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Robert Koch-Institut warnt vor Polio-Einschleppung nach Deutschland

Flüchtlinge aus Syrien könnten das Polio-Virus nach Deutschland einschleppen. Davor warnt das Robert Koch-Institut in Berlin und drängt darauf, den Impfstatus von Einreisenden zu überprüfen. Die Weltgesundheitsorganisation hatte am Dienstag einen Ausbruch von Polio in Syrien bestätigt.

DPA

Schluckimpfung gegen Kinderlähmung: Impfstatus bei Einreise überwachen und gegebenenfalls immunisieren

Donnerstag, 31.10.2013   10:46 Uhr

Berlin - Das Robert Koch-Institut (RKI) hat vor der Gefahr gewarnt, dass Flüchtlinge aus Syrien das neu ausgebrochene Polio-Virus auch nach Deutschland übertragen könnten. "Das gilt es zu vermeiden. Wichtig ist, bei Einreisenden aus betroffenen Ländern den Impfstatus zu überprüfen und gegebenenfalls zu impfen", sagte RKI-Präsident Reinhard Burger den "Ruhr Nachrichten". In Deutschland sei die Kinderlähmung bereits teilweise aus dem Bewusstsein verschwunden. Das sei der Nachteil einer erfolgreichen Impfstrategie, wenn Menschen meinten, sie bräuchten keinen Schutz.

Dem RKI-Präsidenten zufolge sind in der Bundesrepublik rund 95 Prozent der Schulanfänger gegen Kinderlähmung geimpft. Selbst wenn ein Polio-Fall in der Bundesrepublik auftreten sollte, könne es zu keiner großen Ausbreitung kommen. "Wir waren nahe an der endgültigen Ausrottung des Polio-Erregers. Es gab mit Afghanistan, Pakistan und Nigeria nur noch drei Länder, in denen die einheimischen Polio-Viren bisher nicht ausgerottet werden konnten."

Der Bundesverband Polio Selbsthilfe e.V. forderte angesichts des Ausbruchs in Syrien das Bundesgesundheitsministerium und das RKI zu einer neuen Impfkampagne auf: "Wir sind in Deutschland nur dann vor einer Epidemie geschützt, wenn 95 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft sind", sagte die Vorsitzende Karola Rengis in einer Mitteilung. Doch Rengis zufolge belegen Zahlen, zum Beispiel vom Landesgesundheitsamt Niedersachsen, dass für zehn Prozent aller Schulanfänger keine Impfausweise vorgelegt werden. Die Impfmüdigkeit ihrer Eltern sei nicht mehr zu verschweigen.

"Wir sitzen auf einer Zeitbombe", sagt Rengis, die als Kind an Polio erkrankt ist und heute unter den Spätfolgen, dem sogenannten Post-Polio-Syndrom, leidet. "Syrien ist nur wenige Flugstunden von uns entfernt. Wir müssen damit rechnen, dass das Virus uns über einreisende Flüchtlinge erreicht. Jetzt muss sofort flächendeckend aufgeklärt und geimpft werden."

Noch im April dieses Jahres hatte die WHO erklärt, sie wolle Polio bis 2018 weltweit ausrotten. "2012 gab es weltweit nur 223 registrierte Polio-Fälle, nach 650 Fällen 2011", hatte Steve Cochi von der US-Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) bei der Vorstellung des Planes gesagt. Doch seither hat es mehrere regionale Ausbrüche etwa in Kenia, Südsudan, Somalia, Äthiopien und Kamerun gegeben.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte zuletzt mehrere Fälle von Kinderlähmung in Syrien bestätigt, obwohl die ansteckende Krankheit dort seit 1999 als ausgerottet galt. Untersuchungen ergaben demnach, dass sich zehn von 22 Verdachtspatienten mit dem Polio-Virus infiziert hatten. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) hat daraufhin sofort mit einer breiten Impfkampagne in der Region begonnen. Allein in Syrien erhalten 1,6 Millionen Kinder unter fünf Jahren in den kommenden Wochen eine Schluckimpfung. Auch in den Flüchtlings-Camps und Notunterkünften in den Nachbarländern Jordanien, Libanon, Irak, Türkei und Ägypten haben demnach bereits breite Impfkampagnen begonnen oder werden vorbereitet.

Nach Uno-Angaben sind in den vergangenen zwei Jahren wegen der unsicheren Lage in dem Bürgerkriegsland eine halbe Million Kinder nicht gegen die hochansteckende und vor allem für die Kleinen lebensgefährliche Infektionskrankheit geimpft worden.

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hei/AFP

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