Gesundheit

Schwarzmarkt

100.000 Euro für ein Kilo Potenzpillen

Der Schwarzmarkt mit geschmuggelten Medikamenten boomt, auch in Apotheken landen mitunter gefälschte Mittel. Neue EU-Sicherheitsmaßnahmen sollen die Verbraucher besser schützen.

DPA

Vom Zoll sichergestellte, gefälschte Medikamente zur Potenzsteigerung

Dienstag, 05.02.2019   14:32 Uhr

Illegale Potenzpillen, Betrügereien bei einem Medikament gegen Atembeschwerden, manipulierte Hepatitis-C-Mittel: Immer wieder versuchen Kriminelle, Arzneifälschungen auf den deutschen Markt zu bringen. Auch auf dem Schwarzmarkt machen Banden lukrative Geschäfte. Die Gewinnmargen sind bei Potenzmitteln teils größer als im Drogenhandel mit Kokain oder Heroin.

Jetzt sollen neue Hürden die Fälschungen erschweren. An diesem Samstag startet ein neues Schutzsystem in Europa, das neue Sicherheitsmerkmale für Arzneien vorschreibt:

In deutschen Apotheken werden jährlich mehr als 750 Millionen Packungen verschreibungspflichtige Arznei ausgegeben. Die Zahl der Fälschungen in der legalen Lieferkette vom Hersteller über Großhändler bis in die Apotheken sei gering, erklärt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). 2018 seien weniger als zehn Verdachtsfälle gemeldet worden. Bei jedem der Fälle könnten aber etliche Packungen betroffen sein, zudem bleibe eine Dunkelziffer.

Die Einnahme gefälschter Arzneien könne "gravierende gesundheitliche Auswirkungen" haben, so die Behörde. Manipuliert würden Wirkstoffe und Zusammensetzungen, aber auch Herkunftsangaben. "Bei den Fälschungen handelte es sich meist um Originalware, die illegal umverpackt wurde oder um Originalware aus Diebstählen, die wieder in die legale Vertriebskette eingebracht wurde", erklärt Maik Pommer, Sprecher am BfArM.

Das Internet ist das größere Problem

Noch deutlich größer ist das Problem im illegalen Handel, etwa im Internet oder mit geschmuggelter Ware. Bei der weltweiten Operation Pangea 2018 zogen Zoll- und Polizeibehörden in Deutschland binnen einer Woche rund 1200 Pakete und Briefsendungen aus dem Verkehr. Sie stießen auf 100.000 Tabletten, Kapseln und Ampullen, darunter verbotene Nahrungsergänzungsmittel und Schmerzmedikamente.

Besonders beliebt bei Kriminellen: Potenzmittel. Mit einem Kilogramm lassen sich auf dem Schwarzmarkt zwischen 90.000 und 100.000 Euro erzielen, schätzt das Bundeskriminalamt. Bei Heroin seien es 50.000 Euro. Zudem koste illegal gehandelter Viagra-Wirkstoff nur 60 Euro je Kilo, während für den Heroin-Rohstoff rund 7000 Euro fällig würden.

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Für die Pharmaindustrie bedeuten die Fälschungen erhebliche finanzielle Verluste. In der EU entgingen der Branche durch die illegale Konkurrenz rund 10 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, erklärte das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum 2016. Davon entfiel gut eine Milliarde auf deutsche Hersteller. Dazu kommt der Imageschaden, der durch kriminelle Fälschungen entsteht.

Barcode-Prüfung in europaweiter Datenbank

Im weltweiten Vergleich ist Deutschland dennoch wenig von Arzneifälschungen betroffen - auch, weil die Pharmabranche hier streng reguliert wird. In den Verkehr kommen nur amtlich zugelassene Medikamente, auch Herstellung, Vertrieb und Anwendung werden überwacht, betont der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Zudem setzten Arzneihersteller schon Sicherheitsmerkmale wie Hologramme oder Mikroschriften auf Medikamentenpackungen ein.

Künftig soll in Apotheken automatisch gewarnt werden, wenn eine Manipulation auftaucht: Jede Packung hat eine individuelle Seriennummer. Mit dem Scan des Codes lässt sich in einer europaweiten Datenbank prüfen, ob die Nummer von einem Hersteller vergeben wurde oder eine Packung mit derselben Nummer schon über die Theke ging. In Deutschland hat der Verein Securpharm die Echtheitsprüfung aufgebaut, ein Zusammenschluss von Pharma- und Apothekerverbänden.

Für die Branche ist es ein Großprojekt: 19.345 Apotheken, 346 Pharmaunternehmen, 887 Großhändler und 406 Krankenhausapotheken in Deutschland werden laut Securpharm an das System angebunden. "Die Umsetzung der Fälschungsschutzrichtlinie gehört zu den größten Infrastrukturprojekten der Arzneimittelversorgung in Europa", erklärte der Verein. Der Pharmaverband BPI schätzt die Investitionen alleine bei den Unternehmen auf mehr als eine Milliarde Euro.

Verbrauchern kommt das zugute. Zeigt der Packungs-Scan in der Apotheke Verdachtsfälle an, erhalten sie eine andere Schachtel des Medikaments. Außerdem lasse sich im europaweiten System zurückverfolgen, wo gefälschte Mittel in die legale Lieferkette gelangten, erklärt Securpharm. Eine gestohlene Arznei werde dann gesperrt.

Von Alexander Sturm, dpa/irb

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