Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Wenn alle Gedanken um die Angst kreisen

Ein Chinese wird mehrmals wegen psychischer Probleme behandelt. Als er erneut mit Anzeichen einer Panikattacke in einer Klinik Hilfe sucht, scheint der Fall klar - doch die Ärzte irren sich.

Darrin Klimek/ Getty Images

Symbolbild

Von
Sonntag, 20.10.2019   07:05 Uhr

Mehrere Jahre lang nimmt der Mann rezeptfreie Schlaftabletten, um nachts besser zur Ruhe zu kommen. Als ihm die Medikamente ausgehen, geht es ihm schlecht: Er erleidet einen Krampfanfall, bei dem er das Bewusstsein verliert. In der Klinik in Hongkong diagnostizieren die Ärzte, dass er unter Entzugserscheinungen leidet.

Während des Krankenhausaufenthalts fällt auf, dass den Mann paranoide Gedanken plagen. Sein Herz rast, er ist kurzatmig und zittrig. Er wird in die Psychiatrie überwiesen. Dort kommen die Ärzte zum Schluss, dass der Patient eine akute vorübergehende psychotische Störung hat. Nachdem er zwei Medikamente erhält - Risperidon und Citalopram - klingen die Symptome schnell ab. Er wird aus der Klinik entlassen, nach einer Weile kann er die Medikamente absetzen.

Vier Monate später wird er jedoch erneut mit psychotischen Symptomen und Angst in der Klinik aufgenommen. Wieder bekommt er Risperidon und Citalopram und erholt sich. Zwei Wochen später verlässt er die Klinik. Die Medikamente nimmt er nun dauerhaft, berichten die Ärzte im Fachblatt "East Asian Archives of Psychiatry".

Ein gutes halbes Jahr vergeht, bis es dem Patienten wieder so schlecht geht, dass er im Krankenhaus Hilfe sucht. Er hört Stimmen und fühlt sich beobachtet. Sein Herz rast, er schwitzt, zittert, ist kurzatmig und er ist schnell erschöpft. Der 53-Jährige hat eine Angststörung, meinen die Ärzte. Sie verschreiben ihm ein sogenanntes Benzodiazepin, das beruhigend und angstlösend wirkt.

Am dritten Tag in der Klinik wird er ohnmächtig

Doch dieses Mal bessert sich sein Zustand nicht. Am dritten Tag in der Klinik wird er beim Gang auf die Toilette ohnmächtig. Er kommt schnell wieder zu sich.

Die Ärzte schauen sich nun noch einmal genau an, wie es dem Mann geht. Er ist nicht ängstlich, sondern schwitzt und ist kurzatmig. Sein Herz rast, sein Blutdruck ist niedrig und in seinem Blut befindet sich nicht genug Sauerstoff.

Bei der Atmung scheint es keine Probleme zu geben. Ein Elektrokardiogramm des Herzens zeigt eine sogenannte Sinustachykardie sowie einen Rechtsschenkelblock, also eine Störung bei der Leitung der elektrischen Signale durchs Herz.

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Ein Bluttest ergibt, dass der Troponin-Wert erhöht ist, was auf einen Herzinfarkt hindeutet. Ebenso erhöht ist die sogenannte Laktatdehydrogenase, was ebenfalls auf einen Infarkt deuten kann. Zudem sind mehr weiße Blutkörperchen im Blut als normal. Eine weitere Untersuchung offenbart, dass das Blut übersäuert ist. Die Leber arbeitet normal.

Eine Computertomografie (CT) des Kopfes und eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs sind unauffällig. Eine CT-Aufnahme mit Kontrastmittel zeigt jedoch, dass der Mann eine Lungenembolie hat: Ein Gerinnsel verstopft eine Lungenarterie.

Die rechte Herzhälfte, die das Blut durch die Lungengefäße pumpt und durch die Embolie gegen einen größeren Widerstand arbeiten musste, hat sich geweitet. Der im EKG beobachtete Rechtsschenkelblock passt zu diesem Befund.

Die Ärzte beginnen mit einer sogenannten Lyse-Therapie: Sie geben dem Patienten Medikamente, die das Blutgerinnsel auflösen sollen. Zudem erhält er Heparin, das der Blutgerinnung entgegenwirkt. Citalopram und Risperidon setzen sie erst einmal ab.

Frühere Diagnosen vernebelten das Bild

Drei Tage später schwillt sein linkes Bein an, es ist warm und schmerzt. Per Ultraschall entdecken die Ärzte eine sogenannte tiefe Venenthrombose, also ein weiteres Gerinnsel. Sie geben ihm erneut ein gerinnungshemmendes Medikament, damit sich dieses Gerinnsel auflöst.

Leider ist der Patient auch jetzt noch nicht auf dem Weg der Besserung. Er erleidet einen Herz-Kreislauf-Stillstand und muss reanimiert werden. Die Mediziner implantieren ihm einen Schrittmacher.

Auf Anraten aus der Psychiatrie bekommt der Mann erneut ein Medikament, das seinen Schlaf fördern und seine Angst senken soll.

In den folgenden zwei Wochen erholt er sich nach und nach, sodass er schließlich die Klinik verlasen kann. Er geht regelmäßig zu Kontrollterminen in die Psychiatrie. Weder die Angststörung noch die psychotischen Symptome treten wieder auf.

Die Ärzte schreiben, dass sich seine letzte Episode rückblickend deutlich von den früheren unterschied. Sie hätten also eher bemerken sollen, dass diesmal keine psychische, sondern eine körperliche Ursache hinter den Beschwerden steckte - die früheren Diagnosen hätten aber davon abgelenkt.

Möglicherweise sei bereits der erste Anfall des Patienten, bei dem er ohnmächtig wurde, auf eine Lungenembolie zurückzuführen. Das lässt sich jedoch im Nachhinein nicht mehr klären.

insgesamt 8 Beiträge
Humanfaktor 20.10.2019
1. Nicht Rätsel, sondern Fehldiagnose
Zum Ende des Beitrags wird das angebliche Rätsel doch aufgelöst. Es handelte sich demnach nicht um ein Rätsel, sondern um einen Fehldiagnose, die in einem Behandlungsfehler mündete. Der Mann hätte deshalb auch sterben [...]
Zum Ende des Beitrags wird das angebliche Rätsel doch aufgelöst. Es handelte sich demnach nicht um ein Rätsel, sondern um einen Fehldiagnose, die in einem Behandlungsfehler mündete. Der Mann hätte deshalb auch sterben können. Das ist nicht rätselhaft, sondern das (leider) übliche Risiko, dem jeder Mensch ausgesetzt ist, wenn unklare Symptome oder Vorerkrankungen, der Hektik des Krankenhausbetriebes wegen, aus Zeit- und Sorgfaltsmangel vorschnell als bequeme Schnelldiagnoseunterstützer heran gezogen und für das weitere Vorgehen maßgeblich werden. Das wird in China nicht wesentlich anders sein, als un Deutschland. Wie sich am vorliegende Fall sehr schon analysieren und reproduzieren lässt, hatte es in der Diagnostik bereits Hinweise auf eine systematische Abweichung der Symptome gegeben, die auffallen konnten. Hier ist der entscheidende Punkt. Kein Rästel, sondern Unaufmerksamkeit, Ignoranz, oder Schlamperei, dies nicht in die Überlegungen einzuschließen und entsprechend anderen diagnostischen Ergebnissen zu kommen und weitere Untersuchungen, die kostspielig und zeitaufwendig sind, einzuleiten. Kein Rätsel, sondern systematisches Versagen. Klingt nicht schön, ist es für Betroffenen auch nicht. Das könnte jedem von uns, auch in unseren Krankenhäusern, passieren. Das Rätsel war nicht der Patient, sondern vielmehr sind die Umstände rätselhaft, die das Versagen bedingten. Doch so rätselhaft sind die gar nicht, sondern folgerichtig und vorhersehbar, wenn in Krankenhausbetrieben nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten getaktet und organisiert wird. Dann könne einfache Lösungen die auf dem Präsentierteller serviert werden so verlockend sein, dass weitere Überlegungen möglicherweise routinemäßig zurück gestellt werden. Letztlich wird Sterbefällen in Krankenhäusern nur zu eine geringen Bruchteil sorgfältig nachgegangen.
ForistGump2 20.10.2019
2. Halbgötter in Weiß?
Von Versagen kann man nur sprechen, wenn man Ärzte tatsächlich für Halbgötter hält. Es sind aber nur Menschen, denen Irrtümer unterlaufen. Auch Albert Schweitzer ist Irrtümern verfallen, ohne dass er auf [...]
Zitat von HumanfaktorZum Ende des Beitrags wird das angebliche Rätsel doch aufgelöst. Es handelte sich demnach nicht um ein Rätsel, sondern um einen Fehldiagnose, die in einem Behandlungsfehler mündete. Der Mann hätte deshalb auch sterben können. Das ist nicht rätselhaft, sondern das (leider) übliche Risiko, dem jeder Mensch ausgesetzt ist, wenn unklare Symptome oder Vorerkrankungen, der Hektik des Krankenhausbetriebes wegen, aus Zeit- und Sorgfaltsmangel vorschnell als bequeme Schnelldiagnoseunterstützer heran gezogen und für das weitere Vorgehen maßgeblich werden. Das wird in China nicht wesentlich anders sein, als un Deutschland. Wie sich am vorliegende Fall sehr schon analysieren und reproduzieren lässt, hatte es in der Diagnostik bereits Hinweise auf eine systematische Abweichung der Symptome gegeben, die auffallen konnten. Hier ist der entscheidende Punkt. Kein Rästel, sondern Unaufmerksamkeit, Ignoranz, oder Schlamperei, dies nicht in die Überlegungen einzuschließen und entsprechend anderen diagnostischen Ergebnissen zu kommen und weitere Untersuchungen, die kostspielig und zeitaufwendig sind, einzuleiten. Kein Rätsel, sondern systematisches Versagen. Klingt nicht schön, ist es für Betroffenen auch nicht. Das könnte jedem von uns, auch in unseren Krankenhäusern, passieren. Das Rätsel war nicht der Patient, sondern vielmehr sind die Umstände rätselhaft, die das Versagen bedingten. Doch so rätselhaft sind die gar nicht, sondern folgerichtig und vorhersehbar, wenn in Krankenhausbetrieben nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten getaktet und organisiert wird. Dann könne einfache Lösungen die auf dem Präsentierteller serviert werden so verlockend sein, dass weitere Überlegungen möglicherweise routinemäßig zurück gestellt werden. Letztlich wird Sterbefällen in Krankenhäusern nur zu eine geringen Bruchteil sorgfältig nachgegangen.
Von Versagen kann man nur sprechen, wenn man Ärzte tatsächlich für Halbgötter hält. Es sind aber nur Menschen, denen Irrtümer unterlaufen. Auch Albert Schweitzer ist Irrtümern verfallen, ohne dass er auf betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten hätte achten müssen. Der Mensch ist ein viel zu komplexes System, als dass man von einem anderen Menschen verlangen dürfte, er müsse alle Krankheiten zuverlässig diagnostizieren können, wenn er nur mit ausreichender Sorgfalt vorgeht.
andy70 20.10.2019
3. @ForistGump2
Diese Großzügigkeit kann wohl nur zur Schau tragen, wenn man noch keinen geliebten Menschen durch ärztliche Ignoranz und Oberflächlichkeit verloren hat...
Diese Großzügigkeit kann wohl nur zur Schau tragen, wenn man noch keinen geliebten Menschen durch ärztliche Ignoranz und Oberflächlichkeit verloren hat...
gantenbein3 20.10.2019
4. Da wäre es gut
wenn man u.a. im TV weniger Seifenopern vorgesetzt bekäme, von Ärzten, die ihre Patienten dem Tod entreissen, nachdem sie sich für sie aufgeopfert haben. Stattdessen könnte mehr von den Fehlern berichtet werden, welche [...]
Zitat von ForistGump2Von Versagen kann man nur sprechen, wenn man Ärzte tatsächlich für Halbgötter hält. Es sind aber nur Menschen, denen Irrtümer unterlaufen. Auch Albert Schweitzer ist Irrtümern verfallen, ohne dass er auf betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten hätte achten müssen. Der Mensch ist ein viel zu komplexes System, als dass man von einem anderen Menschen verlangen dürfte, er müsse alle Krankheiten zuverlässig diagnostizieren können, wenn er nur mit ausreichender Sorgfalt vorgeht.
wenn man u.a. im TV weniger Seifenopern vorgesetzt bekäme, von Ärzten, die ihre Patienten dem Tod entreissen, nachdem sie sich für sie aufgeopfert haben. Stattdessen könnte mehr von den Fehlern berichtet werden, welche Ärzte machen aber nicht zugeben, weil es ihrem positiven Image abträglich ist und weil ihre Berufshaftpflichtversicherer etwas dagegen haben. Das könnte dazu beitragen, die Menschen von ihren Illusionen über die Qualität des Medizinbetriebes zu befreien, statt sie zu befördern. Die Bereitschaft von Ärzten, sich in der Außenwirkung als fehlbare Menschen darzustellen, ist nach meiner Wahrnehmung gering. Ich habe in meinem schon etwas längeren Leben jedenfalls noch nie einen Arzt kennen lernen dürfen, der etwas dagegen gehabt hätte, dass man ihn und seine Fähigkeiten rühmt. An seiner Fehlern möchte man dagegen weniger gerne gemessen werden. Das ist bei anderen Berufen zwar auch so. Dort ist es aber meistens nicht tödlich.
freid 20.10.2019
5. Nicht der erste Patient,
bei dem körperliche Beschwerden fälschlicherweise auf die Psyche gelenkt werden. Als Patient ein Alptraum, nicht nur, dass man krank ist, man wird nicht ernst genommen.
bei dem körperliche Beschwerden fälschlicherweise auf die Psyche gelenkt werden. Als Patient ein Alptraum, nicht nur, dass man krank ist, man wird nicht ernst genommen.
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