig zu, es als entlastend empfunden zu haben, dass ihre Frau sich vorauseilend für die Spende entschieden hat."

Kranke Frauen lehnen ein Organ häufiger ab

Und das, obwohl Männer in Repräsentativerhebungen der Organspende grundsätzlich positiv gegenüberstehen, berichtet Merve Winter. "Manchmal ist schlicht eine größere Ängstlichkeit bei Männern vorhanden." Ausnahme ist Iran: Dort spenden mit knapp 80 Prozent deutlich mehr Männer eine Niere. "Das liegt vor allem an dem staatlich eingeführten Organhandel", so Winter. In Iran müssen - anders als in Deutschland - Spender und Empfänger weder verwandt sein noch ein enges Verhältnis haben. Der Staat zahlt jedem, der eine Niere spendet, eine Entschädigung, die ungefähr die Höhe eines Jahreseinkommens beträgt. Außerdem erhalten die Spender zusätzlich ein Geschenk vom Empfänger. "Männer sprechen viel stärker als Frauen auf Bonussysteme an", sagt Winter.

Erkrankte Frauen wiederum lehnen häufiger eine Spende von ihrem Partner ab - aus Sorge um ihre Beziehung. Daher sollte man mit Pauschalurteilen über die Spendenbereitschaft von Männern vorsichtig sein, sagt Wöhlke: "Manche Frauen akzeptieren ihr Leben an der Dialyse lieber und warten auf ein postmortales Organ."

Auch Uwe Heemann, Klinikdirektor der Nephrologie am Klinikum rechts der Isar der TU München, hat eine weitere Erklärung für den deutlich höheren Anteil an Spenderinnen: "Nierenerkrankungen verlaufen bei Männern aggressiver als bei Frauen. Deshalb sind auch mehr Männer als Frauen dialysepflichtig."

Dialysepflichtig sollte Peter Fritsch nicht mehr lange bleiben, wenn es nach Marianne Fritsch ging. Im Gegensatz zu ihrem Mann tat sie sich nicht schwer mit der Entscheidung, ihm eine ihrer Nieren abzugeben. Er hingegen wollte erst einmal ganz genau wissen, welche Risiken auf seine Frau zukommen würden.

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"Menschen mit nur einer Niere neigen eher zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck", erklärt Heemann. Außerdem müsse man sich nach dem Eingriff auf Schmerzen einstellen. Heemann klärt jeden Patienten über das chronische Erschöpfungssyndrom (Fatigue-Syndrom) auf - obwohl er das Risiko dafür als vernachlässigbar betrachtet. (Lesen Sie hier über unterschätzte Nebenwirkungen einer Nierenlebensspende.)

Uwe Heemann bespricht aber nicht nur die medizinischen Risiken - er macht sich auch ein Bild über die gesamte Lebenssituation. Hat er Zweifel an der Entscheidung, versucht er, die Untersuchungen über einen längeren Zeitpunkt zu strecken. "Wenn Patienten frisch an die Dialyse kommen, entsteht bei Angehörigen häufig ein heftiger emotionaler Druck", so Heemann. "Sie wollen helfen und entscheiden dann manchmal aus einer Panik heraus."

"Sie können als naher Angehöriger heute nicht mehr gut nicht spenden"

Auch wenn ein Paar einig auftritt - wie Marianne und Peter Fritsch -, wird es vor einer Transplantation im wahrsten Sinne auf Herz und Nieren geprüft. Bevor am Ende eine so genannte unabhängige Lebendspendekommission die Entscheidung für oder gegen eine Spende trifft, wird ein psychologisches Gutachten erstellt.

Psychologin Merve Winter führt solche Gutachten durch. "Bei der Entscheidung besteht immer eine Verquickung aus Zwang und Freiwilligkeit", sagt sie. "Einerseits wollen die Angehörigen dringend helfen und sind froh, das tun zu können. Andererseits können sie als naher Angehöriger heutzutage auch nicht mehr gut nicht spenden." Die Lebendnierenspende gelte als Behandlungsmethode der Wahl, die Ungefährlichkeit der Spende werde ständig betont. Wie soll man da Nein sagen? Als Konsequenz daraus entstehe ein Druck, der vielen Spendern selbst gar nicht bewusst sei. "Ich hatte schon Spenderpaare, bei denen Empfänger und Spender völlig zerstritten waren", erzählt Winter. "Der potenzielle Spender hat sich einfach nicht getraut, dem Empfänger zu sagen, dass er gar nicht spenden möchte." Solch drastische Fälle seien aber eher die Ausnahme.

Medizinische Notlügen sind erlaubt

Um Spender vor unfreiwilligen Entscheidungen zu schützen, haben Ärzte die Möglichkeit, ihnen ein "Alibi" zu verschaffen. "Wir geben medizinische Gründe vor, warum eine Spende nicht infrage kommt", sagt Uwe Heemann vom Klinikum rechts der Isar. Sabine Wöhlke wünscht sich noch mehr Schutz für Spender und Empfänger. "In meinen Gesprächen wurde deutlich, dass Paare die Folgen ihrer Entscheidung vor der Transplantation nur schwer absehen können", sagt sie. "Vielen Empfängern fiel es danach schwer, mit der Dankbarkeit umzugehen, die die Beziehung dominierte. Andere fühlten sich gegenüber dem Partner schuldig."

Um Paare darauf vorzubereiten, empfiehlt die Medizinethikerin eine enge Zusammenarbeit mit Familientherapeuten - vor und auch nach der Operation. Ebenfalls sei die Einführung eines Lebendspenderegisters sinnvoll, das nicht nur die medizinischen Daten der Spender und Empfänger sammelt, sondern auch die psychologischen.

Marianne und Peter Fritsch hatten Glück. Sie haben die Transplantation unbeschadet überstanden, sowohl körperlich als auch als Paar. "Wir sind eher noch enger geworden", sagen sie. Im Herbst fliegen sie auf ihre Lieblingsinsel Gran Canaria. Noch vor einigen Monaten war nicht daran zu denken. Peter Fritsch kann es manchmal gar nicht glauben. "Ich bin meiner Frau so dankbar", sagt er. "Und ich hätte es jederzeit auch für sie getan."

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