Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Sechs Monate Durchfall

Ein 67-jähriger Franzose hat seit Monaten blutigen Durchfall. Als er Fieber entwickelt und sein Oberbauch schmerzt, sucht er medizinische Hilfe. Die Ärzte vermuten eine Infektion - finden aber keine Bakterien.

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Sonntag, 19.05.2019   20:43 Uhr

Bis zu 15-mal am Tag muss der Mann auf die Toilette. Er leidet an einem blutigen Durchfall. Drei Monate lang erträgt er dies, bis er seinen Hausarzt aufsucht. Der Mediziner lässt eine Bakterienkultur anlegen, die negativ ist. Er verschreibt dem Patienten trotzdem ein Breitband-Antibiotikum, das er sieben Tage lang einnehmen soll. Gesund wird der 67-Jährige davon jedoch nicht.

Er lässt weitere drei Monate verstreichen, ehe er wieder ärztliche Hilfe sucht: Jetzt meldet er sich in der Notaufnahme des Uniklinikums Dijon-Bourgogne. Neben dem Durchfall haben sich weitere Probleme eingestellt. Der Mann hat seit zwei Tagen Fieber. Zudem schmerzt sein Oberbauch. Seit Beginn der Beschwerden hat er rund fünf Kilo abgenommen, erzählt er den Ärzten.

Die Mediziner notieren, dass der Patient ein Medikament gegen chronischen Bluthochdruck nimmt. Er ist im Ruhestand und lebt mit seiner Partnerin zusammen.

Die Lage der Schmerzen im Oberbauch lässt die Ärzte auf ein Problem mit der Leber schließen. Der Mann hat allerdings keine Gelbsucht, die mit Leberkrankheiten einhergehen kann. Auch ist das Organ nicht krankhaft vergrößert, berichtet das Team um Capucine Martins im Fachblatt "BMJ Case Reports".

Ein Bluttest offenbart, dass die Zahl der weißen Blutkörperchen erhöht ist, ebenso das sogenannte C-reaktive Protein. Beides spricht für eine Infektion, gegen die sein Körper kämpft.

Abszesse in der Leber

Mittels einer Computertomografie sehen sich die Mediziner Bauch und Beckenbereich des Mannes an. Sein Dickdarm zeigt Anzeichen einer chronischen Entzündung. In der Leber entdecken sie zwei Abszesse die rund sechs bis sieben Zentimeter Durchmesser haben. Aus diesen saugen sie eine rötliche Flüssigkeit ab.

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Zu diesem Zeitpunkt können sie noch nicht mit Sicherheit sagen, was die Abszesse verursacht hat. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie infolge einer bakteriellen Infektion im Magen-Darm-Trakt entstanden sind.

Weniger wahrscheinlich, aber auch denkbar ist, dass die Bakterien sein Herz angegriffen und dann über die Blutbahn auch die Leber erreicht haben. Und zuletzt können die Mediziner auch nicht ausschließen, dass statt Bakterien andere Krankheitserreger hinter den Beschwerden stecken.

Weitere Tests sollen dies klären. Im Blut lassen sich demnach keine Bakterien nachweisen. In einer Stuhlprobe finden sich keinerlei Spuren typischer bakterieller Durchfallerreger.

Auch die Flüssigkeit aus dem Leber-Abszess scheint frei von Bakterien. Doch die Ärzte können darin Erbgut eines Krankheitserregers nachweisen. Es handelt sich um einen Einzeller, die Amöbe Entamoeba histolytica. Weitere Tests bestätigen dies. Der Mann leidet an einer Krankheit, die in Europa extrem selten auftritt: der sogenannten Amöbenruhr. Die Einzeller haben seinen Darm besiedelt und verursachen so seine Beschwerden. Zusätzlich sind sie für die Abszesse in der Leber verantwortlich, auch dies ist keine untypische Folge einer Infektion mit E. histolytica.

Wie hat sich der Mann infiziert?

Nun wollen die Ärzte wissen, wo sich der Mann mit den Amöben angesteckt hat. Bei den Europa auftretenden Fällen waren die Betroffenen in aller Regel vorher in den Tropen oder Subtropen. Doch der 67-Jährige war noch nie außerhalb Europas.

Allerdings war seine Partnerin in Regionen, in denen die Amöbenruhr auftritt - unter anderem in Indien, Vietnam und Südamerika. Außerdem hatte sie früher einen Partner, der eine Amöbenruhr hatte. Sie selbst litt nie unter Symptomen, doch ein Test zeigt, dass sie die Krankheitserreger in sich trägt. Das ist nicht ungewöhnlich: Bei 90 Prozent der Menschen verursacht eine Infektion mit E. histolytica keine Beschwerden, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin in ihrer Leitlinie zur Behandlung der Krankheit. Die Betroffenen können die Erreger jedoch ausscheiden und andere infizieren. Meist sorgen schlechte hygienische Bedingungen für die Übertragung der Amöben, etwa verunreinigtes Trinkwasser. Die Parasiten können auch beim Geschlechtsverkehr weitergegeben werden. Das war bei dem 67-jährigen Franzosen wohl der Fall.

Das Antibiotikum, das der Mann zunächst wegen des Verdachts einer bakteriellen Infektion bekommen hatte, setzen die Ärzte sofort ab - das Medikament hilft nicht gegen Amöben. Er erhält stattdessen ein Mittel gegen diese Erreger. Binnen 48 Stunden klingen die Leberschmerzen ab, der blutige Durchfall verschwindet und seine Laborwerte pendeln sich wieder im Normalbereich ein. Seine Partnerin nimmt das Medikament ebenfalls.

Bei einem Folgetermin zwei Monate später ist der Mann wohlauf und es sind keine Spuren der Krankheitserreger mehr nachweisbar.

insgesamt 6 Beiträge
Sibylle1969 20.05.2019
1.
Unverständlich ist, dass der Betroffene erst so spät ärztliche Hilfe gesucht hat. Man sagt doch: wenn Durchfall nach ein paar Tagen nicht von alleine weggeht, dann unbedingt zum Arzt.
Unverständlich ist, dass der Betroffene erst so spät ärztliche Hilfe gesucht hat. Man sagt doch: wenn Durchfall nach ein paar Tagen nicht von alleine weggeht, dann unbedingt zum Arzt.
isikat 20.05.2019
2. Frage
Ob das bei uns mit unserem Notversorgungs-Gesundheitssystem auch herausgefunden worden wäre? Mich wundert aber, dass die Partnerin nicht stutzig geworden ist. Wenn ihr Expartner offenbar auch an dieser Amöbeninfektion litt, [...]
Ob das bei uns mit unserem Notversorgungs-Gesundheitssystem auch herausgefunden worden wäre? Mich wundert aber, dass die Partnerin nicht stutzig geworden ist. Wenn ihr Expartner offenbar auch an dieser Amöbeninfektion litt, hatte er ja zumindest die gleichen Durchfallsymptome, das muss ihr doch zu denken geben, daraus hätte sie doch Rückschlüsse ziehen können. Übertragungsweg ist in diesem Fall auch das Zubereiten von Mahlzeiten.
Nania 20.05.2019
3.
Mich wundert das eher weniger. Wenn man mal bedenkt, wie wenig man in der Gesellschaft über solche Themen spricht, dann ist der Gang zum Arzt für manche schon echte Überwindung. Wer spricht schon gerne über Durchfall? [...]
Zitat von Sibylle1969Unverständlich ist, dass der Betroffene erst so spät ärztliche Hilfe gesucht hat. Man sagt doch: wenn Durchfall nach ein paar Tagen nicht von alleine weggeht, dann unbedingt zum Arzt.
Mich wundert das eher weniger. Wenn man mal bedenkt, wie wenig man in der Gesellschaft über solche Themen spricht, dann ist der Gang zum Arzt für manche schon echte Überwindung. Wer spricht schon gerne über Durchfall? Natürlich fasst man sich hier an den Kopf - aber vielleicht hatte dieser Mensch wirklich Angst oder ein so starkes Schamgefühl, dass er Besuch beim Arzt erst in Frage kam, als es wirklich nicht mehr ging.
Strangelove 20.05.2019
4. Nein nicht ungewöhnlich
Im ungünstigsten Fall hatte er nicht permanent Durchfall. Wer das mal selber erlebt hat weiß was das bedeutet. Man denk es ist alles wieder in Ordnung und kurz darauf geht es wieder los. Aber insgesamt 6 Wochen zu warten [...]
Zitat von Sibylle1969Unverständlich ist, dass der Betroffene erst so spät ärztliche Hilfe gesucht hat. Man sagt doch: wenn Durchfall nach ein paar Tagen nicht von alleine weggeht, dann unbedingt zum Arzt.
Im ungünstigsten Fall hatte er nicht permanent Durchfall. Wer das mal selber erlebt hat weiß was das bedeutet. Man denk es ist alles wieder in Ordnung und kurz darauf geht es wieder los. Aber insgesamt 6 Wochen zu warten und dabei nicht im Entwicklungsland unterwegs kann auch ich nicht verstehen. Dafür ist es zu einschränkend um nicht früher zum Arzt zu gehen.
remedias.cortes 20.05.2019
5. Ich hatte das mal in Südamerika,
und gottseidank haben es die Ärzte ziemlich schnell erkannt, obwohl ich NUR Fieber und keinen Durchfall hatte , auch das kommt vor. Und ich bekam die oben beschriebene Behandlung. Schon damals dachte ich, dass ich in Deutschland [...]
und gottseidank haben es die Ärzte ziemlich schnell erkannt, obwohl ich NUR Fieber und keinen Durchfall hatte , auch das kommt vor. Und ich bekam die oben beschriebene Behandlung. Schon damals dachte ich, dass ich in Deutschland an Amöbenruhr gestorben wäre . Hierzulande findet man höchstens die Pferde und denkt nicht an Zebras.
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