Gesundheit

Samuel Koch

"Ich fühle mich insgeheim noch als Sportler"

Vor sechs Jahren verunglückte Samuel Koch bei "Wetten, dass..?, seitdem ist er querschnittsgelähmt. Hier spricht er über seine Hoffnung auf Heilung.

Hans Herbig/ Red Bull

Samuel Koch am 30. März in Darmstadt

Freitag, 06.05.2016   13:46 Uhr

Zur Person

Samuel Koch, Jahrgang 1987, ist ein deutscher Schauspieler. Bekannt wurde er 2010 durch einen Unfall bei der TV-Sendung "Wetten, dass..?", als er beim Versuch, mit Sprungstiefeln über fahrende Autos zu hüpfen, stürzte. Seit Juni 2014 ist er festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Darmstadt.

Koch ist seit dem Unfall querschnittsgelähmt, er kann weder Arme noch Beine bewegen. Nur über seine rechte Hand besitzt er noch etwas Kontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Unfall ist mittlerweile sechs Jahre her. Wie hat sich Ihr Körper seitdem verändert?

Koch: Rein neurologisch und motorisch hat sich nicht sonderlich viel getan. Es sind nicht wirklich viele Muskeln dazu gekommen, die vorhandenen Muskeln sind aber stärker geworden. Dafür trainiere ich jeden Tag. Ich habe langsam ein besseres Gefühl, eine bessere Sensorik und immer mehr Gespür, wo sich mein Körper im Raum befindet. Ich spüre verschiedene Inseln in meinem Körper. Ansonsten bin ich gut damit beschäftigt, meinen Körper instand zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie sich fit?

Koch: Bei der Physiotherapie arbeiten wir mit einem Laufroboter. Da werde ich am Rumpf aufgehängt, und meine Beine stecken in einer Laufapparatur, in Orthesen. Dann wird mein Körper herabgelassen, damit Druck auf Beine und Körper kommt - und dann gehe ich spazieren. Dazu mache ich Atemtherapie und trainiere im manuellen Rollstuhl, im Stehrollstuhl oder am Handfahrrad.

Hans Herbig/ Red Bull Content Pool

Samuel Koch im Laufroboter (zum Vergrößern klicken)

SPIEGEL ONLINE: In dem Theaterstück "Ein Bericht für eine Akademie" waren Sie an Armen, Beinen und am Körper mit ihrem Kollegen Robert Lang fixiert. Hatten Sie wirklich das Gefühl, sich zu bewegen?

Koch: Ich habe ja schon in einigen Stücken mitgespielt, aber diese Nummer macht mir am meisten Spaß. Auch weil ich da in meinen Urzustand zurückversetzt wurde. Ich laufe und stehe aufrecht auf der Bühne. Ich kann besser atmen und habe dadurch eine andere stimmliche Resonanz und stehend auch eine andere Präsenz. Das ist super für meinen Körper. Neben der rein medizinischen Komponente ist es natürlich künstlerisch reizvoll, wenn ein Körper plötzlich zwei Köpfe hat. Und so eng und buchstäblich mit jemandem zusammenzukleben war auch etwas Besonderes: Ein Freund verleiht seinen funktionierenden Körper an denjenigen, der keinen mehr hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie schauspielern im Grunde nur mit Ihrem Gesicht und Ihrer Stimme. Gerade im Theater müssen Sie sehr laut und deutlich reden. Wie schaffen Sie das?

Koch: Das ist anstrengend, da meine Stimme beschränkt ist. Ich kann die Zwischenrippen- und die Atemhilfsmuskulatur nicht direkt ansteuern. Aber ich habe regelmäßig trainiert und kann mit Vorbereitung von einer Stunde, maximal, meine private Stimme umstellen auf meine Bühnenstimme. Das kriege ich gut hin, sodass ich auch Hallen mit tausenden Zuschauern ohne Mikrofonierung beschallen kann.

SPIEGEL ONLINE: Alles, was Sie im Alltag tun, erfordert viel Disziplin und Ehrgeiz. Profitieren Sie da von Ihrer Sportlervergangenheit?

Koch: Genau so ist es. Ich fühle mich insgeheim noch als Sportler. Diese Disziplin und Zielstrebigkeit ist ja nicht auf einmal weg, die schlummert noch in mir. Und diese sportliche Herangehensweise hilft mir sehr im Alltag.

Hans Herbig/ Red Bull Content Pool

Koch ist Tetraplegiker, er kann weder Arme noch Beine bewusst bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich Ihrer Freundin einen Heiratsantrag gemacht - indem Sie vor Ihr auf die Knie gingen, das heißt, Ihr Bruder hat das körperlich übernommen. Sie klebten an ihm. Warum haben Sie es sich so schwer gemacht?

Koch: Ach, ich dachte, es wäre ein netter Gag. Ich mag die Symbolik, dass man als Mann vor der Frau kniet und so optisch und physisch zum Ausdruck bringt, dass man sich selbst demütig unter sie stellt und sie gleichzeitig erhöht. Ich finde die Geste gut, auch wenn sie vielleicht etwas altmodisch ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie unterstützen die, die sich zur Aufgabe gemacht haben, Querschnittslähmung zu heilen. Was haben Sie in den letzten Jahren über das Behindertsein gelernt, was Sie vorher nicht wussten?

Koch: Extrem viel. Klar, augenscheinlich ist, dass man nicht laufen kann, sondern im Rollstuhl sitzt und Hilfe braucht. Aber das zieht einen langen Rattenschwanz nach sich, vor allem was die Logistik und Mobilität angeht. Stichwort Barrierefreiheit. Wo man überall nicht rein kann oder darf. Ständig sind überall Stufen. Die öffentlichen Verkehrsmittel kann man nicht immer nutzen, spontan Zug fahren oder wegfliegen geht nicht gut. Dazu kommt noch, dass man ständig einen Meter tiefer sitzt als die Fußgänger. Was dazu führt, dass viele zwangsläufig über dich hinweg reden und schnell dabei sind, dich zu entmündigen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute bewundern, wie Sie Ihr Leben nach dem Unfall meistern und sehen in Ihnen ein Vorbild - eine Rolle, die Sie nicht so recht annehmen wollen.

Koch: Ich finde es wenig vorbildhaft, gegen ein Auto zu laufen und sich das Genick zu brechen und gelähmt zu sein. Ich höre öfter mal, ich sei ein Vorbild oder ein Mutmacher. Das ist nicht meine Absicht. Ich versuche einfach, mein Ding zu machen. Wenn andere darin Sachen finden, die sie für sich adaptieren, ist das schön und gut, aber wenn nicht, dann eben nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Unfall ist jetzt sechs Jahre her, er hat sich aber in viele Gedächtnisse eingebrannt. Nervt Sie, dass Sie ständig über den Unfall reden müssen?

Koch: Ich bin tagtäglich mit den Konsequenzen des Unfalls konfrontiert. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht nervt. Ich wäre lieber selbständiger, unabhängiger, freier unterwegs. Die ständige Identifikation mit dem Unfall kann auch nerven. Ich genieße es manchmal, im Ausland zu sein, wo mich keiner kennt. Ich freue mich sogar, wenn mich jemand fragt: "Was ist mit dir passiert?" Das ist aber auch nur deshalb nett, weil es sonst nie jemand fragt.

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Sie da?

Koch: Ich sage, es war ein Autounfall, dann sagen die "ups" - und das Thema ist gegessen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an eine Heilung?

Koch: Die Rückenmarksforschung ist noch jung und ich kann mir nicht vorstellen, dass nichts passiert. Die Technologie schreitet in allen Bereichen so rasant voran. Es sind ja im Grunde nur ein paar Millimeter im Rückenmark, die überbrückt werden müssen. Ein Kurzschluss, und jetzt muss man wieder die Sicherung reinhauen, aber die wurde leider noch nicht gefunden. Aber ich hoffe drauf.

Wings for Life World Run

Samuel Koch unterstützt die Wings for Life Stiftung, die versucht, Querschnittslähmung heilbar zu machen.

Der Wings for Life World Run ist ein weltweites Rennen, bei dem die Läufer von einem Catcher Car eingeholt werden. Das Auto startet eine halbe Stunde nach den Läufern und erhöht Schritt für Schritt seine Geschwindigkeit, um die Sportler einzuholen. Wer am längsten durchhält, gewinnt. Der Lauf startet am 8. Mai 2016, 13 Uhr MESZ, gleichzeitig an rund 34 Standorten auf der ganzen Welt - in Deutschland findet das Rennen in München statt.

Das gesamte Startgeld geht zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. Mehr Infos im Event-Porträt auf achim-achilles.de und auf der Homepage www.wingsforlifeworldrun.com.

Das Interview führte Frank Joung.

insgesamt 14 Beiträge
Leo von Ritterstern 06.05.2016
1. Wissenschaft, Technik...
...Medizin, usw. entwickeln sich rasant. Warum sollte es nicht auch schon in naher Zukunft möglich sein, eine Querschnittslähmung auszuheilen? Ohnehin bewundertswert, wie Herr Koch mit seinem Missgeschick umgeht, soweit man das [...]
...Medizin, usw. entwickeln sich rasant. Warum sollte es nicht auch schon in naher Zukunft möglich sein, eine Querschnittslähmung auszuheilen? Ohnehin bewundertswert, wie Herr Koch mit seinem Missgeschick umgeht, soweit man das mitbekommt. So möchte man ihm zurufen: "Jawohl, recht so, niemals die Hoffnung aufgeben und weiterhin 'Kopf hoch', mein Junge!! Und viel Glück!" ;-)
Reza Rosenbaum 06.05.2016
2. Barrieren
Selbst wenn die derzeitigen Forrtschritte in der embryonalen und neuronalen Stammzellforschung irgendwann auf den Menschen uebertragen werden koennen, wird es vermutlich noch Jahrzehnte dauern, bis regenerative Zelltherapien [...]
Selbst wenn die derzeitigen Forrtschritte in der embryonalen und neuronalen Stammzellforschung irgendwann auf den Menschen uebertragen werden koennen, wird es vermutlich noch Jahrzehnte dauern, bis regenerative Zelltherapien routinemaessig in der Klinik eingesetzt werden koennen. Herr Koch wird das aber wohl noch erleben, und in seinen 30ern oder 40ern sicherlich auch noch ein guter Kandidat fuer eine derartige Therapie sein. Der Weg zur Barrierefreiheit ist frustrierend langsam. Es gibt schlicht zu viele Treppen, Stufen, Bordsteinkanten, etc. Am besten hat das eigentlich bei groesseren Unternehmen funktioniert, die auf Publikumsverkehr angewiesen sind, wie Ferienanlagen, groeesere Restaurants, Banken, etc. pp. Oeffentliche Gebauede sind immer noch Glueckssache. Selbst Busse und Bahnen funktionieren nicht ueberall reibungslos. Was mir Hoffnung gibt ist da eher die Entwicklung von Rollstuehlen, fuer die Treppen und Stufen kein Problem mehr sind, und die neben Sitzen auch Stehen und Liegen ermoeglichen. Das Robotics Feld entwickelt sich derzeit rasant, und es bleibt zu hoffen, dass alle Queschnittsgelaehmten in Zukunft Zugang zu einem derartigen "barrieregaengigen" Stuhl bekommen. Was ich wirklich besorgnisserregend finde ist der Trend, fuer "15 Minuten Ruhm" immer mehr zu riskieren. Schaut man sich die entsprechenden FAIL outlets im Netz an, sieht man, wie junge Menschen Kopf und Kragen riskieren fuer ein Selfie oder einen kurzen Clip oder fuer Klickzahlen im Netz. Frueher waren die meisten Spinals Unfaelle (Auto, Arbeit, Sport), heute sind viele YOLO-Ergebnisse. Keine Ahnung, wie diesem Trend entgegenzutreten waere. Risikoeinschaetzung und -abwaegung in der Schule lehren?
altai 06.05.2016
3. Hilfreich sind seine
Du schaffst allles wenn du nur willst, Aussagen für andere Querschnittsgelahmte nicht wirklich.
Du schaffst allles wenn du nur willst, Aussagen für andere Querschnittsgelahmte nicht wirklich.
scheurecke 06.05.2016
4. Ein klasse Typ
und ein Kämpfer. Danke Samuel und alles Gute weiterhin!
und ein Kämpfer. Danke Samuel und alles Gute weiterhin!
ohnefilter 06.05.2016
5. Wetten dass...
... es ihm bald besser geht? Er heiratet, und das Fernsehen wartet schon.
... es ihm bald besser geht? Er heiratet, und das Fernsehen wartet schon.

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