Gesundheit

Medizinische Versorgung von Transgender-Personen

Gefährliche Diskriminierung

Aus Unsicherheit und Unwissen brüskieren viele Mediziner Transpersonen. Die Betroffenen gehen deswegen seltener zum Arzt - das kann gefährlich werden.

Sirinarth Mekvorawuth/ EyeEm/ Getty Images

Studien belegen: Transpatienten verzichten häufig auf den Arztbesuch, weil sie Vorurteile fürchten

Von Christine Leitner
Montag, 26.08.2019   14:52 Uhr

Wer die öffentliche Debatte über Transgender-Personen zuletzt verfolgt hat, konnte schnell zu einem falschen Eindruck kommen: Spätestens, seit Anfang des Jahres 2019 deutschlandweit über die Einführung von Transgender-Toiletten an Grundschulen diskutiert wurde, ist die ehemalige Randgruppe ja wohl in der Mitte der Gesellschaft angekommen, oder nicht?

Tatsächlich sind wir davon noch ein ganzes Stück entfernt - das zeigt eine nähere Beschäftigung mit den Erfahrungen von Transpersonen im Gesundheitssystem. Diskriminierung, Unwissen und Unsicherheit bei Ärzten, mangelnde Sensibilisierung während der Ausbildung - das alles sind Missstände, die dazu führen, dass die Gesundheitsversorgung von Transpersonen auch in Deutschland teils prekär ist.

Jonas Fischer kennt Beispiele dafür, was schiefläuft in dieser Hinsicht. Eine Bekannte von ihm wurde nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. Früher war sie mal ein Mann, ihre Geschlechtsangleichung hatte sie schon länger hinter sich. Trotzdem wollte das Personal sie nicht auf ein Zimmer mit Frauen legen. Zu den Männern aber auch nicht. "Schließlich landete sie auf dem Gang", berichtet Fischer. Er selbst ist Transmann und lebt in München.

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Trans - kaum Thema in der Arztausbildung

Es ist ein Beispiel dafür, wie überfordert Ärzte und Pfleger im Umgang mit Transpersonen bisweilen noch sind. Für Gisela Wolf ein strukturelles Problem: "Der Umgang mit Transgender-Personen wird in der Approbationsausbildung in der Regel kaum thematisiert", sagt sie. Wolf ist niedergelassene Psychologin und engagiert sich im Verband für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Intersexuelle und Queere Menschen in der Psychologie. Laut Wolf fehlt Medizinern die entsprechende Ausbildung, um Transpatienten behandeln zu können.

Aber müssen Transmenschen überhaupt medizinisch anders behandelt werden? "Bisher gibt es noch keine wissenschaftlichen Belege, dass sich die Krankheitsbilder von Trans- und Cis-Patienten unterscheiden", schreiben Patrick Häge und Laura Kürbitz vom Institut für Sexualforschung und forensische Psychiatrie in Hamburg auf Anfrage des SPIEGEL. Somatische Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Asthma würden bei Transpatienten genauso behandelt wie bei Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizierten.

Experten sehen deswegen vor allem die "kulturelle Kompetenz" als Ursache für die Unsicherheit bei Ärzten. Sie seien das binäre Geschlechtsmodell gewöhnt und deshalb "mit der Vielfalt der Selbstverständnisse, Identitäten und Wünsche von Transpersonen überfordert", schreibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in einem Bericht. Wolf bestätigt das: "Daraus entsteht eine grundlegende Unsicherheit aufseiten der Ärzte", sagt sie. Aus Angst, inkompetent zu erscheinen, entwickeln die Ärzte Verhaltensmuster, die von den Patienten häufig als diskriminierend wahrgenommen werden. Auch wenn diese in vielen Fällen nicht böse gemeint sind.

88 Prozent halten geschlechtliche Identität vor dem Arzt geheim

Absichtsvolle Diskriminierung aber gibt es auch. Manche Mediziner entwickeln aus der beschriebenen Unsicherheit heraus Vorurteile gegen Transsexuelle. Immer wieder berichten Transpatienten, die bei Wolf in psychologischer Behandlung sind, von entsprechenden Erfahrungen. Wolf glaubt: "In einigen deutschen Krankenhäusern ist bekannt, dass Ärzte homo- oder transfeindlich sind." Dass dagegen nichts unternommen werde, liege daran, dass es sich oft um Ober- oder Chefärzte handele, deren Meinung respektiert werde, so Wolf.

Diese Diskriminierung im Krankenhaus aber hat für Transpatienten gefährliche Folgen - das bestätigt indirekt eine europaweite Studie. Hierfür hatten Forscher Transpersonen zu ihren Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen befragt. Teilnehmer der "Transgender EuroStudy" waren 615 Transmänner und 1349 Transfrauen. Die Interviews zeigen, dass Transpatienten zu einem riskanten Gesundheitsverhalten neigen, weil sie die Vorurteile des medizinischen Personals fürchteten.

Demnach gaben 88 Prozent der Befragten an, ihre geschlechtliche Identität vor dem eigenen Hausarzt zu verheimlichen. "Für die Aufklärung und Abstimmung der Behandlung muss der Arzt aber wissen, ob der Patient eine geschlechtliche Angleichung durchlaufen hat, noch Medikamente nimmt und welche Organe bei der Umwandlung gegebenenfalls entfernt wurden", kommentiert Wolf.

Darüber hinaus ergab die Erhebung, dass drei Prozent der befragten Transpersonen nie und 20 Prozent nur dann zum Arzt gehen, "wenn es wirklich nötig ist". Werden lebenswichtige Vorsorgeuntersuchungen verschleppt, steigt aber das Risiko zu erkranken. Auch chronische und psychische Krankheiten nehmen zu.

Aufklärung für Ärzte

Um die Situation zu verbessern, schlagen Autoren einer nordrhein-westfälischen Studie Leitfäden vor, an denen sich die Ärzte bei der Behandlung orientieren können. In den Vereinigten Staaten hat Joshua Safer vom Mount Sinai Hospital in New York ein entsprechendes Dokument veröffentlicht. Darin schreibt er, wie Ärzte mit Hormonspezialisten und Psychologen zusammenarbeiten und sich bei der Behandlung gegenseitig absprechen sollten. Damit können Transpatienten künftig negative Erfahrungen beim Arzt erspart bleiben.

"Leitfäden sind prinzipiell sehr wichtig, da sie den Behandelnden die Möglichkeit geben, sich umfassend über den aktuellen Forschungsstand und Behandlungsempfehlungen zu informieren und ihr professionelles Handeln daran auszurichten", sagt Häge. Ähnliche Empfehlungen gibt es bereits in Deutschland. Die beschränken sich jedoch bisher auf die Behandlung der Transpatienten während der geschlechtlichen Angleichung.

Hinweise darauf, in welches Zimmer Transpatienten verlegt werden sollen, geben die Leitfäden allerdings nicht. Experten halten es deshalb für unwahrscheinlich, dass es künftig Trans-Zimmer in den Krankenhäusern geben wird. Trotzdem müssen sich Ärzte unter anderem dieser Problematik stellen und Lösungen finden. Und weil Patientenaufklärung mindestens so wichtig ist wie die der Ärzte, geben Jonas Fischer und sein Freund Christian Schabel-Blessing Seminare, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Sie leisten damit Aufklärungsarbeit unter anderem beim Thema Hormontherapie und Genitalangleichung. Mit Erfolg: "Wir erhalten viel positives Feedback."

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